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Volume H. 11

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 3.1906 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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zugen. Die Häuser können stellenweise als Doppelhäuser 
und auch zu größeren Gruppen zusammengefaßt werden. 
Das Gelände im Süden und Westen des Erweiterungs 
gebiets gestattet Baublöcke von größerer Tiefe anzulegen, 
so daß hier der Grundsatz, jedem Haus einen größeren 
Hausgarten zuzuweisen, bei geschlossener Bauweise 
erfüllt werden kann. Bei dieser heute in Oppau nicht üb 
lichen Bebauung beanspruchen die meisten Häuser nur 
einen Brandgiebel, die Wohnräume sind leichter zu heizen, 
da der Kälte nur zwei Seiten als Angriffsflächen statt drei 
oder vier preisgegeben sind. Außerdem ist die Bebauung 
auf die Einheit der Straßenlänge eine dichtere. Die An 
lage und Unterhaltung der Straßen wird wirtschaftlicher. 
Auf einem Hektar Gesamtfläche der offenen Bauweise 
stehen etwa 11,4 Häuser. Auf 100 lfd. m Straßenlänge ent 
fallen 6,6 Häuser. Bei der geschlossenen Bauweise kommen 
aüf 1 ha Gesamtfläche 17,3 und auf 100 lfd, m Straßenlänge 13,6 
Häuser. 
Die öffentlichen Gebäude. 
An den Plätzen, als den Mittelpunkten und auch Ruhe 
punkten des Verkehrs stehen die Öffentlichen Gebäude. 
Die Plätze werden auch von den Handel- und Gewerbe 
treibenden bevorzugt sein, besonders, wenn hier allein eine 
größere Gebäudehöhe zugelassen wird. Da für die Be 
wohner an den Plätzen der größere Gartenbesitz am Hause 
nicht so wichtig ist, so kann hier die geschlossene Bau 
weise bei günstiger Aufteilung des Grundbesitzes vorge 
sehen werden. 
Die Lage der Öffentlichen Gebäude ergibt sich auch aus 
den Verhältnissen. Das zukünftige Gemeindehaus soll 
nahe dem Mittelpunkt der bestehenden Gemeinde, und auch 
im Schwerpunkte der zukünftigen Stadt — an Verkehr 
straßen — liegen. Ein Anbau des Gemeindehauses enthält 
Volkslesehalle und Bibliothek. 
Mehrere Schulen sind an stillen abgelegenen Plätzen 
geplant, meist längs der Breitenrichtung des Platzes. 
Die Kirchen liegen — leicht auffindbar — so, daß nur eine 
oder zwei Seiten als Fronten auszubilden sind und die 
Längsaxe der Kirche parallel zur Längsaxe des Platzes 
fällt, diesen somit beherrscht. Weiter ist eine Art Saalbau 
— ein Versammlungsgebäude — mit großem Wirt 
schaftsgarten vorgesehen. 
Gesundheitlich wichtig ist der Entwurf eines 
Schlachthofs, welcher wegen der Westwindrichtung und 
der leichten Abführung der Abwasser in den Osten des 
Erweiterungsgebietes in die Nähe des geplanten Kanal 
auslasses gelegt wurde. 
Gesundheitliche Gesichtspunkte. 
Arbeit in frischer Luft, Wohnen abseits vom Rauch 
und Lärm der Fabriken, inmitten der Gärten, und doch in 
Häusern, die meist nur von zwei Seiten dem Wetter aus 
gesetzt sind. 
Nicht nur billige, sondern auch gesunde, wenig staüb- 
erzeugende trockene Straßen. Ablenkung des Verkehrs 
mit seinem Lärme und Staub auf wenige breitere Straßen. 
Auf den größeren Plätzen sind Baumreihen anzupflanzen 
oder Jugendspielplätze vorzusehen. 
Die gesamten Anordnungen sollen in erster 
Linie zweckentsprechend, nützlich sein. Das Bild 
der einst entstehenden Gemeinde soll ein Spiegelbild ihrer 
Bevölkerung geben. Mit einfachen, wenig kostspieligen 
Mitteln soll unter genauester Anpassung an die örtlichen 
Verhältnisse dieses Ziel erreicht werden. Sind bei soviel 
Nützlichkeitsgedanken die ästhetischen Forderungen, 
die man jetzt stets in die erste Reihe zu stellen pflegt, ver 
nachlässigt worden? — Ich behaupte nein — im Gegen 
teil. Die Gruppen öffentlicher Gebäude, die konkaven 
Straßenlängenprofile, die kurzen geraden Straßen, die län 
geren geschwungenen Straßen, wechselnde Straßenbreiten 
usw. geben Gelegenheit, eine Fülle hübscher Platz- und 
Straßenbilder zu schaffen; so, daß der Eindruck des heime- 
lichen, wohnlichen, der den großstädtischen Arbeiterkolo 
nien mangelt, hier nicht zu fehlen braucht. 
Heimlich und traut ist der Grundzug der Anlage. Die 
Seßhaftigkeit der Arbeiterbevölkerung zu mehren, die Frau 
durch häuslich landwirtschaftliche Arbeiten ans Haus zu 
fesseln, durch eigenen Boden Heimatgefühl zu wecken, 
durch die materiellen Güter geistige und sittliche Werte 
zu schaffen, soll der Zweck dieser Anlage sein. 
LANDHAUSSIEDELUNG ZUCKERSCHALE 
IN SCHREIBERHAU IM RIESENGEBIRGE. 
Von C. WEYRICH, Hirschberg (Schlesien). 
Schreiberhau ist das größte Dorf des Riesengebirges, 
zerfällt in drei und zwanzig Teile, deren jeder einen eige 
nen Namen hat, und war schon im 15. Jahrhundert be 
kannt, wo es von hussitischen Flüchtlingen gegründet sein 
soll, die sich mit der Glaserzeugung beschäftigten, einem 
Industriezweige, welcher noch heute den Ruf des Ortes 
über Land und Meer trägt. 
Der ganze obere Teil des in seiner wilden Romantik 
einzig dastehenden Zackentales wird von den Einzelteilen 
des Ortes, der sich fünf Stunden lang über das Gebirge 
ausdehnt, umschlossen. 
Mit Land- und Gasthäusern und Gastwirtschaften ist 
Schreiberhau, namentlich das Marientai und Weißbachtal, 
übersäet, nur das sogenannte Niederdorf war damit bis 
her stiefmütterlich abgefunden worden. Wohl hatte sich 
hier und da die Bautätigkeit geregt, auch hatte Pro 
fessor Berent-Berlin sich ein Tuskulum auf steiler Höhe 
in der sogenannten Gletscherregion, der „Adlerfels“ ge 
nannt, geschaffen, in welchem er sehenswerte Samm 
lungen unterbrachte. Aus einer Wassermühle formte der 
selbe Herr eine niedliche Villa, das „Mühlenschlößchen“, 
doch er blieb mit seinen Unternehmungen ohne nenn 
bare Nachahmungen. 
Der frühere Besitzer des Zuckerschaiengeländes, Gene 
raldirektor Dr. J. Uhles in Breslau hegte den Plan, hier 
eine Landhaussiedelung zu schaffen. 
Das Gelände ist rund 19 ha groß, stark bergig, 
und mit kleinen Wald- und Buschgehölzen durchsetzt* 
Diese zu schonen und die Plätze so zu wählen, daß 
keiner den andern ln der Aussicht störe, war Auf-
	        
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