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Volume H. 10

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 2.1905 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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sicht genommen wurde. Der Erfolg dieses Mittels ist der, 
daß alle von der späteren Entwicklung abhängigen nicht 
vorauszusehenden Vor- und Nachteile denselben Grund 
stücken Zufällen, denen sie auch ohne Umlegung zuteil 
geworden wären. Wenn man will, kann man daher auf 
die Berücksichtigung dieser durch die neuen Straßenanlagen 
entstehenden Wertverschiedenheiten, sofern sie nicht mit 
Sicherheit vorausbestimmt werden können, unter Um 
ständen überhaupt ganz verzichten. Es kommt darauf an, 
oh man es als der Billigkeit mehr entsprechend ansieht, 
daß alle durch die bauliche Erschließung gewonnenen 
Vorteile der Gesamtheit der Umlegenden zukommen, oder 
nur den Beteiligten, deren Grundstücke zufällig in Be 
ziehung auf das neue Straßennetz die vorteilhafteste Lage 
haben. Im ersten Falle wird man die betreffenden Wert 
verschiedenheiten bei der Verteilung berücksichtigen, im 
anderen Falle kann man davon absehen, sofern man nur 
den neuen Grundstücken möglichst die Lage der alten 
zuweist. 
Wie man sieht, lassen sich die Bewertungsschwierig 
keiten bei dem beschriebenen Verfahren in jedem Falle 
so überwinden, daß berechtigte Bedenken wohl nicht mehr 
erhoben werden können. Es gibt Übrigens noch andere 
Wege um diese Schwierigkeiten, besonders für die Neu 
verteilung der Grundstücke zu vermeiden. Dies kann z. B. 
auf folgende Weise geschehen: Nachdem die Anteile der 
Gesellschafter, dem Werte der von ihnen zur Masse ein- 
gebrachten Grundstücke entsprechend, festgestellt sind und 
das Straßealand ausgeschieden ist, werden die einzelnen 
Baublöcke ganz beliebig in Baugrundstücke von der orts 
üblichen und zweckdienlichen Größe eingeteilt. Diese 
Grundstücke versteigern dann die Beteiligten unter sich. 
Der Erlös wird nach Maßgabe der festgestellten Anteile 
unter die Gesellschafter verteilt. Dies Verfahren entspricht 
theoretisch den strengsten Anforderungen eines gerechten 
Ausgleichs; Wertbestimmungsschwierigkeiten gibt es dabei 
nicht. Die Beteiligten übernehmen dies Geschäft selbst; 
es ist jedem unbenommen, die einzelnen Grundstücke so 
hoch oder so niedrig einzuschätzen, wie es ihm beliebt. 
Praktisch wird allerdings derjenige, der die Verhältnisse 
am zutreffendsten zu beurteilen vermag, wahrscheinlich 
den größten Vorteil davontragen. Ferner würde es un 
vermeidlich sein, mit Geld zu rechnen; wer mehr Land er 
steigerte, als nachher seinem Anteil am Erlöse entspräche, 
müßte herauszahlen und umgekehrt. Ich möchte daher 
diesen Vorschlag auch nicht unbedingt empfehlen. 
Jedenfalls geht aus dem oben angeführten hervor, daß 
die technischen Schwierigkeiten, die das Umlegungsver 
fahren bietet, sicherlich eine befriedigende und der For 
derung eines gerechten Ausgleichs entsprechende Lösung 
finden können. Ebenso wenig, wie die Wissenschaft sich 
bei einem ignorabimus beruhigt, sondern an Hand der 
Hypothese und des Versuchs zu weiterer Erkenntnis fort 
schreitet, ebensowenig darf der Technik eine Aufgabe als 
unlösbar erscheinen, solange nicht alle möglichen Mittel 
zur Lösung versucht sind. Einwürfe und Bedenken können 
daher, anstatt die Lösung zu hindern, nur dazu dienen, 
dem gesuchten Ziel mit besseren Mitteln und u. A. auf 
anderem Wege näher zu kommen. 
In diesem Sinne sind auch die von Sitte gegen die 
Umlegung aufgeworfenen Bedenken für die Sache selbst 
keineswegs nachteilig, sondern eher gerad'diru förderlich. 
Es ist nicht zweifelhaft, daß die bestehenden Umlegungs 
gesetze sehr verbesserungsfähig sind und die bereits aus 
geführten Umlegungen vielfache Mängel aufweisen. Um 
bessern zu können, ist es aber in jedem Falle zuerst nötig, 
die wunden Stellen bloß zu legen und Sitz und Ursache 
des Übels nachzuweisen. Den Freunden der Umlegung 
kann es daher nur recht sein, wenn dies von berufener 
Seite so gründlich wie möglich versucht wird. 
Zusaihmenfassend können wir zwei Forderungen auf 
stellen, die ein Umlegungsgesetz enthalten muß, um be 
rechtigte Ansprüche erfüllen zu können: 
1. Der als Vorbedingung des Verfahrens zu fordernde 
förmlich festgestellte Bebauungsplan muß so beschaffen 
sein, daß eine für die Bebauung günstigere Plangestaltung 
durch bessere Anpassung der Straßenzüge an die vor 
handenen Eigentumsgrenzen unter gleichzeitiger Erfüllung 
der Bedingungen, die im Interesse des Verkehrs, der Ge 
sundheit und der Schönheit zu stellen sind, nicht ausführ 
bar ist. 
2. Der Anteil der Beteiligten an der Masse ist durch 
eine Einschätzung der Grundstücke nach dem vorhandenen 
Zustande festzustellen. 
Der Wert der neuen Masse ist zu ermitteln unter sorg 
fältiger Berücksichtigung der verschiedenen Werte, welche 
die Baugrundstücke an den neuen Straßen infolge ihrer 
Lage, ihres Frontanteils und ihrer Tiefe haben werden. 
Die Masse ist so zu verteilen, daß die Werte der 
neuen Abfindungen, ermittelt wie im vorigen Absätze, in 
demselben gegenseitigen Verhältnisse stehen, wie die fest 
gestellten Anteile der Beteiligten. Die neuen Grundstücke 
sind, soweit möglich, an derselben Stelle, wo die alten 
lagen, auszuweisen. 
Die Technik ist imstande, diese Forderungen zu er 
füllen. 
i 
DER WALD- UND WIESENGÜRTEL UND 
DIE HÖHENSTRASSE DER STADT WIEN. 
Die Ausführungen des Stadtbauinspektors H. Golde- 
mund in der Deutschen Bauzeitung Nr. 60, 9. Jahrg. bedürfen 
folgender Berichtigungen bezw. Ergänzungen: 
1. Die jetzt Höhenstraße genannte Aussichtsstraße 
ist im Wettbewerbe um den Generalbebauungsplan für 
Wien vom Jahre 1893 nicht allein von Stübben, sondern 
auch von Lasne und Heindl in München vorgeschlagen 
worden. Diese wollten gleichzeitig damit eine bequemere 
Verbindung einer Anzahl im Wiener Walde gelegener und 
durch Höhenzüge von einander getrennter Vororte unter 
sich herstellen, während jener lediglich eine „viale dei 
colli“ zumeist auf der Höhenkote von + 280 m durchzu 
führen beabsichtigte. Aus diesem Grunde hatte C. Sitte 
s. Zt. den Vorschlag von Lasne & Heindl als den besseren
	        
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