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Volume H. 6

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 1.1904 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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welligen Gartenanlagen zu der unten vorbeiführenden ver 
kehrsreichen Straße ausläuft. Die schiefe Ebene ist über 
haupt'so unkünstlerisch wie möglich. Sind Höhenunter 
schiede zur Überwindung durch Fuhrwerk zu vermitteln, 
so geschieht dies richtig durch anspruchslose Rampen, not 
wendige Obel; Von einem schönen Berge, der zum Flusse 
abfällt, verlangen wir Abhänge; je steiler sie sind, desto 
schöner finden wir sie. Ins Architektonische übersetzt, 
heißt es also Terrassen und Treppen anlegen, wie es 
Friedrich der Große, der königliche Architekt, vor seinem 
Lieblingsschlosse Sanssouci gemacht hat. Außerdem ist 
im Winter eine Treppe sicherer zu begehen als eine schiefe 
Ebene. 
In unserem Falle ist daher die schiefe Ebene des süd 
lichen Domplatzes bis auf zwei unbedeutende seitliche 
Straßenrampen abzutragen, so daß das Domforum in einer 
reichen, durch Treppen geschmückten Terrassenanlage zu 
dem neu entstehenden, bis auf die Höhenlage der Bischofs 
gartengasse vertieften Platzteil abfällt. Der Übergang zu 
den Rampen ist durch vorgelegte Säulengänge zu ver 
kleiden. Auf diese Weise wären die jetzt so unklaren und 
unübersichtlichen Flächen südlich des Domes verkleinert, 
eingeteilt und umschlossen, ohne den Verkehr irgendwie 
zu beeinträchtigen. Dabei wäre zugleich eine unvergleich 
lich schöne Stelle gefunden für das in nächster Zeit zu er 
richtende Dombaudenkmal, das ein Denkmal im erhabensten 
Sinne werden muß, nicht ein Feld-, Wald- und Wiesen 
denkmal, wie so manche in der Welt herumstehen, das in 
einem Vierteljahr entworfen und in einem weiteren Jahre ver 
tragsmäßig gebaut werden muß, sondern das wirklich das 
Beste der Büdnerei unserer Zeit sein soll, das langsam 
wachsen und reifen und das Lebenswerk des genialsten 
Künstlers sein möge, Und wo hätte ein derartiges Denkmal 
einen schöneren Platz als auf der Ostterrasse desDomforums! 
Wie würde es sich als selbständiges Werk ersten Ranges 
darstellen von der Bischofsgartengasse aus mit seiner durch 
den Säulenhof und die Treppenanlagen ius Großartige gestei 
gerten Wirkung’. Wie würde es auf dem Forum selbst sich 
anspruchslos der Umgebung unterordnen. Das Denkmal 
müßte in der Hauptsache natürlich architektonischer Natur 
sein, schon deshalb, um auf der weiten Fläche zur Geltung 
zu kommen. Die Seite nach dem Domforum zu, also die 
Westseite des Denkmals, die mehr für intime Reize ge 
eignet ist, möge der Verewigung der um den Dombau ver 
dienten Fürsten und Künstler dienen. Die Ostseite sei der 
Verherrlichung der architektonischen Kunst durch die 
Allegorie Vorbehalten, nicht durch eine leichtgeschürzte 
Muse, sondern durch eine Allegorie, die den geistigen In 
halt der durch die ernste, schwere Arbeit von Jahrhunderten 
geschaffenen mittelalterlichen Kunst voll erschöpft. Welcher 
unserer Bildhauer kann ihn wohl heute erfassen und ver 
körpern? Es hat mit der Errichtung des Denkmals keine 
Eile. Die Lösung dieser Aufgabe zu überstürzen, würde 
ein unverantwortlicher Fehler sein. 
Der von den seitlichen Rampen umschlossene Säulen 
hof am Fuße des Denkmals wäre mit Brunnen, Bildwerken 
und Blumen zu einer idyllischen Oase auszubilden auf dem 
im übrigen einen rein architektonischen Charakter tragen 
den Platze. Wenn dort und auf den Terrassen und Treppen 
am Fronleichnamsfeste die Prozession zum Schlußsegen 
Aufstellung nehmen würde, dann wäre ein Bild hervorge 
zaubert, wie man es sich in lebhafteren Farbentönen und 
mit interessanterer Staffage überhaupt laicht denken könnte. 
Die seitlichen Hallen dieser Oase böteri vorzügliche Ge 
legenheit, ein internationales Seitenstück zu der im Stadt 
wald geplanten Richter-Halle , zu schaffen, die ja rtur für 
Ortsgrößen bestimmt ist. Es müßten darin die Büsten der 
berühmtesten Männer der Weltgeschichte Aufstellung finden; 
und wie der Römer auf den Monte Pinciö, so könnte der 
Kölner in den Säulenhof des Dombaudenkmals gehen, um 
dann und wann etwas vom Geiste der Zeiten zu Verspüren 
und sich bewußt zu werden, daß der Kölner Dom neben 
seiner örtlichen Bedeutung auch eine Weltbedeutung hat, 
als eines der kühnsten und hehrsten Werke, die der mensch 
liche Geist ersonnen und menschliche Tatkraft zur Aus 
führung gebracht hat. 
Dem Kölner Leben wäre auf diesem Wege ein neuer 
und wahrlich nicht kleiner Reiz gegeben. Und wenn dem 
Kölner, der ja heute nicht mehr wie früher in einem ersten 
Zentrum für Kunst und Wissenschaft, sondern in einem 
gewerblichen Mittelpunkte wohnt, häufiger vergönnt wäre, 
mit ruhigem Genuß unter den Fittigen seines gewaltigen 
Domes zu verweilen, dann könnte es nicht ausbleiben, daß 
der wohltätige Einfluß, den die Kunst im allgemeinen aus 
übt, bei ihm sich besonders geltend machen und seinen 
etwas leichten Sinn mehr auf das Ernste und Schöne hin 
lenken würde. Auch das wäre ein erstrebenswertes Ziel 
für die Neugestaltung der Domumgebung. 
Daß diese Gestaltung genau nach den vorstehenden 
Skizzen sich vollziehen soll, wird nicht gehofft und auch vor- 
läuflg nicht gewollt Denn erstens soll durch diese Skizzen 
nur ein wichtiges allgemeines Interesse wachgerufen werden 
und zweitens muß für eine derartige Aufgabe, die auf die ersten 
Künstler des Städtebaues einen unwiderstehlichen Reiz aus 
üben würde, ein öffentlicher Wettbewerb ausgeschrieben 
werden, nicht unter den Kölner Architekten, auch nicht 
unter denen von Rheinland und Westfalen allein, nein, 
mindestens unter allen deutschsprechenden. Das Preis 
gericht dürfte ebenfalls keinen Ortscharakter tragen. Es 
müßte durch seine Zusammensetzung der Aufgabe den 
Stempel der höchsten Wichtigkeit aufprägen, damit die 
ersten Künstler an sie herantreten mit dem heiligen Ernste, 
den der Kölner Dom verlangen darf. 
Viele werden nun sagen: ,,Das ist alles recht schön 
und wohl, aber was soll das kosten und wer soll das be 
zahlen? Nun, für notwendige Aufgaben — und hier han 
delt es sich um eine solche — muß das Geld geschafft 
werden. Das „Wie“ ist in dem beifolgenden Anhänge be 
handelt. In diesem Falle ist es angenehm, daß kein Termin 
für die Lösung der Aufgabe gesetzt zu werden braucht. 
Die Vollendung mag 10, 20 oder auch 50 Jahre in An 
spruch nehmen. Was heute unbedingt nötig und zwar so 
fort nötig erscheint, ist, nur Klarheit darüber zu schaffen, 
daß die Domumgebung nicht immer so bleiben darf, wie 
sie heute ist, daß irgend welche Veränderungen der Dom 
umgebung nur noch hergestellt werden dürfen im Rahmen 
von Plänen, die ein erstklassiger Künstler geschaffen hat, 
die natürlich allen praktischenBedÜrfnissen genügen müssen, 
nach denen dann aber auch Jahre und Jahrzehnte gearbeitet 
werden kann. 
So wird der Dom mit der Zeit wieder der ehrfurcht 
gebietende Liebling des Volkes und der Kunstfreunde und 
der unbestrittene Mittelpunkt des Kölner Lebens werden. 
Dann wird sich erweisen, daß bei der Dombaufeier 1880
	        
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