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Volume H. 3

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 2.1905 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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nachgewiesen hat, und daß die wirtschaftlich so tief ein 
schneidenden Folgen der natürlichen Stadtentwicklung, 
nämlich die Bodenspekulation und das ziellose Hoch 
schrauben der Boden- und Mietpreise, unmöglich gemacht 
werden sollen. Daß dieses Ziel wirklich erreichbar ist, 
will ich weiter unten nachzuweisen versuchen. Zunächst 
soll hier die technische Möglichkeit solcher An 
siedlungsweise behandelt werden. 
* * 
* 
Will man das Ziel erreichen, zunächst der aus der 
Großstadt fliehenden Industrie zweckentsprechendes An 
siedlungsgebiet anzuweisen und dabei zu gleicher Zeit 
neue Wohnstätten für Beamte und Arbeiter zu errichten, 
so ist es selbstverständlich, daß alle Grundbedingungen 
gegeben sein müssen, die zunächst für diese beiden Zwecke 
unerläßlich sind. Es muß also vor allen Dingen die Möglich 
keit vorhanden sein, jedes einzelne Fabrikgrundstück an eine 
normalspurige Bahn oder einen ausreichend bemessenen 
Schiffahrtskanal anzuschließen. Liegt in der Nähe keine 
Bahn, so wird dennoch die Stadt in der Lage sein, einen 
Kleinbahnanschluß mit Normalgleisen an die entlegenere 
Hauptstrecke herzustellen, dessen Anlagekosten sich, wenn 
auch erst allmählich, verzinsen und tilgen. Dieser Bahn 
anschluß wird zweckmäßig die Gestalt einer großen 
Schleife haben müssen, an deren Schleifenring entlang die 
Fabrikgrundstücke zu entwerfen sind. 
Ähnlich wird es sich mit dem Wasseranschlüsse ver 
halten. Hierbei ist es unter Umständen gar nicht einmal 
nötig, daß der für die neue Ansiedlung vorgesehene Ring 
kanal von vornherein für den Fernverkehr nutzbar gemacht 
wird, sondern es wird vielmehr dort, wo das Gelände 
allgemein sehr niedrig liegt und einer umfassenden Melio 
ration bedarf, empfehlenswert sein, zugleich mit der An 
lage der Straßen des Ansiedlungsplanes, soweit sie zu 
nächst notwendig sind, den Ringkanal mit seinen Stich 
kanälen und einen gemeinschaftlichen größeren Lösch- 
und Ladehafen auszuheben und mit einem für die Zufuhr 
frischen Wassers ausreichenden Zu- und Abfluß zu ver 
sehen, damit mit dem gewonnenen Erdboden eine allge 
meine Aufhöhung des Geländes, der Straßen und der Bahn 
und eine zweckmäßige Entwässerung beider möglich wird. 
Auch wird das geschaffene fließende Wasser für eine ganze 
Reihe industrieller Betriebe schon dann wesentliche Vor 
teile bieten, wenn, wie gesagt, der Fernschiffahrtsverkehr 
vorderhand noch nicht erreichbar ist. 
Als ganz selbstverständlich braucht wohl kaum noch 
hervorgehoben zu werden, daß sich die Anlage dieser 
beiden Lebensadern der Ansiedlung ganz den gegebenen 
Verhältnissen anpassen muß. Eine Schematisierung muß 
ebenso selbstverständlich ausgeschlossen sein, wenn auch 
im allgemeinen der Grundgedanke der Ringbahn und des 
Ringkanales allenthalben in mehr oder weniger vollkom 
menen Weise,je nach praktischer Durchführbarkeit, festzu 
halten sein wird. Die Lage dieser beiden Anschlußwege der 
Industrie an die Außenwelt und das Vorhandensein be 
sonderer Geländeeigentümlichkeiten an dem einen oder 
anderen Punkte des Ansiedlungsgebietes sind bestimmend 
für die Anordnung des ganzen übrigen Siedlungsplanes. — 
Die erste englische Gartenstadt (vergl. Tafel 16, Heft 2) 
hat auch nicht einfach die Schablone Fritschs oder Eben- 
ezer Howards übernommen, sondern sich den gegebenen 
Verhältnissen angepaßt. Hier liegen die Fabrikgrund 
stücke, die Werkstätten und Arbeiterwohnungen, sowie 
die großen Lagerplätze im Osten an einem großen Güter 
bahnhof, während sich die eigentliche Gartenstadt von 
dem im Mittelpunkte des Westfeldes belegenen Zentrum 
aus sowohl nach dem Fabrikviertel zu wie nach dem 
übrigen Gemarkungsteilen in der früher aufgezählten 
Zonenfolge aufrollt. Zwischen dem Fabrikviertel und der 
eigentlichen Stadt befindet sich eine lang gestreckte Grün 
anlage mit Teichen und fließendem Wasser, der die großen 
Industriebetriebe anstelle des von Howard vorgeschlagenen 
breiten Straßengürtels (Große Avenue) von der Gartenstadt 
trennt. — 
Sobald nun mehrere Großbetriebe an den Anschluß 
wegen angesiedelt sind, muß rechtzeitig darauf geachtet 
werden, die Unterbringung der nun gewöhnlich schnell 
nachziehenden Beamten, Arbeiter und Kleinbetriebe in den 
von vornherein für sie vorgesehenen Planvierteln durch 
zusetzen, damit nicht Erscheinungen auftreten, die imstande 
sind, das geschlossene Bild vor seiner Fertigstellung un 
heilbar zu zerreißen. Wenn die einzelnen Ansiedlungen 
nicht zu umfangreich bemessen werden und wenn eine 
möglichst ringförmige Anordnung der das Leben der An 
siedlung bedingenden Großbetriebe befolgt wird, so wird 
der Wohnkern der geplanten Kolonie sich schnell ver 
dichten und bald dem Planbilde näher kommen. Dabei 
braucht man für diese eigentliche Stadt innerhalb des 
Industrieringes gar keine großen Aufwendungen an 
Straßen- und Ent- und Bewässerungskosten zu machen. 
Denn ebenso wie die ansiedelnde Großstadt es ganz in 
ihrer Hand hat, jeden neu hinzuziehenden Großbetrieb un 
mittelbar an den vorhergegangenen anzugliedern, ebenso 
braucht sie ja auch nur die zunächst von diesem Industrie 
gelände aus nach dem zukünftigen Siedlungskerne hin- 
führende Radiale anzulegen und an ihr entlang das An 
siedlungsprogramm durchzuführen, bis eben eine zweite 
und dritte Radiale notwendig und ein Zonenviertel nach 
dem anderen zwischen diesen Radialen in sich abgeschlossen 
wird. Die einzelnen Radial -und Ringstraßen werden 
also bei dieser Stadtanlage nicht von dem Stadt- 
innern nach außen hin, sondern genau umgekehrt 
angelegt und besiedelt. 
Sobald eine solche Ansiedlung das der Stadt zur Verfü 
gung stehende Gemeindeland und den von vornherein darnach 
aufzustellenden Plan angefüllt hat, geht die Verwaltung an 
eine neue Ansiedlung, die sie inzwischen durch Land 
ankauf vorbereitet hat, und schafft auf diese Weise in ihrem 
Weichbilde oder doch in dessen Nähe einzelne selbständige 
kommunale Lebewesen, die aber alle mit dem großen ge 
meinsamen Kerne der Mutterstadt wirtschaftlich verbunden 
sind und ihr den Segen ihrer zunehmenden wirtschaft 
lichen Leistungsfähigkeit in dankbarer Erkenntlichkeit zu 
teil werden lassen. Dabei liegt es ja fast ausschließlich in 
dem Belieben der Mutterstadt, die Ansiedlungen der 
Tochterstädte größer oder kleiner zu machen, ganz 
so, wie sie es für sich und die Ansiedlungen selbst für 
zweckmäßig und vorteilhaft erachtet. 
# * 
* 
Wir wollen nun an die finanzielle Betrachtung der 
„Industriekolonien“ gehen, die zwar für die „Garten 
städte“ allgemein schon durch Howard geschehen ist, aber 
für den vorliegenden besonderen Fall doch einer einge 
henden Behandlung bedarf.
	        
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