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Volume H. 6

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 3.1906 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Noch einen weitern Nutzen könnten die Stockwerks 
häuser erbringen: sie würden vielleicht die im all 
gemeinen wenig beliebten Unterkunftshäuser für un 
verheiratete Arbeiter entbehrlich machen. Das wäre 
durch die Herrichtung von kleineren abgesonderten Einzel 
zimmern zu erzielen, die nicht am dem Wege der After 
miete, sondern unmittelbar durch das Wohnungsamt zur 
Vermietung zu gelangen hätten. Daneben brauchte dann 
nur im Kreise der öffentlichen Wohlfahrtseinrichtungen 
durch Garküchen und Speisehäuser für die Beköstigung 
der unverheirateten Arbeiter nach Bedarf gesorgt zu 
werden. Übrigens würde ich empfehlen, die Schlaf- und 
Kostgängerei nicht grundsätzlich auszuschließen, sondern 
sie nur einer strengen Ordnung und Kontrolle zu unter 
werfen. ' 
Unter Anwendung des Einfamilienhaus-Systems ver 
dient das Reihenhaus unbedingt den Vorzug dem einzel 
stehenden Hause gegenüber, weil es billiger in der Her 
stellung und wärmer ist. Eine gewisse Regelmäßigkeit 
in der ganzen Anlage und in der Gruppierung der Häuser 
wird die Herstellung vereinfachen und verbilligen, und sie 
wird namentlich bei der Grundstückteilung zu günstiger 
Bodenausnutrung führen. Das Naturgrün, welches in den 
Baumpflanzungen einer sinnvollen Anordnung zu unter 
werfen ist, wird ein Genügendes leisten, um selbst häufige 
Wiederholungen in dem Hausbau nicht ermüdend wirken 
zu lassen. Regelmäßigkeit kommt auch der Übersichtlich 
keit zustatten und wirkt erzieherisch, sofern sie zum un 
mittelbaren Vergleich benachbarter Häuser herausfordert. 
Das schmutzige, ungepflegte Haus wird zwischen seinen 
gleichgestellten und gleichgestalteten Nachbarn unangenehm 
auffallen, wenn diese in Sauberkeit erglänzen, und die mit 
sauberem Anstrich, mit Blumenschmuck und sorgfältig 
gepflegten Spaliergewächsen gezierten Außenseiten der 
Häuser werden zur Nachahmung reizen. 
Die äußerste Sparsamkeit hat bei Anlage der Straßen 
zu walten. Eine Fahrbahnbreite von 5 m, die es gestattet, 
daß zwei Wagen aneinander vorbeifahren können, wird 
kaum jemals überschritten zu werden brauchen, und da 
in Arbciterkolonien überhaupt wenig gefahren wird, so 
bedürfen auch die Fußsteige nur einer geringen Breite, die 
eben ausreicht, um den Fußgängern die Möglichkeit zu 
bieten, daß sie dem Fuhrwerk, wenn nötig, ausweichen 
können. Für den nötigen Straßenluftraum ist durch Vor 
gärten zu sorgen. 
Und nun etwas über die architektonische Behandlung 
der einzelnen Häuser und Hausgruppen. Ein einzelnes 
Haus, welches nur eine einzige oder vielleicht zwei 
Kleinwohnungen unter einem Dache vereinigt, ist ein so 
kleines Ding, daß es nur als eine Einheit aufgefaßt werden 
sollte, die in sich gar keiner weiteren Gliederung bedarf. 
Auch aus Sparsamkeitsrücksichten empfiehlt es sich, für 
solche kleine Hauseinheiten die elementarsten Gesamt 
formen, nämlich den geschlossenen viereckigen Unterbau 
mit einfachem Satteldach in Anwendung zu bringen. Hat 
man Verlangen nach einer lebhafteren Umrißlinie, dann 
stelle man Haustypen von verschiedener Größe neben 
einander, oder setze das eine Haus etwas gegen das 
andere zurück, oder führe etwas Wechsel in den Dach 
neigungen ein. 
Außerdem bietet die farbige Behandlung der einzelnen 
Hausteile, namentlich des sichtbaren Holz werkes, das Mittel 
dar, um Abwechslung in eine Reihe Übrigens ganz gleich 
mäßig gebildeter Fassaden zu bringen. Um den Groll auf 
schematische Wiederholungen weiter zu besänftigen, er 
innere ich an die Bauernhaustypen, von denen ganze Ge 
genden beherrscht werden, und die das Merkmal des 
Siedelungsbereiches je eines Volksstammes ausmachen. 
Fast alle jene Bauernhaustypen besitzen schlichte elemen 
tare Gesamtform, und ich habe noch niemanden über den 
Mangel an Abwechslung in solchen Niederlassungen 
schelten hören. Dagegen will ich offen gestehen, daß ich 
dem scheinbar ungeordneten Haufen von Arbeitervillen 
neuerer Art nicht viel Reiz abgewinnen kann. Das ist nun 
allerdings Geschmackssache, über die sich bekanntlich nicht 
streiten läßt, und es liegt mir fern, über sie einen Streit 
herbeiführen zu wollen. 
Wenn man nur darauf Bedacht nimmt, jedes Stück 
und jeden Teil an die richtige Stelle zu bringen, so wird 
sich, trotz vieler Wiederholungen im einzelnen, doch ein 
recht mannigfaltiges Bild in der Gesamtheit erzeugen 
lassen, und es wird sich ein Organismus der ganzen An 
lage ergeben, der sich in der äußeren Erscheinung wohl 
tuend geltend macht. 
Solche Kolonie wird einen Kern bekommen, in welchem 
die allen Kolonisten gleichmäßig dienenden öffentlichen 
Gebäude mit den Etagenhäusern zu ausdrucksvoller Gruppie 
rung zusammentreten. Es wird in diesem Kern städtisches 
Wesen herrschen mit mehr oder weniger geschlossenen 
Straßen- und Platzbildern, und es wird sich dort ein Leben 
und Treiben entfalten, welches die Kolonisten davon ab 
hält, in die nächstliegende Stadt zu pilgern, um sich zu 
amüsieren und das Geld los zu werden. Dem städtischen 
Kerne wird sich dann nach allen Seiten der ländliche Woh 
nungsbau angliedern, dessen einzelne Viertel vielleicht in 
einem Schulbau mit Uhrttirmchen oder dergl. ihre Be 
tonung finden mögen. 
Von diesen Gesichtspunkten bin ich bei dem Entwürfe 
zu einer Arbeiterkolonie des staatlichen Steinkohlenberg 
werkes in Knurow ausgegangen, dessen Lageplan auf 
Tafel 42 unter a wiedergeben wird. Er ist nur als eine Studie 
zu betrachten, da aus bergmännischen Gründen ein anderes 
Gelände zur Ausführung der Kolonie gewählt werden wird. 
Die Kolonie soll etwa 1000 Arbeiterfamilien aufnehmen. 
Von dem etwa 300 m entfernt liegenden Grubenhof ist sie 
durch die Landstraße, durch Feldland und durch die Eisen 
bahn getrennt. ZurVerbindung der Kolonie mit dem Gruben 
hof ist eine Straße geplant, welche die Bahnlinie überbrückt 
und sich vermittels einer Rampe in das Herz der Kolonie 
hinabsenkt. Sie mündet auf dem Marktplatz, der mit den 
wichtigsten öffentlichen Gebäuden und mit Etagenhäusern 
umstellt ist. Der Fuß der Rampe ist als wichtigster Ver 
kehrspunkt anzusehen, zu dem auch die Landstraße ver 
mittels einer Abzweigung in innige Beziehung gebracht ist. 
Damit die Kolonie eine gewisse Ausdehnungsfähigkeit 
erhalte, und eine etwaige Bebauung des Nachbargeländes 
mit ihr zusammenwachsen oder wenigstens mit ihr in Ver 
kehrsbeziehung treten könne, sind die Querstraßen bis an 
die nördliche Grenze geführt, so daß sie in das Nachbar 
gelände hinein fortgesetzt werden können. Übrigens ist 
die Zahl der zu befahrenden Straßen auf einige wenige 
beschränkt, und es ergab sich ein einfaches, der Längs 
richtung des Geländes entsprechendes Parallelsystem der 
selben als das Natürliche,
	        
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