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Volume H. 2

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 1.1904 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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DER KÖNIGIN LUISE-GARTEN IN MAGDEBURG. 
Von Peters, Magdeburg. 
Die Niederlegung der Befestigungswerke zur Stadter- 
weiterung hat für die alten Festungsstädte Gelegenheit zu 
einer ungewöhnlichen Bautätigkeit gegeben, die zwar in 
den meisten bedeutenderen Ranges schon zu ihrem Ab 
schlüsse, wenigstens im großen und ganzen, gelangt ist. 
Es braucht nur an Köln a. Rh., Stettin, Mainz usw. erinnert 
zu werden. In Magdeburg ist nach einer ersten Stadt 
erweiterung im Westen in den 70 er Jahren gegenwärtig ein 
zweites, überaus umfangreiches bebauungsfähiges Stadt 
gebiet auf dem nördlichen Teil der Befestigungswerke, 
der sogenannten „Nordfront“ aufgeschlossen, während 
eine dritte Erweiterung im Süden auf dem Gelände des be 
rühmten „Sterns“ durch Vertragsabschluß gesichert und in 
aller nächster Zeit bereits in Angriff genommen werden soll. 
Die erste bahnbrechende Erweiterung der Altstadt Magde 
burg ist in Zeit von etwa 2 l / 2 Jahrzehnten voll durchgeführt 
worden, und der neue mächtige Stadtteil daselbst zeigt kaum 
noch an einer Stelle die geringste Lücke. 
Die Stadterweiterungen in Festungsstädten vollziehen 
sich gewöhnlich nur nach überaus schwierigen und lang 
wierigen Verhandlungen zwischen der Militärbehörde und 
der Stadtverwaltung, wobei der Geldpunkt die vornehmste 
Rolle zu spielen pflegt. Für die Stadt muß deshalb bei 
Aufstellung des Bebauungsplans notgedrungen wohl überall 
ein Kompromiß geschlossen werden zwischen den prak 
tischen und sonstigen, insbesondere den künstlerischen An 
forderungen, welche beim Entwurf für die Bebauung des 
neu hinzutretenden Stadtteils zu beachten sind. Der von der 
Militärverwaltung aus der Veräußerung der „Nordfront“ 
erzielteGrundpreis war ein derartiger, daß die Stadt Magdeburg 
gegenwärtig kaum noch in der Lage ist, tatsächlich den 
Selbstkostenpreis für das zur Bebauung vorgerichtete Ge 
lände im Verkaufe der Baustellen zu erzielen! Selbstver 
ständlich handelt es sich ja dabei immer noch um ganz er 
hebliche Aufwendungen für die Einebnungsarbeiten, die An 
lage von Straßen, Plätzen, Gartenanlagen, Baumpflanzungen, 
Entwässerung, Gas- und Wasserleitung und dergl. mehr. 
Nichts desto weniger ist es, wie in anderen Festungsstädten, 
namentlich den bereits oben genannten, so auch in Magde 
burg dringlicher Wunsch der Stadtverwaltung gewesen, 
bei Durchführung des neuen Bauplans für die Erweiterung 
auch die ästhetische Seite nach Möglichkeit berücksichtigt 
zu sehen. 
Daß im Stadterweiterungsgebiet anders gebaut werden 
soll, wie in demjenigen der bisher vom engen Festungs 
gürtel eingezwängten Altstadt, versteht sich von selbst, daher 
die einfache Übertragung der altstädtischen Baupolizei-Ver 
ordnungen auf die neuen Verhältnisse ausgeschlossen war! 
Nach der inzwischen für Magdeburg erfolgten Einführung 
der Zonen-Bauordnung zur Regelung des Bauens in den 
Außengebieten wurde zwar für die unmittelbar mit der 
Altstadt zusammenhängende „Nordfront“ ein Teil des Er 
weiterungs-Geländes für die unbeschränkte altstädtische 
Bauweise bestimmt, ein anderer Teil aber für die Bebauung 
mit Beschränkung der Gebäudehöhe und der Zahl der 
Wohngeschosse, ein dritter Teil endlich für die offene 
Bebauung Vorbehalten, wobei nur Gebäude mit gewissem 
Abstande von einander errichtet werden dürfen. Auf die 
Unterschiede der Bestimmungen dieser „Zonenbauordnung“ 
braucht hier nicht weiter eingegangen werden. Daß durch 
diese Baubeschränkungen erhebliche Opfer auch der Stadt 
auferlegt wurden, erscheint klar, war aber unvermeidlich, da 
ja mit der Einführung der Bauordnung für das Außengelände 
jedem Grundstücks-Besitzer genau dieselben Beschrän 
kungen zugemutet werden, über die sich füglich die Stadt 
als Großgrundbesitzerin also nicht einseitig hinwegsetzen 
durfte! 
Unter solchen Verhältnissen erscheint die von der Stadt 
verwaltung noch freiwillig übernommene weitere Be 
schränkung der offenen Bauweise als bemerkenswert, da 
sie nur aus ästhetischen Rücksichten erfolgte. Aus dem 
Gelände der offenen Bauweise, d. h. derjenigen mit dem 
sogenannten Bauwich (von je 5 m Abstand der Gebäude 
von der Grundstücksgrenze, somit von 10 m Mindestabstand 
von einander) wurde nämlich ein großer Baublock neben 
den sonstigen Blöcken mit geschlossener Bebauung, für 
landhausmäßige Bebauung herausgelöst, in dem nur auf 
allen Seiten freistehende, villenartige Gebäude inmitten von 
Gartenanlagen errichtet werden dürfen. Die Zahl der Wohn 
geschosse ist auf zwei beschränkt, abgesehen vom Unter 
geschoß, in welchem Wirtschaftsräume und die Hausmanns 
wohnung untergebracht werden können; außerdem ist die 
Einrichtung von Zimmern im ausgebauten Dachgeschoß 
gestattet. Selbstverständlich sind alle Hausansichten ange 
messen architektonisch auszubilden. 
Im Jahre 1895 wurde im nordwestlichen Teile des 
Nordfrontgeländes, in unmittelbarer Nähe der dort bele- 
genen und in den Besitz der Stadt übergegangenen Glacis 
anlagen eine Gartenbau-Ausstellung abgehalten, die von 
außerordentlichem Erfolge begleitet war. Mit bemerkens 
wertem Geschicke waren die Schwierigkeiten der örtlichen 
Verhältnisse von den beiden leitenden Gartenkünstlern, dem 
städtischen Gartendirektor Schoch und dem Garteningenieur 
Laeßig überwunden. Auf dem wüsten Festungsgelände war 
ein kleines Paradies entstanden; aus dem bisherigen Wall 
graben war ein Tal geschaffen, das zu beiden Seiten von 
anmutigen Hügeln eingeschlossen, sogar des idyllischen 
Baches und eines kleinen Sees nicht entbehrte. Die Bruch 
steinmauern der Festungswerke waren zum größeren Teil 
beseitigt, zum anderen Teil zu Felspartien umgestaltet, mit 
Epheu überrankt, zwischen lauschigen Strauchanlagen ver 
steckt usw., und das alles mit verhältnismäßig geringem 
Aufwand von Zeit, Mühe und Kosten. Aus dem Lageplan 
dieser überaus reizvollen Parkanlage geht auf den ersten 
Blick noch die ursprüngliche Form des Bastions hervor; 
die Sohle des ehemaligen Wallgrabens war für die Tal 
senkung, die Krone des Wallkörpers für die Höhe der 
Terrassen und Aussichtspunkte maßgebend gewesen. Kein 
Wunder, daß im Publikum allgemein der Wunsch sich 
geltend machte, das Augenblickswerk dauernd erhalten 
zu sehen! 
Die Stadtverwaltung folgte gern der allseitig entgegen 
getragenen Anregung, und so entstand denn der vorliegende 
Bebauungsplan für den Königin Luise-Garten (vergl.Tafel ao 
und 11), dem als vornehmster Schmuck weiterhin einMarmor- 
Standbild der dem Andenken gerade Magdeburgs unvergeß-
	        
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