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Volume H. 4

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 3.1906 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Zierbrunnen geschmückt, das Rathaus wieder instand gesetzt. 
Lindau brachte große Opfer, um das noch freie Gartenland 
der „Insel“ für eine neue Infanteriekaseme dahinzugeben. 
Zum Glück gelang es, diesem Bauwerk eine malerische, dem 
„Insel-Charakter entsprechende Auflösung zu verleihen. 
Um die Plankreuzung beim neuen Postgebäude zu 
vermeiden, wurde der fahrende Verkehr zwischen „Stadt“ 
und „Insel“ durch eine Überbrückung der Eisenbahn bei 
der Lindenschanze gesichert. Dort gibt uns der alte Baum 
bestand noch eine Andeutung Über die frühere idyllische 
Verfassung der Befestigungswerke. 
Es ist ein sehr beklagenswerter Umstand, daß Lindau 
nicht mehr, wie es früher der Fall war, mit den Nachbar 
orten des Festlandes zu einer Stadtgemeinde verbunden ist. 
Wäre dies Verhältnis geblieben, so würde man selbstver 
ständlicherweise die neue Kaserne und das auf der nörd- 
liehen Seeauffüllung erbaute Elektrizitätswerk auf das Land 
hinaus verlegt haben, und die „Insel“ mit ihrem herrlichen 
Rundblicke nach drei Himmelsrichtungen hätte zu einem an 
mutigen Villen- und Hotelviertel ausgestaltet werden können. 
Als Lindau durch den Damm mit den Segnungen des 
Eisenbahnverkehrs beschenkt wurde, hatte wohl niemand 
davon eine Ahnung, wie verhängnisvoll dieses Bauwerk 
zugleich für den sogenannten „kleinen See“ werden würde. 
Dieser zwischen der Stadt und dem Land liegende Seearm, 
ohnedies zur Versandung geneigt, wurde durch den Eisen 
bahndamm fast jeder frischeren Strömung beraubt und 
erfuhr durch die von beiden Selten her erfolgenden An 
schwemmungen eine so rasche Versumpfung, daß sein Zu 
stand, zumal bei Niederwasser, als ein geradezu gesund 
heitsgefährlicher bezeichnet zu werden verdient. Wenn 
von der Regierung der Damm von diesem Vorwurfe 
freigesprochen werden will, so muß dennoch daran fest 
gehalten werden, daß er die Hauptursache des vorhandenen 
Mißstandes ist. 
Die Stadtgemeinde Lindau hat in ihrer kaum beneidens 
werten Lage keine Anstrengung gescheut, um sich von 
sachkundiger Seite Vorschläge zur Beseitigung dieses Übels 
machen zu lassen. Der verstorbene Baudirektor Franzius 
von Bremen sowie auch Professor Kreuter in München 
haben beide vorgeschlagen, den kleinen See aufzufüllen 
und nur ein verhältnismäßig schmales, leicht frei zu halten 
des Wasserhand bestehen zu lassen. Die große Erdbe 
wegung, die bei der Ausführung eines solchen Entwurfes 
notwendig würde und die damit verbundenen hohen Kosten 
haben wohl in erster Linie dazu geführt, diese Vorschläge 
zu den Akten zu legen. Auch ist es erfreulich, daß die 
Stadtgemeinde Lindau endgiitig schlüssig geworden ist, den 
Inselcharakter ihrer Stadt festzuhalten und den unüber 
trefflichen Reiz landschaftlicher Art für alle Zeiten zu 
wahren. Unzweifelhaft ist die Belassung des derzeitigen 
Zustandes weit gesundheitsgefährlicher, als geringfügige 
UferauffUUungen mit Seeaushub, wie sie im verflossenen 
Jahre am Aeschacher Ufer zwar versucht, aber durch Ver 
bot von oben her eingestellt worden sind. Zur Bekämpfung 
des Übels sind drei Maßnahmen erforderlich; 
1. Eine durchgreifende Kanalisation beider Ufergelände 
des kleinen Sees mit weitreichender Abführung der Kanal 
wässer nach dem offenen See hinaus. 
3. Ausbaggerung des kleinen Sees. 
3. Durchbrechung des Eisenbahndamms in ausgiebiger 
Weise. 
Inbetreff der ersten Frage liegt bereits ein ausführungs 
reifer Entwurf des Stadtbauamtes vor. Der Eisenbahn 
damm w^d von nahezu allen technisch Beteiligten zwar 
als ein „noli me tangere“ betrachtet. Aber gerade in ihm 
und seiner abschließenden Wirkung liegt das Hauptübel, 
das den kleinen See nicht gesunden läßt. An dieser Stelle 
muß angefaßt werden, wenn überhaupt von einer gründ 
lichen Beseitigung der Mißstände die Rede sein soll. Bei 
den Fortschritten der Ingenieurwissenschaften und der 
neuestenAusgestaltung der verschiedenstenTechniken lassen 
sich die Mittel linden, im Eisenbahndamme so reichliche 
Durchbrüche anzulegen, daß die notwendige Beweglichkeit 
des Wassers eintritt. 
Nach dem Umbau des Rangierbahnhofs wird der Eisen 
bahnverkehr nach der Stadt zeitweise abgestellt werden 
müssen. Dann werden vielleicht auch die Auswechslungs 
arbeiten am Damm vorgenommen werden können. 
An Stelle der hölzernen Landtorbrücke hatte seit dem 
vierzehnten Jahrhundert eine steinerne Brücke bestanden; 
die 1664 erbaute erste Holzbrücke wurde ein Opfer des 
Seesturms im Jahre 1817. Die damals neuerbaute Holz- 
brücke ist in hohem Maße ständig reparaturbedürftig und 
und man geht mit dem Gedanken um, sie durch einen 
Eisenbetonbau zu ersetzen. Eine Bogenbrücke aus Hau 
stein oder Beton würde unverhältnismäßig hohe Kosten 
verursachen. Auch wäre eine so lebhafte Überschneidung 
des Horizonts, wie sie eine solche Konstruktion verlangt, 
nicht erwünscht. Diese Nachteile vermeidet der Eisenbe 
tonbau. Er besitzt zugleich auch den Vorteil, in seiner 
ganzen äußeren Erscheinung dem jetzigen Holzbau in seinem 
schlichten Verlaufe stark zu ähneln. Vorschläge von 
Wayss & Freytag in München und von Luipold & Schneider 
in Stuttgart-Lindau, weiche in entgegenkommender Weise 
freiwillig geliefert wurden, werden der Stadtgemeinde zu 
gleich mit diesen Plänen vorgelegt. Der Stadterweiterungs 
plan behält die volle Länge der Brücke bei und widerrät 
dem «Gedanken, sowohl an dem. Laadtor- als an dem 
Aeschacher Brückenköpfe zum Zwecke der Brückenver 
kürzung Auffüllungen anzulegen. 
Durch eine Stiftung der Familie Gruber wurde auf 
der alten Landtor- oder Ludwigsbastion eine herrliche 
Anlage geschaffen, deren alter Baumbestand den Stolz 
Lindaus bildet. Die Stützmauern, mit ihrem Fuß im Wasser 
stehend, von den Baumriesen bekrönt, die ihre Aste vom 
Mauerrande hinabsenken, geben ein so unerreichbar schönes 
landschaftliches Bild, daß dessen Wert nicht hoch genug 
angeschlagen werden kann. Wo die Möglichkeit besteht, 
dieses Motiv zu erhalten, und dies ist ganz gewiß am Land 
tore der Fall, sollte man nicht unnötigermaßen durch eine 
davorgelegte niedere Auffüllung die Stadt eines Hauptreizes 
berauben. Eine Verkürzung der Landtorbrücke hat auch 
das technische Bedenken gegen sich, daß der kleine See, 
aufs neue eingeschnürt, der auf der einen Seite mit großen 
Kosten wieder errungenen Wasserströmung zum Teil aber 
mals beraubt würde. 
Die sogenannte nördliche Seeauffüllung ist in letzter 
Zeit der besondere Gegenstand des Interesses gewesen. 
Der Stadterweiterungsplan schlägt vor, dasElektrizitätswerk 
auf drei Seiten mit kleineren Bauten zu umgeben. In dieser 
Gruppe sollte das Volksbad, das Stadtbauamt mit der Stadt- 
baumeisterwohnung und der städtische Werkhof mit seinen 
Lagerräumen Aufnahme linden.
	        
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