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Volume H. 9

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 2.1905 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
124 
DIE XIV. KONFERENZ 
DER ZENTRALSTELLE FÜR ARBEITERWOHL 
FAHRTSEINRICHTUNGEN IN HAGEN INW. 
Von THEODOR GOECKE, Berlin. 
Die diesjährige Versammlung zahlreicher Vertreter 
der auf dem Gebiete des Wohlfahrtswesens tätigen Reichs 
und Staatsbehörden, Landesversicherungs-Anstalten, städ 
tischen Gemeinden, gemeinnützigen Vereine, Bergwerks 
und Industriebetriebe usw,, insbesondere auch vieler 
Architekten, hat in der, von einem besonderen Ausschüsse 
wohl vorbereiteten Tagesordnung des 6. Juni eine Frage 
behandelt, deren Lösung besonders in den Großstädten 
und Industrieorten von wesentlicher Bedeutung für das 
Stadt- und Landschaftsbild ist, nämlich die Gestaltung des 
Arbeiterwohnhauses, also der großen Masse von kleinen 
Wohnungen, die ganze Straßenzüge und Ortschaften zu 
bilden pflegen. 
Am 4. Juni war zu diesem Zwecke eine Besichtigung der 
von der Firma Friedrich Krupp in Essen geschaffenenWohl- 
fahrtseinrichtungen vorausgegangen, insbesondere der an 
Umfang das alte Stadtgebiet Essen weitübersteigenden 
Arbeitersiedlungen Westend, Kronenberg, Alfredshof, Fried 
richshof, Altenhof und Baumhof, die teils halb städtisches, 
teils fast ländliches Gepräge haben, und mit Herbergen, 
Bierhallen, Lese- und Festsälen, Haushaltungsschulen, Kon 
sum- und Badeanstalten, Kapellen usw. reichlich ausge 
stattet, doch weder Städte noch Dörfer sind. Sie sind 
eben Gründungen der Großindustrie, ebenso wie die 
Niederlassungen der wohlhabenden Bevölkerung in Land 
hausgemeinden einem neuzeitlichen Wohnbedürfnis ent 
sprungen. 
Die Fahrt durch diese Ansiedlungen bot eine ge 
schichtliche Entwicklungsreihe. Die älteren. Westend, 
Schederhof,Kronenberg,indenyoer Jahrendes vorigen Jahr 
hunderts angelegt, sind mit dreistöckigen ,,Mehrfamilien 
häusern“ bebaut, die in Kronenberg z. B. trotz ihrer Ein 
fachheit an den grün belaubten, vielleicht nur wegen der 
hoch entwickelten Baumkronen zu schmalen Straßen einen 
bescheiden freundlichen Eindruck gewähren. Durch 
einen helleren Anstrich der in düsteren Feldbrandziegeln 
errichteten Hausmauern könnte dieser Eindruck wohl 
noch wesentlich gehoben werden. In der Mitte des Markt 
platzes dieser Kolonie, den einerseits eine Bierhalle nebst 
Festsaal mit Bühne, andererseits ein öffentlicher Garten 
begrenzen, befindet sich eine Rundhalle für öffentliche 
musikalische Darbietungen. Nur die ebenfalls im Jahre 
3871 begonnene Niederlassung Baumhof ist anfangs in 
mehr ländlicher Weise, später aber, 1890, auch mit 
großen Wohnhäusern bebaut; dagegen der Alfredhof im 
Jahre 1894 durchweg mit kleineren Häusern angelegt wor 
den. Eigenartig ist die Anlage des 1899 begonnenen Fried- 
richhoies, mit großen, reich ausgestatteten 2—3 Stockwerke 
hohen Häuserblocks, an weiten Höfen mit gärtnerischen 
Anlagen und Spielplätzen in geschlossener Grundform mit 
überbauter Einfahrt. Eine besondere Stellung nimmt unter 
den Siedlungen der Altenhof ein, als eine Stiftung für in 
valide Arbeiter und für Arbeiterwitwen, mit kleinen 
Häusern, die in dem Streben nach malerischer Gruppierung, 
eben wegen ihrer Kleinheit etwas anspruchsvoll und un 
ruhig erscheinen. Doch ist man in den zuletzt gebauten 
Pfründnerhäusern wieder zu einfacherer, wirkungsvollerer 
Form zurückgekehrt. Die neuesten Häuser der Firma 
werden übrigens wieder größer ausgeführt, mit ruhigen 
Dach- und Wandflächen. 
So ließ sich die Entwicklung des Arbeiterwohnhauses 
von allzu nüchterner Einfachheit und derber Geschlossen 
heit durch eine reichere Gruppierung und überfeinerte 
Auflösung zu einer wieder einfacheren und geschlosseneren, 
doch mehr künstlerischen Gestaltung verfolgen. Als be 
häbige Land- und Vorstadthäuser sind die Beamtenwoh 
nungen an der Hohenzollernstraße ausgestaltet. Dem ver 
dienten Leiter des Bauwesens, Baurat Schmohl stehen 
mehrere tüchtige Architekten zur Seite. 
Die Sitzung des 6. Juni fand in den Räumen der ge 
schlossenen Gesellschaft Konkordia in Hagen statt. An 
Vorträgen brachte sie: 
1. Zur Einführung eine feinsinnige Betrachtung von 
Herrn Karl E. Osthaus in Hagen i. W. über „Das Haus 
in seiner erzieherischen Bedeutung“, mit der Forderung, 
daß die Neuschöpfung des deutschen Hauses das be 
reicherte Wissen und Können der Neuzeit mit dem Leben 
in Harmonie setzen müsse; dann die fesselnden Aus 
führungen des Landesgewerberats Dr. ing. Muthesius aus 
Berlin, über „die Entwicklung und den heutigen Stand des 
Arbeiterwohnhauses“, besonders im Hinblick auf die weiter 
vorgeschrittene Wohnhauskultur in England, die im bür 
gerlichen Wohnhause, im Landhause begonnen, und sich 
dann auf das Arbeiterwohnhaus — siehe Port Sunlight — 
erstreckt habe, während man in Deutschland mit der 
Wohnreform im Arbeiterwohnhaus anfange. 
2. „Das wirtschaftliche Problem“, in lebhafter Frische 
vom Direktor der rheinischen Provinzial-Feuer-Sozietät 
Dr. M. Brandts aus Düsseldorf behandelt, mit dem Nach 
weise der Wahrscheinlichkeit, daß eine künstlerische Aus 
gestaltung des Arbeiterwohnhauses keine wesentlich 
höheren Kosten verursachen dürfte, und mit Betonung der 
vorbildlichen Wirkung gemeinnütziger Bautätigkeit für den 
Privatbau. 
3. Die Gestaltung des Arbeiterwohnhauses: „Das 
Bauernhaus in seiner vorbildlichen Bedeutung“ von Pro 
fessor Schultze-Naumburg aus Saaleck bei Kösen mit 
Lichtbildern, ferner „Grundriß und Außenbau, Innenaus 
bau und Einrichtung“ von Architekt R. Riemerschmied 
aus München-Pasing, der in schlichten, naiv anmutenden, 
und doch wohldurchdachten Sätzen ebenfalls die Harmonie 
zwischen Haus und Mensch als erstrebenswertes Ziel hin 
stellte, auch rednerisch eine vorzügliche Leistung. Weiter 
„die Arbeiterkolonien“ von Geh. Reg.-Rat Professor Dr. 
ing. K. Henrici aus Aachen mit Bezug auf einen zur Aus 
führung bestimmten Entwurf, der eine eigentümliche Art
	        
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