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Volume H. 11

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 3.1906 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
veränderter Grundlage erforderlichen Vorarbeiten und Pläne erledigt worden 
sind. Da das Hochwasser die weitaus größte Mehrzahl der Gebäude zum 
Einsturz gebracht hatte, konnte bei der Planlegung der neuen Stadt mit 
einer Gründlichkeit verfahren werden, zu welcher der moderne Städtebauer 
nur ganz vereinzelt wieder jemals Gelegenheit haben wird. So wurde denn 
auch das dem damaligen Stande des Städtebaues entsprechend mit Ring- 
und Radialstraßen angeordnete Hauptstraßennetz vollständig neu angelegt 
und nur bei den Nebenstraßen möglichst Rücksicht auf den seitherigen 
Zustand genommen. Die Hauptstraßenzüge wurden auch gleich von vorn 
herein hochwasserfrei aufgeschüttet, während in den Nebenstraßen die Auf 
füllung im Laufe der Jahre an die Höhenlage der Hauptstraßen anschließend, 
allmählich vor sich gehen sollte. Der sofortigen Auffüllung des ganzen Stadt 
gebietes stellten sich die allzu hohen Kosten hi idernd in den Weg. 
Die Anlage der vielen neuen Straßen, Plätze und Anlagen machte 
die Umlegung fast aller Hausgrundstücke erforderlich. Hierbei wurde vor 
Augen gehalten, daß jedes Hausgrundstück möglichst in der Gegend ver 
bleibe, in der es seither war, daß jeder Grundbesitzer auch dann wieder 
ein Grundstück erhalte, wenn sein altes Grundstück in eine neue Straße 
oder einen neuen Platz fällt, daß jedes Grundstück eine gut bebaubare 
Form mit einer bestimmten Mindestgiöße aufweise und daß endlich auf 
besondere, durch die Umstände gerechtfertigte Wünsche der Bevölkerung 
nach Möglichkeit Rücksicht genommen werde, so z. B, mit Bezug auf die 
Lage an Straßenecken, Kreuzungen usw. Daß es sich bei dieser Umlegung 
von Tausenden von Grundstücken um keine leichte Arbeit handelte, läßt 
sich leicht einsehen. Es zeugt von einer gerechten, sach- und menschen 
kundigen Leitung der bezüglichen Verhandlungen, daß nur etwa 8 o/o der 
Besitzer ihre Zuflucht zum Gerichtsverfahren nehmen zu müssen glaubten, 
um zu ihrem Rechte zu gelangen. 
Beim Wiederaufbau der Stadt wurde naturgemäß die Verwendung 
solcher Materialien, die eine Wiederholung des Unglücksfalles wegen ihrer 
Widerstandsunfähigkeit befördern könnten, durch die neu erlassene Bau 
ordnung ausgeschlossen. Um der Bevölkerung das ihr ungewohnte Bauen 
mit dem widerstandsfähigeren Ziegel- und Steinmaterial zu erleichtern, 
wurden vom königl, Kommissariat 20 verschiedene Normalpläne gezeichnet, 
vervielfältigt und mit allen zugehörigen Baubeschreibungen, Kostenanschlägen 
und Gesuchsformularen zusammen zum Preise von 22 Kreuzern, also etwa 
36 Pfennigen, verkauft. Hierdurch wurde die Bautätigkeit trotz der unge 
wohnten neuen Bauweise wesentlich gefördert. Bis Ende des Jahres 1883, 
wo die Wiederherstellungsarbeiten durch den Besuch des Königs offiziell 
beendet wurden, waren insgesamt rund 3150, meist ein- bis zweigeschossige 
Gebäude aufgeführt, darunter viele öffentliche Gebäude, das Rathaus, 
Theater, Gerichtsgebäude, zahlreiche Schulgebäude, Kasernen, Kirchen usw., 
So daß die weitere Bebauung nunmehr ruhig der normalen Bautätigkeit 
überlassen werden konnte. Das Stadtgebiet wurde mit dem Wiederaufbau 
gleichzeitig kanalisiert. Die Anlage der Wasserleitung blieb einem späte 
ren Zeitraum Vorbehalten. 
Zu den Arbeiten des königl. Kommissars gehörte auch die Errichtung 
einer eisernen Brücke über die Theiß und der Ausbau der Flußufer längs 
der Stadt. Auch diese Arbeiten waren bis Ende 1883 fertiggestellt. 
Insgesamt wurde daher in den nicht ganz vier Jahren 1879—1883 
mit dem Wiederaufbau der Stadt Szeged ein gewaltiges Stück Arbeit ge 
leistet, deren verantwortliche Leitung dem königl. Kommissar von Tisza 
und dessen technische Leitung dem hierzu delegierten Baudirektor von 
Budapest Ludwig Lechner oblag. Anfangs war die Tätigkeit des Kom 
missars, die mit den althergebrachten Vorurteilen und Auffassungen gründ 
lich aufräumen mußte, in der Bevölkerung keineswegs beliebt. Es bedurfte 
längerer Zeit, ehe sich die Ansicht Bahn brach, daß die gewählten Lö 
sungen eine gute und dauerhafte Grundlage für das Wiederaufblühen der 
Stadt boten, die mit über 100000 Einwohnern heute die zweite Stadt des 
Landes ist. Mit dieser veränderten Auffassung wuchs auch die Dankbar 
keit gegenüber den Männern, die in rastloser und angestrengter Arbeit 
den Wiederaufbau leiteten und anläßlich der 25. Wiederkehr des 
Beginns der Tätigkeit des königl. Kommissars wurde diesem und in seiner 
Person auch seinen Mitarbeitern von der Bürgerschaft der Stadt ein Denk 
mal gesetzt, um dieser Dankbarkeit auch äußerlichen Ausdruck zu verleihen. 
Das Denkmal (vgl. Abb.) stellt Herrn von Tisza am Ufer des Flusses 
stehend dar, wie er den Arbeitern zusieht, die gerade mit dem Bau der 
neuen Kaimauer beschäftigt sind. Es ist ein Werk des leider in jungen 
Jahren verstorbenen Bildhauers Johann Fadrusz, wohl des bedeutendsten 
der neueren ungarischen Bildhauer, das frei von aller Pose in seiner 
schlichten Unmittelbarkeit seine Wirkung auf den Beschauer nicht ver 
fehlen wird. 
B eistehend wird die neuerdings 
in WIEN beliebte Aus 
Schmückung der Beleuchtun 
Kandelaber an der Ringstraße mit 
Blumenkörben im Bilde wiederge 
geben. 
V ierundsechszig Entwürfe waren 
zu dem WETTBEWERB 
ÜBER DIE UMGESTAL 
TUNG DES MÜNSTERPLAT 
ZES ZU ULM a. D. eingelaufen. 
Den I. Preis erhielten Regierungsbau 
führer Th. Fauser in Stuttgart und 
Architekt R. Woernle in Saaleck; 
den zweiten Preis Professor Dr. E. 
Vetterlein in Darmstadt; den dritten 
Preis Regierungsbaumeister Felix Schu 
ster in Stuttgart. Angekauft wurden 
ferner die Entwürfe des Regierungs 
baumeister Martin Meyer in Hamburg, 
des Regierungsbaumeisters Karl Jung in Stuttgart und des Architekten 
Hans Bernoulli in Berlin. In längeren Ausführungen verbreiteten sich 
die Preisrichter Oberbaurat Professor Hoffmann (Darmstadt) und Professor 
Fischer (Stuttgart) über die Ansichten, die sie über die Gestaltung 
der sich vor dem Münster ausbreitenden Sandwüste hegen. Ersterer 
gab an der Hand des mit dem ersten Preis gekrönten Entwurfes ein Bild 
des zukünftigen Platzes. Darnach würde die Apostelstraße eingehen, die 
Straßenbahn in einem Bogen nach Westen gegen die Hirschstraße geführt 
werden. Gegenüber der „goldenen Gans“ würden sich einige Gebäude, 
eines davon vielleicht eine Markthalle, verbunden durch eine Mauer, er 
heben; ein Torbogen würde den Blick auf die Turmpyramide gestatten, 
der ganze Turm aber erst jenseits dieser Gebäude sichtbar werden. Vom 
Klemmschen Haus würde eine Einfriedigung zum Münster geführt, ebenso 
von der Valentinskapelle aus. An Stelle der alten Bauhütten wäre ein 
neuer Bau aufzuführen. Kurz: das einstimmige Urteil des Preisgerichtes, 
dem von Ulm der Stadtvorstand und der Dekan angehören, lautet: teil 
weise Überbauung des Platzes. Es muß sich eben nach und nach die 
Erkenntnis durchdringen, daß unser Geschlecht das gut machen soll, was 
vor 30 Jahren „gesündigt“ wurde. Damals sind, wie Professor Fischer 
ausführte, die Architekten bei ihren Plänen nur dem kühlen Verstände, 
der strengen Wissenschaftlichkeit gefolgt, während sie heute auch das Ge 
müt wieder mitreden lassen. Die Befürworter der Freüegung wußten die 
Bürgerschaft trotz anfänglichen Widerstandes für ihre Ideen zu gewinnen, 
heute wird es den Männern, die der Bebauung das Wort reden, schwerer 
sein, die Bürger zu überzeugen, daß das, was vor 30 Jahren geschehen 
ist, ganz verfehlt war. Behufs Rücksendung der eingereichten Arbeiten 
bittet das Münsterbauamt um gefl. Mitteilung der Adressen bis 1. No 
vember d. J.; andernfalls müßten die Kuverte geöffnet werden. 
Tn dem WETTBEWERBE UM DIE PLÄNE ZU DEN 
^ NEUEN FRIEDHOFSBAUTEN zu Frankfurt a. M. haben die 
Architekten Reinhardt & Süßenguth in Charlottenburg den ersten Preis, 
Architekt Opfermann in Mengeringhausen (Waldeck) den zweiten Preis 
und die Architekten Schmitt in Frankfurt a. M. und Bieber in München 
gemeinsam den dritten Preis errungen. Angekauft worden ist ferner der 
Entwurf von Wilhelm Müller in Frankfurt a. M. 
T m beschränkten Wettbewerb um einen neuen STÄDTER W^EITE- 
RUNGSPLAN für die königl. bayerische Kreishauptstadt LANDS 
HUT haben von den vier Bewerbern : städtischer Bauamtmann Bertsch(Mün 
chen), Architekt Lasne (München), königl. Hochschulprofessor Pützer (Darm 
stadt) und Geheimer und Oberbaurat Dr. Ing. Siübben (Berlin), die beiden 
letztgenannten Herren den Preis zu gleichen Teilen zuerkannt erhalten. 
Verantwortlich für die Schriftleitung: Theodor Goecke, Berlin. — Verlag von Ernst Wasmuth A.-G., Berlin W., Markgrafenstraße 35. 
Inseratenannahme C. Behling, Berlin W, 66. — Gedruckt bei Julius Sittenfeld, Berlin W. ,— Klischees von Carl Schütte, Berlin W,
	        
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