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Volume H. 8

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 1.1904 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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die ganz selbstverständliche Folge der nun einreißenden 
Gepflogenheit, daß man gegen die zu benutzenden Planunter 
lagen gleichgültig wurde, auf ihre zweckentsprechende Ge 
nauigkeit erst wenig und schließlich gar keinen Wert mehr 
legte und endlich dadurch den Sinn für die Örtlichkeit verlor. 
Denn in allen mittleren und größeren Gemeinden waren 
ältere Abzeichnungen von Verkoppelungs- und Grundsteuer- 
Gemarkungskarten vorhanden, die in den Stadtbauämtern 
von nicht genügend geschulten Technikern mangelhaft zu- 
sammengestellt, mitunter vielleicht auch mit der Ört 
lichkeit verglichen und nach ihr flüchtig ergänzt wurden 
und dann in dem unvermeidlich mangelhaften Zustande 
nicht sachgemäßer Herstellung als Entwurfsunterlagen 
dienen mußten. 
War erst einmal auf diese Weise ein Plan zu Stande 
gekommen, so wurde beim zweiten und bei den nächsten 
Malen die fragliche Bestimmung des § 2 der ministeriellen 
Vorschriften als ein Segen angesehen, daß man der kost 
spieligen Mitwirkung des vereideten Landmessers ent 
behren und sich mit billigeren und allerbilligsten Hülfs- 
mitteln behelfen konnte, und es kam dahin, daß schließ 
lich, wenn wirklich einmal doch ein Landmesser heran 
gezogen werden mußte, weil das zu benutzende Material 
auch bei der größten Duldsamkeit gegen seine Schwächen 
nicht mehr den allerharmlosesten Ansprüchen genügte, 
daß also dann durch das inzwischen „erfahren“ gewordene 
Stadtbauamt oder den Gemeindevorstand dem Landmesser 
nur eine solche Mitwirkung zugemessen wurde, daß man 
ihrer überhaupt hätte entraten können. Denn das, worauf 
es ja bei einem guten Plane, namentlich einem Plane zu 
Entwurfsaufstellungen, vor allem ankommt, nämlich die 
genaue topographische, technische und rechtliche Überein 
stimmung mit der Örtlichkeit und außerdem mit dem Ka 
taster und dem Grundbuche, konnte eben nur durch um 
fangreiche örtliche Nachmessungen, Aufnahmen, Grenz 
feststellungen, Nivellements und so weiter bewirkt werden, 
und das alles kostete Geld, viel Geld und vor allen Dingen 
viel Zeit. Da man aber früher ohne diese teueren Dinge 
zu Stande gekommen war, so begnügte man sich „der 
Ersparnis wegen“ immer wieder mit dem veralteten und 
gänzlich verlotterten Material, bis endlich die Grenze des 
Möglichen erreicht war. 
Dieser Entwicklungsgang kann durch Hunderte von 
Beispielen belegt werden und er ist die Hauptursache, daß 
in dem letzten Jahrzehnte die gänzlichen Neuvermessungen 
von Städten und größeren Ortschaften wie Pilze aus der 
Erde schießen. Er ist aber noch viel mehr Schuld an der 
Vernachlässigung der Örtlichkeit und an der Plangeome 
trie der Bebauungsplanentwürfe, die also nicht der Land 
messer auf dem Gewissen hat, sondern eine mit Hülfe un 
zureichender gesetzlicher Bestimmungen eingerissene Ge 
pflogenheit, nach Maßgabe inzwischen verallgemeinerter 
Fehlanschauungen auf schlechtem Planmaterial ohne Kennt 
nis der örtlichen Verhältnisse und ohne Interesse für sie 
rein papierne Schablonenentwürfe aufzustellen, die nicht 
nur vom grünen Tisch aus bearbeitet, sondern noch mehr 
festgesetzt und durchgeführt wurden. 
Die Mitwirkung dessen, der durch seinen Beruf von 
selbst das größte Interesse an der Topographie und an den 
Eigentumsverhältnissen der Örtlichkeit hat und haben muß, 
die Mitwirkung des Landmessers, war größtenteils, gänzlich 
ausgeschaltet oder durch entsprechende Beeinflussung auf 
ein Mindestmaß eingeschränkt worden. Und der Architekt, 
für den die Örtlichkeit durch ihre Bedeutung für die wirt 
schaftliche und künstlerische Gestaltung seiner Bauten In 
teresse hat, der kam erst zur Geltung, wenn der Bebau 
ungsplan verpfuscht und endgültig festgesetzt war. Daß 
schließlich beide in dem gleichen Fahrwasser mit den 
anderen segelten, war eine zwingende Notwendigkeit, und es 
ist auch ungefähr der gleiche Zeitpunkt, welcher sowohl beim 
Architekten wie beim Landmesser eine schärfere Stellung 
nahme zu der bisherigen Bebauungsplankunst gebracht hat. 
Seitdem Sitte 1889 seine Grundsätze veröffentlichte, 
tritt der Architekt mit Nachdruck an eine Urhgestaltung 
der Entwurfsgewohnheiten, und seitdem die neuen Stadt 
vermessungen dem städtischen Vermessungswesen wieder 
eine würdigere Stellung einzuräumen beginnen, geht auch 
der vereidete Landmesser mit Energie gegen die schweren 
Versündigungen an der Örtlichkeit vor. 
„Die Topographie ist das einzig übrig gebliebene Stück 
Wirklichkeit der Geschichte“ sagt irgendwo einmal Gene 
ralfeldmarschall Moltke und er konnte das behaupten, 
denn er hatte lange Jahre in Griechenland und Kleinasien 
topographische Aufnahmen ausgeführt. Und döch ist ge 
rade bei so schwerwiegenden Unternehmungen, wie Be 
bauungspläne sind, gegen die Topographie bewußt und 
unbewußt auf das Schwerste gesündigt worden. Das muß 
anders werden. 
Mir scheint nun die Mitwirkung des Landmessers an 
der Aufstellung von Bebauungsplänen von zwei Seiten aus 
notwendig: 
1. Die Gewohnheit, unzureichende Planunterlagen und 
von beliebigen verantwortungslosen Technikern her- 
gestellte „Bilder“ zur Bearbeitung des eigentlichen 
Entwurfes zu verwenden, muß nicht nur im Interesse 
dieses Entwurfes selbst, sondern namentlich auch des 
Grundbesitzes mit allem Nachdrucke bekämpft und 
aus der Welt geschafft werden. Man soll kein Plan 
material benutzen, das nicht in edlen Punkten, also 
sowohl hinsichtlich der Topographie wie bezüglich 
seiner Übereinstimmung mit Örtlichkeit, Kataster 
und Grundbuch von einem staatlich vereideten Land 
messer beglaubigt und verantwortet wird. 
2. Wird die Erledigung des Punktes 1 zur selbstver 
ständlichen Bedingung gemacht, so ergibt sich daraus 
eine Sache von ganz wesentlicher Bedeutung für die 
Bearbeitung des eigentlichen Entwurfes, Der ver 
eidete Landmesser hat während aller der zur Be 
schaffung der Planunterlagen erforderlichen Arbeiten 
und Verhandlungen reichliche Gelegenheit gehabt, 
nicht nur das Gelände und seine Eigenheiten, sondern 
auch die Interessentenschaft und ihre Wünsche auf das 
Genaueste kennen zu lernen. Er weiß jeden der Be 
teiligten zu behandeln und ist in der Lage anzugeben, 
wo ein Entwurf Schwierigkeiten begegnen wird und 
wo nicht. Er kennt auch die Reize und die Schatten 
seiten des Geländes und hat ein Auge dafür, denn er 
bewegt sich Jahr aus Jahr ein in diesem und jenem 
Gelände und wird geschult in seinem Studium. 
Also ist er in der Lage, wo er nicht selbst den 
Entwurf., allein bearbeiten soll, für die Bearbeitung 
überaus wichtige Anhaltspunkte zu geben und mehr 
■> als sonst jemand; mit Rat und Tat.zur Hand zu 
gehen. ^ : (Schluß folgt.in:Heft 9.)
	        
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