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Volume H. 3

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 3.1906 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
30 
Abb. 2. 
Die Murseite der Sackstraße vor der Zerstörung 1888. 
unter Kaiser Ferdinand II. erbauten Tores-) — ein Rest 
mit der Inschrift FERDINANDUS • ROM * IMP • ist in einem 
Sockel beim Hause Kai No. 68 eingemauert —; von seiner 
Beschreibung absehend, wollen wir darauf hinweisen, daß 
das ,,Kriminal“ (das große Haus links auf Abb. 2) 
auf den Mauern der alten Bastion erbaut war. Von hier 
ab zog sich die Festungsmauer bis zur unteren Murbrücke 
hin, der Länge nach der heutigen Kaimauer entsprechend; 
nur an einer Stelle schob sich eine Bastion vor. (Abb. 
No. 1, Stelle B). Soviel über den ältesten Bestand. 
Den Hintergrund der Aufnahme, die von der Ferdi 
nandsbrücke aus erfolgte, bildet der Schloßberg mit 
den geringen Resten seiner 1809 zerstörten Befestigungs 
werke, aber noch ohne die Neubauten, die bei Anlegung 
der Drahtseilbahn (1895-97) am unteren Absätze errichtet 
wurden. Die Wirkung des Bildes ist vor allem eine male 
rische: links der mächtige Bau des „Kriminales“ (bis 1895 
Sitz des Untersuchungsgerichtes) auf den Resten der Bastion 
am Sacktore, an der durch Baumgruppen gezierten Ein 
mündung des Mühlganges (Abb. No. 1, bei A); an das 
„graue Haus“ anschließend eine ununterbrochene Reihe 
schmaler Giebelhäuser, dem Flusse zu mit doppelt so vielen 
Stockwerken als an der Straße; Stiegenanlagen führen von 
der Straßenhöhe herab zum Flusse, um den Färbern und 
Gerbern, die dort eine förmliche Kolonie hatten, Gelegen 
heit zur besseren Ausübung ihres Handwerkes zu geben. 
Das Bild bietet die Einzelheiten nicht allzugenau, die wir 
auf zwei Zeichnungen im Landesarchive, die eine vom 
Jahre 1861, die andere von 1891, zur Genüge kennen lernen. 
(Aquarellaufnahmen dieser malerischen Partie waren in 
der im Herbst 1905 veranstalteten Ausstellung von Städte 
bildern in Brünn ausgestellt). — 
*) Ilwof-Peters: „Graz“, p. 197. 
Wir gehen nun auf die Geschichte des 
Kaientwurfes und dann auf die Beschrei 
bung des noch erhaltenen alten Bestandes 
an der Bergseite ein. 
Erwägungen 3 ), die Anlage eines Erho 
lungsraumes fürs Kriminal und die Feuer 
sicherheit der geschlossenen Häuserreihe an 
der Murseite betreffend, gaben 1856 dem 
kk. Landesbaudirektor Martin Kink den 
Anlaß, Vorschläge für die Kaiausgestaltung 
zu machen. Sein Plan hatte den Inhalt, 
zwei südlich ans Kriminal stoßende Bauten 
abzutragen, vor den murseitigen Häusern 
eine Uferschutzmauer zu errichten, um einer 
Straße Raum zu geben, und diese dann un 
gefähr an der Stelle B (Abb. No. 1) mit 
der Sackstraße zusammenlaufen zu lassen. 
Die folgenden Jahre bringen fast nur 
mißglückte Unterhandlungen mit dem Staate 
und dem Lande, von deren Beitragsleistung 
die Stadt die Verwirklichung des Entwurfes 
abhängig gemacht hatte, bis endlich im 
Jahre 1888 eine Änderung eintrat. Da das 
Stadtbauamt infolge anderer Arbeiten die 
Abfassung eines eingehenden Planes nicht 
übernehmen konnte, übertrug der Gemein 
derat mit Beschluß vom 22. Juli 1888 diese 
dem k. k. Statthaltereiingenieure Ferdinand 
Amberger. Unterdessen hatte der Gemeinderat schon 
im März desselben Jahres beschlossen, eine Summe 
von 800 000 Kronen zum Ankäufe der murseitigen Häuser 
No. 33—61 Sackstraße (Abb. No. 1, Teilstrecke A—A,, 
durch weniger dichte Schraffur ersichtlich) flüssig zu 
machen. Diese 15 Gebäude wurden auch eingelöst und 
in den Jahren 1888—1892 teilweise abgebrochen, so daß 
1893 nur mehr der murseitige Teil von No. 39, ferner No. 57, 
59 und No. 61, und das Kriminal standen. Durch die Über 
siedlung des letzteren in einen Neubau (1895) wurde die 
Abtragung ermöglicht und im Winter 1897 mit der der noch 
stehenden Bauwerke als Notstandsarbeit durchgeführt. 
Nachdem man schon früher auf Anraten des polytechnischen 
Klubs den Normalabstand der Verbauungslinie an der Berg 
seite mit 25 m von der Nullwasserlinie festgestellt, der Kai- 
straße zwischen den beiden Brücken ein gleichmäßiges 
Gefälle zu geben und Neubauten in die neue Höhenlage 
einstellen zu lassen, beschlossen hatte, begannen 1898 die 
Arbeiten an der Kaimauer. Gleichzeitig wurde der Mühl 
gang an seinem Ausflusse überbrückt und mit einer Ufer 
schutzmauer versehen. So waren die Arbeiten am ersten 
Kaiteile von der oberen Brücke bis zum Einlaufe der Kai- 
straße in den restlichen Teil der Sackstraße (Abb. No. i, 
A—A,; No. 3, A—B) im September 1900 vollendet. Die 
Höhenunterschiede der neuen Straße zur alten Sackstraße, 
deren Fahrbahn wegen des Zuganges zu den Häusern er 
halten bleiben mußte, fanden einen Ausgleich durch die 
Anlage von Böschungen und Mauern gegen die neue Straße 
zu (siehe Abb. 4 und 5). 
Schon im nächsten Jahre (1901) beschloß der Gemeinde- 
rat, den Kai auch südlich gegen die Franz Karl-Brücke 
3) Nach den offiziellen Mitteilungen im „Amtsblatte der landesfürst- 
lichen Hauptstadt Graz“, Jahrgang IX, Heft No. 25, 26 und 30.
	        
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