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Volume H. 11

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 2.1905 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
151 
Wenn man den für eine Person erforderlichen Mindest 
luftgehalt mit 10 cbm in Rechnung stellt, so waren 3,9% 
der untersuchten Zimmer überfüllt und in diesen über 
füllten Zimmern wohnten 9,5 % der in Betracht zu ziehen 
den Bevölkerung. 
In Stuttgart hat Dr. Rettich im Jahre 1898 die Zahl 
der leer stehenden Wohnungen in ihrem Verhältnisse zur 
wirtschaftlichen Zusammensetzung der Bevölkerung einer 
Untersuchung unterworfen. Das Ergebnis der Unter 
suchung zeigt die folgende Tabelle 5. 
Zum Verständnisse der Tabelle sei bemerkt, daß die 
leeren Wohnungen so eingeteilt werden, wie sie den an 
gegebenen Einkommenstufen etwa entsprechen. Der 
I. Klasse wurden die 1 Zimmer, der II. die 2, der III, die 
3—4, der IV. die 5 und der V. die mehr als 5 Zimmer 
enthaltenden Wohnungen zugezählt. Die Zahl der leeren 
Wohnungen war zur Zeit der Aufnahme in Stuttgart schon 
im ganzen zu klein, um den Wohnungsuchenden eine ent 
sprechende Auswahl zu sichern, da sie nur 0,68 % aller 
Wohnungen betrug gegen 1,51 % in Leipzig, 8,1 % in 
Tabelle 5. 
Klasse 
Höhe des Ein 
kommens 
M. 
Zahl der 
Personen 
ohne An 
gehörige 
in °/o 
Zahl der 
leeren 
Woh 
nungen 
Zahl der 
leeren 
Woh 
nungen, 
die er 
forderlich 
gewesen 
wäre 
1 
500—1000 
19723 
45^39 
10 
1X2 
II 
1000—3000 
12 750 
a9»3'4 
26 
73 
III 
2000-—3500 
5 526 
12,72 
104 
31 
IV 
3500—6000 
2 821 
6.49 
90 
16 
V 
mehr als 6000 
2 636 
6,06 
17 
15 
Breslau, 5,65 % in München und 3,43 y /° in Frankfurt a. M. 
Die letzten zwei Kolonnen der Tabelle 5 zeigen aber außer 
dem, daß sich der Mangel an leeren Wohnungen für die 
ärmere Bevölkerung in verstärktem Maße fühlbar machte. 
Während in der vorletzten Kolonne die wirklich ge 
zählten leeren Wohnungen angegeben sind, enthält die 
letzte Kolonne die Zahl der leeren Wohnungen, die in den 
einzelnen Klassen hätte vorhanden sein müssen, wenn sie 
in richtigem Verhältnisse zu den einzelnen Einkommenstufen 
verteilt gewesen wären,. Wir sehen hieraus, . daß bei 
richtiger Verteilung 112 Ein- und 73 Zweizimmerwohnungen 
hätten leer stehen müssen, während in Wirklichkeit nur 
10 bezw. 26 solcher Wohnungen zur Verfügung standen. 
Dementsprechend waren andererseits an größeren leeren 
Wohnungen mehr vorhanden, als der anteiligen Stärke 
der zugehörigen Einkommenstufen entsprochen hätte. 
Auch in den mittleren und kleinen Städten sind die 
Verhältnisse inbezug auf die Unterbringung der ärmeren 
Volksschichten nur selten zufriedenstellend. Es sei in 
dieser Hinsicht auf eine Auszählung hingewiesen, die im 
Jahre 1903 in 60 mittelgroßen österreichischen Städten in 
betreff der Größe und Dichte der Wohnungen vorgenommen 
wurde. Die Auszählung, die sich auf die Alpen-, Sudeten- 
und Karpathenläoder erstreckte, ergab, daß die kleinen 
Wohnungen auch hier zum großen Teile überfüllt waren, 
in den"Alpenländern weniger, in den Karpathenländern, 
also in Galizien und der Bukowina, am meisten, ln den 
60 in Betracht gezogenen Städten bestanden 62 % aller 
Wohnungen aus 1 oder 2 Zimmern, 24% aus 3 oder 4 
Zimmern und nur 14 % aus mehr als 4 Zimmern. Die 
Ergebnisse in bezug auf die Wohndichte sind in der 
folgenden Tabelle 6 zusammengestellt. 
Tabelle 6. 
Anzahl der 
Wohnungs 
bestandteile 
Auf einen 
fielci 
Alpen 
ländern 
solchen Besta 
i Personen in 
Sudeten- 
ländem 
ndteil ent- 
den 
Karpathen- 
ländem 
z 
2,74 
3*65 
4,16 
2 
1,85 
a,i8 
2,53 
3 
1,46 
i,59 
1,86 
4 
i,az 
i,30 
1,52 
5 
1,02 
1,07 
1,23 
6—10 
0,85 
0,90 
i,95 
mehr als 10 
0,63 
0,60 
0,58 
Während also in den Alpenländern auf die Einzimmer 
wohnung 2,74 Bewohner entfielen, wohnten in den östlichen 
Provinzen Österreichs im Mittel 4,16 Personen in einer 
solchen Wohnung. Wenn man bedenkt, daß die tatsäch 
liche Wohndichte diese mittlere Zahl in vielen Fällen 
naturgemäß noch übersteigt, wird man zugestehen müssen, 
daß die ungünstigen Gesundheitsverhältnisse der Bevölke 
rung dieser Provinzen durch ihre mangelhafte Unterbringung 
zum großen Teile mit verschuldet sind und eine gründliche 
Besserung ohne gleichzeitige Umänderung des Wohnungs 
wesens kaum zu erwarten sein dürfte. 
Wenn im Vorhergehenden an einigen Beispielen ge 
zeigt wurde, daß die Wohnungsverhältnisse namentlich in 
bezug auf Zahl, Größe und Mietpreis der kleinen Woh 
nungen der wirtschaftlichen Zusammensetzung der Be 
völkerung nicht entsprechen, so läßt sich dasselbe auch 
hinsichtlich der Wohnungsform behaupten, auf deren 
zweckmäßige und bei gleichem Mietpreise möglichst voll 
kommene Gestaltung der Verfasser eines Stadtbauplanes 
ebenfalls einzuwirken in der Lage und auch verpflichtet 
ist, wenn er der Aufgabe, in seinem Wirkungskreise zur 
Hebung der allgemeinen Lebenshaltung der unteren 
Schichten der Bevölkerung beizutragen, gerecht werden 
will. 
Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte führte in einer 
großen Anzahl von Städten zum Massenmiethause als der 
gebräuchlichsten Form der Unterbringung namentlich der 
ärmeren Volksschichten. Die aus dem Mietkasernensystem 
den Bewohnern erwachsenden Nachteile sind bekannt 
genug, um an dieser Stelle nur kurz erwähnt zu werden. 
Ein abgeschlossenes Familienleben ist sehr erschwert. 
Abgesehen davon, daß oft mehrere Wohnungen nur einen 
gemeinschaftlichen Abort, Wasserhahn usw. besitzen, 
macht sich die nachbarliche Neugierde in solchen Häusern 
nur zu leicht unangenehm geltend. Ein innigeres Ver 
hältnis zwischen Hausbesitzer und Mietern, das die sorg 
fältige Instandhaltung und Verschönerung des Gebäudes 
als gemeinsames Interesse erscheinen lassen könnte, kann 
noch schwerer aufkommen als bei anderen Mietwohnungen. 
Ein beträchtlicher Teil der Bewohner, der in seiner 
Wohnung von der Straße zurückgedrängt und lediglich 
auf einen oft nicht sehr erfreulichen Hof angewiesen ist, 
wird sich des Gefühls sozialer Zurücksetzung nur schwer 
erwehren können. Diese und noch manche andere Mlfi- 
stände haben zur Folge, daß die Bewohner ihrer eigenen
	        
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