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Volume H. 3

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 2.1905 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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für öffentliche Bauten in Anspruch zu nehmen, möge dies 
schon bei Feststellung des Bebauungsplanes, möge es erst 
später bei eintretendem Bedürfnisse geschehen. Bis auf 
weiteres sind die Gemeinden auch für diese Art der Ent 
eignung auf landesherrliche Anordnung im Einzelfalle an 
gewiesen. 
Unsere Darlegungen über die Enteignungsfrage möchten 
wir dahin schließen, daß die Notwendigkeit der gewöhn 
lichen Eigentums-Entziehung an zukünftigen Straßen- und 
Platzflächen wohl von Niemand bestritten, daß ferner die 
Zonenenteignung zu Gunsten der Sanierung alter Stadtteile 
und der Schaffung neuer Gartenanlagen eine große Schar 
von Freunden hat, während der Ruf nach Zonenenteignung 
im unbebauten Gelände, sei es für Wohnzwecke, sei es 
für öffentliche Bauanlagen und nach Enteignung von Prell- 
streifen zurzeit aussichtslos erscheint. Die zuletzt genannte 
Enteignungsart wird übrigens durch die gesetzliche Ordnung 
der Umlegung gegenstandslos. 
Außer Acht geblieben sind hier die vielfach hervor 
getretenen, auf Verbesserung des Enteignungs-Verfahrens 
gerichteten Wünsche, die eine Beschleunigung einerseits 
und eine gerechtere Bemessung der Entschädigung an 
dererseits zum Ziele haben. 
Umlegung. 
Es ist bekannt, daß das Umlegungsbedürfnis in 
manchen Fällen gesteigert oder herbeigeführt worden ist 
durch eine rücksichtslose Legung der Fluchtlinien für 
neue Straßen. Die wirklich guten und tadelfreien Ent 
würfe sind im Städtebau vermutlich ebensosehr in der 
Minderzahl wie in anderen Zweigen des Bauwesens. Gute 
Bebauungspläne sind bestrebt, die neuen Straßen derart 
den Grundstücksgrenzen anzupassen, daß Prellstreifen, wie 
schon vorhin bemerkt, vermieden werden und möglichst 
viel Eigentumsgrenzen senkrecht zu den Fluchtlinien 
stehen. Dadurch wird das Umlegungsbedürfnis einge 
schränkt, aber keineswegs beseitigt. Man denke nur an 
die zahlreichen Landstraßen, die allmählich der städtischen 
Bebauung einverleibt und oft auf langen Strecken von den 
bisherigen Grundstücksgrenzen in spitzen Winkeln ge 
schnitten werden; man denke an die in der Rheinprovinz 
vielfach vorkommende Bildung von Landstreifen, deren 
Breite von 5 m bis zu 1 m, wie schon erwähnt, hinab 
geht; man denke endlich an das mitunter verwirrende 
Gemenge von Eigentumsgrenzen in der Nähe dörflicher 
Vororte oder im freien Ackerfelde. Der städtische Be 
bauungsplan würde nicht einmal dann allen solchen 
Grenzlinien sich anpassen können, wenn er sich nur dieses 
Ziel steckte; er kann es um so weniger, je mehr sonstige 
Gesichtspunkte von oft größerer Bedeutung in den Vorder 
grund treten. 
Unter „Umlegung“ versteht man nun diejenigen an 
Eigentumsgrenzen vorzunehmenden Veränderungen, welche 
nötig sind, um aus den zu schmalen, zu langen, mißge 
stalteten oder ganz verschlossen liegenden Feldparzellen 
brauchbare Baustellen zu machen oder sie in solche 
einteilen zu können. Im Januarhefte des vorigen Jahr 
gangs ist versucht worden, gewisse Ausschnitte aus den 
Bebauungsplänen von Köln und Hannover in akade 
mischer Weise so umzugestalten, daß das Umlegungs 
bedürfnis verschwinde. Trotz Außerachtlassung anderer 
Gesichtspunkte gelang dies nicht, wie auf Seite 38 und 
Seite 128 des genannten Jahrgangs nachgewiesen wurde. 
Wohl wurden die Fälle nötiger Umlegung an Zahl einge 
schränkt, aber es blieben Parzellen von 100 bis 200 m 
Tiefe, von 6 bis 4 m Breite und Reststücke von dreieckiger 
Form übrig. Auch in dem Bebauungspläne für Marienberg 
im Oktoberhefte des vorigen Jahrganges, besteht trotz der 
ungewöhnlichen Größe und Regelmäßigkeit der Feldpar 
zellen eine große Zahl von Fällen, wo erst durch Land 
austausch benachbarter Besitzer die Bebauungsfähigkeit 
hergestellt wird. Der im Dezemberheft veröffentlichte 
Flensburger Plan würde, außer in den bereits genannten 
Blöcken, behufs sachgemäßer Bebauung Umlegungen er 
fordern in den Blöcken VII, VIII, XI, XVII u. a., obschon 
die Eigentumsverhältnisse sehr wenig verwickelt sind. 
Die „freiwillige“ Grenz-Umlegung ist deshalb ein bei 
den meisten Stadterweiterungen sich fortwährend wieder 
holender Vorgang, bei welchem der Mächtige und Rück 
sichtslose das Uebergewicht hat Über den Schwachen. 
Das aber ist nicht das nachteiligste; sondern der öffent 
liche Schaden beruht darauf, daß ein Eigentümer, der mit 
Überlegung oder gar mit böswilliger Absicht die Um 
legung ablehnt, es oft in der Hand hat, eine ganze Gruppe 
von Besitzern an der Verwertung und Bebauung ihrer 
Grundstücke zu verhindern. Ja, wenn jemand dazu über 
geht, hindernde Grundstücke in mehreren Teilen der 
Stadterweiterung anzukaufen, so ist er unter Umständen 
stark genug, die Entwicklung dort in großem Umfange zu 
hemmen und seinem an anderer Stelle gelegenen Besitze 
zuzuführen. In der Denkschrift des Verbandes deutscher 
Architekten- und Ingenieurvereine vom Jahre 1897 ist auf 
Seite4 bis 10 geschildert, wie in solcher und ähnlicher Weise 
namentlich der kleine Besitzer von dem großen vergewaltigt 
werden kann und wie der schließliche Nachteil die All 
gemeinheit trifft, indem der Markt an fertigen Baustellen 
verkümmert und die Wohnungsfürsorge erschwert wird. 
Es ist deshalb seit Jahrzehnten die Frage erörtert 
worden, ob es in sozialpolitischem Sinne zulässig ist, durch 
den Einzelnen die Allgemeinheit wehrlos benachteiligen zu 
lassen, ob es nicht vielmehr öffentlichrechtlich geboten er 
scheint, durch ein gesetzlich geordnetes Umlegungsverfahren 
den Schädigungen vorzubeugen. Schon ln R. Baumeisters 
„Stadterweiterungen“ vom Jahre 1876 wurde die Notwen 
digkeit gesetzlicher Umlegung hervorgehoben. Als aber 
Adickes im Jahre 1893 mit seinem ersten Gesetzentwurf 
an den preußischen Landtag herantrat, stieß seine Umle 
gungs-Forderung bei großen politischen Parteien auf Ver 
ständnislosigkeit. Der Gesetzentwurf wurde in den Kom 
missionsverhandlungen des Abgeordnetenhauses begraben. 
Besseren Erfolg hatte er mit seinem erneuten auf den 
Bezirk der Stadtgemeinde Frankfurt a./M. beschränkten 
Vorstoß im Jahre 1901, aber auch dieser Erfolg wurde aus 
Mangel an Einsicht mit möglichst vielen Erschwerungen 
umgeben. Inzwischen ist die Erkenntnis dessen, um was 
es sich handelt, in immer weitere Kreise gedrungen, und 
zahlreiche Schriftsteller wie Politiker fordern aus sozialen 
und volkswirtschaftlichen Gründen die gesetzliche Ord 
nung der städtischen Grundstücksumlegung. Sie können 
sich mit Recht darauf berufen, daß die Umlegung (Feld 
bereinigung, Verkoppelung, Separation) zu Gunsten länd 
lichen Besitzes längst besteht und daß die mit dem städti 
schen Baulande verknüpften Interessen mindestens ebenso 
wichtig sind, wie die landwirtschaftlichen.
	        
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