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Volume H. 6

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 3.1906 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Der rein künstlerische Wert liegt darin, wie jedesmal, 
einerlei in welcher Kunstepoche das Werk entstanden ist, 
für die besondere Aufgabe der besondere Ausdruck in 
Gesamtgestaltung, in Form und Farbe gefunden wurde. — 
So ist also das Band, das die wirklichen Kunstwerke aller 
Zeiten verbindet, der künstlerische Geist, der in den Künst 
lern alter Zeiten lebendig ist, einerlei in welcher Form er 
sich äußert. Das Gesetzmäßige in der Kunst kann niemals 
das ausgeklügelte Dogma des Kunstwissens sein, sondern 
es ist das ewige, unvergängliche Gesetz, das im rein künst 
lerischen Geist enthalten ist, das Gesetz der Schöpferkraft, 
des Genius. So reichen sich alte und moderne Kunst die 
Hand, nicht aber in der Form, in welche der Kunstaus 
druck jederzeit gegossen wird. 
Die Kunstüberlieferung tut uns not, ohne sie kommen 
wir nicht aus, die aber schöpfen wir aus dem Studium der 
alten Werke und darin erreicht unsere Schätzung der 
Kunstdenkmale ihren Höhepunkt, ihre größte Bedeutung. 
Das ist die höchste Achtung, die wir dem Werke der 
Alten bezeugen können, daß wir darnach streben, ihrer 
Kunst Ebenbürtiges zu leisten, nicht aber sie nachzuahmen, 
denn alle Nachahmung der alten Werke, welche auf kunst 
wissenschaftlicher Forschung beruht und sich größer und 
stolzer dünkt, je mehr sie glaubt, sich des eigenen Ich 
entäußert zu haben zu Gunsten völligen Aufgehens im 
Werke der Alten, hat nichts mit wahrer Kunst zu tun, ja 
widerspricht geradezu dem innersten Wesen der Kunst, weil 
sie menschlicher Fähigkeit, menschlicher Vernunft wider 
spricht: Kein Mensch kann seine angeborene Subjektivität 
einer rein objektiven Auffassung unterordnen; solches Tun 
kann nur auf dem Boden der Unwahrheit vor sich gehen, 
die Unwahrheit aber, die Lüge, ist der größte Feind aller 
wirklichen Kupst, die nur auf Ehrlichkeit beruhen kann. — 
Alles andere ist Scheinkunst, vergängliche Mode. 
Liegen aber die Dinge so, dann ergibt sich daraus, 
daß diese rein menschliche und rein künstlerische Kunst 
auffassung, die zu allen Zeiten die moderne war, auf 
dem Gebiete der Denkmalpflege in Widerstreit geraten 
muß mit der akademischen oder dogmatisch-wissenschaft 
lichen Auffassung der Kunstpflege, welche die Geltend 
machung des Stil Wesens, die Stilarchitektur im 19. Jahrhundert 
gezeitigt hat. Diese Verwirrung der Kunstbegriffe mußte 
zum Kampf um die Denkmalpflege führen. 
Das neunzehnte Jahrhundert, mit seinen mächtigen 
Errungenschaften auf dem Gebiete der technischen Er 
findungen, des Verkehrs, wie der großen wissenschaft 
lichen Fortschritte auf allen Gebieten menschlicher For 
schung, war für die Kunst ein Babylon, das uns die Ver 
wirrung der Kunstbegriffe brachte. War in den voraus 
gegangenen Zeitabschnitten jeweils nur diejenige Kunst 
richtung als die zur Zeit allein richtige anerkannt, welche 
gerade geübt wurde, so erschien im 19. Jahrhundert nach 
und nach jede vorausgegangene Stilrichtung in fast gleicher 
Wertschätzung ihrer besonderen Art auf dir Kunstbühne. 
Das Zeitalter wissenschaftlicher Forschung machte 
auch aus der Kunst eine Wissenschaft. Man stellte sich 
der Kunst gegenüber auf den Standpunkt, daß man sie 
nach historischen Gesichtspunkten gliederte, die Bedin 
gungen der Entwicklung und Eigenart jeden Stiles durch 
eingehendes Studium wissenschaftlich festlegte. Die Stil 
normen wurden nicht nur nach den Verhältnissen der 
Gesamterscheinung, sondern insbesondere bis in die 
kleinste Einzelheit, bis zur letzten Linienführung festgestellt. 
Man bildete dieFormlehre jedenStiles aus, mit einer Gründ 
lichkeit, wie sie eben der forschenden Wissenschaft eigen ist. 
Den Beginn machte man mit dem griechischen Stile. 
Jedes kleinste Glied der herrlichen Formensprache dieser 
klassischen Baukunst wurde maßstäblich verzeichnet; es 
wurde genau gelehrt, in welchem Größenverhältnis eine 
Sima, ein Rundstab sich dem Gesims oder dem Kapitell 
eingliedern müsse, wie der Dekor durch Perl- oder Eier 
stab aufzumessen sei, wie sich die Kapitelle zu den Säulen 
schäften und wiederum deren Durchmesser zu ihrer Höhe 
zu verhalten habe. Nach diesen strengen Normen wurden 
die Fassaden aufgerissen. Die griechische Tempelfront 
mußte es sich gefallen lassen, der Kirche oder dem Theater, 
dem öffentlichen Verwaltungsgebäude oder Wohnhaus als 
Blende vorgesetzt zu werden. 
Dieser bis aufs äußerste getriebene griechische Idealis 
mus fand dann eine Gegenwirkung in der romantischen 
Bewegung, welche als zweite große Kunstrichtung des 
19. Jahrhunderts, der klassisch vollendeten Formensprache 
der Antike die gemütvolle Innerlichkeit unseres nordi 
schen mittelalterlichen Kunstempfindens entgegensetzte. 
Aus der klassizistischen Richtung, die trotz der 
romantischen Bewegung neben dieser bestehen blieb, ent 
wickelte sich das Bauwesen auf dem Wege über die An 
lehnung an römisch-klassische Vorbilder, zur Nachgestal 
tung der italienischen Renaissance. Hatte man bisher 
seine Vorbilder in Griechenland, im alten Rom und im 
Italien der Renaissance gesucht, hatte man auch in der 
romantischen Bewegung weniger an die engere vaterlän 
dische Vergangenheit, als an das gemütvolle mystische 
Wesen des Mittelalters angeknüpft, war also mehr oder 
weniger das Streben darin ausgedrückt, einer verallge 
meinerten Architektur die Wege zu bahnen, so brachte 
bei uns die Einigung Deutschlands mit der auffiammenden 
patriotischen Begeisterung die Aufnahme eines deutschen 
Stiles, der deutschen Renaissance in Mode. Es war eine 
große allgemeine Bewegung, die namentlich auch das 
Kunsthandwerk umfaßte, allerorts Kunstgewerbeschulen 
und Museen entstehen ließ und den Anschein erweckte, 
als ob der neue Morgen einer deutsch - nationalen Kunst 
angebrochen sei. Der Formalismus aber, der vom Klassi 
zismus geschaffen war und sich über die folgenden Stil- 
bemühungen weiter verbreitet hatte, wurde auch hier wieder 
an die Stelle einer lebendigen Kunst gesetzt. Man pflückte die 
Blüten einer alten Kunst, die man an deren Denkmälern 
aller Art gefunden hatte, man machte es sich bequem mit 
dem reichen vorhandenen Formenschatze der Alten. Selbst 
verständlich war auf solche Weise auch der herrlichste 
Bestand bald abgegrast, die Formen waren erschöpft, es 
gab keine Abwechslung mehr, man war der Sache müde 
und suchte neue Weideplätze auf. Die wissenschaftliche 
Forschung hatte auch in den Stilepochen, die der Renais 
sance gefolgt waren, Schönheiten entdeckt, man hatte 
neues Kapital an Kunst gefunden, unbeachtete Schätze 
wurden ans Licht gezogen, sie erhielten Bürgerrechte, ja 
man erhob sie schließlich auf den Ehrenplatz. Und nun be 
gann das tollste Jagen in der Stiljagd des 19. Jahrhunderts. 
Alles Dagewesene wurde in kaum zwei Jahrzehnten 
durchrast. 
Hatte man den einen Stil ausgesogen, so wurde er weg 
geworfen und der nächste kam an die Reihe. Die Schulen
	        
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