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Volume H. 9

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 3.1906 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
121 
Kornmarkt in Wetzlar. 
keiner Beschaulichkeit kommen; vergebens ist hier mit 
vielen Kosten ein Denkmal errichtet, er sieht es nicht, er 
hat nur den einen Wunsch möglichst schnell sein Leben 
in Sicherheit zu bringen. — 
Da ist es denn für denjenigen, der den Kunsteindrücken 
nicht verschlossen ist, immer wieder ein Genuß, sich in 
die Schönheit und den besonderen Reiz alter Straßen und 
Plätze zu versenken. 
Hier bewundern wir die natürlich sich schlängelnde 
Straße, ein Zusammenziehen, ein Verbreitern, ein Auf 
und Nieder, dort einen ruhigen, stillen Platz, auf dem 
wir geborgen sind, und dessen schöner kunstvoller Zier 
brunnen uns zum Plaudern über die mannigfachen Ein 
drücke anregt. Mit jedem Schritte zeigen sich neue inter 
essante Bilder, kurz, wir beobachten ein organisches 
Wachsen, ein sinngemäßes Anpassen an die bestehenden 
Verhältnisse und natürlichen Höhenunterschiede. Alles 
ordnet sich einer Idee, einer überkommenen heimatlichen 
Überlieferung unter. 
Das Lahntal von Nassau bis Marburg mit seinen Na 
turschönheiten, seinen alten Städten, Burgen und Schlössern 
ist für eine Studienreise wie geschaffen. Diese Städte 
bieten durch ihre Lage und Umgebung, ihre bedeutsame 
Vergangenheit und ihre ehrwürdigen Bauwerke eine Fülle 
von Anregung für den Baukünstler, "und namentlich die 
nachstehend herangezogenen Beispiele dürften dem mo 
dernen Städtebauer manch beherzigenswerte Lehre geben. — 
Wetzlar, eine altertümliche Stadt von 12000 Einwohnern, 
malerisch auf einer Anhöhe am linken Ufer der Lahn gegen 
über der Mündung der kleinen Dill gelegen, ist nament 
lich berühmt durch seinen ehrwürdigen Dom aus dem 
12. Jahrhundert. Auf dem Kornmarkt, Abb. a, Tafel 70 und 
Textbild, entwickelt sich ein sehr reger Durchgangsverkehr 
in der Richtung der Oberthorstraße nach der Schuhstraße, 
also nach der Mitte der Stadt, hin. Es ist interessant 
und rührend zu beobachten, wie die Alten sich in so 
schwierigen Fällen wie hier geholfen haben. Zur Über 
windung der Steigung ist nicht das Gelände geregelt, 
und alles „schön“ geebnet, wie es heute, selbst wenn 
es mit großen Kosten verknüpft ist, allgemein üblich 
ist, sondern es sind unter Beibehaltung der natürlichen 
Höhenunterschiede malerische Futtermauern und Treppen 
angelegt. Der Fußgänger geht den kürzeren Weg von 
der Schuhstraße über die rechts angelegte 2,55 m stei 
gende Treppe, oder von der Gewahdgasse über die links 
angelegte, 1,64 m steigende Treppe; die Wagen fahren 
den etwas längeren, dafür aber leichteren Weg von 
der Schuhstraße, der Gewandgasse und der etwas 
weiter oberhalb einmündenden Schmiedgasse nach der 
Oberthorstraße und umgekehrt. Wesentlich für einen 
ruhigen gefahrlosen Fußgängerverkehr ist die Geschlossen 
heit der beiden langen Platzwände; es münden keine 
Querstraßen ein und ist somit eine Gegenströmung aus 
geschlossen. Von der Oberthorstraße, welche geschickt 
seitlich einmündet, so daß hier die Geschlossenheit des 
Platzes gewahrt bleibt (das letzte vorgebaute Haus auf der 
rechten Seite, a, Tafel 70, verstärkt wesentlich diesen Ein 
druck), verbreitert sich der Platz ständig durch Zurück 
treten der Platzwände, um so im unteren Teil Raum für 
die Futtermauern, Treppen und die reizende Brunnen 
anlage zu schaffen. Durch die auseinandergehenden Platz 
wände kommen die Häuser zur Geltung ohne sich gegen 
seitig überschreien zu müssen. — 
Eine außerordentlich schön gewundene Straße be 
wundern wir auf Tafel 69. Herborn, ein Städtchen von 
3700 Einwohnern, liegt am Fuße des Westerwaldes und 
ist von Wetzlar aus bequem zu erreichen. Malerisch 
von einem burgartigen Schloß überragt, gewährt es mit 
den Resten der Stadtmauern und Tore und den zahl 
reichen geschieferten Fachwerkhäusern aus dem 17. und 
18. Jahrhundert einen interessanten, altertümlichen Ein 
druck. Vor dem 1610 erbauten Rathause ist lediglich 
eine platzartige Verbreiterung der Straße geschaffen, 
um hier Markt abhalten zu können, das Denkmal ist
	        
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