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Volume H. 3

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 2.1905 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Potsdam zu sollte jedenfalls als eiserner Viadukt inmitten 
einer in ihrem Zuge anzulegenden Straße angenommen 
werden. Nun pflegen Bahndammböschungen im Stadtge 
biete keinen erfreulichen Anblick zu gewähren; man müßte 
denn Bäume davorstellen, wie es der mit dem II. Preise 
bedachte Entwurf,,Heimatsinn“ (Tafel 26) vorgeschlagen hat; 
gärtnerische Anpflanzungen auf den Böschungen selber sind 
der Gefahr ausgesetzt, Flugfeuer von der Dampflokomotive 
zu fangen. Doch wären lebende Hecken am Böschungsfuße 
wohl zulässig. Immerhin bleibt die einseitig bebaute 
Straße eine kostspielige Anlage, die den Gemeindesäckel 
belastet, zumal ihr Wert durch den Lärm des Bahnverkehrs 
noch beeinträchtigt werden kann. Bei der Ausdehnung 
der Bahndämme war daher zu überlegen, wie weit man 
mit den Begleitstraßen gehen könne, ob und wo insbeson 
dere noch über das Verkehrsbedürfnis hinaus. Die Vor 
schläge erschöpften in ihrer Mannigfaltigkeit fast alle Mög 
lichkeiten. Es scheint fast so, als ob der mit dem I. Preis 
ausgezeichnete Entwurf „Videant consules“ (Tafel 25) dem 
Umstande seinen Erfolg zu verdanken hat, daß er beide 
Seiten der Treuenbrietzener Bahn (nach „Wildpark“ hin) und 
die Fernbahnseite der Magdeburger Linie fast gänzlich zu 
verbauen angenommen hatte. Man könnte dagegen ein 
wenden, daß die Höfe hinter den Häusern dem Reisenden 
keine angenehme Einblicke gewähren. Doch ist zu beden 
ken, daß sich die Bahn nicht nachträglich ihren Weg durch 
eine etwa vorhandene Bebauung gewaltsam zu brechen 
braucht, die nachfolgende Bebauung sich vielmehr nach 
der Bahn richten kann, die Entstehung kahler Brandgiebel 
also keine Notwendigkeit sein würde, und dies umsoweniger, 
wenn hier, wo bessere Wohnungen schwerlich gesuchte 
sein werden, vielleicht die Erbauung von Hinterhäusern 
für kleinere gewerbliche Betriebe dadurch gefördert wer 
den könnte, daß an der Eisenbahn entlang schmale Wirt 
schaftswege angelegt würden. An der Vorortbahnseite der 
Magdeburger Linie (Nordseite) wäre aber selbst bei Aus 
führung eines Viaduktes eine Verbauung erwünscht, um 
den Streifen bis zur Viktoriastraße für sich behandeln, die 
Bebauung möglichst schonen und damit die Gartengrund 
stücke gegenüber dem Parke von Charlottenhof erhalten 
zu können, zumal hier die offene Bauweise zu fordern 
wäre. Hierin liegt vermutlich der Grund für den Vorzug 
des mit dem III. Preise gekrönten Entwurfes „Victoria 
Luise“ (Tafel 27) und des diesem vielfach ähnlichen zum 
Ankauf empfohlenen Entwurfes „Übersichtlich“ (siehe Text 
bild 2). Auch der Entwurf „Havel“ zeigt dieselbe An 
ordnung. Eine besondere Schwierigkeit hat dabei die Be 
handlung des Zwickels in der Gabelung der beiden Eisen 
bahndämme und des sich nach der Straße hin öffnenden 
Viaduktes. Der mit dem II. Preise gekrönte Entwurf hatte 
ebenso wie der Entwurf „Havel“ hier Gartenanlagen vor 
gesehen, der Entwurf „Camillo Sitte“ (siehe Tafel 28) im 
ganz entgegengesetzten Sinne Plätze für gewerbliche An 
lagen. Die meisten Bewerber wollten aber auch hier 
eine Bebauung durchgeführt wissen, die im Entwürfe 
„Städtebau“ z. B. als offene, überwiegend jedoch als ge 
schlossene gedacht war. Die Verfasser des Entwurfes 
„Heimatsinn“ haben sich im Erläuterungsberichte näher 
mit dieser Frage befaßt, indem sie die verschiedenen Mög 
lichkeiten zu ihrer Lösung erörterten, Danach wurde von 
der vollständigen Bebauung als nicht empfehlenswert Ab 
stand genommen, weil das Wohnen zwischen den Eisen 
bahnen zweifellos wenig angenehm sei. Die Beschränkung 
der geschlossenen Bebauung aber auf die Südostseite und 
eine Bebauung mit einzelnen Gebäuden zwischen Baum 
gruppen in den dahinter liegenden Zwickeln könne zwar 
den Bedürfnissen z. B. einer Hospitalanlage entsprechen, 
deren Errichtung an dieser Stelle jedoch des Lärmes wegen 
nicht angehe. Eine Parkanlage sei einfach, aber kost 
spielig und, man darf wohl hinzufügen, angesichts der be 
nachbarten ausgedehnten Kgl. Gärten auch ziemlich über 
flüssig und für den Ruhe suchenden Spaziergänger kaum 
verlockend. Deswegen hatte der Entwurf eine einheitliche 
Frontbebauung vorgesehen und zwar für Geschäftsräume 
der Eisenbahnverwaltung oder auch wohl für einige Privat 
häuser, während dahinter Erholungsplätze für Erwachsene 
und Spielplätze für Kinder angelegt werden sollen, die 
mitten in dem neuen Stadtteil und unmittelbar an der 
Straßenbahn gelegen sein würden. 
Ein letzter Punkt von Bedeutung betraf die Einziehung 
weiterer Verkehrstraßen. Dazu war der ungefähre Verlauf 
des bereits im Eingänge der Besprechung erwähnten 
Mittelweges ohne weiteres gegeben. Dann kam wohl die 
Königliche Villa „Ingenheim“ als Ausgangspunkt für einen 
Straßenzug in Frage, der entweder nach einer ungefähr 
inmitten des Bebauungsgebietes verlangten Platzanlage oder 
als Schrägstraße nach dem Bahnhofe „Wildpark“ hin zu 
richten gewesen wäre. 
Ersteres ist in den Entwürfen „Heimatsinn“ und „Keine 
Grundstücksumlegung“ (siehe Tafel 34) geschehen, letzteres 
in den Entwürfen ,»Victoria Luise“ und „Übersichtlich“, 
weniger stark ausgeprägt auch in dem Entwürfe „Bran 
denburg“ (Tafel 31 u. 32), besonders schön aber in dem 
Entwürfe „Neues Palais-Villa Ingenheim“ (Tafel 30). Diese 
Diagonale könnte, wenn nur Verkehrsrücksichten zu 
nehmen wären, auch etwas unterhalb der Villa Ingenheim 
von der Neuen Luisenstraße ausgehen, wie dies z. B, 
der Entwurf „Camillo Sitte“ zeigt. Andere haben die Ab 
zweigung noch weiter nach Westen hin verschoben und 
schließlich auf eine Diagonale überhaupt verzichtet, um 
sich mit einer auch in den genannten Entwürfen außerdem 
vielfach vertretenen Straße zu begnügen, die annähernd 
parallel zur Wildparkgrenze verläuft, wobei allerdings die 
geforderte Straßenbahnschleife zu einem großen Umwege 
führt. Eine gute Diagonale war übrigens auch im Ent 
würfe „Licht, Luft, Leben“ zu sehen und zwar in tadel 
losem Anschlüsse an die Stadt. 
Daß sich unter der großen Zahl von Entwürfen auch 
unreife Arbeiten gefunden haben, kann nicht auffallen, 
kommt dies doch immer in allgemeinen Wettbewerben vor, 
umsomehr also dann, wenn eine Aufgabe gestellt war, 
die sich fast jeder, der Zirkel und Lineal zu handhaben 
gelernt hat, zutraut, ohne viel Federlesens lösen zu können. 
Deshalb kann es auch nicht Wunder nehmen, daß die 
Straßengeometrie zum Teil mit merkwürdigen Anläufen, 
auch in Kunst machen zu wollen, überwogen hat. Plätze, 
für die gerade die Überbleibsel schematisch zugeschnittener 
Baublöcke gut genug gewesen sind, wahre Irrgärten und 
Wurmgänge statt Straßen waren zahlreich vertreten. An 
dere Bewerber, wie eine an die Schriftleitung gelangte Zu 
schrift ausführt, hatten, ebenfalls unter Verzicht auf fast 
jede rechtwinklige und geradlinig umrissene Blockform, 
schwungvolle Linien auf das Papier geworfen mit möglichst 
vielen Symmetrieaxen (die meist die Bahndämme abgaben)
	        
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