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Volume H. 9

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 4.1907 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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mittel müssen die Zerteilung der zuaammengeballten Bevölkerung ermög 
lichen. Dem Bebauungsplan fällt die grundlegende Aufgabe zu, die städ 
tische Bodenparzelliening, die Form der Baublöcke, die Differenzierung 
der Straßen zu schaffen. Die Bauordnung bat für eine Sozial und wirt 
schaftlich günstige Bauweise zu sorgen. Den Ausführungen Gcnzmer’s 
wird man hier durchweg zustimmen. Nur in einem Punkt kann ich eine 
Einwendung nicht unterdrücken; sie betrifft die Ausführungen a. a. O. 
S. 4 Uber die Engräumigkeit der mittelalterlichen Städte. Die mittelalter 
lichen Städte der kommunalen Bauperiode waren indes weiträumig angelegt 
und wurden stetig erweitert; eine Zusamimendrängung der Bevölkerung 
entstand erst in einzelnen Städten während der Neuzeit, als die Leichtigkeit 
der Stadterweiterung aufhörte *) 
Eine besondere Beachtung verdienen die Darlegungen Genzmers, die 
sich auf die Behandlung der Innenstadt, Sowie auf die Sanierung und 
Freilegung beziehen. Genzmer stellt zunächst die Leistungsfähigkeit der 
schmalen Verkehrstraßen in der alten Stadtanlage fest und wendet sich 
gegen] die Annahme, daß übermäßig breite Fahrdämme der Abwicklung 
des Verkehrs günstig seien. Besonders erfreulich ist hier das Eintreten 
Genzmers für die Erhaltung des unvergleichlichen Straßenbildes der Dan- 
ziger Innenstadt, das jetzt wieder durch die — wie Genzmer nachweist, 
verkehrstechnisch unbegründete — Verbreiterung der Jopengasse bedroht 
ist. Die Frage der Straßenverbreiterung leitet hinüber zu den Problemen 
der Niederlegung und Freilegung der altstädtischen Innenbezirke. Genzmer 
warnt davor, für die kostspielige Niederlegung einzelner Häusergruppen 
oder Bezirke der Innenstadt große Öffentliche Geldmittel zu verausgaben, 
die vielleicht weit besser zur Durchführung anderer Aufgaben des Woh 
nungswesens und des Städtebaus aufgewendet würden. Die Schrift schließt 
mit der wirkungsvollen Antithese: „daß Niederlcgungen und Umgestaltungen 
in der Innenstadt regelmäßig je später, desto billiger ausgeführt werden 
können; während dagegen die weit wichtigeren Aufgaben des Städtebaus, 
die sich auf den Außenbezirk beziehen, überhaupt nur dann erfüllt 
werden können, wenn sie frühzeitig in Angriff genommen werden.“ —- 
Zu den nicht allzu häufigen, scharf hervortretenden Individualitäten 
unserer großstädtischen Verwaltungen zählt der Mannheimer Oberbürger 
meister Beck. Wenn in einer vielbemerkten neueren Veröffentlichung 
darüber geklagt wird, daß gerade unsere Selbstverwaltung in schlimmster 
Weise dem Bureaukratismus verfallen sei, so trifft diese Kennzeichnung 
auf die Amtsführung des Mannheimer Oberbürgermeisters nicht zu. Beck 
ist ein Mann von eigenen Ideen und zugleich von jener geistigen Beweg 
lichkeit und Anpassungsfähigkeit, wie sie die neuzeitliche Entwicklung 
unseres Städtewesens nun einmal erfordert. In seiner neuesten Denkschrift 
berichtet Beck über die städtische Bodenpolitik, für deren Betätigung ge 
rade Mannheim ein bemerkenswertes Feld bietet. 
Mannheim hat während der letzten Jahrzehnte die größten äußeren 
Veränderungen erfahren. Die ruhige Mittelstadt entwickelte sich zu einer 
stark bevölkerten Großstadt; das Weichbild wurde durch Eingemeindungen 
auf das dreifache seines früheren Umfangs gebracht und an die sechste 
Stelle unter den deutschen Großstädten gerückt. Fast noch größer aber 
war die innere Umwälzung, die die Schichtung der Bevölkerung betraf. 
Die ehemalige pfälzische Residenzstadt mit ihren kleinbürgerlichen Verhält 
nissen wurde, Dank der großzügigen Verkebrspolitik der badischen Regie 
rung, zu dem Hauptstapelplafz SUddeutschlands und zu der ersten Handels 
stadt des Oberrheins umgeschaffen, die ihre Hafenanlagen mit Stolz als 
den größten Binnenhafen Deutschlands bezeichnet. In der jüngsten Zeit 
aber trat eine nochmalige Umwandlung ein; der Handel wurde in seiner 
Bedeutung überholt durch die Industrie, die sich rasch entwickelte und an 
die erste Stelle im Mannheimer Erwerbsleben rückte. Vorzugsweise in 
der Form der Groß-lndustrie betrieben, zog sie grosse Arbeitermassen an. 
Der Reichtum und der Umfang der wohlhabenden Klassen nahm allerdings 
zu; in viel stärkerem Maße aber mehrte sich in der neuen Industriestadt 
die Arbeiterbevölkerung« für die zumeist in neuangelegten Vierteln Unter 
kunft zu schaffen war. 
Es ist der jüngste Abschnitt der Entwicklung von 1897 bis 1907, 
den di« Beck’sche Denkschrift behandelt. Die Ergebnisse städtischer Bo 
denpolitik, die die lehrreiche Schrift mitteilt, sind teils positiver, teils — 
in geringerem Umfang — negativer Art. Die Bestrebungen der Stadtge 
*) Wegen der Einzelheiten vergl. mein „Wohnungswesen“, Jena 
1904, insbesondere S. 10 und 31. 
meinde, für die städtischen Arbeiter stadteigene Wohnungen zu beschaffen, 
sind nicht erfolgreich gewesen. Die von der Stadt beschlossenen Vergün 
stigungen für den Wohnungsbau, die an bestimmte Voraussetzungen ge 
knüpft waren, sind nur in wenigen Fällen in Anspruch genommen worden 
(S. 13). Ungleich bedeutsamer sind dagegen die positiven Ergebnisse und 
Erfahrungen, deren Schilderung den Hauptinhalt der Schrift ausmacht. 
Den Grundzug der Mannheimer städtischen Bodenpolitik bildet die hervor 
ragende Beteiligung der Gemeinde an der Gesamtbqdenfläche des 
Stadtgebietes. Ende 1905 betrug der Umfang des städtischen Grundbesitzes 
2431 </s ha, d. !. 36,8 °/ 0 der ganzen Gemarkung (S. 68). Es bedarf kaum 
der Hervorhebung, daß diese starke Stellung des öffentlichen Besitzes auf 
jedes Teilgebiet der Bodenentwicklung einwirkt. Auf die Preisgestaltung 
der Bodenwerte konnte die Gemeinde ihren Einfluß ausüben und nur da, 
wo dies geschah, ist der Grundstücksverkehr „in gleicher Linie mit dem 
wirklichen Bedarf an Baugelände verlaufen (S. 60)“. Demgegenüber gibt 
die Denkschrift andererseits (S. 61) eine beachtenswerte Zusammenstellung 
von Grundstückspreisen, die sich unter dem Eingreifen der Bodenspekula 
tion entwickelt haben. 
Die Gemeinde konnte ferner infolge ihres ausgebreiteten Baugrund 
besitzes die städtische Bauweise unmittelbar in günstigem Sinne beein 
flussen. Weiter konnte die Neuanlage von Parks, Spiel- und Erholungs 
plätzen in großem Umfang erfolgen (S. 56). Eine besondere Hervorhebung 
verdienen endlich die Ausführungen, in denen (S. 70 fg.) die Politik der 
Gemeinde gegenüber der Großindustrie dargelegt und gezeigt wird, welche 
Grundsätze die städtische Verwaltung in der Pflege und Förderung der 
gewerblichen Tätigkeit befolgt. In einem Schlußkapitel werden die Ge 
samtergebnisse der Denkschrift programmartig zusammengefaßt. In den 
Leitsätzen tritt die Erkenntnis hervor, daß die private Bautätigkeit in der 
Hauptsache für den Wohnungsbau sorgen muß und ihre Förderung des 
halb die vornehmste Aufgabe der Stadtgemeinde zu bilden hat. Für das 
private Baugewerbe aber — dies möchte ich meinerseits hinzufügen — 
liegt heute die Hauptschwierigkeit in der Kapitalbeschaffung und in der 
Frage der sogenannten II. Hypothek. Der Wohnungsbau für die Masse der 
Bevölkerung zeigt auch in Mannheim keine günstigen Verhältnisse, Das 
Studium der dortigen Entwicklung bestätigt, daß nur eine Neuordnung 
unserer Einrichtungen für den Realkredit gesunde Zustände im Wohnungs 
wesen schaffen kann. Doch Hegt es nicht in der Macht der Stadtverwaltung, 
an der entscheidenden Einrichtung des Grundbuch- und Hypothekenwesens 
etwas zu ändern. 
Die Arbeit Oehmcke’s behandelt vorzugsweise Berliner Verhältnisse; 
es kommt ihr jedoch allgemeine Bedeutung für die Stadterweiterungsfragen 
zu. Das Material, das Oehmcke mit klarer Sachlichkeit vorträgt, erstreckt 
sich in der Hauptsache auf drei Gebiete; 1. Großstadtprobleme, a. Bau 
ordnung und 3. Hausformen, ln den einzelnen Abschnitten werden die 
Erörterungen jeweils aus diesen drei Gesichtspunkten geführt. Das Massen 
miethaus wird von Oehmcke als eine schädliche Und untaugliche Bauform 
angesehen; zunächst aus sozialpolitischen Gründen, wegen der Zerstörung 
des Individualbesitzes und ihren schHmmen Folgen für unsere gesellschaft 
lichen Zustände. An zweiter Stelle werden die wirtschaftlichen und künst 
lerischen Nachteile genannt; die Austreibung der Bodenpreise und die 
spekulative Überschuldung wirken ungünstig auf den Hausbesitz, das Bau 
gewerbe und die Gesamtbevölkerung. Die kÜnsJerisch unbefriedigende 
Gestaltung der Städte hängt zusammen mit der Bauform des Massenmiet 
hauses, die trotz allen Scheinaufwandes über die inneren Verhältnisse 
nicht hinwegtäuschen kann und für die sich schwer eine baukünstlerisch 
fesselnde Außenerscheinung erfinden läßt (S. 9 fg,). Endlich wird durch 
die Stockwerkshäufung der Bodenpreis verteuert und andererseits ermäßigen 
sich die anteiligen Baukosten nicht mehr jenseits des vierten Wohnge- 
schosSes (S. 28). Als günstige Bauform für die städtischen Wohnbezirke 
empfiehlt Oehmcke das Reihenhaus (S. 20). 
Hinsichtlich der Berliner Stadterweiterung tritt Oehmcke grundsätzlich 
dafür ein, daß um den Stadtkern ein Gürtel von höchstens dreigeschossiger 
Bebauung gelegt werden sollte. Durch eine Anzahl statistischer Berechnungen 
weist Oehmcke nach, daß das vorhandene Bauland auch in solchem Fall 
für die Unterbringung des Bevölkerungszuwachses auf absehbare Zeit aus- 
reichen würde. Mindestens aber sollte die dreigeschossige Bauweise in 
denjenigen Gebieten der Außenbezirke eingeführt werden, in denen der 
Bodenpreis eine solche Maßnahme heute noch zuläßt (S. 32). Wie die
	        
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