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Volume H. 9

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 4.1907 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
116 
t 
maßvollen Grenzen; beide wollen die seitlichen Säulen 
hallen neben dem Tore erhalten, letzterer auch noch die 
Wachtgebäude an ihrem gegenwärtigen Standorte, während 
erstere die Wachtgebäude an die Seitenwandungen des 
Pariser Platzes verschieben, an deren Stelle A. F. M. Lange 
den Wachtgebäuden ähnliche Bauwerke neu hinzufügt. 
Gegenüber weit radikaleren Freilegungsgelüsten, wie sie 
in anderen Entwürfen und namentlich auch in der Tages 
presse sich gezeigt haben — vergl. z. B. den Lokalanzeiger 
vom 5. Mai d. J. — spricht hieraus die richtige Empfindung, 
daß ein Abschluß des Pariser Platzes wenigstens an 
gedeutet werden müsse, wie dies in bescheidenem 
Maße die Torhäuser zwischen Leipziger und Potsdamer 
Platz tun. 
Das Brandenburger Tor ist heute wirklich noch ein 
Tor, das zwei Plätze von einander scheidet, den Vorplatz 
zur Feststraße der Reichshauptstadt und den Vorplatz zum 
Tiergarten, einen Stadtplatz und einen Gartenplatz. Wenn 
er noch nicht stände, müßte er eigens zu diesem Zwecke 
errichtet werden, so verschieden ist die Art, so ausgeprägt 
die Eigenart beider Platzanlagen. Wird es nun frei gestellt, 
so hört es auf, ein wirkliches Tor zu sein; es verbliebe 
ihm nur die Eigenschaft des Sieges- und Triumphtores. 
Es fragt sich, ob diese Scheidung genügen würde, um 
die beiden, nun unmittelbar miteinander verbundenen 
Plätze auch nebeneinander erträglich zu finden. 
Weitergreifende Umgestaltungen und zwar beider Plätze 
müßten sicherlich folgen, 
denn die Öffnung der Platz 
wand würde dem Pariser 
Platze einen anderen Maß 
stab geben und der dann 
notwendige Abschluß des 
Platzes vor dem Tore 
könnte kaum ein anderer 
als ein architektonischer 
sein. Unter diesen Umstän 
den wäre die Schaffung 
einer einheitlichen Doppel 
platzanlage wohl denkbar, die jedoch einer fast völligen 
Neuschöpfung gleichkommen würde. 
Dritte Hauptgruppe; Hans Bernoulli hat die letzte 
Folgerung gezogen, indem er den Gartenplatz weiter in 
den Tiergarten hineinschiebt und an seiner Stelle den 
Pariser Platz forumartig erweitert unter Versetzung des 
Brandenburger Tores. Gewiß ein großartiger Plan, der 
natürlich auch die Aufhebung der jetzt die Bebauungshöhe 
am Pariser Platz beschränkenden Bebauungshöhe bedin 
gen würde. Gegen den Plan ist vom Verkehrsstandpunkte 
das Bedenken eingewendet worden, daß die Einmün 
dungen der Königgrätzer und der Sommerstraße nun 
mehr auch mit Toren überbaut werden sollen. Dies jedoch, 
wie der Umstand, daß die Denkmäler vor dem Tore ver 
setzt werden müßten und daß am Pariser Platze — nach 
eben geschehener Vollendung des anstelle des Redernschen 
Palastes entstandenen Hotelneubaus, nach kaum beendigter 
Einrichtung des früher Arnimschen Palastes zum Sitze der 
Akademie der Künste, nach erst vor wenigen Jahren er 
folgter Erbauung eines vornehmen Privathauses usw. — 
so bald wohl keine wesentlichen Änderungen eintreten 
werden, alles dies wiegt nicht so schwer, als der vor 
geschlagene Abbruch des Brandenburger Tores und seines 
Wiederaufbaus an anderer Stelle, des letzten noch auf 
rechtstehenden Tores der früheren Stadtmauer und eines 
in seiner schlichten, herben Größe ausdrucksvollen Denk 
males des alten Preußengeistes zugleich. 
Aus der Menge der übri 
gen Entwürfe seien schließ 
lich neben den mit den 
Kennzeichen: Homer, S. P. 
Q. R, 1788, das Tor, 1907 
und Silhouette versehenen, 
noch die vonAlfredSasse in 
Hannover (So oderSo!), von 
Reinhold Schmidt in Köln 
a.Rh. (Schinkel) und von C. 
F. Richard Müller in Dres 
den (Freie Bahn) genannt. 
STÄDTEBAU IM MITTELALTER. 
Von M. BREITSPRECHER, Pr.-Holland. 
Ein eigenartiges und folgerichtig durchgeführtes Bei 
spiel einer Stadtanlage aus dem Mittelalter ist die alte 
Stadt Pr.-Holland, Es läßt sich nicht mit Sicherheit be 
stimmen, ob die gegenwärtige Stadtanlage innerhalb der 
alten Stadtmauer noch aus der Zeit der Gründung der Stadt 
durch den deutschen Ritterorden — 1297 — oder aus der 
Neuanlage nach einem großen Brande im Jahre 1543 her 
stammt, welcher fast die ganze Stadt vernichtet hatte. 
Jedenfalls haben nach der letztgenannten Zeit erhebliche 
Veränderungen des Stadtplans nicht mehr stattgefunden, man 
kann den Plan mindestens als spätmittelalterlich ansprechen. 
Die Stadt scheidet sich darnach scharf (siehe Textbild S. 116) 
in Wohn-, Verkehrsstraßen und Stall- bezw. Abfuhrstraßen. 
Die in dem Stadtplane mit Namen bezeichneten Straßen 
sind die Haupt-Wohn- usw. Straßen, sie sind breiter als die 
Hinterstraßen, auch im Gefälle besser geregelt. Die Hinter 
straßen sind nur eben so breit, daß ein Wagen gut durch 
fahren kann, sie sind auch fast durchweg gerade und kurz, 
so daß leicht zu übersehen ist, ob ein Wagen einfahren kann. 
Auch heute noch dienen die Haupt- und Nebenstraßen 
fast ausnahmslos ihren entgegengesetzten Bestimmungen. 
Nur längs der Stadtmauer haben sich, namentlich im 
Süden ärmliche, nur ein Zimmer tiefe, Häuschen stadt 
seitig an die Mauer geklebt, und in den inneren Blocks 
ist an einer Ecke aus einem Stall ein Hinterwohnhaus ge 
worden. Sonst besteht noch streng die alte Sonderung inner 
halb der alten Stadt. Man hat es daher noch nicht für 
nötig gehalten und eigentlich auch nicht nötig gehabt, die
	        
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