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Volume H. 11

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 2.1905 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Schaft gegründet) eine beiderseitig bebaute Anlage in ein 
facherer Ausführung, für Mittelwohnungen, ohne Vor 
gärten dar, so daß ein Wohnhof entstanden ist mit Mittel 
garten und seitlichen Fahrwegen nebst Fußsteigen — Ein- 
und Ausfahrt dieses Wohnhofes sind überbaut. Während 
im ersten Beispiele die Bebauung noch mit der üblichen 
Haustiefe durchgeführt werden konnte, bilden hier durch 
gehende Seitenflügel eine Bebauung mit halben Haustiefen, 
also eine aus gesundheitlichen und wirtschaftlichen Grün 
den ungünstigere Bebauung, ohne puerlüftung und mit den 
Kosten einer hohen und nur einseitig genutzten Grenz 
wand belastet. Nur besondere Umstände können eine der 
artige Anlage rechtfertigen, die nur der Vorzug gewährt, 
daß sie in ihrer Abgeschlossenheit nicht durch die Be 
bauung der Nachbargrundstücke geschädigt werden kann. 
In ähnlicher Weise ist das unregelmäßig geformte Hinter 
land zwischen der Hussiten- und der Strelitzer Straße 
vom Vaterländischen Bauvereine für Kleinwohnungen 
ausgenutzt worden — die Versöhnungsstraße geht mit 
ten hindurch, versöhnt aber nicht mit den noch be 
sonders flach geratenen Räumen der Seitenflügel-Bauart. 
Besser ist die Aufgabe für größere und Mittel-Wohnungen 
in einer älteren Anlage, in Riehmers Hofgarten, gelöst, 
der von der Yorkstraße 84 bis zur Hagelsberger Straße 10 
reicht und eine Abzweigung nach der Großbeerenstraße 
hat. Nach der Hagelsberger Straße hin ist die Anlage 
ganz offen, wie eine öffentliche Straße und mit Vorgärten 
ausgestattet; nach der Großbeerenstraße und nach der 
Yorkstraße hin sind die Öffnungen als hohe Einfahrten 
überbaut und die Hofstraßen mit Grünanlagen in der Mitte 
geschmückt. Die seitliche Bebauung ist eine zum Teil 
hufeisenförmige mit gärtnerisch behandelten Vorhöfen. 
Im Ganzen eine großzügige Anlage, in der die Zusammen 
legung der Höfe zur einheitlichen Wirkung gebracht ist. 
Ein weiteres Beispiel bildet die wieder einseitige Bebauung 
mit kleinen zweistöckigen Wohnhäusern (Abb. auf Tafel 76) 
auf dem Grundstücke Prinzenalle 46 a, die durch größere 
Vorgärten von dem an der gegenüberliegenden Grenze ent 
lang geführten Fahrwege von nur 2,3 m Breite nebst dem 
Fußsteige getrennt sind. Diese Straße endet als Sackgasse 
mit einem Wendeplatz. (Architekten Salinger & Breslauer, 
deren Gefälligkeit die Abbildung zu verdanken ist). 
Eine der ersten in Berlin entstandenen Privatstraßen 
war die Hildebrandtstraße, zwischen Tiergarten- und Kö- 
nigin-Augustastraße mit etwa 5 m Dammbreite und je 1 m 
breiten Fußsteigen an den Vorgärten, die anfangs nur eine 
niedrige Bebauung mit z. T. freistehenden bescheidenen 
Häuschen gezeigt hat. Diese Straße war in der Absicht 
angelegt, sie später der Stadt als Öffentliche Straße zu über 
eignen. Aus welchem Grunde es dazu nicht gekommen 
ist, mag ebenso dahin gestellt bleiben, wie die Beantwor 
tung der Frage, ob nicht die auffällige Tatsache, daß sie in 
den letzten Jahren eine höhere Bebauung erhalten hat, damit 
im Zusammenhänge steht?! Zur Unterhaltung dieser Straße 
ist jeder der darin wohnenden Eigentümer mit verpflichtet. 
Das Bedürfnis nach einer weitergehenden Aufteilung, hat 
aber auch zu anderen Lösungen geführt, die nicht ohne Reiz 
sind, zu Wohnhöfen mit nur einer Zufahrt, z. B, dem in der 
Potsdamerstr. 113 und noch besser inderGenthinerstr.11 an 
fangs der siebziger Jahre vorigen Jahrhunderts von E. Klin 
genberg mit Wendeplatz und Hausgärten angelegten, in 
ruhiger Zurückgezogenheit mit Einfamilienhäusern, die 
Vor- und z. T. auch Hintergärten haben (siehe Tafel 75» 
Abb. a u. b). In neuerer Zeit ferner z. 6. zu der Sackgasse 
mit Wendeplatz, von der Tiergartenstr. 7/8 ausgehend, in den 
großen Gärten wohlhabender Grundbesitzer, die aber noch 
nicht reich genug zu sein scheinen, um sich ihre Gärten unge 
schmälert zu erhalten. Landhausartige Wohnhäuser besetzen 
hier das Blockinnere. Die Entwicklung der Bebauung 
in der Tiergartenstraße bietet übrigens ein lehrreiches Bei 
spiel für die Unsicherheit in der Lösung städtebaulicher 
Aufgaben. Die Straße schneidet mit einer sanften Krüm 
mung schief über die Grundstücke. Die älteren Land 
häuser waren aber, wie im ganzen älteren Städtebau über 
haupt, senkrecht zu den Grundstücksgrenzen errichtet* 
stehen also schief zur Straßenflucht. Anstelle der alten 
Landhäuser oder dawischen sind nun später auch höhere 
Wohnhäuser eingedrungen, die bis an die Nachbargrenze 
gerückt, die sägeförmige Bauflucht mit den sich vorschie 
benden Brandmauern verunzieren. 
Wohnhöfe waren im Mittelalter sehr beliebt, beson 
ders für Kleinwohnungen. Berlin hat noch ein Beispiel 
im sogenannten „Großen Jüdenhofe“ mit offener Einfahrt 
von der Jüdenstraße her. 
Damit könnten wir die Privatstraßen und die straßen- 
ähnlichen oder mit den öffentlichen Straßen nur einseitig 
verbundenen eigentlichen Wohnhöfe verlassen, um noch 
den geschlossenen, zu Wohnzwecken angelegten Hinter 
höfen eine kurze Betrachtung zu widmen. Doch kann die 
allgemeine Schlußbemerkung nicht unterdrückt werden, 
daß die Anlage von Privatstraßen mehr Förderung verdiente. 
Dabei wäre zu unterscheiden, ob es sich um ein einziges 
zusammenhängendes Grundstück handelt, das in einer 
Hand liegt und bleiben soll, oder, ob mehrere selbstän 
dige Grundstücke geschaffen werden sollen, denen eine 
gemeinsame Verbindung mit der öffentlichen Straße sicher 
zustellen ist, Im ersten Falle trifft in der Tat die polizei 
liche Auffassung vom Hofe zu, immerhin wäre es er 
wünscht, da die Privatstraße gegenüber der Üblichen Be 
bauung mit geschlossen umbauten Hinterhöfen eine bessere 
Verteilung der Bebauung an offenen Wohnhöfen mit sich 
bringt, die aber jetzt nur unter besonders günstigen Um 
ständen, bei passenden Grundstücksformen, bei weiträu 
miger Bauweise usw., möglich ist, daß irgend welche Er 
leichterungen dieser Bebauungsart Vorschub zu leisten ver 
möchten. Im zweiten Falle erscheint jedoch eine andere 
Auffassung vom Wesen der Privatstraße geboten. Es liegt 
ein Widerspruch darin, daß im rechtlichen Sinne mehrere 
Grundstücke vorhanden sind, im polizeilichen Sinne 
aber die dazu notwendige Straße als solche nicht aner 
kannt wird. Die Anlieger werden im gewissen Sinne sogar 
dafür bestraft. Denn, der Baupolizei genügt schon eine 
Grundstücksdurchfahrt von 2,3 m Breite: Während diese 
aber bei der Ermittlung der bebaubaren Fläche miteinge- 
rechnet wird, wird die von der Privatstraße eingenommene 
Fläche, die naturgemäß ein selbständiges Grundstück bildet, 
von vornherein ausgeschieden. Durch diese schlechtere 
Behandlung der Privatstraße unterstützt die Baupolizei 
mittelbar die schablonenhafte Bebauung großer Grund 
stückskomplexe. Es dürfte wohl möglich sein, den Begriff 
der Fluchtlinie auch für die Privatstraße wieder herzu 
stellen, wobei man ja vielleicht eine Mindestbreite von 
etwa 8 m oder bei geringerer Breite eine gewisse Vor 
gartentiefe zur Bedingung stellen, als Gegenleistung aber
	        
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