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Volume H. 4

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 2.1905 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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scharfe Waffe entwinden nnd das Kapitel „Sozialpolitik“ 
ganz wesentlich weiterfördern. 
Dann müßte allerdings die Arbeiterschaft in den Kolo 
nien, die ja den größten Teil der Bewohnerschaft aus 
machen wird, von vornherein von jeder direkten Boden 
rente und vielleicht auch von jeder direkten Gemeinde 
steuer befreit bleiben. Aber die Pacht für alle die übrigen 
Ansiedler ist ja so außerordentlich gering, daß der Ausfall 
bei den Arbeitern auf diese anderen durch eine vernünftige 
Pacht- und Steuerordnung so verteilt werden kann, daß 
Bodenrente und Kommunalsteuern immer noch eine ge 
ringe Höhe erhalten. Und außerdem kann ja die Gemeinde 
aus dem Staatskredite die erforderlichen Arbeiterhäuser 
alle selber bauen und die doch viel geringere Miete, als 
die Arbeiter sie bisher gewohnt waren, mit einem kleinen 
Aufschläge versehen, der den Renten- und Steuerausfall 
in ganz unmerklicher Weise ausgleicht. Ganz abgesehen 
davon, daß ja gerade die Steuern in den Industriekolonien, 
weil deren Wachstum eine Höchstziffer nicht überschreiten 
darf, durch das anwachsende kommunale Bodenrenten 
kapital und seine Verzinsung allmählich überhaupt in 
Wegfall kommen, wie bereits früher dargelegt ward. — 
* 
* 
Ich komme jetzt zum Schluß meiner Abhandlung, die 
selbstverständlich nur eine Anregung für das Eingreifen der 
Großstädte bei der Errichtung von Industriekolonien sein 
soll. 
Während des Niederschreibens dieses Artikels ist mir 
bekannt geworden, daß man sowohl in der Nähe der Stadt 
Frankfurt a. M. wie der Großherzoglichen Residenz Darm 
stadt nach den Plänen des Professors Pützer in Darmstadt 
je eine kleine Gartenstadt anlegen will und zwar aus Pri 
vatmitteln. Nun, die englische Gartenstadtgesellschaft 
ist eine Genossenschaft und auch die Propaganda der 
anderen Gesellschaften gleicher Tendenz strebt auf die Ver 
wirklichung ihrer Pläne mit Hilfe von Genossenschaften 
zu. Und doch scheint mir das nicht der richtige Weg zu 
sein. Bei der Begründung der Gartenstädte und ihrer 
ersten Einrichtung läßt sich die rechtliche Form einer Ge 
nossenschaft ohne Zweifel leicht festhalten. Will man nun 
aber jeden neu hinzuziehenden Arbeiter und sonstigen An 
siedler gleichfalls zum Genossenschaftsmitglied machen 
und ihn wieder streichen, wenn er aus irgend einem 
Grunde aus der Ansiedlung wegziehen muß, und wie will 
man das Abrechnungswesen für edle derartigen oder ähn 
lichen Wechselfälle gestatten? Wenn der Gedanke der 
Gartenstadt in seiner ursprünglich reinen Gestalt bei 
behalten werden soll, wird man doch mit jedem Hinzu- 
und Abziehenden als Genossenschaftsmitglied rechnen 
müssen, sonst bleibt das ganze Unternehmen alles in 
allem nichts anderes als eine neue Gestalt der Boden 
spekulation, die nur den paar Leuten zugute kommt, welche 
die Genossenschaft bilden und das Land zur Ansiedlung 
hergegeben haben. 
Es ist doch m. E. viel zweckmäßiger, diejenigen Ge 
nossenschaften in allererster Linie bei der Anlage neuer 
Ansiedlungen heranzuziehen, die wirtschaftlich am stärksten 
und in ihrer Organisation am einfachsten sind, nämlich 
die Städte, deren Bürgerschaften doch im Grunde ge 
nommen nichts anderes sind als von gleichen Interessen 
ihrer Mitglieder getragene Genossenschaften. 
Die Entwicklung der Städte aller Länder hat gezeigt, 
daß die Gemeinde als solche die vollendetste Form des 
Genossenschaftswesens und der Selbstverwaltung ist. Wes 
halb will man sie nur bei einer vom idealen wie wirt 
schaftlichen Standpunkte so gleich vollkommenen Kultur 
aufgabe nicht heranziehen, wie die Anlage von Industrie- 
kolonien sind? Wenn eine starke Stadtgemeinde an die 
Verwirklichung dieser Idee geht, so ist von vornherein die 
Sicherheit gegeben, daß aller Gewinn der Allgemeinheit 
zufließt. Denn, wo ist die Bürgervertretung, die nicht sofort 
nach Steuer- und Gebührenermäßigung schreit, sobald ein 
Ueberschuß im Gemeindehaushalt wahrzunehmen ist!? 
Bei einer gewöhnlichen Genossenschaft, die außerdem 
viel weniger kapitalkräftig ist als eine Stadt, wird die 
gleiche Sicherheit nicht immer vorhanden sein. — 
Nun sei noch zuguterletzt an alle diejenigen Stadtver 
waltungen, welche bereits großen landwirtschaftlichen 
Grundbesitz haben, die Bitte gerichtet, sich mit den vor 
stehend gemachten Vorschlägen eingehender beschäftigen 
zu wollen und, wenn sie ihnen durchführbar erscheinen, 
ihrerseits einmal einen, wenn auch erst kleinen, Versuch 
zu machen. Namentlich möchte ich mich hierbei an meine 
Vaterstadt Berlin mit ihren gewaltigen Liegenschaften 
wenden, die jetzt zu Rieselfeldern benutzt werden. Sollte 
sie aus irgend einem Grunde ein oder das andere dieser 
Felder größeren Umfanges seiner eigentlichen Bestimmung 
entziehen wollen, so möge sie bei der Erwägung, wie die 
Ländereien anders zu verwerten seien, auch an die „In 
dustriekolonie“ denken. Vielleicht ist es auch nicht 
ausgeschlossen, die großen Güter, welche für 
Rieselzwecke neu erworben werden, von vorn 
herein nach dem Gartenstadt- alias Industrie 
koloniesystem aufzuteilen und auf diese Weise für 
die landwirtschaftlichen und gärtnerischen Be 
triebe von anfang an durch eine großartig ange 
legte Be- und Entwässerung die wesentlichste 
Kultivierungsbedingung zu schaffen? 
Auch alle anderen Städte, die für ihre Stadtentwässe 
rung die Erwerbung von Rieselfeldern allen anderen Klär 
anlagen vorziehen würden, wenn sie nicht vor der großen 
Kapitalanlage und der schlechten Verzinsbarkeit zurück- 
schrecken würden, mögen sich einmal mit dem Vorschläge 
näher beschäftigen. Wenn hiergegen nun auch sicher 
allerhand hygienische Bedenken laut gemacht werden 
würden, ebenso so sicher dürfte sein, daß sich diese Be 
denken Überall dort, wo sie bereits gemacht worden sind, 
in der Regel als verfrüht und wenig stichhaltig erwiesen 
haben, Liegen doch gerade bei Berlin rings um die mäch 
tigsten Rieselanlagen herum die beliebtesten Villenkolonien. 
Sollte sich nicht darum auch Industriekolonie und Ent 
wässerungsfeld, beides auf städtischem Boden zu 
städtischem Wohle, vereinigen lassen!? 
Ich würde mich freuen, wenn meine vorstehende Ar 
beit zu einer weiteren Erörterung dieser und der sonst 
aufgeworfenen Fragen Anlaß geben würde.
	        
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