Path:
Volume H. 2

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 2.1905 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
24 
werden dürfen); der seitliche Abstand von der Nachbar 
grenze hat (bei Gruppenhäusern) mindestens io m zu be 
tragen, Gegen die Errichtung von Gruppenbauten an der 
„nur“ 15 m breiten Kulmstraße wurden anfänglich, trotz der 
beiderseitigen 6 m tiefen Vorgärten und obgleich die Gebäude 
nur zweigeschossig werden sollten, aus § 14 des Gesetzes 
obrigkeitliche Bedenken abgeleitet, die aber dann im Inter 
esse des nützlichen Unternehmens fallen gelassen wurden. 
Die Bebauung kann ja auch kaum weiträumiger gedacht 
werden, als Abb. a, Tafel 15 sie darstellt; die schätzungs 
weise Rechnung (mit 6 Köpfen auf 1 Familie) ergibt hier, 
einschl. Straßenland, für die Familie durchschnittlich 829 qm, 
für den Kopf 135 qm. Gewerbliche Anlagen sind in diesem 
Piangebiete nur auf einer mäßig großen Baufläche (26) zu 
lässig; Anlagen, die unter § 16 der Gewerbeordnung fallen, 
hohe Schornsteine erfordern oder anderweitig lästig fallen, 
sind aber (nach § 2 des Ortsges.) auch hier ausgeschlossen. 
Der Architekturcharakter ist hier dem der Wald 
schlößchenkolonie ähnlich, da die meisten Entwürfe von 
demselben Architekten (Ernst Kühn) wie dort herrühren. 
Mit diesen beiden Einfamilienansiedlungen hat nun 
endlich auch Dresden angefangen, berechtigten Forde 
rungen der Neuzeit Rechnung zu tragen. Wenn die finan 
zielle Seite sich dabei auch nicht ganz so günstig heraus 
stellt, wie z, B. in München, so scheint doch keiner der 
Teilnehmer an dem Unternehmen bisher den Schritt bereut 
zu haben; es ist zu hoffen und für die Gesundung unsrer 
Wohnungsverhältnisse jedenfalls zu wünschen, daß das 
Beispiel hier und anderwärts immer mehr Nachahmung 
finde und aus den noch etwas zaghaften und unsicheren 
Anfängen sich eine Gewöhnung im Bau des Einfamilien 
hauses entwickle, wie sie z. B. Nordamerika schon längst 
besitzt. Die ungesuchte Einfachheit und Natürlichkeit des 
Äußern, die jetzt noch manchmal zu vermissen ist, wird 
sich immer mehr von selbst einstellen, je mehr solche 
Unternehmungen mit der übelangebrachten „Villentradition“ 
brechen, den Charakter des Luxusbaus ablegen und zu 
wirklichen Bedürfnisbauten werden. Dem wird dann auch 
die Baugesetzgebung in Zukunft noch mehr Rechnung 
tragen müssen. 
DIE GROSSSTADT ALS STÄDTEGRÜNDERIN. 
Von A. ABENDROTH, Hannover. 
Es entspricht den Tatsachen und klingt doch absurd, 
wenn jemand behauptet, die moderne Großstadt sei eine 
Städtegründerin. 
Daß ringsum im Interessenbereiche jeder größeren 
Stadt neue Ansiedelungen entstehen, die jede für sich ein 
kräftiges Lebewesen darstellen, läßt sich nicht ableugnen. 
Und daß unter diesen Ansiedlungen nicht wenige sind, 
die ohne jeden geschichtlichen Vorgang plötzlich aus dem 
Nichts entstanden, ist ebenso wenig zu bestreiten. Es sei 
nur z. B, an Friedenau bei Berlin erinnert, einen der 
schönsten und wohlhabendsten Vororte Berlins von etwa 
16000 Einwohnern, der vor 30 Jahren noch häuserlose, 
ländliche Feldmark ohne jeden baulichen Zusammenhang 
mit den zwar angrenzenden, aber doch immerhin mehrere 
Kilometer entfernten Ortschaften Schöneberg, Wilmersdorf 
und Steglitz war. Und man denke ferner nur an Wannsee, 
Schlachtensee, Grunewald, Birkenwärder, Spindlersfelde 
usw. usw., alles Ortschaften, die durchaus Neugründungen 
mitten im Felde oder im Walde sind. Es ist nicht Über 
trieben, wenn man behauptet, daß in Deutschland seit 1870 
durch die Einwirkung der Städte wenigstens ebenso viele 
ganz neue, blühende Ortschaften entstanden, als inzwischen 
Jahre vergangen sind. 
Sich mit diesen Neugründungen näher zu befassen, 
ist aber nicht der Zweck der vorliegenden Arbeit. Man 
kann von ihnen sagen, sie sind ohne das Zutun der Städte, 
ja meistens sogar geradezu gegen ihren Wunsch und Willen 
entstanden und also nicht Schöplungen der Großstadt, 
sondern Wucherungen, die oft genug den Charakter 
solcher offen zeigen, indem sie dem Körper der Stadt 
Kräfte entziehen, die für ihn sehr wichtig und notwendig 
sind. 
Wenn wir im Nachstehenden die Großstadt als Städte 
gründerin näher ins Auge fassen wollen, so denken wir 
dabei nicht an die infolge der Großstadt entstandenen 
Neusiedlungen, sondern wir wollen solche betrachten, die 
durch die Großstadt, aus ihrem eigenen Antriebe heraus, 
ins Leben gerufen werden — können, denn noch sind ja 
keine vorhanden. Wir wollen die Großstadt nicht als 
unfreiwillige, sondern als bewußte, zweck- und 
planmäßig vor gehende Städtegründerinansehenund 
festzustellen suchen, wie weit eine solche an sich 
durchaus neue Tätigkeit des Gemeindewesens mög 
lich und ersprieslich ist. 
* * 
* 
Auf dem ersten deutschen Wohnungskongresse zu Frank 
furt a. M. im Oktober dieses Jahres, der leider ohne jeden 
praktischen Erfolg verlaufen ist, trat zum erstenmale eine 
Gesellschaft in die breitere Öffentlichkeit, die gewiß noch 
recht wenigen bekannt war und darum vielleicht auf viele 
den Eindruck einer sich mit Utopien abquälenden Vereini 
gung unpraktischer Schwärmer machte. Diese Gesellschaft 
ist die „Deutsche Gartenstadt-Gesellschaft“, die 
ihren Sitz in Schlachtensee (Berlin) hat und durch 
Flugschriften für die Gründung neuer Städte wirbt, die 
zum Teil nach kommunistischem Rezepte neu angelegt 
werden sollen. Der Hauptgrundsatz und das gesundeste 
an diesen Bestrebungen ist die unbedingte „Verstadt 
lichung“ allen Grund und Bodens und der Aus 
schluß jeglichen Privateigentums an Land. Um den 
Standpunkt der Gartenstadt-Gesellschaft genau zu kenn 
zeichnen, seien hierunter die „Thesen zur Wohnungs 
und Ansiedlungsfrage“ wiedergegeben, welche die Ge 
sellschaft zum Wohnungskongresse 1904 aufgestellt hat. 
I. Eine durchgreifende Lösung der Wohnungsfrage ist nur im Zu 
sammenhang mit einer methodischen Städtedezentralisation und plan 
mäßigen Ansiedlungsbewegung möglich. 
Das Wohnungselend ist in gleichem Maße die Folge einer volks 
wirtschaftlich falschen (jedenfalls heute nicht mehr zeitgemäßen) Ver
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.