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Volume H. 7

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 2.1905 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Die Parkfriedhöfe der Großstädte Amerikas, die in 
weiser Voraussicht in ihren ersten Anfängen mehr denn 
ein halbes Jahrhundert zurück, meist in Abmessungen von 
Über 200 amerikanischen Morgen groß angelegt wurden, 
sind häufig auf hügeligem Gelände mit weitem Ausblick 
gelegen, und Begräbnisorte, wie sie schöner nicht gedacht 
werden können. Hier verliert der Tod allen Schauer unter 
dem lieblichen Gewände der Schönheit von Natur und 
Kunst, wie es die bedeutendsten amerikanischen Architek 
ten und Landschaftsgärtner, wie Olmstedt, gewoben haben. 
AUSDRUCK IM STÄDTEBAU. 
Von DR. HANS SCHMIDKUNZ, Berlin-Halensee. 
Innerhalb der täglichen Einzelarbeit an den praktischen 
Aufgaben des Städtebaues vergessen wir nur zu leicht, daß 
dieser ebenso wie andere menschliche Betätigungen ein 
Gegenstand nicht nur der Praxis, sondern auch der Theorie 
ist, und daß beide, Praxis und Theorie, gut daran tun, sich 
beizeiten mit einander zu vertragen. Sofern nun der 
Städtebau als eine künstlerische Angelegenheit aufzufassen 
ist, gehört eine Theorie von ihm zu demjenigen Wissens 
gebiete, das längst unter dem vielberufenen Namen der 
Aesthetik bekannt ist. Aesthetik, oder wie immer man 
auch dieses Gebiet nennen mag, ist zuförderst lediglich 
Sache der Erkenntnis, eine Befriedigung des menschlichen 
Wissenstriebes, eine Theorie schlechtweg ohne irgend ein 
Absehen auf praktischen Nutzen, ein Selbstzweck ebenso, 
wie es im Wesen jeglicher anderen Wissenschaft liegt. 
Nun weiß man aber aus Erfahrung, daß eine Theorie, 
wenn sie nur für einen Selbstzweck wirklich gut ist, doch 
auch häufig oder immer den Nebenerfolg hat, praktisch 
förderlich zu wirken. Gerade je „reiner“ sie ist, desto 
mehr kann man sich auf sie verlassen, während eine von 
vornherein auf praktische Anwendung ausgehende Theorie 
bereits dem Verdacht ausgesetzt ist, daß sie im Dienst 
irgend welcher praktischer Rücksichten steht. Kurz, es 
stellt sich das heraus, was man besonders in der Praxis 
und Theorie der Pädagogik seit langem schon weiß: das 
Praktischeste ist und bleibt eine gute Theorie. 
Daß nun für jegliche Theorie die Wirklichkeit oder 
die Praxis im weitesten Sinne der unentbehrliche Haupt 
gegenstand der Forschung ist, weiß man ebenfalls schon. 
In dem Maße nun, als dies richtig ist, wird für jegliche 
Theorie, in unserem Fall also für die Aesthetik, eine 
Materialsammlung möglichst weiten Umfanges nötig; und 
zwar nicht nur historisch und geographisch, sondern auch 
systematisch, zumal insofern, als allgemeine Typen aus 
der Fülle des verschiedentlichen Einzelnen herausgearbeitet 
werden sollen. 
Nun hat sich die Aesthetik, oder die Lehre vom 
Schönen oder die Lehre von der Kunst und dergleichen, 
seit mehreren Jahrzehnten trotz aller Verdienste ihrer 
Klassiker doch in Richtungen bewegt, welche wenig Aus 
sicht geben, daß sie den einzelnen Teilen ihres Gebietes 
theoretisch gerecht und praktisch förderlich werden kann. 
Es ist hier nicht der Ort, Über die Einseitigkeiten einer 
idealistischen und einer formalistischen und anderer 
Aesthetiken zu sprechen. Nur zwei Seiten der Sache 
müssen hier festgehalten werden. Erstens erschöpft sich die 
bisherige Aesthetik fast immer nur in der Beobachtung und 
Erklärung des Eindruckes, den ein ästhetischer Gegenstand 
auf den ihm entgegentretenden Menschen macht; an die 
produzierenden Mächte sowie an die Eingliederung dieses 
Produzieren in größere Komplexe der Welt, kurz ge 
sprochen : an den Künstler und an das Künstlertum, denkt 
man hier am wenigsten. Damit steht in engem Zusammen 
hang ein zweites Versäumnis, das allerdings aus der 
Praxis insofern eine Bestätigung zu bekommen scheint, 
als es ja viele angebliche Künstler gibt, die nichts zu 
„sagen“ haben. Wir meinen die Versäumung der Erkennt 
nis, daß alle Kunst Aussprache eines seelischen Inneren 
ist; aber eine Aussprache freilich, die über den natura 
listischen Charakter alltäglicher Vorgänge des Aussprechens 
dadurch hinausgeht, daß sie mit einem besonderen Inter 
esse an den Formen dieses Aussprechens geschieht. Damit 
ist die Forderung aufgestellt, an die Stelle der bisherigen 
Aesthetiken eine Aesthetik des Ausdruckes zu setzen und 
diese Betrachtung auch auf die Erkenntnis und Förderung 
von Einzelgebieten anzuwenden, bei denen es bisher noch 
nicht geschehen ist. 
Wenn nun jedes wirkliche Kunstwerk Ausdruck ist, 
und zwar einer, der mit der höchstmöglichen Vollkommen 
heit der Formensprache geschieht, so liegt darin auch 
schon dies, daß jedes wahre Kunstwerk den allbekannten 
Stempel des Individuellen trägt; der Künstler kann gar 
nicht anders, als seine Sache zu machen, wie sie eben 
aus seinem eigenen, nicht aus einem anderen Innern 
kommt. Man weist auf diese Charakteristik alles Künst 
lerischen besonders gerne dann hin, wenn es gilt, Kunst 
einerseits und Handwerk oder Gewerbe und Industrie 
andererseits von einander zu unterscheiden. Man sagt in 
solchen Fällen; Ein künstlerisches Werk ist dasjenige, 
das individuell gearbeitet ist. Darin liegt natürlich nichts 
Unrichtiges und etwas überaus Wichtiges. Indessen ist 
noch nicht alles Individuelle künstlerisch; es gibt ja auch 
auf anderen als den künstlerischen Gebieten individuelle 
Leistungen. Wir möchten die Unterscheidung des Künst- 
lerischen und des Handwerklichen und dergleichen folgen 
dermaßen machen. Es handelt sich bei diesen Unter 
scheidungen um eine andere als die sogenannte reine 
Kunst, um die Gebrauchskunst, oder wie man sie nennen 
will; also um Architektonisches, Kunstgewerbliches und 
dergleichen mehr. Alle diese Werke dienen einem Zweck 
und sollen ihn eben auf eine möglichst zweckdienliche 
Weise erfüllen. Kommt weiter nichts hinzu, so liegt ledig 
lich ein technisches Werk vor. Nun kann aber bei der 
Produktion eines solchen Werkes außerdem noch das Be 
dürfnis walten, diesen Zweck und seine Erfüllung in einer 
möglichst anschaulichen, sinnfälligen, reichlichen, voll 
kommenen, eigenartigen Weise auszusprechen, von ihm 
zu singen und zu sagen. So können wir auf dem Gebiete 
der sogenannten Gebrauchskunst behaupten, daß jedes 
hierhergehörige Stück eine Zweckbefriedigung ist, aber
	        
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