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Volume H. 9

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 1.1904 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
133 
FLUCHTLINIENPLAN FÜR DAS BAHNHOFS 
GELÄNDE IN WIESBADEN. 
Von BORNHOFEN, Wiesbaden. 
Die eben in vollem Gange befindlichen Arbeiten für 
den Bahnhofs-Neubau in Wiesbaden, durch den die 
getrennt liegenden drei Empfangsgebäude (der Rhein-, der 
Taunus- und der Hess. Ludwigsbahnhof) vereinigt werden 
sollen, lassen die Vollendung der umfangreichen Anlage 
bestimmt Ende 1907 erwarten. 
Durch die Verschiebung um etwa 800 m südlich von 
den jetzigen Bahnhöfen wird eine Fläche von rund 10,5 ha 
Bauland, von welchem dem Eisenbahnfiskus 7,3 und der 
Stadtgemeinde 3,2 ha gehört, demnächst zur Bebauung 
bereit gestellt. 
Der Fluchtlinienplan für dieses freiwerdende Gelände 
ist kürzlich endgültig festgesetzt worden; er ist das Er 
gebnis langdauernder und schwieriger Verhandlungen jnit 
der Eisenbahnverwaltung. Die Tafel 67 gibt den Straßen 
entwurf zur Veranschaulichung wieder. 
Für die Bearbeitung des Planes und dessen Beurteilung 
mögen die nachstehenden leitenden Gesichtspunkte und 
Erläuterungen genannt werden. 
1. Die Lage und Gestaltung des neuen Empfangs 
gebäudes war für die ganze Straßenanlage bestimmend. Der 
Schwerpunkt bei der Grundrißanordnung liegt in dem öst 
lichen Teil des Empfangsgebäudes, wo die große Haüpt- 
halle mit den Ein- und Ausgängen und den Billetschaltern, 
sowie die Räume für die Gepäckabfertigung usw. sich be 
finden. Hier ließ es auch der Architekt nicht an Mitteln 
fehlen, um durch wuchtige Massenentwicklung eine monu 
mentale Wirkung zu erzielen; ein über 40 m hoher Uhr 
turm flankiert die Nordostecke des Gebäudes. 
An dieser Stelle wird der große Bahnhofsverkehr 
zusammenfluten, hier vereinigen sich mehrere Linien der 
Straßenbahn, hier streben Droschken und Wagen für Per 
sonen und Gepäck, leer und beladen, hinüber und herüber. 
Zur Aufnahme und gefahrlosen Bewältigung dieses Ver 
kehres war ein großer Bahnhofs-Vorplatz notwendig. Seine 
stattlichen Ausmaße von 165 m Länge und durchschnittlich 
90 m Breite geben Gewähr für eine die Fahrrichtung 
regelnde und denVerkehr sichernde Anordnung getrennter 
Fahr- und Gehbahnen, auch noch Raum für Zieranlagen 
und vom Verkehr unberührte Flächen, auf welchen die 
schöne Badestadt ihre Gäste empfangen kann. 
Wohl münden in den Platz von Norden und Osten 
kommend drei sehr breite Straßen ein; es könnte das Ver 
hältnis der Länge der geschlossenen Platzwand zur Straßen- 
öffnung tadelnswert und den Charakter des Platzes störend 
oder gar vernichtend genannt werden, doch konnte die 
Rücksicht auf die örtlichen Verhältnisse eine andere Lösung 
nicht zulassen. Zur schärferen Hervorhebung der Platz 
form dient der einspringende Winkel an dem nordöstlichen 
für geschlossene Bauweise bestimmten Block gegenüber 
dem Empfangsgebäude, zur Geschlossenheit des Platzes 
nach Süden wurde ein Baublock eingefügt, der leider nicht 
in größeren Abmessungen angelegt werden kann. Erhält 
die breite Öffnung der Kaiserstraße in der Mittelallee 
einen Abschluß durch Platanenbäume, deren rascher und 
kräftiger Wuchs hierfür Gewähr bietet, wird unter der Hand 
eines verständnisreichen Architekten bei der Öffnung der 
Nikolasstraße zwischen den daselbst liegenden städtischen 
Baustellen eine Platzwand durch einen Torbogen geschaffen, 
so dürfte alles geschehen sein, was man von diesem Platze 
in verkehrstechnischer und ästhetischer Hinsicht zu fordern 
in der Lage ist. 
2. Die verlängerte Wilhelmstraße — Kaiserstraße er 
hält die Richtung nach dem genannten östlichen Teile des 
Empfangsgebäudes, doch ist ihre Führung so zu suchen, 
daß es möglich wird, die Kanalanlagen, welche hier infolge 
der Salzbach - Talöffnung und der einzigen Vorflut des 
Wiesbadener Kessels ganz besonders wichtig und umfang 
reich werden, schon zu einer Zeit einzubauen, wo die 
alten Bahnhöfe noch im Betriebe sind und ohne daß hier 
durch langdauernde Betriebsstörungen und Verkehrs 
belästigungen verursacht werden. Die Kaiserstraße gilt 
als die Hauptstraße von und nach dem Bahnhofe. Von der 
Rheinstraße aus führt sie in der Verlängerung der Wilhelm 
straße und dann in schlankem Bogen sich mehr nach 
Westen wendend, auf die Ostecke des Kaiserplatzes und 
die erwähnte turmgekrönte Haupthalle des Bahnhofes zu. 
Jede Biegung der neuen Straße wird neue Bilder bringen, 
mag man von der Stadt nach dem Bahnhofe sich bewegen, 
der mit seinem überragenden Turm schon auf eine Ent 
fernung von etwa 400 m sichtbar sein und der Straße einen 
prächtigen und wirkungsvollen Abschluß bringen wird, 
oder mag man vom Bahnhofe kommen, wo die hübsche 
Mittelallee, die an der äußeren (Ost-)Seite für zwei Bau 
blöcke angeordnete offene Bauweise mit ihren 10 m 
breiten Vorgärten und weiterhin der Blick in die Wilhelm 
straße und auf das im Hintergründe auftauchende Land 
hausviertel der Geisberghöhe in dem Beschauer sofort den 
Eindruck der „Gartenstadt“ hervorrufen wird. Eine Breite 
von 50 m in der Nähe des Bahnhofes und 43 m im weiteren 
Verlauf der Straße gestattet die Anordnung entsprechend 
breit bemessener Fahr- und Gehbahnen. Ein Schmuck 
platz, auf dem das neu zu erbauende Museum einen vor 
nehmen, gegen den Straßenverkehr zurückgesetzteo Platz 
finden wird, vermittelt den Übergang von der Kaiserstraße 
zur jetzigen Wilhelmstraße und bildet einen wohltuen 
den Ruhepunkt in dem sonst wol zu lang gestreckten 
Straßenzuge. 
3. Während die Kaiserstraße nach dem Stadtteile führt, 
der in der Hauptsache dem Kur- und Fremdenbetriebe 
Vorbehalten ist, demgemäß auch in erster Linie den aus 
dem östlichen BabnhofsflUgel sich ergießenden Menschen 
strom aufnehmen wird, führt die Nikolasstraße mehr nach 
dem Zentrum der Stadt, dem „geschäftlichen“ Wiesbaden. 
Auf ihr wird sich demzufolge auch besonders der Gepäck-, 
Eilgut- und Postverkehr abspielen, umsomehr, als in den 
an den westlichen Bahnhofsflügel sich anlehnenden Ge 
bäuden, Post, Zollamt, Eilgüterboden und dergleichen unter 
gebracht sind. Infolgedessen war es nötig, die Nikolas 
straße in gradliniger Verlängerung des bestehenden Teiles
	        
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