Path:
Volume H. 8

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 3.1906 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
108 
mäler in Posen und in Schwaben, in Schleswig und im 
bayerischen Oberland. Sie zeigen so wenig Eigenart und 
Bodenständigkeit, daß sie „nach Belieben vertauscht“ 
werden könnten. In der Tat aber ist es mit der Bewahrung 
der Stammeseigenart und dem Festhalten an schönen 
heimischen Überlieferungen doch noch weit besser bestellt, 
als eben die Denkmäler vermuten lassen. Und auch der 
Schönheitsinn der Bürger darf nicht vorschnell nach 
ihren öffentlichen Denkmälern beurteilt werden. Allein, 
wo noch ein solcher, wo Eigenart und Urwüchsigkeit vor 
handen, da ist Gefahr, daß sie unter dem Einflüsse der 
modischen sogenannten Kunstpflege anfaulen und schließ 
lich sich auflösen. Wenn das Kunst ist und schön, was 
mit dem teueren Geld der Bürgerschaft bezahlt und in ihrer 
Mitte aufgestellt wurde, so muß sich die naiv bemalte 
Truhe und der grob geschnitzte Fuchs am Gartentore be 
schämt in die Rumpelkammer zurückziehen. Und man 
geht in den Bazar und kauft Faust und Gretchen aus 
Papiermasse und eine Schatulle mit gestanzten Orna 
menten im Jugendstil. 
Obwohl es zu begrüßen ist, daß heute allgemeiner die 
Verpflichtung anerkannt wird, die Kunst zu unterstützen, 
und obwohl gerade den Bildhauern, die immer einen be 
sonders schweren Stand haben, die günstige Gelegenheit 
nur zu gönnen ist, so heißt es doch, Augen offen halten 
und wachsam bleiben, ob wir mit dem herrschenden Be 
triebe nicht in eine ganz falsche Richtung hineingeraten. 
Was ist wichtiger, der Schmuck oder die Sache? Besteht 
Wesen und Aufgabe der Kunst darin, daß neben dem Not 
wendigen und Nützlichen ein Schönes geschaffen wird, 
das nur außerhalb des Lebens gedeiht, im Bereiche des 
Überflüssigen, des bloß Schmückenden, in den luftigen 
Höhen der Unwirklichkeit, der Phantasie? Dieser Auf 
fassung entspricht das Monument, daß es die Kunst ver 
trete. Es ist ein Opfer an die Kunst (vielleicht auch an 
die Geschichte oder an den guten Ruf der Stadt), aber 
erlösenden Wert hat es nicht, so ^yenig wie ein aus Knie 
beugen und Mundgebet bestehender Gottesdienst. Unsere 
Denkmalpflege zeigt sonnenklar, daß die Kunst noch 
keinen Eingang gefunden hat in unser persönliches Leben, 
daß sie uns noch nicht mehr geworden als eine Anstand 
sitte. 
Was bedeutet ein schöner Ring an einem häßlichen 
Körper, oder ein herrliches Gemälde in einem Raume, der 
von Barbarei und Geschmacklosigkeiten strotzt? Der Ring 
und das Bild, sie werden nicht aufhören, uns zu ver 
spotten und anzuklagen, wenn unsere Bewegungen, unsere 
Sprache, unser Tagewerk nicht mit ihnen zusammenklingen, 
wenn wir, selbst aller Grazie und Geschmackes bar, ge 
glaubt, durch das gekaufte Ding unsere Unkultur zu be 
mänteln. Kunst läßt sich nicht kaufen, nicht einftihren; 
entweder glauben wir an sie und leben ihr nach, oder sie 
ist wertlos, ein Schmarotzergewächs, das uns nicht nützen 
und selber nicht gedeihen kann. 
Die Kunst will nicht unterstützt werden; sie geht nicht 
umher und bettelt um Almosen, die ihr mehr oder weniger 
willig gegeben werden, mit allerlei arglistigen Hinter 
gedanken und mit dem kaum verhehlten Wunsche, durch 
ein nicht zu hohes Lösegeld sich ein für allemal der Zu 
dringlichen zu entledigen. Hütet euch, ihr Bürger, ein 
schönes Denkmal zu errichten, wenn nicht eure Stadt bis 
in die entlegenste Straße und bis in den dunkelsten Winkel 
mit Ehren davor bestehen kann, hütet euch vor dem 
stummen Vorwurfe gegen unser eigenes Leben, das, ach, 
von Schönheit so weit entfernt. Und ein schlechtes Denk 
mal, das könnt ihr euch ersparen, denn mit einem solchen 
dient ihr weder der Kunst (sie nimmt es nicht als Opfer 
oder Lösegeld an), noch dem großen Manne, dem es eher 
zur Schande als zum Ruhme gereicht. 
Freilich, wer auf die Masse der Reisenden hofft, der 
rechnet nicht falsch, wenn er für sie ein Schaufutter, 
ein Schaumahl auftischt, auf daß sie etwas zu begucken 
und zu beschwatzen haben. Es sind dieselben, die vor 
dem großartigsten Alpenpanorama nichts Besseres zu tun 
wissen als festzustellen: dies Ist der Montblanc, dies die 
Jungfrau, dies der Eiger, „Wir haben den Montblanc ge 
sehen, das Bismarckdenkmal, den Augustusbrunnen usw.“, 
erzählen die Guten dann triumphierend zu Hause, und 
meinen Wunders, was sie damit — erlebt haben. Allein 
die Frage ist doch berechtigt, ob die Kunst keinen höheren 
Zweck hat, als Fremdenköder zu schaffen und Sterne für 
den Bädeker? Unserer Zeit, die alles von dem einen Ge 
sichtspunkt aus betrachtet; Was trägt es ein, was ist da 
mit zu verdienen, mag allerdings diese Auffassung be 
sonders nahe liegen. 
Wenn wir es aber mit der Kunst ernst meinen, wenn 
ein Fürst beabsichtigt, seine Residenzstadt zur schönsten 
der Welt zu machen, dann hat es keinen Sinn, mit Denk 
mälern zu beginnen. Wie ein Haus dadurch, daß wir in 
seine Wand ein gutes Bildwerk einmauern, noch lange 
nicht schön wird, so auch nicht eine Stadt durch Monu 
mente. Was meine ich damit? Dieses: die Stadt als Ganzes 
ist ein Organismus, eine Einheit von vielen verschieden 
artigen Teilen, deren Schönheit nicht in der Vollkommen 
heit irgend eines Teiles beruhen kann, sondern nur in 
der Vollkommenheit des Zusammenstimmens der Einzel 
glieder, in der Art, wie sie sich zum Ganzen vereinigen. 
Die schönste Stadt ist also diejenige, die in Gestalt und 
Lage der Bauwerke, in Führung und Maßen der Straßen 
und Plätze deren Beziehungen zum Ganzen am besten 
zu Ausdruck bringt. Jedes Gebäude, jede Brücke, jeder 
Weg ist ja ein tätiges, bedeutungsvolles Glied am großen 
Organismus der Stadt und hat als solches eine bestimmte, 
für das Allgemeine notwendige Aufgabe. Wie nun in der 
Natur die Teile der lebendigen Organismen, der Pflanzen 
und Tiere, eine solche Form haben, daß sie nicht nur 
ihren Zweck in der denkbar idealsten Weise erfüllen, 
sondern das Leben, die Kräfte, die Arbeitsleistung auch 
nach außen unserm Auge sichtbar und verständlich ver 
künden, (die Kralle greift, der Stengel trägt) und wie sich 
diese Teile zur denkbar idealsten Harmonie vereinigen 
(darauf beruht dann die Schönheit der Pflanze, des Tieres 
als Ganzes), so werden wir von einer Stadt dann einen 
harmonischen und befriedigenden Eindruck haben, wenn 
sie in ihren Teilen und als Ganzes die gleichen Eigen 
schaften aufweist. Solange diese wesentliche Schönheit 
nicht vorhanden, kann aller Schmuck nur falsch angebracht 
und komisch wirken. 
So wie die Dinge heute liegen, ist allerdings in den 
meisten Fällen am Stadtbild im Großen nichts mehr zu 
ändern. Es kommen nur teilweise Umgestaltungen in Neu 
bauten, Straßenerweiterungen, Durchbrüchen, Park- und 
Brunnenanlagen usw. in Betracht. Aber schon bei diesen 
kleineren Gelegenheiten ließe sich Bedeutendes erreichen.
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.