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Volume H. 2

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 1.1904 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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sich nicht wenige Beispiele anführen, die ganz die italienische 
Normalstellung zeigen. 
Das Münster zu Basel, Abb. izbesitztVorplatz und Seiten 
platz in derselben Weise wie S. Domenico in Florenz mit 
dem einzigen Unterschied, daß die Eingangsfront nicht vom 
Verkehr zurückgezogen ist, weil der Vorplatz nur durch 
eine jenseitige Erweiterung der Straße gewonnen werden 
konnte, eine Anordnung, die auch in Italien, z. B, bei der 
Jesuitenkirche S. Ignazio in Rom, vorkommt. — Sehr viel 
schöner ist die Anlage des Vorplatzes beim Dome zu Regens 
burg, Abb. 13, die durchaus anS. Maria sopra Minerva erinnert. 
Bei demDome zu Trier, Abb, 14 liegt der Vorplatz deshalb 
besonders günstig, weil auf ihn in der Axe des Domes die 
vom Marktplatze kommende kurze Sternstraße stößt. Auf 
dem Seitenplatze nimmt die Liebfrauenkirche die Stelle eines 
italienischen Baptisteriums ein. Die ganze Anlage macht 
um so mehr einen vornehmen, friedlichen Eindruck, als in 
der Richtung a-b kein nennenswerter Verkehr stattfindet. 
Mit ein paar Beispielen aus späterer Zeit will ich 
schließen, nämlich den Jesuitenkirchen in Trier und Koblenz, 
Abb.15u.16. Bei beiden ist die Einwirkung italienischer Vor 
bilder, insbesondere der Kirche del Gesu in Rom, mit 
großer Wahrscheinlichkeit vorauszusetzen, denn die An 
ordnung ist außerordentlich ähnlich. Bei dem Jesuitenplatz 
in Koblenz ist zu bemerken, daß die Gasse b und der über 
baute Durchgang a nur dem Fußgängerverkehr offen sind, 
sodaß über den Platz selbst kein Wagenverkehr stattfindet. 
Die Kirche liegt recht versteckt, lockt aber durch ein sehr 
prächtiges Portal die Gläubigen wirkungsvoll an. 
Wir sehen aus diesen Beispielen, daß im 16. Jahrhundert 
die aus den Zeiten des Frühchristentums stammende Über 
lieferung noch nicht erloschen war. 
Unsere evangelische Kirche hat andere Bedürfnisse als 
die altchristliche und katholische, Kreuzgänge und Klöster 
brauchen sich bei uns nicht an das Kirchengebäude anzu 
schließen, und es ist nicht üblich, die Wohnungen der 
Geistlichen und Beamten in unmittelbaren Zusammenhang 
damit zu bringen. Aus Rücksichten auf die Feuersicherheit 
ist es vielleicht auch wünschenswert, daß die Kirche frei 
stehe. Aber es gab eine Zeit, wo man aus den italienischen 
Beispielen die zu beherzigenden Lehren wohl zu ziehen 
wußte, ohne die Bedürfnisse der evangelischen Kirche 
außer acht zu lassen. Ich weise nur auf die Jakobikirche 
in der Oranienstraße in Berlin und auf die besonders reiz 
volle Anlage der Johanniskirche in Moabit daselbst gegen 
über der Kirchstraße hin. 
Allgemeine Regeln über die Stellung der Kirchen lassen 
sich überhaupt kaum aufstellen. Unter Umständen kann 
die Kirche auf einem freien Platze eine sehr günstige Lage 
haben. Gegen die Stellung der Gnadenkirche im Inva 
lidenpark läßt sich gewiß nichts einwenden. Bedenk 
lich aber ist die Errichtung einer Kirche mitten auf einem 
Verkehrsplatze. Und soviel ergibt sich aus den ange 
führten Beispielen, daß es vorteilhafter sein kann, die 
Kirche an den Rand des Platzes zu stellen und daß sich 
hierfu'äm besten Baustellen in bevorzugter, aber ruhiger 
Lage eignen. Unter allen Umständen ist darauf zu achten, 
daß vor der Kirche ein angemessener monumentaler Vor 
platz verbleibt, der sie gegen den Lärm des Straßenver 
kehrs schützt.
	        
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