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Volume H. 5

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 4.1907 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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eine dringende Forderung, daß die Ziegelbereitung und 
der Ziegelbau aus einem künstlerischen Erstarrungs 
zustande wieder zu der Höhe gehoben werden, deren sie 
fähig sind. 
Handhaben zur Einwirkung nach dieser Richtung bieten 
sich schon heute vielfach; aus dem in Vorbereitung befind 
lichen preußischen Gesetze zum Schutze der Straßen und 
Plätze werden sie sich in erweitertem Maße bieten. 
IN DER GASSE ANNO DAZUMAL. 
Von PAUL CSERNA, Budapest. 
Wenn wir — etwa mit Hilfe des einst so beliebten 
„gefälligen Geistes“ der alten Erzähler — uns in eine 
deutsche Stadt von „anno dazumal“ zurückversetzen 
könnten, so wäre das Erste, was uns in die Augen stechen 
und uns recht unangenehm berühren würde, der erbärm* 
lieh schlechte Zustand des Straßenpflasters, und dann der 
Schmutz, der sich allenthalben auf Gasse und Platz breit 
machte. Schmutzige Straßen waren in der guten, alten 
Zeit fast in allen deutschen Städten zu finden, fast in 
allen und so ziemlich überall im Orte; saubere aber 
nur selten. Zwar die Zeiten waren schon vorüber, 
da die Gasse noch als geeignetster Ablagerungsort nicht 
nur für allen Kehricht und Küchenabfall, sondern auch für 
jede Art Unrat überhaupt galt und als solcher benutzt 
wurde — aber auch vor hundert bis hundertfünfzig Jahren 
sorgte man für das Wegschaffen des Straßenschmutzes 
nicht in dem Maße, wie dies nötig gewesen wäre, und so 
war es kein Wunder, wenn im Winter der Kot, im Sommer 
der Staub Fahrweg und Bürgersteig - - wo ein solcher 
eben vorhanden — unbegehbar machten. Davon gar nicht 
zu reden, wie gesundheitswidrig all* dies war. 
Zu jener Zeit boten viele deutsche Städte noch ganz 
dasselbe Bild, wie ein, zwei Jahrhunderte zuvor; nur 
wenige waren schon in einem gewissen Übergänge vom 
mittelalterlich Unfertigen zum Neuzeitlichen begriffen. 
Noch standen aber auch in diesen Tore und Türme und 
Wälle, an die man ebensowenig rührte, wie an die weit 
in die Gasse vorspringenden Treppchen und Vorbauten, 
hinter denen sich allerlei ansammeln konnte, was 
heutzutage der Aufmerksamkeit auch des nachlässigsten 
Gassenkehrers nicht entgehen würde. Um 1780 schrieb 
der bekannte Theologe Bahrdt aus Gießen: „ . . . Auf 
den Gassen ist Schmutz. . . . Die Misthaufen liegen vor 
den Häusern. , Und dies fand sich vielerorten. Über 
die Unreinlichkeit in den deutschen Städten führen die 
Reiseschriftsteller der Jahre 1750—1810 fast ausnahmslos 
Klage. Einige Beispiele; Von Karlsruhe, einer Residenz 
stadt, wußte der Reisende Ehrmann zu vermelden, daß 
dort „die Straßen ziemlich unsauber“; Halle a./S. er 
schien Friedrich v. Räumern als „eine sehr häßliche 
Stadt . . - überall Gestank“; und über Tübingen urteilte 
im Jahre 1808 Varnhagen v. Ense: „ . . . wir fanden 
die Stadt abscheulich; ein schmutziges Nest!“ Das Epi 
theton „schmutzig“ kehrt in allen solchen Schilderungen 
wieder. Die Ursache hierfür ist in erster Reihe im Zustande 
des Straßenpflasters zu suchen. Nur wo dieses gut war, 
konnte Über die Straßenpflege nicht geklagt werden; das 
war jedoch sehr selten der Fall. Augsburg zum Bei 
spiel konnte keine sonderlich reine Stadt genannt werden; 
dort war — wie der „Demokrit“-Weber berichtete — 
„das Pflaster, wie zu München, wenig einladend; da es 
aus lauter kleinen, spitzen Steinen bestand, die längs den 
Häusern eine Art Mosaik bildeten, eine Reihe dunkelgrauer 
Sternchen, und dann wiederum weiße — aber breite vier 
eckige sind besser“ — setzte er hinzu — die besseren 
waren also in Augsburg nicht in Verwendung. Ehrmann 
meinte, Karlsruhe wäre deshalb so unsauber, weil dort 
die Straßen „nur auf den Seiten der Häuser gepflastert“, 
und Nürnberg wurde von einem Besucher der alten 
Stadt — von Weber — zwar gelobt — „die Straßen sind 
sehr reinlich, und ihre vornehmeren Schwestern, Ham 
burg und Frankfurt, könnten hier manches lernen“, ein 
anderer, Arndt, sprach aber von „Schmutzwinkeln“, die 
er in „gewissen Teilen“ der Stadt gesehen. Für die Handels* 
plätze an der Elbe und am Main war dies just kein 
Lob! . . . 
Die sauberste Stadt Deutschlands zu Ausgang jenes 
Jahrhunderts war Berlin, im wohltuendsten Gegensätze zu 
fast allen anderen Hauptstädten. Dort waren die Straßen 
— wie der Engländer Neal erwähnte - „well paved, with 
foothpaths, posts and chains to protect the foothpassengers 
from the carriages and sledges“ (gut gepflastert, mit Bürger 
steigen und Ketten, um die Fußgänger vor den Wagen und 
Schlitten zu schützen); mit der Hauptstadt Preußens konnten 
aber schon damals auch größere Städte des Reichs in so 
mancher Beziehung nicht verglichen werden — trotz des 
„ruppigen Eindruckes“, den Berlin auf Varnhagen 
machte. Und von der Sauberkeit Spreeathens und einiger 
weniger anderer Städte läßt sich noch lange kein Schluß 
auf den Zustand der Straßen in irgend einem einst oder 
damals noch reichsunmittelbaren Gemeinwesen des aus 
gehenden achtzehnten Jahrhunderts ziehen. 
Die Urgroßväter freilich — die störten ihre schmutzi 
gen Gassen und Plätze nicht weiter. Sie waren diesen 
Anblick gewohnt — und das entschuldigt vieles. Die Ge 
wohnheit, die nach Montaigne unsere Amme ist, zeigt uns 
das eigne Heim, die altbekannte Umgebung stets in schö 
nerem Lichte, als sie in Wirklichkeit sind; die Urgroß 
väter sahen nicht, wie holperig ihr Straßenpflaster, wie 
schmutzig ihre Gasse war- Oder wollten es nicht sehen. 
Der Ortspatriotismus war auch in der guten, alten Zelt 
mächtig entwickelt.'
	        
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