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Volume H. 4

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 1.1904 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Geländes und zwar zunächst des zwischen der Haupt 
straße und dem Flußufer gelegenen Streifens, da hierdurch 
der Zusammenhang zwischen Wasser- und Straßenverkehr 
nicht nur nicht gefährdet, sondern stets lebhafter und 
leichter gestaltet werden konnte. Bei der Aufteilung dieses 
Gebietes wurden die vielfachen Bedürfnisse, die bei An 
legung von Straßen in dichter besiedelten Gebieten zu be 
rücksichtigen sind, keineswegs außer Acht gelassen, ob 
gleich von einem nach heutigen Begriffen planmäßigen 
Vorgehen wohl kaum die Rede sein dürfte. Wenn aber 
bei der Anlage mittelalterlicher und noch älterer Städte 
vielfach von Zufall und Willkür gesprochen wird, so be 
ruht dies, wenigstens bei den an größeren Flüssen ge 
legenen Städten, zum größten Teil auf unrichtiger Beur 
teilung der geschichtlichen Entwicklung und der ob 
waltenden Verhältnisse. Die sich in solchen alten Städten, 
wenn auch nicht in geometrisch genauer Weise, so doch 
deutlich erkennbar stets wiederholenden Längsstraßen, 
die parallel zur ersten Hauptstraße dem Flußlaufe folgen, 
sind nicht der Willkür, sondern dem wachsenden Bedürf 
nisse des immer noch in der Flußrichtung überwiegen 
den Verkehrs zu verdanken. Es ist kaum anzunehmen, 
daß z. B. in Frankfurt a. M. — vergl. Tafel 25 “ die unter 
sich, sowie mit der Zeil und mit dem Main gleichlaufende 
Richtung derSaalgasse, des Markts, der Schnur- undTönges- 
gasse lediglich irgend einem Zufalle auf die Rechnung zu 
schreiben ist, ebensowenig wie etwa der Umstand, daß die 
diese Längsstraßen unter sich verbindenden Querstraßen, 
sowie die zum Flußufer hinunterführenden Hauptverkehrs 
straßen doch ausgesprochen eine zum Flußlaufe im großen 
und ganzen senkrechte Führung bekommen haben, wie 
solche abgesehen von den vielen kleinen Verbindungswegen 
zwischen den einzelnen Längszügen, in erster Reihe die 
Fahrgasse, dann aber auch die Neue Kräme und der Große 
Kornmarkt aufzuweisen in der Lage sind. 
Eine Führung der Straßen nach der Schnur und mit 
peinlich genau gleichen Abständen zwischen den beider 
seitigen Fluchtlinien glaubte man sich in den alten Städten 
allerdings ersparen zu können, wofern nur die großen 
Gesichtspunkte des Verkehrs im Auge behalten werden 
konnten. Bei der Führung der Straßen im einzelnen wer 
den hauptsächlich Gründe wirtschaftlicher Natur, wie die 
Rücksichtnahme auf eine geeignete Bodenaufteilung, sowie 
auf vorhandene Grundstücks- und Gewanngrenzen maß 
gebend gewesen sein. Daß nun diese rein praktischen Be 
weggründe der Schönheit der Straßenbilder keinen Eintrag 
getan haben, daß vielmehr in den alten Städten Schönheit 
und wirtschaftliche Zweckmäßigkeit in volle Übereinstim 
mung gebracht werden konnten, soll uns nicht veranlassen, 
die bewußten Leistungen auf dem Gebiete des früheren 
Städtebaus zugunsten eines blinden Zufalls herabzusetzen. 
In den Gang der baulichen Entwicklung, die sich mit 
den Anforderungen des Handels und Verkehrs, der Grund 
bedingungen einer gedeihlichen städtischen Entwicklung 
überhaupt in zielbewußter und zufriedenstellender Weise ab 
fand, griff nun die Befestigung in gewaltsamer Weise störend 
ein. Aus Gründen der Wehrhaftigkeit mußte ein geschlosse 
ner Ring von Wällen um die Stadt herumgeführt werden, 
der bei frei im Flachland gelegenen Städten als die für die 
Verteidigung geeigneteste Form einen geschlossenen Kreis 
bildete, während an Flüssen die Umwallung halbkreisförmig 
von Fluß zu Fluß geführt werden mußte, um an der 
Stromseite durch festungsartigen Ausbau der Uferlinie 
abgeschlossen zu werden. 
Die Folgen der Umwallung zeigten sich für den wei 
teren Ausbau der Städte namentlich nach zwei Richtungen 
in der schwerwiegendsten Weise. Erstens wurde die 
weitere Längsausdehnung der Städte zum großen Teil 
unterbunden, indem diese über die Umwallung hinaus nur 
durch ein Hinaüsschieben der Festungswerke, also mit viel 
Arbeit und großen Kosten zu ermöglichen war, zweitens 
aber wurde das Zusammenwirken von Wasser- und Land 
verkehr, durch die am Flußufer hergestellten Befestigungen 
wesentlich erschwert und zum Teil ganz unmöglich ge 
macht. 
Die Folgen blieben nicht aus. Bei der räumlichen 
Beschränkung der Städte hatte die stetige Zunahme der 
Bevölkerung eine Verschlimmerung der Wohnverhältnisse 
zur Folge, welcher bei der stets dichter werdenden Be 
bauung innerhalb der Festungswerke kaum mehr abge 
holfen werden konnte. Der Umstand, daß die Städte von 
Anbeginn an in einer außergewöhnlich günstigen Weit 
räumigkeit erbaut waren, trug allerdings wesentlich mit 
dazu bei, daß viele Städte Jahrhunderte hindurch mit der 
selben Umwallung auskommen konnten, so Magdeburg 
vom 13. bis in das 19. Jahrhundert und Frankfurt, wie be 
kannt, vom 14. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Doch 
sind bereits im Mittelalter verschiedene Stadterweiterungen 
durch Hinausschieben des Wallgürtels unvermeidlich ge 
worden, so in Frankfurt z. B. um die Mitte des 12. Jahr 
hunderts und um das Jahr 1333, in Magdeburg unter Otto 
dem Großen, und im 13. Jahrhundert zuerst um das Jahr 
1236 und dann um 1275. Trotzdem wurden die Wohn 
verhältnisse befestigter Städte in den letztvergangenen Jahr 
hunderten immer unhaltbarer, und wenn einmal Krankheit 
und Pest in solcher Stadt sich festsetzten, war ihnen eine 
fürchterliche Ernte sicher. 
Wenn auch nicht so offenkundig, so doch nicht minder 
bedeutend waren die wirtschaftlichen Folgen in bezug auf 
den Flußverkehr, die durch den Festungsbau hervorgerufen 
wurden und eine fast vollständige Ausschaltung des in 
alter Zeit doppelt wichtigen Schiffahrtverkehrs zur Folge 
hatten, ein Nachteil, an dessen Folgen viele der an Flüssen 
liegenden Städte noch heute zu leiden haben. Nicht, als 
ob sich die aus wehrhaften Gründen notwendigen baulichen 
Maßnahmen in keiner Weise mit den Anforderungen des 
Schiffahrtverkehrs vereinigen ließen! Daß dies in aus 
giebigem Maße möglich ist, beweist das Beispiel von Ant 
werpen, wo innerhalb des Festungsgürtels ausgedehnte 
Hafenanlagen geschaffen wurden, die heute noch einen stets 
steigenden, gewaltigen Umschlagsverkehr abzuwickeln wohl 
in der Lage sind. Aber in den meisten Städten erfolgte 
die Ausführung der Festungswerke ohne jede Rücksicht 
nahme auf die Erfordernisse des Wasserverkehrs, und 
wenn schon die Bedürfnisse, die zur Zeit der Erbauung 
der Festungswerke tatsächlich bereits vorhanden waren, 
nicht berücksichtigt worden sind, so läßt sich denken., 
daß auch jede spätere gedeihliche Entwickelung des Ufer 
verkehrs in solchen Städten für lange Zeit hinaus außer 
ordentlich erschwert worden ist. 
Für den Verkehr innerhalb der Festungswälle war 
durch die Anlage der Stadt in den meisten Fällen eine 
gute Grundlage geschaffen worden. Wenn aber auch, wie 
wir gesehen haben, die Anordnung von Straßen parallel
	        
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