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Volume H. 7

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 4.1907 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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ROMS STRASSEN AN LAGEN SEIT DER 
RENAISSANCE. 
Von HANS VOLKMANN, Düsseldorf. 
Wenn der deutsche Wanderer in Rom der heimischen 
Städtebilder gedenkt, so kann er bei allen Wundern, die 
die sieben Hügel tragen, in Bezug auf Bildwirkung etwas 
vermissen. Der künstlerisch durchdachte Gruppenbau 
unserer nordischen Weichbilder, die zweckgeborene und 
zugleich prächtig malerische Unregelmäßigkeit eignet den 
Straßenbildern Roms nur in geringem Maße. Den Plätzen 
fehlen so reizvolle Umrißlinien, beherrschend aufragende 
Baumassen; die wichtigsten Straßen seit der Renaissance 
sind gerade und ohne weit sichtbaren Zielpunkt — es fehlt 
der Reiz der leichten Krümmung mit ihren Überraschungen. 
Rom ist eben die Geburtsstätte der geraden Straßen 
führung, wie sie das 19. Jahrhundert allenthalben wahllos 
ausführte. Der Sinn für große Durchführungen ist echtes 
Erbe der alten Römer, deren großplanender Geist Straßen 
zu Heeres- und Handelszwecken in hervorragend prak 
tischer Weise anlegte. 
Praktische Rücksichten — das ist wesentlich — leiteten 
auch zum ersten Mal einen Papst, einen geraden Straßen 
zug im modernen Sinne durchzubrechen. Die Verbindung 
der Altstadt mit der Engelsbrücke und der Peterskirche, 
die im Mittelalter durch Winkelgäßchen ging, wurde von 
Julius II. durch eine breite gerade Straße, [die via Giulia, 
neu gestaltet. Die Würde, die er bei dieser vornehmen 
Straße zum Ausdruck bringen wollte, stellte natürlich auch 
künstlerische Forderungen. Von den begleitendenFassaden- 
bauten, die Bramante unternahm, ist allerdings nur wenig 
erhalten. Die Straße ist jetzt Öde, da sich der Mittelpunkt 
der Handelsstadt mehr nördlich verschoben hat. Der von 
hier aus in unserer Zeit vorgenommene Durchbruch, der 
Corso Vittorio Emanuele, ist ohne künstlerische Selbstän 
digkeit der Anlage, bei der nur die ehrbietige Rücksicht 
gegen alte Bauten maßgebend war. 
Gerade Straßen deuten immer auf einen Fürsten 
willen; — den Senat Roms kann man füglich auch als 
Alleinherrscherbezeichnen — und die großartigste Entwicke 
lung nahm der römische Straßenbau unter einem Willens 
stärken Papste Sixtus V, Dieser ließ mit echt barocker 
Rücksichtslosigkeit — in Rom bilden nicht nur die Ruinen 
der Alten, sondern auch die Hügelbildungen besondere 
Hindernisse — große neue Richtungen durchführen. 
Der Korso war allerdings in seiner Geradheit seit dem 
Altertum erhalten; seinen Abschluß, die piazza del popolo, 
ließ er als weites Rund ausgestalten und erweiterte den 
Gedanken der Anlage durch die zwei im spitzen Winkel 
dazu laufenden Straßen Ripetta und Babuino. Hier kann 
man die Entstehungsart römischer Straßen sich klar machen. 
Sie sind auf dem Papier entstanden, einem Gesamtgedanken 
eingeordnet; hier dem, daß dem nach Rom Einwandernden 
diese auseinander strahlenden Tiefensichten großen Ein 
druck machen sollen. 
Zwei andere, noch längere Straßenzüge ließ Sixtus 
durchbrechen: Vom Lateran zur Säulenhalle der Maria 
Maggiore führt die via Merulana, 1300 m lang ohne irgend 
ein bedeutendes Denkmal. Die Wirkung ist hier die, daß 
der Pilger nicht abgelenkt wird auf dem Wege von einem 
Heiligtume zum andern: südlich, mit seinen etwas artigen 
Formen und langweiligen Eselsohren grüßt ihn der Haupt 
eingang des Lateran, nördlich die herrlich schwungvolle, 
tiefschattende Eingangshalle der Marienkirche. Und beide 
gesteigert, weil sie auf Hügeln sich heben, und man durch 
die Talsenkung von einer zur andern wallfahrtet. 
Von Hügel zu Hügel geht auch die via Sistina, weiter 
Quatro Fontane. Von der Nordseite der M. Maggiore senkt 
sie sich zunächst, führt dann über den Viminalausläufer 
wieder hinab und läuft aus auf den Pincio. Die ganze 
Länge übersieht man jedesmal nur, wenn man einen Höhen 
kamm erreicht, wie ein im Boote von der Woge Hochgeho- 
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bener. Und jedesmal ist man seinem Ziele bedeutend näher. 
Denn auch hier werden die Zielpunkte bezeichnet; durch den 
auf stattlichen Freitreppen stehenden Chor der Maria Mag 
giore und durch den Obelisken vor der Trinita dei Monti. 
Diese beiden Denkmäler dienen als „point de vue“ zu 
gleich noch andern Straßenzügen. Zu dem Chor führt 
herauf von der Altstadt via Panisperna, auf den Obelisken
	        
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