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Volume H. 4

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 1.1904 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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vielleicht auf den ersten Blick etwas Anmutendes haben 
mag. Die sich erweiternde Stadt bleibt auch in ihren neuen 
Teilen Stadt und soll einen dementsprechenden Charakter 
tragen. Wer will Überhaupt heute im Zeitalter einer ganz 
außerordentlichen Städteentwicklung einer Stadt eine Grenze 
ziehen und sagen, bis dahin dürfe sie sich noch als Stadt 
fühlen und ausgestalten, weiter draußen aber habe sie den 
städtischen Charakter abzustreifen und allmählich aufzu 
gehen im Lande? Liegen doch Straßen, die heute noch in der 
Tat den Übergang von der Stadt aufs Land darstellen, bei 
der raschen Ausdehnung der Stadt vielleicht schon in we 
nigen Jahren inmitten des eigentlichen städtischen Verkehrs 
und haben diesen zu vermitteln! Dann aber tragen die 
daran gelegenen Häuser jedenfalls nicht mehr mit Recht 
einen landhausartigen Charakter und die Forderung hieraut 
erscheint dann als die Forderung einer Unwahrheit, eines 
Widerspruches zwischen Zweck und Bedeutung der Straße. 
Wirtschaitliches Leben pulsiert nur in Straßen, wo die ge 
werblichen und kommerziellen Veranstaltungen gedrängt 
sind. Man stelle sich den Kern unserer Großstädte aus 
Häusern mit Abständen und Vorgärten vor. Wenn dort 
jetzt für unser Gefühl und unsere Bedürfnisse zu eng gebaut 
ist, so wäre es doch eben so unzweckmäßig, wenn solche 
Stadtteile mehr als nötig auseinander gezogen wären. Das 
wird auch kaum jemand in Abrede stellen, man bildet sich 
aber ein, es handle sich von jetzt an nur noch um Stadt 
teile, die dauernd die Peripherie der Stadt bilden und stets 
bloß der Befriedigung des Wohnbedürfnisses dienen werden. 
Das ist aber ganz grundlos. Die Neuheranziehenden treiben 
Gewerbe im gleichen Prozentsatz wie die jetzt schon in der 
Stadt Wohnenden, und wenn diese neuen Gewerbe auch 
teilweise die inneren Stadtteile aufsuchen werden und die 
dort Wohnenden verdrängen und sie veranlassen, ihre Woh 
nungen an der Peripherie zu suchen, so ist dies doch nur 
zu einem Teil der Fall, und es muß daher auch im Stadt 
erweiterungsgebiet Gelegenheit zur Ansiedlung von Gewerbe 
und Handel geschaffen werden. Daraus ergibt sich die Not 
wendigkeit der Unterscheidung von Geschäfts- und Wohn 
straßen im engeren Sinne, die nicht ohne weiteres nach den 
gleichen Grundsätzen behandelt werden, können. Für die 
Geschäftsstraßen, die den durchgehenden Verkehr zu ver 
mitteln haben, ist die geschlossene Bauweise unzweifelhaft 
auch für Stuttgart die einzig zweckmäßige, wie sie auch in 
anderen Großstädten für solche Zwecke allenthalben fest 
gehalten wird. Die Zulassung solcher Straßen ist nötig im 
Interesse der zukünftigen wirtschaftlichen Entwicklung der 
Stadt. Es ist aber auch unökonomisch, gerade an solchen 
Straßen den wertvollen Vorderpiatz zu vergeuden zu Ab 
ständen, die für den Verkehr ebenso hinderlich sind, als 
sie das gute Aussehen der Stadt und der betreffenden Straßen 
schädigen.“ 
Dieser kurze Auszug mag einen Begriff geben von den 
allgemeinen Grundsätzen, die nunmehr in Stuttgart die lei 
tenden sein sollen und die geradezu einen Bruch mit den 
bisher nicht bloß in Stuttgart betätigten Anschauungen über 
Stadterweiterungen und Bauordnungen bedeuten. Den Fach 
genossen sei das Studium des Druckwerks eindringlich em 
pfohlen. Was bei der Bebauung der südlichen Berglehne 
von der NeckarstraBe und derHauptstätter Straße aufsteigend 
bis zum Kanonenwege und zur Olgastraße sowie an den 
Berghängen im Norden bis zur Jäger- und der Rosenberg 
straße usw. gegen den Geist der Städtebaukunst gesün 
digt worden ist, kann allerdings nicht wieder gut gemacht 
werden. Professor Theodor Fischer hat in einem Vortrage 
,,Stadterweiterungsfragen mit besonderer Rücksicht auf 
Stuttgart“, der im Druck mit 32 Abbildungen in der Deut 
schen Verlagsanstalt zu Stuttgart 1903 erschienen ist und 
auf dessen geistvolle Ausführungen an dieser Stelle noch 
besonders aufmerksam gemacht wird, den Weinbergsweg 
vor und nach dem Ausbaue der Straße, die Sonnenbergstraße 
und den früheren Sonnenbergweg, die Karlshöhe in der 
Nüchternheit gleichmäßiger Bebauung und demgegenüber mit 
idealer Bekrönung durch ein öffentliches Gebäude usw. in 
Bildern vorgeführt, die in äußerst anschaulicherWeise dar 
stellen, wie wenig Rücksicht auf die natürlichen Verhält 
nisse bei der Anlage der Straßen genommen worden, und 
wie auch nicht ein Hauch der früheren Poesie auf die 
neuen Straßenanlagen übergegangen ist. 
Doch darüber hinaus ist noch freies Feld zur Betäti 
gung künstlerischer Auffassung, wenn auch manche bereits 
festgestellte Fluchtlinie wieder abgeändert oder ausgemerzt 
werden muß. Durchweg handelt es sich hier um städti 
sche Bebauung auf Berghöhen. Das Stuttgarter Tal ist 
nach Südwesten geöffnet und die Hauptwindrichtung geht 
ebenfalls dahin, wie in einem dem obengenannten Werke 
angehängtenhygienischen Gutachten ausgeführt wird, Frische 
Luft wird von oben her über die Häuser an den Berghängen 
hinweg der Stadt zugeführt, indem der Luftstrom sich in 
Wogen und Wirbeln in die Tiefen des Tales, in die Straßen 
und Höfe einsenkt. Bei dieser Art der Luftbewegung können 
Gebäude, seien es frei- oder in der Reihe stehende, die 
Luftzufuhr niemals abschneiden und darum kann auch 
hier nach Bedarf eine geschlossene Bebauung unbedenk 
lich zugelassen werden. 
Von den nunmehr durchgedrungenen Anschauungen 
sollen im folgenden einige Teilpläne Kunde geben, die 
Herr Oberbürgermeister Gauß mir in zuvorkommendster 
Weise zur Veröffentlichung überlassen hat. 
Vorangestellt sei zu diesem Zwecke eine Abbildung 
— siehe Tafel 28, Abbildung a des in Dresden auf der Städte 
ausstellung gewesenen Modells — der Gesamt-Stadtlage 
mit den geplanten Erweiterungen, die sich den natürlich 
gegebenen Verhältnissen auf das beste anpassen. Als der 
interessanteste der Pläne ist mir der vonProfessorTh.Fischer 
aufgestellte, für das im Westen der Stadt gelegene Gelände, 
das sich rechts von der Silberstraße und Bergstraße, und zwar 
von der Forstsfraße als der unteren Grenze bis zur Gäubahn 
hin erstreckt, etwa von der Höhenkurve 280 bis 336 bez. von 
292 bis 346 also um rund 55 m ansteigend, interessant nicht 
allein an sich wegen seiner meisterhaften Straßenführungen, 
sondern auch wegen seiner Entstehungsgeschichte, die für die 
Entwicklung des modernen Städtebaues ein ausgezeichnetes 
Beispiel bietet. Die Pläne auf den Tafeln 26, 27 u. 28 spiegeln 
die hauptsächlichsten Phasen dieser Entwicklung wieder bis 
zum gegenwärtigen Stande derStädtebaukunst. AufTafel 26/27 
Abbildung a ist der festgestellte Plan aus den Jahren 1860 bis 
1870 dargestellt, das ein nur von der Schwabstraße schief 
durchsetztes Rechtecknetz über das ansteigende Gelände ge 
breitet hat. Auf einen kreisrunden Platz sollten einige Diago 
nalstraßen zusammenlaufen, im ganzen vier Straßenzüge und 
zwei Straßenstumpfe, die an der steilen Berghöhe einfach 
aulhörten, wie in Verlegenheit darüber, was nun wohl weiter 
geschehen solle. Nach diesem Schema, das keine Rück 
sicht auf vorhandene Weggrenzen und Steigungen nahm,
	        
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