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Volume H. 10

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 3.1906 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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geradezu brach. Das ganze Wohl und Wehe der Ortschaft 
hängt vielfach von einer Belebung der gewerblichen Tätig 
keit durch neue Industrien ab. Die Hauptsorge der Ver 
waltungen solcher Städte ist es daher» wie man aus häu 
figen Anzeigen sehen kann, neue Industrien in ihre Mau 
ern zu bekommen und sie sind für diesen Zweck zu vielen 
Opfern bereit. 
Wir können also annehmen, daß eine beträchtliche 
Zahl von Kleinstädten grundlegende Bedingungen (billiges 
Bauland, gute Transportverhältnisse, reichliches Arbeits 
angebot) des Gewerbelebens erfüllen. Und sie könnten 
diese Lockungen noch ohne große Opfer vermehren. Sie 
könnten, um die Transportbedürfnisse der Industrie noch 
besser zu befriedigen, ein besonderes Anschlußgleis für 
Gewerbebetriebe bauen, sie könnten den ersten zur Nieder 
lassung bereiten Betrieben das Land zu Ausnahmebedin 
gungen geben, sie könnten endlich an eine Versorgung 
der Stadt mit Elektrizität (nicht nur für Beleuchtungs-, 
sondern namentlich auch für Kraftzwecke) denken. Um 
hier ein geringeres Risiko auf sich zu nehmen, könnte 
dies in Gemeinschaft mit einem ersten industriellen Be 
triebe geschehen. Die elektrische Kraft würde nicht nur 
ein Anziehungsmittel für weitere industrielle Betriebe sein, 
sondern könnte auch dazu dienen, die verfallenden Klein- 
und Heimindustrien des Orts zu reorganisieren und 
leistungsfähiger zu machen.*) Würden kleine Städte in 
dieser Weise der Gewerbetätigkeit ein warmes Bett zu 
bereiten suchen, würden sie dann ferner ein wenig für 
eine anschauliche Propaganda tun, etwa in der Form, wie 
es die Bodengesellschaften machen, so kann schwerlich 
eine industrielle Entwicklung ausbleiben. Denn man halte 
sich stets vor Augen, daß die Großstadt — der bisherige 
Hort der Industrie — dieser das Leben zu schwer macht, 
sie förmlich abstößt. 
Doch es entsteht hier eine andere Frage: werden Klein 
städte bezw, ihre Verwaltungen und Vertretungen dieser 
Aufgabe gewachsen sein? Werden sie die nötige sozial 
politische Einsicht, die erforderliche Opferwilligkeit, sowie 
die organisatorische und finanzielle Kraft besitzen? 
Lassen wir diese Frage, offen. Oder nehmen wir das 
Ungünstigste an, nämlich, daß dem nicht so wäre. Wäre 
damit der ganze Plan gescheitert, wäre nicht ein Ausweg 
möglich? Wäre es nicht denkbar, daß die Kreisbehörden oder 
gemeinnützig denkende Kreise der Gegend einer Kleinstadt 
*) Vergl, gemeinnützige Gesellschaften für Werkstättenbau. Deutsche 
Gartenstadtgesellschaft Schlachtensee-Berlin. 
in einem solchen Bemühen unterstützen könnten? Denn es 
läge zweifellos im Interesse des Kreises, der ganzen Gegend, 
wenn eine solche Entwicklung sich Bahn brechen würde. 
Aber nehmen wir an, auch hierfür wäre keine Aus 
sicht vorhanden, — gäbe es dann nicht noch eine andere 
Möglichkeit? Wie, wenn eine private Gartenstadt 
gründungsgesellschaft statt auf das flache Land zu 
gehen, ihre Aufgabe neben und in Gemeinschaft 
mit einer Kleinstadt zu lösen suchte? Sie könnte der 
Kleinstadt dadurch, daß sie Besitzerin eines großen Teils 
der Gemarkung wird, die große Aufgabe einer weitsichtigen 
Bodenpolitik und der zweckmäßigen und planvollen Er 
schließung des Stadtgeländes, sowie die gesamte Agitations 
arbeit abnehmen. Die Kleinstadt hätte dann nur noch 
durch Einführung von den besprochenen Steuermaßregeln 
und technischen Maßnahmen dafür zu sorgen, daß keine 
ungerechte Begünstigung der alten Bewohner eintritt, daß 
der Wertzuwachs, den die neue Entwicklung bringt, der 
Allgemeinheit zugeführt wird, sowie, daß eine enge Wohn- 
dichtigkeit vermieden wird. Eine private gemeinnützige, 
aus sozialpolitischen und allgemeinen Interessen entstandene 
und mit finanziellen und organisatorischen Kräften aus 
gerüstete Gesellschaft könnte also der Kleinstadt die ge 
stellte Aufgabe fast ganz abnehmen oder doch wesentlich 
erleichtern. Und dabei würde sie sicherlich die Erreichung 
des eigenen Ziels weniger schwierig gestalten. Wenn eine 
vollständige Neugründung von Städten, wie bereits das 
englische Beispiel zu zeigen scheint, auch keineswegs etwas 
Unmögliches ist, sogar in technischer und wahrscheinlich 
auch sozialer Hinsicht die Vorteile eines unbeschriebenen 
Blattes hat und u. U. auch noch mit geringeren Boden 
preisen rechnen kann, so bietet doch das Zusammengehen 
mit einer Kleinstadt, die gewisse Grundbedingungen er 
füllt, recht große und viele Vorteile. Die Mittel für Erwerb 
von Grundbesitz könnten bedeutend niedriger sein, wenn — 
was häufig der Fall — die Stadt selbst größere Ländereien 
besitzt und sie der Gesellschaft in Erbpacht überläßt. Auch 
zu den Aufschließungskosten (Straßenbau usw.) könnte wohl 
die Gemeinde beitragen. Und endlich gewährt die be 
stehende Kleinstadt mit ihren sozialen und wirtschaftlichen 
Einrichtungen alle Vorteile eines ersten Ansiedlungskerns, 
dessen Bedeutung nicht zu unterschätzen ist. Der sonst 
schwierig zu beschaffende Kristallisationskem ist bereits 
gegeben. Es scheint uns somit eine Interessengemeinschaft 
zwischen privater Gartenstadtgesellschaft und kleinstädti 
scher Gemeinde vorzuliegen, die zu einer Erfüllung großer 
sozialer Aufgaben berufen ist. 
DIE EUROPÄISCHE STADT. 
Von Dr. HANS SCHMIDKUNZ, Berlin-Halensee. 
Esjist nicht gut|möglich, von einer europäischen Stadt 
im genauen Sinne des Wortes zu sprechen. Es gibt ja 
auch keine europäische Sprache; und selbst von europä 
ischen Sprachen kann in ganz genauem Sinne nur ebenso 
die Rede sein, wie von asiatischen oder afrikanischen 
Völkern. Am schwersten wird es, von Gegensätzen gegen 
eine europäische Stadt zu sprechen, also von nichteuropä 
ischen oder auch nur von afrikanischen oder asiatischen 
Städten im allgemeinen. Zahlreiche, ganz wesentlich von 
einander verschiedene Typen von Städten sind es, die wir 
meinen, wenn wir hier vom Auslande sprechen. Dazu 
kommt noch folgender Umstand. Fernerliegende Städte 
sind uns überhaupt sehr wenig bekannt; und näherliegende 
glauben wir zwar zu kennen, kennen sie aber recht wenig 
in der Hinsicht, um die es sich hier handelt. Wirmeinen 
diesmal nicht eigentlich die historischen, politischen und
	        
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