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Volume H. 5

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 4.1907 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Bedingungen ergeben, durch welche die gute Wirkung des 
Ziegelbaues bedingt ist. Es empfiehlt sich daher, diese 
Besprechung vorweg zu nehmen und sie mag uns mit 
ihrem Ergebnisse zugleich Mut machen, an jenen zweiten 
Teil unserer Aufgabe heranzugehen. 
Als man die Wiederherstellung alter Backsteinbauten 
in größerem Maßstabe begann, hatte man noch mehr als 
bei Werkstein- und Putzbauten damit zu kämpfen, daß 
sich die Bearbeitungsweise der Rohstoffe gegen das Mittel- 
alter geändert hatte. Denn es handelte sich hier nicht nur 
um eine andere Art der Handwerksübung, sondern an Stelle 
der Handarbeit hatte überhaupt die Maschine das Formen 
des Tones zu Verblendsteinen übernommen. Sie lieferte 
Steine, die sich durch große Sauberkeit der Oberflächen 
und durch große Reinheit und Gleichmäßigkeit der Färbung 
auszeichneten. Aber so stolz man auf den damit erzielten 
technischen Fortschritt auch war — wenn man diese Steine 
bei Ausbesserungen und bei Anbauten in die Nachbarschaft 
der alten Steine brachte, so störten sie empfindlich die 
schöne Wirkung der alten Mauerflächen. Die beim ein 
zelnen Stein und in der Hand zunächst so verführerisch 
saubere glatte Oberfläche wirkte auf nahe Entfernung reiz 
los gegen das feine Spiel der Lichter und Schatten, das 
die alten Handstrichsteine besaßen, und die scharfe Rein 
heit der Farben ließ die neuen Steine sich rettungslos als 
andersfarbige Flicken von ihrer Umgebung abheben. Auch 
die Hoffnung, daß die Zeit und der Ansatz von Ruß und 
Patina die gestörte Einheit hersteilen möchten, erfüllte sich 
nicht. Die glatte Oberhaut und die Dichtigkeit des Stoffes ließ 
eine solche Dämpfung des schreienden Eindrucks nicht auf- 
kommen. So verwandelte sich der unzweifelhaft technische 
Fortschritt in einen unerträglichen künstlerischen Nachteil. 
Aber auch, wenn die Witterung mehr Einfluß auf diese 
Steine gehabt hätte, sie wären ihren Vorbildern doch nicht 
gleich geworden, denn es fehlten ihnen weitere künstlerisch 
wertvolle Eigenschaften, die diese besaßen. Gerade durch 
den Vergleich nebeneinanderliegender Teile wird man sich 
bewußt, wie die schöne Farbenwirkung der alten Back 
steinbauten gerade darin beruht, daß ihre Steine eben nicht 
so lebhaft gefärbt sind, wie unsere sogenannten „feinen“ 
Verblender, daß sie vor allem nicht so gleichmäßig getönt 
sind wie diese, sondern in oft weit gesteckten Grenzen am 
selben Bau von gelblichen bis zu tiefroten Tönen unregel 
mäßig wechseln. Gerade dadurch passen sich diese Bauten 
so wie selbstverständlich jeder Umgebung ein, daß sie die 
Kraft der Farbe durch das Spiel verschiedener Töne be 
leben und zugleich brechen. Es entspricht das durchaus 
den Verhältnissen der Natur, welche größere Flächen von 
einheitlicher Farbengebung gar nicht kennt, sondern über 
all, auf Laubmassen und Wiesenflächen, an Bergwänden, 
auf dem Wasser, ja selbst auf öden Straßenflächen ein 
Spielen verschiedener Farbentöne erzeugt, durch das die 
abweichendsten Färbungen zusammengestimmt werden. 
Indem man ferner für Ergänzungen alter Bauten wieder 
Steine herstellte, die in der Größe zu den alten paßten, 
lernte man wieder den Wert des größeren Formates gegen 
über dem heutigen kleinen Normalziegel schätzen. Er 
liegt einerseits in der ruhigeren und wuchtigeren Erschei 
nung der durch weniger Fugen geteilten glatten Flächen, an 
dererseits in dem kräftigeren Maßstabe der Einzelgliede- 
rungen. Das sind Eigenschaften, die für monumentale 
Bauten, besonders für Kirchen sehr wertvoll sind. 
Auch in der Herstellung der Formsteine sind die Lei 
stungen alter Zeit mustergültig. Ihre sorgfältig genaue und 
doch nicht peinlich sauber wirkende Art, läßt sich durch 
einfachen Handstrich gar nicht erreichen, auch nicht durch 
das vielfach übliche Verfahren, die Steine in Gipsformen 
zu pressen. Dagegen kann man sich ganz genau der alten 
Erscheinung anschließen, wenn man die Formsteine aus 
gewöhnlichen Vierkantsteinen nach Holzschablonen mittelst 
eines scharf gespanntenDrahtes schneiden läßt, eine Technik, 
die bei guter Übung des Arbeiters sehr genau ausfällt, da 
bei den Reiz der Handarbeit behält und auch nicht teurer 
wird, als die Formerei in Gips.*) 
Alle diese Vorzüge wieder sich zu eigen zu machen, 
ist nicht leicht gewesen. Vielerlei Versuche und Mühen 
waren dazu erforderlich. Denn merkwürdigerweise ver 
hielten und verhalten sich weitaus die meisten der Ziegler 
gegen diese künstlerischen Verbesserungen durchaus ab 
lehnend. Aber Dank der eindringenden Sachkenntnis und 
zielbewußter Tätigkeit der maßgebenden Persönlichkeiten 
unter Führung von Geheimrat Hoßfeld sind die Vorzüge 
alter Technik für die Wiederherstellungsbauten doch im 
wesentlichen wiedergewonnen worden. Wenn noch ein über 
das Erreichte hinausgehender Wunsch auszusprechen ist, 
so geht er auf einen lebhafteren Farbenwechsel der Steine. 
Denn darin sind die Leistungen der Alten noch nicht er 
reicht; die heutigen Lieferungen fallen unter dem Einfluß 
des heutigen Brennverfahrens meistens noch zu gleich 
mäßig aus. 
Der Einfluß der Denkmalpflege und der in ihr gemach 
ten Erfahrungen hat nun zur Aufnahme dieser Ziegelbe 
handlung in weiteren Kreisen geführt. Nicht etwa, weil 
diese Werkverfahren einen altertümlichen Ein 
druck machen, wie eine dilettantische, mit sonderbarer 
Hartnäckigkeit immer wiederkehrende Auffassung behaup 
ten möchte, sondern weil sie eine schönere Wirkung 
ergeben. Soweit der Bereich der preußischen Staatsbau 
verwaltung sich erstreckt und durch deren Beispiel auch 
weit darüber hinaus, werden diese, der Denkmalpflege 
entwachsenen Fortschritte auch bei besseren Neubauten 
vielfach angewendet. 
Ein wesentlich anderes Bild bietet sich uns, wenn wir 
uns die Rolle vergegenwärtigen, die der heutige Backstein 
bau als Bestandteil der Städtebilder, also als Nachbar 
älterer Denkmäler spielt. Hier ist die Lage zurzeit so, 
daß weite Kreise dazu neigen, die sichtbare Verwendung 
von Backstein als kunstfeindlich anzusehen und die Frage 
nach diesem Zusammenhänge von Backsteinbau und Denk 
malpflege ebenso kurz wie gründlich zu beantworten: 
„Verboten muß er werden!“ Ja, man hat diesen so 
einfachen Weg wiederholt schon beschriften. Eine Reihe 
von süddeutschen Städten hat, wenigstens für die künst 
lerisch wichtigsten Stadtgegenden die Anwendung des Back 
steinbaues ausgeschlossen, zum Teil angeregt dazu durch 
die Beschlüsse, die der Denkmaltag in Mainz zum Schutze 
wertvoller Stadt- und Straßenbilder gefaßt hatte. So be 
stimmt ein erst im Juli 1905 erlassenes Ortsstatut in Darm 
stadt unter anderem wörtlich folgendes: 
„Zement, Back- und Blendsteine sollen zur Bildung 
vortretender Architekturteile nicht verwendet werden, auch 
*) Eingehender habe ich diese dankbare Arbeitsweise besprochen in 
„Denkmalpflege“ Jahrg. 1905 S, 21,
	        
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