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Volume H. 4

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 2.1905 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
BO 
durch Spekulation ausschlachten zu dürfen. Doch ist auch 
hier die Gelegenheit für die Stadt gegeben, diese Aus- 
schlachtung zu hindern oder doch lange hinzuhalten, indem 
sie einfach die Genehmigung für den Ausbau der Straßen 
nicht zu erteilen und sie nicht für anbaufähig zu er 
klären braucht. 
In beiden Fällen wird die Möglichkeit vorliegen, die 
Industrie für die Absichten der Stadt zu gewinnen und 
außerdem die Bodenpreise für das innerhalb der Stadt von 
Fabrikanlagen freiwerdende Land auf eine erträgliche Höhe 
hinabzudrücken. Ja, häufig genug wird der Fall eintreten, 
daß unter diesen besonderen Umständen der Industrielle 
sein altes Land der Stadt gegen einen mäßigen Preis zur 
Verfügung stellt und auf diese Weise allen Schwierigkeiten 
aus dem Wege geht, zugleich aber auch das erforderliche 
Kapital gewinnt, um draußen in der Kolonie auf städtischem 
Grund und Boden mit städtischem Gelde neue musterhafte 
Industriewerkstätten schaffen zu können. Um von vorn 
herein bei dem Vorhaben, Industriekolonien anzulegen, 
sicher zu gehen, empfiehlt sich für die Stadtverwaltung 
noch folgender Weg. Sie beschafft sich zunächst in ge 
eigneter Lage einen gehörigen Grundstock an Landbesitz, 
arbeitet dann einen Ansiedlungsplan aus und erläßt an 
der Hand dieses vorläufigen Planes eine vertrauliche Um 
frage bei allen größeren Industriellen in der Stadt und 
Umgebung, von denen anzunehmen ist, daß sie über kurz 
oder lang an eine Auswanderung aufs Land gezwungen 
sein werden. In dieser Rundfrage müßte auf alle die vielen 
wirtschaftlichen, sozialen, hygienischen und moralischen 
Vorteile der geplanten Ansiedelungsart hingewiesen werden, 
es darf aber auch nicht versäumt werden, den Interessenten 
in kluger Weise zu verstehen zu geben, welche Nachteile 
ihnen entstehen könnten, wenn sie sich dem Plane feind 
lich gegenüberstellen würden. Und dann muß alsbald eine 
Art Sammelliste beigefügt werden, in die sich die freund 
lich Gesinnten einzutragen haben. 
Erst nachdem diese Vorarbeiten erledigt sind, kann 
die Stadt an eine gesunde zweckmäßige Propaganda 
gehen und den Plan eingehender bearbeiten. Wir haben 
aus allen bisherigen Betrachtungen gesehen, daß beiden 
Parteien, sowohl der Industrie, wie den Großstadtver 
waltungen, ausschließlich Vorteile erwachsen, wenn die 
letzteren die Gründungen von geeigneten Kolonien auf 
städtischem Grund und Boden ohne Veräußerung und Ver- 
äußerlichkeit ihres Landes bewirken. Es soll nun zuguter 
letzt noch untersucht werden, wie weit der Staat bei 
dieser bedeutenden wirtschaftlichen Aufgabe mitwirken 
kann und wie weit er eine so neue und gesunde 
Bodenpolitik der Gemeinden unterstützen und 
fördern kann. 
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* 
Seitens der Regierungen in den verschiedenen Staaten 
ist in neuerer Zeit wiederholt den Städten und größeren 
Landgemeinden nahegelegt worden, sich einer zweckent 
sprechenden Bodenpolitik zu befleißigen, um durch sie 
einerseits den Staat in seiner geplanten Wohnungsreform 
zu unterstützen und die Schuldenlasten der Gemeinden 
anderseits erträglicher zu machen. Gewiß haben die 
meisten Gemeindeverwaltungen bisher viel zu gleichgiltig 
der Bodenfrage gegenübergestanden, ja sie häufig noch 
verschlimmern helfen, aber die Schuld daran dürfte der 
Staat nicht weniger haben als die Stadt, Wenn heute 
der preußische Wohnungsgesetzentwurf in vielen Punkten 
als eine unbegreifliche Härte für die Gemeinden em 
pfunden wird und zum Teil empfunden werden muß, so 
liegt das weniger an ihm selber, als vielmehr daran, 
daß er viel zu spät erscheint. Er hätte schon ein Jahr 
zehnt früher auf die Bildfläche treten und dazu etwas 
bringen müssen, was er auch jetzt noch verabsäumt hat, 
nämlich viel ein- und weitgehendere Bestimmungen über 
das Enteignungsrecht der Städte. 
Ich will hier ganz von der Anwendung des Enteignungs 
rechtes auf den Bebauungsplan absehen; über diesen Punkt 
läßt sich streiten; aber es gibt so viele andere Dinge, die 
von ungemein wirtschaftlicher, hygienischer und sozialer 
Bedeutung sein könnten, wenn ihre Verwirklichung den 
Gemeinden mehr erleichtert würde. Man denke nur z. B. 
an Land, das zur Errichtung von Wassergewinnungsan 
lagen (Grundwasserbrunnen, Talsperren usw.) nötig ist, an 
große, sonst unfruchtbare unddarum unbrauchbare Strecken, 
die sich ausgezeichnet zu Rieselfeldern u. dergl, eignen; 
wird hier nicht den Städten der Erwerb solchen Landes 
viel zu sehr erschwert? Und wie sollen die Stadtverwal 
tungen in ihren eigenen vier Pfählen gesunde Bodenpolitik 
treiben, wenn alles Land innerhalb des Stadtgebietes in 
festen Händen liegt und kein Recht besteht, auf Grund 
dessen die Gemeinden sich genügendes Gelände gegen 
angemessene Bezahlung erwerben können? Ich meine: 
wenn nun einmal ein Wohnungsgesetz geschaffen, und 
wenn den Gemeinden die Pflicht zu einer besseren Boden 
politik auferlegt werden soll, dann muß auch zugleich 
das Recht geschaffen werden, nach dem die Gemeinden 
dieser, ihrer Pflicht, gerecht zu werden, die Kraft er 
halten. 
Legt man den Kommunen, was nach unseren obigen 
Darlegungen wünschenswert erscheinen muß, durch das 
Wohnungsgesetz nahe, Land zu Wohnungs- oder noch 
besser Industriekolonien zu erwerben und es umsonst oder 
billigst für die genannten Zwecke herzugeben, dann soll 
man sich auch nicht scheuen, ihnen ein möglichst weit 
gehendes Enteignungsrecht zu verleihen. Man kann sich 
ja staatlicherseits das Recht Vorbehalten, die Ansied- 
lungspläne auf das sorgfältigste zu prüfen und sie erst zu 
bestätigen, bevor der betreffenden Gemeinde in dem Einzel 
falle das Recht zugesprochen wird, nach diesem Plane im 
Enteignungswege das erforderliche Land aufzukaufen und 
einzurichten. Aber gerade dieser Weg, das Verfahren, muß 
viel mehr, als es jetzt der Fall ist, erleichtert und gekürzt 
werden und eine weitergehende Anwendbarkeit erhalten. 
Ein zweiter Punkt, wo der Staat einsetzen kann, ist 
die Gewährung eines größeren Kredites an die Gemeinde 
und zwar gerade für den Zweck einer gesunden Boden 
politik, Just für diese mit so geringer Bodenrente rech 
nenden kommunalen Industriekolonien wäre es meines 
Erachtens möglich, einen Fonds verwendbar zu machen, 
der von den Arbeitern gesammelt wird und ihnen darum 
auch in weitgehendster Weise zugute kommen muß, das 
ist das Kapital der Landesversicherungsanstalten, soweit 
es nicht schon anderweit in Anspruch genommen wird. 
Wenn mit seiner Hilfe die Industriebevölkerung der 
Städte zu kostenlosem Eigentum und zu einem gesunden 
Leben ohne alle Gemeindesteuern gelangen könnte, so 
würde man hierdurch der Sozialdemokratie eine weitere
	        
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