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Volume H. 9

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 1.1904 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
131 
Hintergrund. Wer sich bemüht gerecht zu urteilen, muß 
zugeben, daß namentlich der praktische Architekt, wie ihn 
die mittleren und großen Städte mit ihrem stetig wachsen 
den Bedürfnisse nach Nutz- und Luxusbauten erziehen, 
daß gerade dieser sich im Laufe der Zeit eine erhebliche 
Geschicklichkeit aneignet, sich bei der Konstruktion seiner 
Grundrisse der Örtlichkeit anzupassen und nicht diese 
nach seinem Gutdünken umzuwerfen. Der praktische 
Miets- und Geschäftshäuser bauende Architekt muß sich 
ganz nach der Decke strecken, die dem Auftraggeber zur 
Verfügung steht, und das ist eine Schule, die für die Schär 
fung des gesunden Menschenverstandes ebenso sehr wie 
des künstlerischen Geschickes von großer Bedeutung ist. 
Daher kommt es auch, daß der Architekt, den nicht von 
vornherein ohne ausreichende praktische Erfahrung zu 
haben der Künstlerdünkel kitzelt, mit zunehmender Ge 
schäftsgewandtheit den Wert landmesserischer Arbeit und 
die Bedeutung zuverlässiger Planunterlagen mehr schätzen 
lernt, als irgend ein anderer Techniker. Vor allen Dingen 
weiß er die Kenntnis und Beachtung der örtlichen Verhält 
nisse mindestens ebenso hoch zu bewerten, wie das Ent 
werfen am grünen Tische. Und das bedeutet für die Sache 
viel. 
Ich bin nun im Laufe der Jahre zu der Überzeugung 
gelangt, daß die Aufstellung von umfassenden Bebauungs 
plänen am besten in folgender Weise geschieht: 
1. Das zur Verfügung stehende Planmaterial wird zu 
nächst durch einen staatlich geprüften und vereideten 
Landmesser bezw. in den schon genannten Kreisver 
messungsämtern auf das sorgfältigste bezüglich seiner 
Brauchbarkeit für die Aufstellung und Durchführung 
eines Bebauungsplan-Entwurfes untersucht und mit 
der Örtlichkeit, dem Kataster und Grundbuche in 
Übereinstimmung gebracht. 
2. Nachdem völlig einwandsfreie Unterlagen von durch 
aus sachverständiger und verantwortlicher Hand her- 
gestellt sind, wird aus den Einzelblättern, wo solche 
vorhanden, ein Übersichtsplan nicht zu kleinen Maß 
stabes zusammengestellt und mit eingehenden Höhen 
angaben, bei auch nur wenig unregelmäßigem Ge 
lände auch mit genauen Höhenschichtenlinien nach 
örtlicher Aufnahme und nach örtlichen Handzeich 
nungen der Oberflächengestaltung, hergestellt, in dem 
alle öffentlichen und bemerkenswerten Gebäude, so 
wie Denkmäler, Brunnen, Baumgruppen, auffällige 
Geländeerscheinungen und dergleichen besonders her 
vorgehoben werden. Dieser Plan wird durch ein 
gutes Umdruckverfahren (Photozinkographie) verviel 
fältigt und, wo besonders bemerkenswerte Bauten und 
Geländeverhältnisse vorhanden sind, unter Umständen 
noch durch Photographien ergänzt, 
3. Es werden nun von Sachverständigen, die mit ge 
nauer Ortskenntnis ausgerüstet sind, unter allen Um 
ständen aber von dem vereideten Landmesser, der 
die Planunterlagen hergestellt hat, und von einem er 
fahrenen Architekten in der Verwaltung oder in der 
Gemeindevertretung Vorschläge zu dem Entwürfe in 
Gestalt von Skizzen gemacht, die gemeinsam be 
sprochen, und nachdem infolge geschehener Einigung 
ein einheitlicher Vorschlag zustande gekommen ist, 
mit einer besonderen Kommission in der Örtlichkeit 
Straße für Straße und Platz für Platz unter jedes 
maligem genauen Hinweis auf die etwaige künftige 
Gestaltung durchgegangen werden. 
Dabei kommen erfahrungsmäßig seitens der Kom 
missionsmitglieder und mitunter auch schon seitens 
der Anlieger manche brauchbaren Vorschläge wegen 
Anpassung an die örtlichen Verhältnisse zum Vor 
schein, die weiteres Material für den endgültigen Ent 
wurf liefern, 
4. Wenn sich die Kommission mit den Sachverständigen 
über den endgültig vorzulegenden Entwurf schlüssig 
geworden ist, so kann auch die endgültige Bear 
beitung geschehen, die dann am besten zustande 
kommen wird, wenn Architekt und Landmesser zu 
sammen an der Hand ihrer Notizen die Bleizeichnung 
bearbeiten und hernach die Arbeit so einteilen, daß 
der Landmesser die Ausziehung des eigentlichen Ent 
wurfes und der Architekt die schaubildlich ins Ein 
zelne gehende Zeichnung und Grundrißanfertigung der 
Plätze, Straßenmündungen usw. übernimmt. 
Diese Unterlagen werden von beiden Schverstän- 
digen unterzeichnet, mit einem gemeinsamen Erläute 
rungsberichte versehen und sind nun der endgültige 
Entwurf, über den sich die Gemeindeverwaltung nach 
den Vorschlägen der Kommission schlüssig zu 
werden hat. 
In größeren Städten wird es sich empfehlen, um 
unnötige Arbeiten zu vermeiden, schon die Bleizeich 
nung zur Besprechung im Magistrate gelangen zu 
lassen oder eine Umdruckskizze. Erst wenn diese 
beschlossen ist, kann der endgültige Entwurf aus 
gearbeitet werden. 
5. Nach dem behördlich genehmigten und zur erstmali 
gen Auslegung gelangten allgemeinen Entwürfe erfolgt 
schließlich unter tunlicher Berücksichtigung der ge 
machten Einwendungen die landmesserische Ab 
steckung im Felde, die Vermarkung und Aufmessung 
der Fluchtlinien und die Anfertigung der ausführ 
lichen Pläne, welche dann nur noch eine rein geo 
metrische Sache ist und höchstens in zweifelhaften 
Punkten bei unvermeidlichen Eckverbrechungen, 
Fluchtversetzungen u. dgl. der Mitwirkung des Archi 
tekten bedarf. 
Auch die ausführlichen Pläne werden von beiden 
Sachverständigen unterzeichnet werden müssen. 
Die eben beschriebene Arbeitsteilung, die an sich so 
einfach und selbstverständlich ist, wie kaum eine zweite, 
wird doch selten angewandt. Der Landmesser kümmert 
sich um den Architekten nicht, weil die schlechten Preise 
ihn dazu drängen, so schnell wie möglich fertig zu werden 
und er dieses nur vermag, wenn die Erledigung ohne viel 
Dazwischenreden glatt vor sich geht, und der Architekt, 
wo er mit der Aufstellung betraut wird, läßt den Land 
messer links liegen, weil er ohne ihn fertig zu werden 
glaubt und mit Bezug auf den famosen § 2 der ministeri 
ellen Vorschriften — ich rede hier nur von Preußen — und 
den noch famoseren § 13, nach welchem alles gestattet 
ist, lieber schlechte Unterlagen benutzt, als sich „drein 
reden“ läßt. 
Diese Handhabung wird zuversichtlich von allen ein 
sichtsvollen Sachverständigen beider Seiten als ein schwerer 
Schaden für das Zustandekommen wirklich guter Entwürfe 
beklagt.
	        
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