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Volume H. 5

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 1.1904 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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neue Dinge hinzuzufügen und demnächst nur so zu ver 
wenden, daß sie dem Dome zur Zierde gereichen, daß auch 
das kleinste Stück in Beziehung zum Mittelpunkte kommt, 
daß die Laternen zu Perlenschnüren vereinigt und die 
Kandelaber zu persönlichen Schmuckstücken umgeschaffen 
erscheinen. 
Ich weise nur hin auf die Flaggenmaste vor der Markus 
kirche in Venedig, auf die prächtigen Treppenwangen mit 
ihrem Aufbau am Kölner Kunstgewerbemuseum. Wie 
werden diese Gebäude durch die Schmuckstücke in ihrer 
Wirkung gesteigert! Also: — siehe Tafel No. 36 — man 
ziehe vier monumentale Treppenwangen vor die westliche 
Domfront, errichte auf ihren Köpfen vier stattliche Flaggen 
mast©, die auch die reichen Beleuchtungskörper tragen. Wie 
gut wird die freiere und freundlichere Gestaltung dieses Zier 
rats der abstrakten Domarchitektur tun. Wie würde das 
Dogmatische der vollendeten Gotik des Gotteshauses zu einem 
künstlerischen Moment erhoben. Dann wäre endlich auch 
der jetzt üblichen kümmerlichen Beflaggung des Domes bei 
festlichen Gelegenheiten das lang verdiente Ende bereitet. 
Die mächtigen Flaggen mit ihrer Farbenpracht würden dem 
Dome und dem Vorplatze den Festcharakter in ungemein 
wirkungsvoller Weise aufprägen. Ferner, warum will man 
das Menschliche, das dem hehren Bau anhaftet, gänzlich 
abstreifen? Wie liebenswürdig wird ein tüchtiger Mensch 
durch kleine Schwächen, die er nicht verleugnet. Wie übel 
nehmen wir es ihm, wenn er den immer vergeblichen Ver 
such dazu macht. Das scheint der Dom zu tun. Den Raum 
für die Gottesdiener hat man, fast nur einem äußeren Zwang 
gehorchend, anbauen müssen, und wenn auch die Archi 
tektur der Sakristei bekrittelt wird, die Gesamtwirkung ist 
besser, als wenn der Einbau am Chore fehlte. Nötig ist auch 
eine Bauhütte, wie dem Tier der Magen, der den Stoff 
wechsel vermittelt und die verbrauchten Teile ersetzt. 
Warum soll der Dom sich stellen, als ob er das nicht nötig 
hätte? Gebe man also dieser Notwendigkeit einen ent 
sprechenden monumentalen Ausdruck an der Stelle, die 
jetzt von den oft und mit Recht befehdeten Baracken be 
ansprucht wird. Ferner verlangt der Dom, der zur Ehre 
Gottes, aber auch für die Menschen errichtet ist, wie jedes 
bessere Haus eine gedeckte Unterfahrt. Man scheue sich 
daher nicht, an die Südseite, da, wo das Schiff an den Turm 
anstößt, eine schlichte, aber würdige Vorhalle mit Unter 
fahrt anzubauen, und suche auch durch deren Architektur 
zu erreichen, daß das Starre des Domes in Ernst aufgelöst 
und das Kalte an ihm zum Erhabenen veredelt werde. 
Schon durch diese wenigen Mittel würde das stolze 
Gotteshaus uns menschlich näher gerückt und darum liebens 
würdiger erscheinen. Noch gibt es aber ungleich wirkungs 
vollere Maßnahmen zu diesem Zwecke. Wie schon vorher 
angedeutet, gilt es hauptsächlich, die umgebenden Plätze 
mit allem, was darauf ist, dem Dome gewissermaßen auf den 
Leib zu gestalten, so daß sie ihm wie angegossen sind, 
daß sie ihm gleichsam als Sprachrohr dienen. Durch die 
Plätze muß alles, was der Dom so pathetisch in die Welt 
ruft, den rechten Ausdruck erhalten. Das Zierliche und 
Zarte wird dann deutlich und klar, das Ernste und Strenge 
allen gemildert ins Herz klingen. 
Wenn wir vom Bahnhofsvorplätze und der Brücken 
rampe absehen, müssen wir sagen: Die jetzigen Plätze 
sind zu weitläufig, zu verschwommen, zu charakterlos und 
ohne jede klare Beziehung zu dem Dom. Eine solche hat 
nur der unglückselige Platz ,»Margarethenkloster“, Die 
Herstellung dieses schlecht angebrachten Langplatzes in der 
Längsaxe des Domes lag nahe, weil die Erwerbung des 
früheren Rheinischen Hofes und die ästhetisch falsche Idee 
der Kaiserstraße zur Vereinigung des alten Margarethen 
klosters mit dem Domplatz verführte. Dieser Langplatz 
enthüllte den armen Dom an seiner schwächsten Stelle, 
wie ja fast jedes mittelalterliche Bauwerk entblößt und her 
abgemindert wird, wenn der Beschauer auf irgend eine 
Art zu einer geometrischen oder auf die Axe gestellten 
Ansicht gezwungen wird. Beweis genug hierfür ist auch 
der Anblick der neuen Deutzer Kirche von der alten Brücke 
aus. Den Dom hat man, dem Beschauer nicht zur Freude 
von vorn und von hinten axial gefaßt. Wie viel prak 
tischer und vor allem, wie viel schöner wäre es, wenn die 
neue Brücke im Zuge der Trankgasse über den Rhein 
führte. Und so reizvoll die Domfassade aus der engen Gasse 
der Burgmauer auch erscheint, so sehr verliert sie, wenn 
sie ganz überschaut werden kann bei dem Heraustreten auf 
das jetzige „Margarethenkloster“. Es fällt sofort auf, daß 
die untere Fassadenhälfte mit der oberen nicht harmoniert. 
Die Großzügigkeit der oberen enthüllt die Engbrüstigkeit 
der unteren, welch letztere durch die Zweiteilung der unteren 
Turmteile hervorgerufen ist. Aus weiser Absicht ist jeden 
falls diese scheinbare Disharmonie entstanden. Die unteren 
Teile sollten aus ziemlicher Nähe, die oberen aus kilo 
meterweiter Entfernung wirken. Den alten Meistern ist 
durch die Verkennung ihrer Ziele ein großes Unrecht ge 
schehen. Ferner entbehrt für den Beschauer vom „Marga- 
rethenkloster“ aus die Fassade jedes Reliefs, wodurch sie 
nüchtern und reizlos erscheint. Bei unserem sonnenlosen 
Klima, bei dem das Hauptlicht von oben kommt, sieht man 
an der Fassade nur unzählige vertikale Linien, keine Kör 
perlichkeit und an ihrer Stelle die nicht gut verteilten 
Fensterflächen. Für einen Renaissancebau ist die geometri 
sche Ansicht aus der Entfernung nicht so gefährlich. Die 
weit ausladenden Gesimse bieten ihre Unteransicht dar und 
werfen nach unten Schatten. Die Säulen erscheinen immer 
rund. Die Domfassade hat keine weit ausladenden Gesimse 
und keine Säulen. Man sieht daher bei unserem meist 
trüben Wetter die Fassade in derselben Reizlosigkeit wie 
auf den alten Werkzeichnungen im Domchor. Und doch 
hat die Fassade ein gewaltiges Relief, es muß nur zur Er 
scheinung gebracht werden. Wie überraschend reich ist 
der Anblick, wenn man von der Marzellenstraße herkommt. 
Leider wäre die Hingabe an diesen Genuß der reine Selbst 
mord, denn hier werden dem Kunstfreunde die Beine ab 
gefahren. Der Verkehr der elektrischen Bahnen droht 
Tod und Verstümmelung. Wir sind daher gezwungen, uns 
mit Lebensgefahr an der Apotheke und dem Hotel St. Paul 
vorbei, die beide ein so mustergültiges Verkehrshindernis 
bilden, daß sie heute oder morgen fallen müssen, nach der 
Südseite, nach der Ecke des Monopolhotels zu begeben, 
ohne auch nur gewagt zu haben, einen Blick auf den Dom 
zu werfen. Hier machen wir nun die traurige Wahrneh 
mung, daß selbst mit Einsetzung des Lebens ein Genuß 
nicht möglich ist. Ein zweites mustergültiges Verkehrs 
hindernis taucht auf und entzieht uns den ersehnten 
Anblick gänzlich. Den Freilegern hat leider Pietät und 
Geldmangel hier einen Strich durch die Rechnung gemacht, 
Da steht zunächst das Schebensche Haus, von dem be 
rühmten Freiherrn von Schmidt erbaut, und streckt seinen
	        
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