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Volume H. 12

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 2.1905 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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herrlichen Kirchen, mit den in vernünftiger Weise bald 
etwas weiteren und bald etwas engeren Straßen, sowie mit 
seinen wirklich als ruhevolle Unterbrechung wirkenden 
Plätzen, die zum Teil eine zusammenhängende Reihe bil 
den, immer enger und enger den industriellen Stadtring 
sich schließen. Das sind allerdings nicht die mitteleuro 
päischen Mietkasernen, die als würfelförmige Kästen so und 
so viele Stockwerke und Rückgebäude enthalten; das sind 
vielmehr meist nur mäßig hohe Häuser, die einen Übergang 
von unseren Unterkunftsstätten für zahlreiche Menschen zu 
dem englischen Einfamilienhause bilden. Innerhalb dieses, 
allerdings den größten Teil der Stadt einnehmenden Bau 
ringes fehlen dann natürlich nicht die ganz typischen 
großen öffentlichen Gebäude und die ihnen gleichstreben 
den Privatbauten.' 
Gegen das Steinmeer der Wohnhausmassen ist die Stadt 
allerdings auf der einen Seite durch ihre Anhöhen und auf 
der anderen Seite durch die Gewässer geschützt, obschon 
die massigeren Wohnviertel sich bereits weit über diese 
Wasserlinien hinaus erstrecken. Die jetzige Stadt wird 
durchflossen — oder die ältere Stadt wird auf der einen 
Seite begrenzt durch den breiten Flußlauf der Maas (Meuse). 
In diese mündet, eine kurze Strecke vor der Berührung 
des alten Stadtkernes durch die Maas, die Ourthe. Genau 
an dieser Stelle zweigt aber ein künstlicher Wasserlauf, die 
sogenannte „Derivation“, ab und führt ganz nahe dem 
Laufe der Maas weiter bis ungefähr zum Ende der Stadt, 
wo sie die Maas erreicht. Da diese inzwischen einen 
kleinen Bogen gemacht hat, so bedeutet jener künstliche 
Flußlauf eine kleine Verkürzung für den Verkehr von der 
Ourthe zu den unteren Teilen der Maas. Ein älteres Bett 
der Ourthe, die „Riviere“, mündet etwas unterhalb der 
vorerwähnten Hauptmündung in die „Derivation“, wäh 
rend diese Hauptmündung den geregelten Hauptlauf auf 
nimmt. So ergibt sich ein eigentümliches System von 
Wasserläufen, Inseln, Halbinseln und Landzungen, natür 
lich mit einer Reihe von Brücken, Am wichtigsten wird 
dabei die von der Maas und der „Derivation“ gebildete 
sehr spitze Landzunge, welche zwei öffentliche Gärten ein 
schließt, den Jardin d’acclimatation und den Parc de la 
Boverie. 
Diese Gegend, samt noch weiteren Stücken Landes, ist 
nun Ausstellungsplatz geworden, wobei das Hauptgebäude 
an jenem stumpfen Winkel liegt, mit welchem die Ourthe 
in die „Derivation“ übergeht. Kaum eine bessere Gele 
genheit, das Schönste an Augenblicksarchitektur und an 
Dekoration zu leisten! Daß nun innerhalb der vielen Mühe, 
die man sich dort gegeben, und innerhalb der nicht weni 
gen Erfolge, die man dabei erreicht hat, für besondere Bau 
interessen sowie für das Problem öffentlicher Dekoration 
nichts eigentlich Neues abfällt, ist bedauerlich, wird aber 
immerhin durch den günstigen Natureindruck, den selbst 
die Aussteliungsbauten nicht zerstören können, einiger*» 
maßen Überwunden. Die Klage darüber, daß mit der Bau 
kunst der Ausstellungsgebäude nichts neues erreicht ist, 
und daß nur wiederum die bekannte Übertragung wuch 
tiger Palastformen auf derlei andersartige Dinge zustande 
gekommen ist, sei lediglich kurz verzeichnet; wahrschein 
lich würde ein näheres Eingehen darauf auch für die 
nächstkommende Weltausstellung nichts helfen. 
Wie in diesen Dingen, so finden wir dort auch in an 
deren Dingen nicht die Belehrung, welche wir gerade von 
unseren stadtbaulichen Interessen heraus erhoffen dürfen. 
Wir denken an die Bedeutung von Ch. Buls für den Brüsse 
ler Stadtbau und für die Ästhetik des Städtebaues über 
haupt, finden aber auch in der Stadt selber trotz ihrer vielen 
Boulevards und Avenuen und trotz einer ersichtlichen 
Mühe, welche sich die Stadt mit ihrem Bauwesen gibt, 
keinen Beitrag etwa zur Frage der Ausgestaltung von Ave 
nuen. Beträchtlicher ist die Ausbeute an architektonischen 
Einzelheiten. Nicht daß wir den alten Bauten hier nochmal 
ein Loblied singen wollten. Aber auch im neuesten Bau 
wesen ist manches interessant: beispielsweise der Typus 
des Kleinhauses, mäßig hoch und ziemlich schmal, mit 
freier moderner Verwertung gothischer Formen. Eine Be 
sonderheit fiel uns auf durch die Verzierung mancher Roh 
ziegelbauten mit eingelegten kleinen Streifen oder Qua 
draten oder dergl. von einfarbigen oder ornamental be 
malten Friesen in der Fassade, und zwar nicht nur, wie 
manchmal bei uns, als Fries oder als Felderfüllung. Gelb 
liche Färbung ist dabei besonders häufig. An mehreren 
Punkten der Stadt sieht man diese hübschen Fassaden, 
Ein besonderes Beispiel davon fand ich an der jenseits der 
Derivation zum Haupteingange der Ausstellung führenden, 
sonst recht idyllischen Kleinstraße „Quai Mativa“: drei ein 
ander benachbarte und zusammenstimmende Privatgebäude 
aus dem Jahre 1903, bei denen der durch die Fayence 
ornamente hervorgerufene günstige Eindruck noch durch 
schöne Holzerker verstärkt wird. Manche andere Bei 
spiele zeigen statt der Fayencestreifen auch kleine Mo 
saiken. 
Mit diesem Beispiel aus den Ausstellungsgegenständen 
würden wir bereits mitten in dem eigentlichen Ausstellungs 
berichte für unsere Fachinteressen stehen. Allein ohne 
eine kleine Enttäuschung geht es dabei nicht ab. Wie 
schon angedeutet, finden wir dort nicht eigentlich das, was 
wir an Beiträgen zu unseren hauptsächlichen Aufgaben, 
insbesondere zu der Anlageweise der Städte, zu der Ge 
staltung ihres Straßennetzes usw,, erwarten. Landpläne, 
auch unter der Erde, sind auf der Ausstellung zahlreich 
vorhanden, Stadtpläne nur spärlich; und unter diesen 
findet sich kaum ein solcher, der in unserem Sinne über 
besondere Geschicklichkeiten einer städtischen Uranlage 
oder einer Stadterweiterung Aufschluß gibt. Natürlich kann 
der Berichterstatter, dessen Zeit und Kräfte ja auch be 
schränkt sind, innerhalb der sogar im buchstäblichen Sinne 
des Wortes unbegrenzten Menge von großen und kleinen 
Ausstellungsgegenständen manches übersehen haben; aber 
schon der Umstand, daß er etwas übersieht, läßt mit einiger 
Wahrscheinlichkeit schließen, daß es nicht im Vorder 
gründe steht. Zudem war die Ausstellung bei unserem 
Besuche noch lange nicht fertig. 
Das kleine friedliche Belgien rückt diesmal sogar mit 
einer eigenen Militärausstellung auf und legt eine große 
Menge von seinen Generalstabskarten aus, die anscheinend 
in Fachkreisen sehr geschätzt sind. Bekanntlich kann je 
doch keine Generalstabskarte, und selbst kein Meßtisch 
blatt für eine solche, vonwegen des verhältnismäßig klei 
nen Maßstabes einen genügenden Einblick in die Konstruktion 
einer städtischen Bauwelt geben. Eigentliche Stadtpläne 
sind doch erst dort vorhanden, wo der Maßstab bis auf eins 
zu wenigen Tausenden gestiegen ist; und Einzelheiten im 
Ausbau der Straßen, Plätze, Denkmalsstelhmgen usw. sind 
wohl erst bei 1:1000 erkennbar darzustellen. Stadtpläne
	        
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