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Volume H. 1

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 1.1904 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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und die Zusammenfassung aller der vielen hier einschlägigen wichtigen Fragen künstlerischer, gesund 
heitlicher, wirtschaftlicher und auch volkstümlich ethischer Natur und das Studium der alten Meister 
werke der Städtebaukunst, also auch seiner Geschichte, erst unserer jüngsten Zeit, erst den letzten 
Jahrzehnten angehört. 
Diese Lücke soll durch unser Unternehmen nun ausgefüllt werden. 
An überreichlichem Stoff wird es uns wahrlich nicht fehlen, denn, wie jeder Eingeweihte weiß, 
befinden wir uns mitten in einem Übergange von alten und nicht mehr haltbaren Annahmen, Lehr 
meinungen und Schlagworten zu neuen nach Ausdruck und Betätigung ringenden Grundsätzen; mitten 
in einem heftigen Widerstreit der Ansichten auf theoretischer Seite und der Ausgangspunkte des Schaffens 
auf praktischer Seite. 
Im allgemeinen sind zwar für eine große Menge von Fragen die rein wissenschaftlichen Unter 
lagen bereits erörtert, ja sogar soweit geführt, daß mit hinlänglicher Sicherheit Schlußfolgerungen für 
eine richtige naturgemäße Art des Städtebaues daraus abgeleitet werden können; aber es ist dies wohl 
nur hier und da auch wirklich geschehen, weil jeder einzelne Fachmann vorläufig meist noch auf 
seinem eigensten Gebiete denkt und schafft und vielfach uns noch der Zusammenhang, die Vereinigung 
aller der schon in Ordnung gebrachten Einzelheiten zu einem festgefügten Ganzen fehlt. Es sei hierzu 
nur einiges als Beleg in Erinnerung gebracht. Z. B. die Frage der Straßenanlage. Da gilt ja bekanntlich 
noch heute in weitesten Kreisen, welche die Entwicklung auf diesem Gebiete nicht mitgemacht haben, 
das Schlagwort von den schönen gleichbreiten und schnurgeraden Straßen. Die Unterlage hierfür gab 
seinerzeit die bahnbrechende Schule der Hygiene des großen Pettenkoffer, seiner Schüler und Zeit 
genossen, denen wir die Untersuchung über die Wichtigkeit von Trockenheit, Wärme, Luft und Licht 
für unsere Gesundheit verdanken. Diese Forschungsergebnisse stellen Wahrheiten dar, welche als 
solche somit heute auch noch gelten und wohl immer gelten werden. Nicht so die in der Eile daran 
geknüpften Folgerungen, daß man, um möglichst viel Licht und Luft in die Wohnungen zu bringen, 
durchgängig möglichst breite Straßen oder überall zwischen den Häusern Bauwiche anlegen müsse zur 
Durchlüftung auch des Inneren der städtischen Baublöcke, was sich dann schließlich zu dem geradezu 
packenden Schlagworte verdichtete, daß die schönen breiten Straßen und Plätze die Luftbehälter, ja 
die Lungen der Städte seien. Heute dagegen weiß man, daß gesundheitsschädliche Spaltpilze in der 
Luft gerade am Straßenstaub, der an sich selbst auch schon schädlich genug ist, haften und bei dessen 
Aufwirbeln in den windigen breiten Straßen überall hin und durch die Bauwiche sogar schädlicherweise 
in die Hausgärten verbreitet werden und der moderne Hygieniker sagt, daß „vom hygienischen Stand 
punkte aus die Straße nur gewissermaßen ein notwendiges Übel sei.“ Das bedeutet doch eine volle 
Frontänderung, wie sie nicht deutlicher gewünscht werden könnte. 
Von eben solchen Frontänderungen wimmelt es aber geradezu auf dem Gebiete des Städtebaues 
und fast überall stehen sich auch die denkbar verschiedensten Anschauungen schroff gegenüber: so in 
der Frage der Zonenbauordnung, welche von den einen als das Allheilmittel gegen allen Bauwucher, 
gegen alle Miethaus- und Zinsspekulation, gegen alles Wohnelend gepriesen und daher in möglichster 
Ausdehnung verlangt wird, während die andern sie als Zutreiberin der Grundspekulation und der Bau 
ringe verwerfen. Ebenso steht es mit der Einführung der Enteignungsgesetze und der Grundsteuer 
reform, welche von der einen Seite so strenge als möglich gefordert, von der anderen Seite als Rechts 
bruch und Vermögensbereicherung geradezu leidenschaftlich bekämpft werden. Ganz ebenso verhält 
es sich mit der Erbpacht, mit der kommunalen Bodenpolitik, mit der Frage der Ausnutzung städti 
schen Baugrunds überhaupt; mit den Bauerleichterungen der Bauordnungen; mit den Grundsätzen der 
Besiedelung, ob nach Berufsvierteln oder nach althergebrachter Bevölkerungsmischung; mit der Unter 
bringung öffentlicher Bauten, den zulässigen Grenzen der Erhaltung alter Denkmäler und der Pflege 
moderner Kunst. 
Mindestens ebenso bedeutsam wie diese Umkehrung von Anschauungen und Grundsätzen in jüngster 
Zeit ist auch die allenthalben platzgreifende Vertiefung in die Einzelheiten der vorliegenden Aufgaben. 
So wird die früher übliche Normalbreite der Straßen immer mehr und mehr fallen gelassen. Man sieht
	        
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