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Volume H. 9

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 3.1906 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
116 
Abb. 5. 
Grosse Strasse 
0 °° 0 0 ♦ • - - o o „ . 0 0 „ 
Promenade 
o Ö o 
und kostspieligen Zerstörung der Wälle und des Drum 
und Dran langweilig und einförmig geworden sind. Die 
Behauptung, daß die Städte durch diese Zerstörungs 
arbeiten ,,geöffnet“ würden, ist ein Trugschluß, Eine Stadt 
wird dadurch nicht offener, daß sich um den Kern, statt 
eines Gürtels von grünen Wällen und vereinzelten Turm 
anlagen, sich ein neuer noch höherer Gürtel von vier 
stöckigen Mietskasernen erhebt. Was heißt überhaupt 
offen? Ein Stadtkern kann nie offen sein in dem Sinne, 
wie es ein Gartenviertel ist, da seine eigene Bebauung ja 
keine offene ist. Und da die Tore nicht mehr nachts ge 
schlossen werden, wie in früheren Zeiten, so könnte es 
sich höchstens um die Zahl und Breite der Zufahrten 
handeln. Wenn sie nicht genügt, muß sie natürlich ver 
mehrt werden. Doch liegt darin nicht die Notwendigkeit, 
den Wallgürtel selbst zu zerstören. 
Nürnberg bildet ein gutes Beispiel dafür, daß eine Groß 
stadt sehr wohl diesen Wallgürtel in ihren neuen Organis 
mus einschließen kann. Daß Nürnberg dadurch nichts 
verloren, sondern im Gegenteil etwas gewonnen hat, was 
keine andere deutsche Stadt mehr besitzt, ist eine zu bekannte 
Tatsache, um sie von neuem beweisen zu müssen. Ein 
jeder, der Nürnberg kennt, wird wissen, daß Verkehr 
schwierigkeiten dort nicht entstehen, und es mehren sich 
die Stimmen, die es aus wirtschaftlichen Gründen bedauern, 
daß frühere Zeiten nicht noch konservativer verfahren 
sind, als es geschehen ist. Hoffentlich wächst allmählich die Er 
kenntnis, daß es nicht nur aus Einzelgründen zu wünschen ge 
wesen wäre. 
Bei den meisten Städten lag kein Grund vor, die Promenaden 
selbst zu beseitigen, sondern man ließ sie in ihrer alten Breite stehen 
und schuf nur nach vollkommener Einebnung und der Anpflanzung 
von „Parkanlagen“ langweiliger gelegene Baustellen. Einige große 
Städte haben zwar alles zerstört und an ihrer Stelle die sogenannten 
Ringstraßen angelegt. Es läßt sich wohl darüber streiten, ob diese 
ihren Platz ausgerechnet an dieser Stelle finden mußten, oder ob 
einige weite, groß angelegte Gürtelstraßen nicht gerade so gut auch 
hundert Meter weiter draußen sich hätten hinziehen können. Das, 
was die Städte durch Konservierung ihrer Vergangenheit gewonnen 
hätten, hätte sicherlich manche andere Nachteile reichlich aufge 
wogen, wenn das Allgemeinwohl über Vorteile vereinzelter Bauspeku 
lanten gestellt wird. Die Art und Weise, wie aber die alten Wall 
anlagen am besten vom Bedürfnisse nach neuen Wohnstätten hätten 
benutzt werden können, ist für einen mit Raum- und Gestaltungs 
gefühl begabten Menschen so einfach, daß man immer noch nicht 
versteht, warum die Menschen den einfachen Gedanken ihrer Vor 
fahren nicht begreifen konnten. An der Außenseite des Walls, also 
noch außerhalb der Promenadenwege, ergaben sich die Baustellen 
ganz allein. Die brauchten nicht besonders geschaffen zu werden. 
Die Wallmauern selbst aber boten doch nicht allein für Gartenhäus 
chen, sondern auch für größere Wohngebäude ausgezeichnete Bau 
stellen. 
In der Regel lief zwischen Stadtmauer und Stadt eine schmale 
Gasse, von der aus einst die Wallgänge erreicht wurden (Abb. 4). 
Weiter stadtwärts liegen meist langgestreckte Grundstücke die sich 
bis zur nächsten größeren inneren Ringstraße hinziehen (siehe Abb. 5, 
Grundriß), Die Bebauung hätte nun folgendermaßen vor sich gehen 
können, wie sie tatsächlich schon hier und da in Ansätzen aus dem 
18. und 19. Jahrhundert vorhanden ist. Sollten kleinere Häuser von 
mäßigem Umfang errichtet werden, so genügten oft schon 
die Grundstücke, die zwischen der kleinen Gasse und 
der Stadtmauer lagen. (Siehe auf dem Grundrißschema 
Abb. 5, Zone e und f.) Bei den großen mittelalter 
lichen Befestigungswerken ist da eine Tiefe von 10—15 m 
keine Seltenheit, was zum Einbauen eines mäßigen Hauses 
ja vollkommen genügt. Ein solches Haus stützte sich 
mit der einen Front vorn auf die soliden Fundamente 
der alten Stadtmauern, und seine Fenster boten nach 
der Seite den freiesten und reichsten Blick, den man 
sich wünschen konnte, und mit der anderen Front lag 
das Haus in der kleinen Gasse d, die einen stillen Zu 
gang bildete, der aber nicht unfreundlich zu sein brauchte. 
Es hätte in der Hand der neuen Anlagen gelegen, diese 
ganze Gasse allmählich zum angenehmsten Gartenwege 
zu gestalten, wie es heute an anderen Stellen doch so 
oft in Form von Privatstraßen angestrebt wird. Wünschte 
man in ihr ein größeres Haus und Garten, so konnte man 
beliebig viel Gelände auf der Mauer abteilen und zuweilen so 
gar alte Bastionen für Gartenhäuser usw. ausbilden, wie es 
auf Abb. 6 zu sehen ist. Daß ein so angelegtes Haus 
von der Promenade her ein wundervoll bereicherndes 
Stadtbild abgeben kann, wird man bei Betrachtung der 
Bilder ohne weiteres verstehen. Die auf Abb. 3 ab 
gebildete Bastion ist in ihrem untern Teil verwahrlost, aber 
Bilder wie Abb. 2 und 4 auf Tafel 65 u. a. werden leicht zeigen, 
was mit wenig Mitteln aber viel Verständnis daraus ge 
macht werden kann. Auch wenn die Bebauung keine so weit 
läufige mit großen dazwischen gelagerten Gärten hätte sein
	        
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