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Volume H. 5

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 4.1907 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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die Verwendung von Back-und Blendsteinen soll für aus 
gedehnte Fassadenflächen nicht stattfinden.“ Das wird 
dann weiter erläutert wie folgt: ,,es soll nur vermieden 
werden, daß mit Ziegeln als solchen sowie anderen 
Kunststeinen eine Wirkung erzielt wird.“ Sobald man die 
Ziegel nämlich dünn „in Münchener Art“ überschlemmtj 
darf man sie nämlich verwenden. 
An anderer Stelle, in der „Tonindustriezeitung“, habe 
ich dieses Ortsstatut im einzelnen besprochen. Es ist 
nicht meine Absicht, hier dagegen zu streiten, ich 
führe es nur als Stimmungsbild an. Ich bemerke nur noch 
dazu, daß sein Wortlaut deutlich erkennen läßt, wie 
wesentlich die Farbe des Backsteins den Grund für sein 
Verbot bildet, denn dünn überschlemmt darf er ja ver 
wendet werden! Die in solchen Bestimmungen ausge 
sprochene schroffe Abweisung des Backseins entspricht 
zweifellos einem ziemlich weit verbreiteten Widerwillen, * 
wenngleich nicht viele so weit gehen werden, ihn schnöde 
mit dem Zement auf gleiche Stufe zu stellen, der als elen 
dester Ersatz des Hausteines der Schrecken jedes gesund 
schaffenden Architekten ist. 
Meine Herren, ich teile diese Abneigung keineswegs, 
halte vielmehr den Backstein für einen künstlerisch höchst 
wertvollen und für viele Zwecke ganz unersetzlichen Bau 
stoff, der einen Stimmungsgehalt von größter Tiefe vor an 
deren auszudrücken vermag. Trotzdem liegt es mir fern, 
den Backstein in seiner jetzigen überwiegenden Verwen- 
dungsart als tadellos, als den „Stein der Weisen“ zu preisen, 
der alles andere Baumaterial an Schönheit übertrifft. Da 
mit würde ich bei Ihnen taube Ohren finden und mit Recht. 
Das sind Einseitigkeiten, die der geschäftlichen Reklame 
überlassen bleiben sollten und mit denen man der Sache 
des Backsteinbaues bei Einsichtigen mehr schaden wird als 
nützen. Wohl aber möchte ich Sie bitten, mit mir die 
Frage zu prüfen, ob nicht die Abneigung, die sich bis zu 
völligem Verbote steigert, nach der andern Seite hin zu 
weit geht und den Bestrebungen des Denkmal- und Hei 
matschutzes schließlich abträglich ist. 
Erklären kann sich auch der Freund des Backstein 
baues den lebhaften, ihm gezollten Widerwillen, wenn er 
so manchen Fehlgriff sieht, der in den letzten Jahrzehnten 
geschehen ist. 
Ich möchte hier nicht sprechen von der Roheit, mit 
der sich die ärmere Landbevölkerung gar nicht so selten 
IhreHäuser ausschlechtenHintermauerungssteinen errichtet, 
die nach Form und Farbe unsauber und düster das schönste 
Straßenbild eines freundlichen Dorfes verderben. Diese 
nur aus Dürftigkeit hervorgehende, armselige Bauweise 
scheidet als reine Sache der Nützlichkeit von jeder künst 
lerischen Betrachtung ganz aus. Man tut unrecht, wenn 
man auf Grund solcher Dinge sich gegen den Backstein 
bau als Kunstmittel wendet. 
Aber welcher Freund unserer alten Denkmäler hätte 
es nicht schon ästhetisch als einen wahren Schlag em 
pfunden, wenn etwa am Markte einer schönen alten Stadt 
sich in die Reihe der schlicht malerischen Bürgerhäuser 
plötzlich ein grellroter oder scharf gelber Ziegelbau dem 
Auge aufdrängt, hart und roh in der Farbe, grob und 
nüchtern und dabei anspruchsvoll in seiner Formgebung. 
Wen hätte nicht schon der Unwille gefaßt, wenn er in 
lieblicher Mittelgebirgslandschaft oder an den schönen 
Ufern unserer Ströme mächtige Kästen sich erheben sieht 
aus grellfarbigem Baustoffe, die mit ihren ungefügen, flach 
abgedeckten Massen die Schönheit der Landschaft und die 
Wirkung benachbarter Denkmäler schwer schädigen. Ein 
besonderes Beispiel solcher Art bietet die schöne alte Stadt 
Kulmbach, ein Beispiel, das freilich auch zeigt, wie leicht 
Trugschlüsse zu Stande kommen, wenn man die ganze 
Schuld an solchen Unerfreulichkeiten auf den Backstein 
wirft. Wenn man dort auf der schönen Plassenburg hoch 
über der alten Stadt steht und über die malerischen, fein 
gegliederten Giebel und Dächer hinweg in das herrliche 
Maintal hinausschaut, wird man nicht gerade entzückt 
sein von dem runden Dutzend roter Aktienbrauereien, die 
rings um die Stadt herum sich niedergelassen haben. Sie 
fallen mit ihren riesigen Gebäuden, den flachen Holzzement 
dächern und nüchternen Schornsteinen gründlich aus dem 
Maßstabe des schönen Stadtbildes, wie der Umgebung 
heraus. Man wird freilich auch bemerken, daß eine drei 
zehnte gleiche Industriestätte, die an den Außenwänden 
mit Kalkputz überzogen ist, in ihrer gleichen, ebenfalls 
durch ein Holzzementdach abgeschlossenen Kastenform 
nicht etwa lieblicher, sondern nur noch düsterer und un 
freundlicher sich ausnimmt, als ihre mit Backstein ver 
blendeten Genossen. Und diese Wahrnehmung führt uns 
gleich darauf, daß der Backsteinbau in seinem künstle 
rischen Ruf so manche Sünde mit büßen muß, die nicht 
ihm, sondern der kunstwidrig nüchternen Auffassung wirt 
schaftlicher Aufgaben zuzuschreiben sind. Weil er wegen 
seiner außerordentlichen praktischen Vorzüge in weitgehen 
dem Maße für sogenannte reine Nützlichkeitszwecke, Fabrik 
anlagen und dergleichen angewendet worden ist und dabei 
in Gegenden vordrang, in denen man vorher weder Fabriken 
noch Backsteinbau kannte, so mißt man ihm die Schuld 
bei, an der ganzen Schädigung, die zum größten Teile doch 
dadurch hervorgerufen ist, daß bei Errichtung solcher in 
dustrieller Anlagen zumeist jede künstlerische Rücksicht 
hei Seite gesetzt wurde. 
Freilich reicht diese Erklärung nicht für alle Fälle aus, 
und es bleibt auch bei Bauten, die einen höheren Rang be 
anspruchen, bei Schulen, Wohnhäusern und dergleichen 
oft genug Grund, den Backsteinbau als Mißton im Vergleich 
zu seiner Umgebung zu empfinden. Ehe man ihm aber 
deswegen in Bausch und Bogen den Krieg erklärt, ist es 
wohl gut, sich die Frage vorzulegen, ob denn diese Miß 
stände notwendig mit ihm verbunden sind und zweitens, 
ob durch einen solchen Krieg eine Besserung der Verhält 
nisse herbeigeführt werden kann. 
Auf die erste grundsätzliche Frage erhalten wir meines 
Erachtens eine entscheidende Antwort, wenn wir uns in 
all den Ländern umsehen, die in älterer Zeit eine blühende 
Backsteinbaukunst hervorgebracht haben. Die Gegenden 
am Niederrhein, fast ganz Norddeutschland von der See 
küste bis nach Schlesien und Thüringen hinein, Dänemark 
und Oberitalien sind solche Länder. In ihnen empfindet 
man keineswegs die Denkmäler dieser Kunst als Stören 
friede im Stadt- und Landschaftsbilde. Das liegt nicht 
etwa daran, daß das ganze Wesen der dortigen Städte 
durch den Backsteinbau bestimmt würde. Das mag im 
Mittelalter der Fall gewesen sein, jetzt trifft es längst nicht 
mehr zu. Vielmehr sind auch dort, Holland etwa aus 
genommen, die erhaltenen Backsteinbauten seltene Aus 
nahmen unter den später üblich gewordenen Putzbauten, 
die dort wie auch in andern Ländern die Straßen füllen.
	        
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