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Volume H. 5

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 2.1905 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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nis für den Wert und die Schönheit der alten Bauformen wieder zu wecken. 
So hat sich jetzt, angeregt durch die Erfolge des Scheeßeler Trachtenfestes, 
in Bremen ein Verein gebildet, der sich das Ziel gesteckt hat, zunächst 
in dem beschränkten Raume des nördlichen Niedersachsens für die Er 
haltung und Ausbreitung des niedersächsischen Bauernhauses tätig zu sein. 
Architekt Wagner (Bremen) legt an der Hand von praktisch ausgeführten 
Entwürfen dar, in welcher Weise heute solche Häuser anzulegen und ein 
zurichten sind, um dabei einerseits den Stil zu wahren, andererseits aber 
auch den veränderten Ansprüchen zu genügen. Manches Althergebrachte 
muB freilich geopfert werden, so die offene Herdstelle und leider auch der 
Fachwerkbau, da es an Bauholz von hinreichender Stärke gebricht. Dagegen 
kann und muß das hohe Dach mit seiner glatten, nicht durch Giebelausbau 
unterbrochenen Fläche beibehalten werden und im Zusammenhänge damit die 
möglichst niedrigen Seitenwände des Hauses. Architekt Dr. Schäfer (Bremen) 
ergänzt die Ausführungen des Vorredners nach verschiedenen Richtungen 
hin. Die große Wohndielc des Bauernhauses muß in ihrer zierenden Wir 
kung und ihrer Behaglichkeit erhalten bleiben. Die ländlichen Bauhandwerker 
müssen ferner darin beeinflußt werden, daß sie davon ablassen, Baustoffe zu 
verwenden, die in unseren Gegenden nicht heimisch sind, wie den Schiefer, 
die weißen Kunststeine, Zementsteine usw. Ziegelrohbau oder Putzbau sind 
die einzig beizubehaltenden Bauarten. Regierungsbaumeister Niemeyer (Han 
nover), der die „Baustelle“ der hannoverschen Landwirtschaftskammer leitet 
und die Aufgabe hat, den Landwirten beim Bau ihrer Häuser mit Rat und 
Tat zur Seite zu stehen, weiß von vielen glücklichen Erfolgen zu berichten. 
Die Landbevölkerung komme seinen Bestrebungen sehr entgegen, aber bei 
den Handwerksmeistern stoße er auf riesiges Mißtrauen; diese hätten so 
gar, wenn auch ohne Erfolg, an den Minister sich gewandt, weil ihnen die 
Landwirtschaftskammer angeblich Wettbewerb mache. 
'C'inem Vortrage des Regierungsbaumeisters Dr. Ing. Blum entnehmen 
wir: Chicago mit seinen recht schlechten, schnurgeraden Straßen, 
seinen Himmelskratzern und kleinen Holzhäuschen, seinem Gewirr von 
Eisenbahnen, seinem ganzen einfarbigen Eindruck ist eins der besten Bei 
spiele des AMERIKANISCHEN STÄDTEBILDES. Die schach 
brettartige Straßenanlage erleichtert zwar das Zurechtfinden, erschwert aber 
manche Verkehrsbeziehungen und ist auch geeignet, den Eindruck der 
Langeweile hervorzurufen; vielfach führt sie zu sehr unzweckmäßigen 
Gesamtanordnungen und auch zu Unschönheiten, da man bei der Durch 
führung des Grundsatzes vollständiger Regelmäßigkeit auf die natürlichen 
Verhältnisse, auf Flüsse, Häfen und Anhöhen nicht Rücksicht genommen hat. 
Die nordamerikanischen Großstädte gliedern sich scharf in ein dicht 
zusammengedrängtes Geschäftsviertel mit Riesenbauten und eine sehr 
weitläufige Wohnstadt mit kleinen, ein- und zweistöckigen Einfamilien 
häusern; die dadurch entstehende ungeheure Ausdehnung vieler Städte 
entschuldigt auch bis zu einem gewissen Grade den sehr schlechten Zu 
stand der Straßen. Beherrscht wird das Städtebild von den Himmels- 
krauem, den Riesen-Geschäftsgebäuden bis zu 30 Stockwerken, die aber 
durchaus nicht immer unschön wirken, da es den Architekten jetzt gelungen 
ist, den spröden Stoff zu meistern und leidlich befriedigende Fassaden zu 
schaffen. Wenn man mit manchem nicht zufrieden sein mag, was das Städte- 
bild Nordamerikas bietet, so kann man den Parkanlagen und besonders 
den Friedhöfen das Lob nicht vorenthalten, die in ihrer Gesamtanlage und 
den ruhigen, einfachen vornehmen Grabmälern unsere europäischen Kirch 
höfe oft weit übertreffen. 
T"\AS ARBEITERWOHNHAUS IM STÄDTISCHEN 
J - / STRASSENBILDE. Unverkennbar hat sich in der Erscheinung 
der Arbeiterwohnviertel unserer Industriestädte in den letzten 30 Jahren 
ein Wandel zum Bessern vollzogen. Die allgemeine Zunahme des Volks 
wohlstandes ist auch an ihnen nicht spurlos vorübergegangen. Der Fall, 
daß das Arbeiterwohnhaus nur die kümmerlichste, notdürftigste äußere 
Form erhält, gehört seit längerer Zeit schon zu den Ausnahmen. In erster 
Linie ist es unsere Industrie, die große Mittel aufwendet, um ihren Arbeiter 
kolonien ein freundliches und wohnliches Aussehen zu geben. Darin zeigt 
sich der allgemeine Fortschritt in unsem gewerblichen Verhältnissen, daß 
es jetzt möglich ist, über das Notwendigste sich zu erheben. Dem allge 
meinen Zuge nach Verschönerung der Arbeiterwohnhäuser sind auch die 
gemeinnützigen Baugesellschaften gefolgt, ferner die Baugenossenschaften 
der Arbeiter und schließlich auch der einzelne Arbeiter, der sich selbst ein 
Häuschen bauen oder erwerben will. Und dennoch bieten trotz dieser 
erfreulichen Gesamtentwicklung die Arbeiterwohnviertel unserer Industrie 
städte einen außerordentlich unerquicklichen und unbefriedigenden Anblick 
dar. Die Gründe dafür liegen in der Geschmacksrichtung, die unsere äußern 
Bauformen in den letzten 30 Jahren genommen haben. Sie tritt uns im 
Gesamtbüde unserer Städte überhaupt auf Schritt und Tritt in unschöner 
Weise entgegen, und sie macht sich noch störender bemerkbar in den 
Straßen der Arbeiterwohnviertel, wo die geringem Baustoffe die Gegensätze 
zwischen Schein und Sein um so stärker zum Ausdruck kommen lassen 
und in denen außerdem die wsnigor künstlerisch geschulte Hand sich be 
tätigt. Der Fehler liegt in der Übernahme von Baumotiven, die aus andern 
Bedürfnissen hervorgegangen und andern Verhältnissen angepaßt gewesen 
sind. Die Pracht alter Paläste und Schlösser ist auf das bürgerliche Wohn 
haus übertragen worden; jedes städtische Wohnhaus soll ein herrschaft 
liches Gebäude, ein Prachtbau sein. Fehlt es an den Geldmitteln, um die 
Pruntformen aus echtem Material herzustellen, so nimmt man einfach 
seine Zuflucht zu unechten Baustoffen, Die kleinen Landstädte übernehmen 
Stil und Bauweise der Großstädte, natürlich gewöhnlich in unechten Bau 
stoffen, und bringen einen ganz verkehrten Ausdruck in das kleinstädtische 
Straßenbild. Erst recht ist dieses in den Arbeiterwohnvierteln der Industrie 
städte der Fall. Es ließen sich zahlreiche Beispiele anführen von Arbeiter 
wohnhäusern mit kanellietten Pfeilern und Häusern, korinthischen Kapitalen, 
gotischen Spitzbogen usw. Daneben linden sich die nüchternsten Bauformen 
der Verblendsteinarchitektur, die, weil sie nicht aus sich selbst heraus 
entwickelt ist, zu zahlreichen Geschmacklosigkeiten verleitet. Der Wille 
ist unstreitig gut, aber bedauerlich ist die Verkehrtheit solcher Bauweisen 
und das schlimmste ist, daß auf Kosten jener sogenannten „reichen“ 
Fassaden die innere Einrichtung notleidet. Denn die Miete läßt es nicht 
zu, daß auch das Innere mit gleichen Kosten ausgestattet wird. 
Dem Übelstande kann nur dadurch Abhülfe verschafft werden, daß 
sich die Erkenntnis Bahn bricht, dem Äußern des Arbeiterwohnhauacs den 
Charakter des kleinbürgerlichen Wohnhauses mit gemütlichem, wohnlichem 
Ausdruck verschaffen zu müssen. Das Äußere soll dazu führen, das Innere 
behaglich zu empfinden und auszugestalten. Ein Hauptgebot muß die 
sinngemäße Anwendung des Materials Sein. Die Fassade soll auch 
provinzielle oder landschaftliche Überlieferungen der Bauweise berück 
sichtigen, z. 6. in ländlichen Bezirken Westfalens das westfälische Haus 
usw. und, wo solche nicht vorhanden sind, dem Charakter der Stadt, 
der Landschaft oder der Umgebung, Rechnung tragen, Andererseits muß 
auf hohe Stockwerke gehalten werden, die Licht und Luft in die Wohnungen 
bringen. Weder um der Fassade noch um einer traulichen Stube willen, 
die in niedrigen Abmessungen von der heutigen Architektur leider nur zu 
oft angestrebt wird, darf dem Hause Licht und Luft genommen werden. 
Die Errungenschaften jahrhundertelanger Arbeit, hohe und luftige Zimmer 
als allgemeinen Grundsatz des Wohnhausbaues durchzusetzen, dürfen keiner 
äußerlichen Rücksicht zum Opfer fallen. Die heute so vielfach wieder in 
Aufnahme kommenden niedrigen Fenster sind von diesem berechtigten 
Gesichtspunkte aus ein Fehler, an dem auch nicht viel durch ihre zahlreiche 
Nebeneinanderreihung verbessert wird. Besonderes Gewicht ist auf die 
Verbesserung des gesamten Straßenfaildes zu legen. Es nützt nicht viel, 
wenn nur vereinzelte Häuser eine schöne zweckentsprechende Fassade be 
sitzen, sondern es ist ein gleichmäßig schön ausgebildetes Straßenbild 
zu erstreben. Allein dadurch wird das Gesamtbild der Städte ein freund 
licheres Aussehen gewinnen. Unsere Industriestädte haben allen Anlaß, auf 
ein solches Ziel ihren Blick zu richten, damit sich die Annehmlichkeit und 
Behaglichkeit des Aufenthalts in ihren Mauern erhöhe. 
Diesen Forderungen gegenüber erscheint es besonders zeitgemäß, daß 
die Zentralstelle für Arbeiter-Wohlfahrtseinrichtungen in Berlin beschlossen 
hat, auf ihrer nächsten Konferenz die Wohnungsfrage unter den oben an 
gegebenen Gesichtspunkten zu behandeln. Sie hat „die Gestaltung des 
Arbeiterwohnhauses“ auf dje Tagesordnung gesetzt und bereits eine Reihe 
der in der Bewegung führenden Männer als Berichterstatter gewonnen. 
Die Konferenz wird in den ersten Tagen des Juni in Hagen i. W. statt 
finden und mit einer Ausstellung im Folkwang-Museum des Herrn Car 
Emst Osthrus verbunden sein. In der Ausstellung sollen architektonisch 
mustergültige Arbeiterwohnhäuser und Beispiele einfacher guter Häuser 
aus allen Teilen Deutschlands in Photographien und Zeichnungen darge-
	        
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