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Volume H. 3

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 1.1904 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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ohne ernste gesundheitliche Nachteile in Kauf nehmen zu 
müssen. 
Etwaige Schwierigkeiten, die sich der Gewinnung einer 
günstigen Lage der Gebäudeaußenwände zur Sonne ent 
gegenstellen, müssen daher durch den Bebauungsplan be 
seitigt werden. Nicht geht es an, dieser Schwierigkeit in 
Großstädten durch die Anwendung der halboffenen Bau 
weise begegnen zu wollen- Nur dort, wo die Gesamt 
straßenkosten belanglos bleiben, z. B. in ländlichen Gebieten, 
ist die offene und die halboffene Bauweise für Kleinwoh 
nungen ohne Schaden durchführbar. 
.Die Freilage des Kleinwohnungshauses durch 
höheren Geld-Aufwand zu erkaufen, ist aber nicht nur ein 
volkswirtschaftlich falsches Beginnen, sondern es hat stets 
auch gesundheitliche Nachteile im Gefolge: Je höher die 
Mietpreise ausfallen, um so dichter werden die Wohnungen 
belegt, weil entweder die Mieter Einschränkungen bei der 
Wahl der Wohnung in Hinsicht auf Raumzahl oder Raum 
größe sich auferlegen oder Aftermieter aufnehmen. Mit der 
dichteren Belegung der Wohnung wächst die Ansteckungs 
gefahr in genau dem gleichen Grade wie die Luftverschlech 
terung. Die stärkere Durchlüftung des Blockinnern macht 
sie nicht wett. 
Untersucht man nun, was die Freilage des Kleinwoh- 
mmgshauses oder die halboffene Blockanlage für Vorteile 
schafft, dann müssen sie jenem gewichtigen Nachteile gegen 
über als völlig bedeutungslos bezeichnet werden. Für den 
Bewohner hat die Freilage des Hauses meist nur Nachteile. 
Der Grundriß der Wohnung pflegt durch sie nicht ver 
bessert zu werden. Es kommen vielmehr in der Regel 
fensterlose Umfassungswände von Aufenthaltsräumen zur 
Freilage, die hierdurch desjenigen Wärmeschutzes verlustig 
werden, dessen die Kleinwohnung mehr als irgend eine 
andere Wohnung bedarf, weil die Geldmittel zu einer aus 
giebigen Heizung mangeln und die Möglichkeit fehlt, während 
der heißesten Jahreszeit den Wohnort gegen eine „Sommer 
frische“ zu vertauschen. Die stärkere Durchlüftung des 
Blockinnern wirkt zwar in der warmen Jahreszeit günstig, 
erhöht aber bei kaltem windigen Wetter die Wärmeableitung 
ganz wesentlich. Der etwa mangelnde Wetterschutz macht 
sich beim Kleinwohnungshaus ebenfalls in besonders un 
günstiger Weise bemerkbar, weil er den Wassergehaltder vom 
Schlagregen getroffenen Raumwände dauernd zu einem 
hohen werden läßt. Denn im Kleinwohnungshaus findet 
man allgemein bereits einen höheren Wassergehalt der 
Wände als in den Wohngebäuden der Bessergestellten, weil 
im ersteren mit der Heizung bis auf das Äußerste gespart 
werden muß, die Wasserdampferzeugung aber eine erhöhte 
ist infolge des dichteren Belegens und der geringeren Größe 
der Räume sowohl, wie durch die in der Regel stattfindende 
Benutzung der Aufenthaltsräume zum Kochen, Aufwaschen, 
Reinigen der Babywäsche u. dgl. Auch die stärkere Wasser 
verwendung zum Säubern der Fußböden tritt hinzu und 
besonders ungünstig pflegt die unzureichende Anwendung 
der Fensterlüftung wie etwa angelegter künstlicher Lüftungs 
einrichtungen zu wirken. 
Daß aber durch die offene oder die halboffene Bau 
weise der Arbeiteransiedlungen Vorteile für die Allgemein 
heit erwachsen sollten, muß ich stark in Zweifel ziehen. 
Weder pflegt ihre architektonische Erscheinung hierdurch 
erheblich zu gewinnen, noch der Einblick in die Höfe und 
Gärten von Vorteil zu sein. Auch der Lärm, der vielfach 
im Innern solcher Wohnhausblöcke entsteht, bleibt besser 
in ihm zurückgehalten, als daß man ihn durch Bauwiche 
zu weiteren Wohngebieten gelangen läßt. Das Bedürfnis 
nach Ruhe ist tagsüber für die Kleinwohnungen ein sehr 
geringes; erst abends pflegt es sich einzustellen, daher tritt 
man dem Entstehen von Geräusch dort wenig oder gar 
nicht entgegen. Sein Austritt zu anderen Wohngebieten ver 
mag dagegen erhebliche Nachteile hervorzurufen. 
Alles dieses spricht daher für die ausschließliche An 
wendung der geschlossenen Bauweise in städtischen Klein 
wohnungsgebieten und Arbeitersiedlungen, während die 
Vorteile der offenen wie der halboffenen Bauweise für sie 
so geringfügig auszufallen pflegen, daß sie als nennenswert 
kaum bezeichnet werden können. Oder glaubt Stübben 
etwa, daß dem Arbeiter mit dem Einblick der Vorüber 
gehenden und Gegenüberwohnenden in seinen Hof oder 
Gemüsegarten gedient sei? oder daß er großes Verlangen 
nach verstärktem Windanfall trage? oder daß das Städte- 
bildGewinn davontrage, wenn jedermann Einsicht zu nehmen 
vermag, wie oft, wie viel und welche Wäsche im Block 
innern der Arbeiteransiedlungen zum Trocknen gehängt 
wird? Daß sie bei Anwendung der offenen oder halboffenen 
Bauweise lustiger im Winde flattert, ist allerdings richtig, 
auch wird sie rascher trocknen. Diese großen Vorzüge 
zuzugeben bin ich gern bereit, glaube dennoch aber zu 
der Ansicht berechtigt zu sein, daß die vollständige Um 
schließung der Blöcke für Kleinwohnungen ebenso sehr im 
Sinne ihrer Bewohner wie in dem der Allgemeinheit ge 
legen ist. 
Aus den vorstehenden Erörterungen geht hervor, 
daß die geschlossene Bauweise, bei gesundheitsgemäßer 
Gestaltung, der offenen Bauweise gegenüber wesentlich 
größere Vorzüge aufweist als Nachteile. Auf eine solche 
Gestaltung der geschlossenen Bauweise in den noch wenig 
bebauten oder unbebauten Gebieten der Großstädte sollte 
daher die Hygiene wirken. Denn das zu erstrebende Ziel 
ist errreichbar und schafft ausschließlich Nutzen, während 
die Durchführung der offenen Bauweise mindestens volks 
wirtschaftliche Nachteile im Gefolge hat. 
Wird ein Baublock mit Vordergebäuden beliebiger 
Tiefenausdehnung in geschlossener Zeile umgeben, während 
sein Inneres von Quer- oder Rückgebäuden frei bleibt*) 
und zu Hausgärten dient, welche sich rings berühren, dann 
lassen durch zweckmäßige Grundplangestaltung selbst weit 
gehende Ansprüche an die Durchlüftung und die Lichtfülle 
der Aufenthaltsräume, an den freien Ausblick in blühende, 
grünende Gärten, an staubfreie reine Luft und an Ruhe 
sich erfüllen. 
Wohlbefinden und Wohlbehagen werden nicht durch 
die geschlossene Bauweise als solche ungünstig beeinflußt, 
sondern durch eine übermäßige Ausnutzung des Baulandes, 
indem z. B. das Blockinnere durch Quer- und Rückge 
bäude in Einzelhöfe von mäßigem oder geringem Umfang 
aufgeteilt wird, welche die ebengenannten Ansprüche an 
gesundes Wohnen nicht oder nicht in ausreichender Weise 
zu erfüllen vermögen. 
Derartige nachteilige Zustände aufzuheben ist auch die 
offene Bauweise nicht ohne weiteres im Stande. Es ist 
vielmehr die gleiche Fürsorge durch Bebauungsplan und 
*) Niedere Rückgebäude für Stallungen, Wagenremise u. dgl. dürfen 
ohne wesentlichen Schaden zur Ausführung gelangen. Ihr Abstand von 
bewohnten Gebäuden muß jedoch mindestens ihrer Höhe gleich sein.
	        
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