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Full text: Rundbrief Stadtteilarbeit (Rights reserved) Issue 2020,1 (Rights reserved)

Rundbrief Stadtteilarbeit Verbundene Vielfalt Innovation und Tradition in der Nachbarschaftsarbeit Rundbrief 1–2020 ISSN 2510-5132 54. Jahrgang, Heft Nr. 1 April 2020 Inhaltsverzeichnis Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 Position beziehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4 Tradition und Geschichte der Nachbarschaftsarbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4 Vom Verband deutscher Nachbarschaftsheime zum Verband für sozial-kulturelle Arbeit . . . . . . . . 12 Lebenswelt „Nachbarschaft“ als lokales Potenzial städtischer Entwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 Die Bedeutung einer Orientierung am Gemeinwesen für die Potentiale von Nachbarschafts­häusern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 Haltungen in der Gemeinwesenarbeit entwickeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 Methoden in der Gemeinwesen - und Nachbarschaftsarbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 Berichte und Erfahrungen aus der Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 Praxisbeispiele zum Arbeitsfeld Nachhaltigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 Praxisbeispiele zum Arbeitsfeld Partizipation und Demokratie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30 Praxisbeispiele zum Arbeitsfeld Digitalisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 Praxisbeispiele zum Arbeitsfeld Begegnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 Praxisbeispiel zum Arbeitsfeld Nachbarschaftshilfe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 Neues aus Verband und Mitgliedschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 Vorstellung neuer Mitglieder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 Wir gratulieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42 Impressum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 Rundbrief Stadtteilarbeit 1-2020 VERBUNDENE VIELFALT // INNOVATION UND TRADITION IN DER NACHBARSCHAFTSARBEIT POSITIONEN, EINDRÜCKE UND BERICHTE AUS FORSCHUNG UND PRAXIS ISSN 2510-5132 54. Jahrgang, Heft Nr. 1 April 2020 VskA // Verband für sozial-kulturelle Arbeit e.V. Fachverband der Nachbarschaftshäuser 2 Rundbrief 1-2020 | Verbundene Vielfalt // Innovation und Tradition in der Nachbarschaftsarbeit 1 Vorwort Mich fasziniert immer wieder wie groß die Kontinuitäten der Nachbarschaftsarbeit sind und das damit nicht etwa Stillstand sondern stetige Innovation einhergeht. Die Methoden, Kompetenzen und Haltungen der Mitarbeiter*innen tragen über die Jahrzehnte hinweg dazu bei, Lebensbedingungen so zu gestalten, dass Menschen entsprechend ihrer Bedürfnisse im Stadtteil zufrieden(er) leben können. Daher werden in diesem Rundbrief Stadtteilarbeit Menschen vorgestellt, die mit ihren Ideen und Tätigkeiten für die Nachbarschaftsarbeit ihrer Zeit typisch waren. Sie werden als Einzelne vorgestellt, doch haben sie nie alleine gewirkt, waren sie immer mit anderen gemeinsam aktiv. Eine Leerstelle hat das historische Gedächtnis der Nachbarschaftsarbeit jedoch noch. Die professionellen Nachbarschaftsaktivitäten und Ansätzen von Gemeinwesenarbeit zu Zeiten der DDR fehlen. Seit mehr als 150 Jahren fördert Nachbarschaftsarbeit weltweit Begegnung, Gemeinschaft und Selbsthilfe vor Ort. Schon die Pionierinnen und Pioniere dieser Form zu arbeiten wollten Demokratie, Toleranz und Vielfalt stärken, Partizipation und bürgerschaftliches Engagement fördern. Der Ansatz milieu- und generationenübergreifend zu arbeiten, hat es damals und heute ermöglicht Themen aufzugreifen und Aktivitäten zu organisieren, die gleichzeitig nachhaltig und innovativ sind. Das zeigen auch die hier zusammen getragenen Praxiseinblicke in die großen Handlungsfelder. Die Einblicke können natürlich nicht abschließend und vollständig sein, beschreiben aber die aktuellen Schwerpunkte. die ganz besonders unter den Einschränkungen leiden: Alte und kranke Menschen, alleinstehende und einsame oder psychisch kranke Menschen, Menschen mit Handicap, Frauen und Kinder in prekären Wohnsituationen. Der Bedarf zu reden und zu zuhören ist groß, die Bereitschaft zu Helfen ebenso. Spannend bleibt wie diese herausfordernde Zeit Nachbarschaften und unsere Arbeit verändern wird. Aber Nachbarschaftshäuser werden wie in der Vergangenheit auch weiterhin Nachbar*innen Möglichkeiten für Mitwirkung und Gestaltung, für das Engagement in überschaubaren Räumen bieten und damit einen wichtigen Beitrag zur demokratischen Entwicklung und einer solidarischen, vielfältigen Gemeinschaft leisten. Herzliche Grüße und bleibt gesund! H Barbara Rehbehn Geschäftsführerin des VskA // Fachverband der Nachbarschaftsarbeit Der Rundbrief Stadtteilarbeit erscheint in einer Zeit, in der alle Nachbarschaftshäuser für die Nachbar*innen geschlossen sind. Die gebotenen Abstandsregeln und Kontaktverbote, die die Ausbreitung des Corona Virus verlangsamen, verhindern das vor Ort in den Häusern Angebote und Aktivitäten, Begegnung und Austausch stattfindet. Manfred Zimmermann Titelbild: Theaterprojekt Alt trifft Jung Und wieder zeigt Nachbarschaftsarbeit ihre Wandlungs- und Innovationsfähigkeit. Angebote der Nachbarschaftshäuser werden in den digitalen Raum verlegt, die Kontakte mit freiwilligen Mitarbeiter*innen, Teilnehmer*innen und Besucher*innen brechen nicht ab, sondern finden neue Formen – sei es digital oder am Telefon, über den Gartenzaun, per Post oder mit Kreativtüten und –boxen, die verteilt werden. Engagement in der Nachbarschaft wird koordiniert und Beratungen mit dem gebotenen Abstand weiter angeboten. Dabei gilt das Augenmerk auch und vor allem den Menschen, 2 Rundbrief 1-2020 | Verbundene Vielfalt // Innovation und Tradition in der Nachbarschaftsarbeit ist pensionierter Lehrer in der Erwachsenenbildung. Seit seiner Jugend fotografiert und schreibt er. Insbesondere hat er in den letzten Jahren mehrere Broschüren mit Porträts (Fotos und Interviewtexte) von Wohnungslosen, Menschen mit Beeinträchtigungen und Besucher*innen von Nachbarschaftseinrichtungen gemacht. 2019/20 hat er Eindrücke eines Theaterprojektes in fünf Berliner Stadtteilzentren mit Fotos und Interviews festgehalten. Die hier veröffentlichten Fotos stammen aus unterschiedlichen Projekten der Nachbarschaftsarbeit. 3 Position beziehen Tradition und Geschichte der Nachbarschaftsarbeit STREIFLICHTER AUS IHRER VORGESCHICH– TE BIS ZUR GRÜNDUNG DER NACHBAR– SCHAFTSHEIME NACH DEM II. WELTKRIEG, GEKÜRZTE VERSION EINES VORTRAGES ZUR JAHRESTAGUNG 2018 IN KÖLN1 Es wird ein Bogen gespannt werden aus der Frühphase unserer Vorgeschichte in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts bis in die engere Vorgeschichte und Gründung der Nachbarschaftsheime in den ersten Jahren nach dem II. Weltkrieg. Meine Ausführungen zu den Anfängen bauen auf der Darstellung des Wirkens von Stanton Coit auf. Zur Gründung der Nachbarschaftsheime nach dem II. Weltkrieg zitiere ich ein Papier, nach dem wir alle seit Jahren mit hoher Intensität und wachsender Verzweiflung gesucht haben. Es ist das häufig erwähnte und doch im Wortlaut unbekannte Memorandum von Hertha Kraus aus dem Jahr 1943, das allgemein als Gründungsdokument der Nachbarschaftsheime nach 1945 gilt. Zwischen diesen beiden Polen, an denen es neue Entdeckungen gibt, wird es in meinem Beitrag auch um das gehen, was sich in den Zwischenzeiten in Deutschland in Bezug auf die Nachbarschaftsarbeit abgespielt hat. Mehr werde ich dann aber auch nicht machen, 1947 ist Schluss. wander*innen im neuen Land konfrontiert waren. Dazu gehörten vor allem fehlende Sprachkenntnisse und unzureichende berufliche Qualifikationen. Die Nachbarschaftshäuser haben die Vision von Amerika in etwas übersetzt, das für die Neuankömmlinge greifbar war. Stanton Coits Motivation, ein Nachbarschaftshaus in New York zu gründen, entspricht einem typischen Muster, das bei fast allen entschiedenen Aktivisten der ersten Gründergenerationen zwischen 1884 und dem 1. Weltkrieg zu finden ist: Es handelt sich um Menschen mit einem christlichen Hintergrund, die außerhalb der etablierten Amtskirche nach Möglichkeiten für ein engagiertes soziales Wirken in der gegenwärtigen Welt suchten. Es sind ausnahmslos Menschen aus wohlhabenden Familien, die angesichts der wahrgenommenen sozialen Ungerechtigkeiten Wege finden wollten, die gesellschaftliche Spaltung zu überbrücken ohne dass es zu revolutionären Gewaltausbrüchen kommt. Stanton Coit, geboren 1857, studierte an einer renommierten Privatuniversität, dem Amhurst-College (in Massachusetts) bis 1879 Theologie. Schon während seines Studiums beschäftigte er sich mit der Frage, ob sich moralische Leitlinien auch ohne Transatlantischer Ideentransfer und die Gründung des ersten Amerikanischen Settlements Stanton Coit – ein später Pionier Settlements (Nachbarschaftshäuser) in New York haben als gute Nachbarn gehandelt und neue Lebenschancen geboten. Stanton Coit hat 1886 Amerikas erstes Nachbarschaftshaus in der Lower Eastside von New York ins Leben gerufen, das (noch heute bestehende) University Settlement. Danach wurden weitere Nachbarschaftshäuser gegründet, um den hunderttausenden Einwanderern zu helfen. Die Mitarbeiter*innen des Settlements haben sich mit den Problemen beschäftigt, mit denen die Ein- Mutter Eva R. und Tochter Daniela (Besucherinnen der inklusiven Lernwerkstatt Familienküche) HERBERT SCHERER dogmatisch-religiösen Bezug zu einem konventionell verstandenen höheren Wesen (im Sinne eines persönlichen Gottes) verbindlich formulieren lassen. Nach Abschluss des Studiums ließ ihn diese Frage nicht los. 1881 hörte er in New York einen Vortrag von Felix Adler, der dort eine „Ethische Gesellschaft“ gegründet hatte, die sich etwas Ähnliches vorgenommen hatte. Stanton Coit war von dem Vortrag so begeistert, dass er für Felix Adler und die Ethische Gesellschaft als Sonntagsredner tätig wurde und dort Kinder in die Grundlagen der Ethik einführte. Felix Adler sah die Möglichkeit, diesen hoch engagierten jungen Mann zu einer führenden Kraft in seiner Organisation aufzubauen. Dafür erwartete er aber eine vertiefte wissenschaftliche Ausbildung, wie sie seiner Meinung nach nur durch das Studium an einer europäischen Universität zu erlangen sei. Das führte den Amerikaner Stanton Coit 1883 nach Berlin, dort studierte er Philosophie an der Friedrich-Wilhelm-Universität (der heutigen Humboldt-Universität). Das Studium beendete er zwei Jahre später mit einer in Deutsch verfassten Doktorarbeit unter dem Titel „Die innere Sanktion als Endzweck des moralischen Handelns“. Er entwickelte dort, wie er meinte, allgemein verbindliche ethnische Handlungsmaximen: Gemüthsrichtung dieselbe befördern würde. […] Wenn die innere Sanktion zum Endzweck des Lebens gemacht wird, so wird die höchste Regel des Rechten diese sein: Lass den Endzweck im Leben deinen eigenen Seelenfrieden sein, indem du thust, was nach deiner besten Ueberzeugung zur allgemeinen Glückseligkeit führt. […] Das sociale Ideal muss ein Zustand sein, in welchem jeder Mensch sich seinen eigenen Gewissensfrieden zum höchsten Lebensziele setzt.“2 Mit einer Standardformel entwickelt Coit den kategorischen Imperativ gewissermaßen weiter: Richtig ist, was in einer konkreten Situation mehr Glück bringt als jede andere Handlungsalternative. Nach dem Abschluss seines Studiums in Deutschland machte sich Stanton Coit auf die Rückreise in die USA. Ein dreimonatiger Zwischenstopp in London, den er im weltweit ersten Settlement Toynbee Hall verbrachte, motivierte ihn dazu, ein ähnliches, aber in mancher Hinsicht auch anders konzipiertes Vorhaben in Amerika zu starten. Bei aller Bewunderung für Toynbee Hall sieht er einiges durchaus kritisch: „Es gibt Gründe, in Frage zu stellen, ob selbst Toynbee Hall trotz aller guten Arbeit, die dort geleistet wird, als dauerhafte Kraft auf Seiten von Kultur und Jahrestagung auf www.vska.de veröffentlicht. Stanton Coit „Die alleinige moralische Rechtfertigung einer Handlung oder Willensrichtung besteht in ihrer Tendenz, die Summe der universellen Glückseligkeit unter den gegebenen Umständen mehr zu befördern, als irgend eine andere Handlung oder 4 Tradition und Geschichte der Nachbarschaftsarbeit Rundbrief 1-2020 | Verbundene Vielfalt // Innovation und Tradition in der Nachbarschaftsarbeit 1 Der vollständige Vortrag ist in der Dokumentation der 2 Stanton Coit „Die innere Sanktion als Endzweck des mora- lischen Handelns. Inaugural Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde von der philosophischen Fakultät der Friedrich-Wilhelm-Universität zu Berlin, 1885 5 Charakter Bestand hat, wenn es ihr nicht gelingt, ihre tausend zersplitterten und weitreichenden Ambitionen zu vereinheitlichen und sie dadurch zu demokratisieren, dass sie ihre eigene unmittelbare Nachbarschaft als ihr Arbeitsfeld annimmt. Die Menschen in der Toynbee Hall wollen weder Methode noch System haben, sondern einfach die Chance wahren, bei allem, was gerade auf sie zukommt, etwas Gutes zu tun – und dabei die Lebensbedingungen und Einstellungen der Menschen kennenzulernen.“3 und Kinder, die zusammen in einer Straße oder einer Reihe von Straßen wohnen, in einer Reihe von Klubs organisiert werden sollen, die entweder selbst oder gemeinsam mit den Klubs aus anderen Nachbarschaften all die Reformen auf häuslichem, wirtschaftlichen oder Bildungsgebiet ausführen oder veranlassen, die das soziale Ideal fordert – das ist so etwas wie die Erweiterung der Idee von Kooperation, wie sie die Familie kennzeichnet. […] lasst die Gesamtheit des Lebens eines Menschen von einer Organisation behüten, die so breit angelegt ist wie das Leben selbst.4 Walter Classen – der liberale Reformer Ein kühnes Vorhaben mit gesamtgesellschaftlicher Perspektive, Sozialreform von unten durch umfassende Organisation der Bürger*innen in Nachbarschaftsvereinigungen – gleichzeitig wird deutlich, für wie wichtig Aufklärung und Bildungsarbeit als Aufgabe dieser Organisationen gehalten wird. Anschließend kam er nach Deutschland zurück und schrieb ein Buch mit dem Titel „Soziales Rittertum in England“6, in dem sich begeistert zu den Ideen von Toynbee-Hall bekannte. Ihn hatten insbesondere der „Geist wahren Christentums“ und die vornehme und ehrbare Haltung derjenigen Angehörigen der Oberklasse beeindruckt, die bereit waren, „ihr Bestes mit den Armen zu teilen“ - eine Formulierung von Samuel Barnett, dem Gründer des Toynbee-Hall Settlements. Stanton Coit formuliert weiterhin Handlungsansätze: Toynbee-Hall-London Stanton Coit beginnt sehr pragmatisch. Er zieht selbst in die Lower Eastside von Manhattan, den Teil New Yorks, wo es die meisten sozialen Probleme gibt. An der Tür seines Wohnhauses bringt er ein Türschild mit der Aufschrift „Neighborhood Guild“ an und beginnt seinen systematischen Organisationaufbau damit, dass er Jugendliche aus der Nachbarschaft zu Partys und Ausflügen in die nähere Umgebung einlädt. Die Rechnung geht auf, und so werden diese ersten Anfänge der Grundstein zum Aufbau einer Nachbarschaftsorganisation, die für ihn exemplarisch für die Machbarkeit einer Vision steht, die er wenig später in seiner Schrift Nachbarschafts-Gilden als gesamtgesellschaftlichen Entwurf präsentiert. „Wie auch immer die fundamentalen Veränderungen aussehen werden, […] muss es eine dem vorausgehende Aufklärung der breiten Massen zu ökonomischen Fragen und sozialen Prinzipien geben. [...] Der erste Schritt in der Sozialreform muss, wenn meine Psychologie stimmt, die bewusste Organisation des intellektuellen und moralischen Lebens der Menschen sein. […] Allein schon der Name Nachbarschaftsvereinigung legt nahe, um welche fundamentale Idee es hierbei geht: vor allem, dass unabhängig von religiösem Glauben oder Unglauben alle Menschen, Männer, Frauen „An welche Klasse richtet sich die Nachbarschaftsgilde? Es muss klar geworden sein, dass ihre Natur keine Gesellschaftsklasse ausschließt, von der Aristokratie bis zum niedrigsten Bodensatz der Slums. Alles hängt davon ab, wie die Nachbarschaft beschaffen ist. Ich habe oft davon gesprochen, dass man mit den besten Leuten aus der Nachbarschaft starten und über diese die schlechtesten erreichen soll. Beginne mit den besten und die schlechtesten werden stolz sein, sich beteiligen zu dürfen; starte mit den schlechtesten und du wirst es nie schaffen, die anderen zu erreichen. Walter Classen aus Hamburg war ein junger Theologe, der von dem reichen und politisch aktiven Gummiwaren-Fabrikanten Heinrich Traun unterstützt wurde. Dieser ermöglichte es ihm, nach Abschluss seines Studiums 1899 in der Welt herumzufahren, um zu entscheiden welche berufliche Perspektive außerhalb eines Pfarramtes es für ihn geben könnte. Auf dieser Reise kam Classen auch nach London, wo er für ein halbes Jahr in Toynbee Hall wohnte. In Hamburg versuchte Classen, wenig erfolgreich, Mitstreiter*innen für seine Idee zu finden und nach englischem Beispiel das erste Settlement auf deutschem Boden zu gründen. Seine Reaktion darauf war recht pragmatisch: Er änderte einfach das Konzept. Anstelle eines originalgetreuen Settlements (im Sinne von Ansiedlung) sollte es jetzt nur noch ein „Volksheim“ in einem Arbeiterviertel sein. Dieses Zentrum sollte ein Ort der Erholung und Bildung sein - mit einem besonderen Schwerpunkt Unterschiedliche Ansätze bei der Übertragung des Toynbee-Hall-Vorbildes nach Deutschland Walter Classen Social Reform, 1891 5 Eben da 6 Tradition und Geschichte der Nachbarschaftsarbeit 3 Stanton Coit: Neigbourhood Guilds. An Instrument of „Das Volksheim will sozial-getrennte Schichten, insbesondere Gebildete und Arbeiter, gesellig verbinden und dadurch zur Annäherung der Lebensanschauungen beitragen. Der Zweck der Gesellschaft ist die Beschaffung von Versammlungs- und Unterhaltungsräumen mit einzelnen anhängenden Wohngelassen inmitten der Arbeiterviertel Hamburgs (Niederlassungen), um zur Herstellung persönlicher Beziehungen und gegenseitigen Vertrauens Reich und Arm zusammenzuführen und dadurch den Gebildeten und Wohlhabenden Gelegenheit zu geben, das Arbeiterleben und seine Bedürfnisse durch eigene Anschauung kennen zu lernen und zur Verbesserung beider beizutragen.“7 Schon die gönnerhaften Töne in der Satzung, aber auch das, was Classen über Ort und Arbeitsinhalte des Volksheims berichtet, zeigen, dass es sich hier um eine vergleichsweise zahme Unternehmung handelte. Nach einigen Jahren hauptamtlicher Tätigkeit im Volksheim musste Classen sich nach anderen Erwerbsmöglichkeiten umsehen, da das Volksheim nach dem Krieg und dem Rückzug einiger Geldgeber in finanzielle Schwierigkeiten gekommen war. Die Organisation Volksheim überlebte die NaziZeit, indem sie sich weit von den Ideen entfernte, die einmal zu ihrer Gründung geführt hatten: Fragen der Sozialreform wurden gänzlich von der Tagesordnung gestrichen. Die Organisation konzentrierte sich ganz auf kulturelle Aktivitäten, die nicht im Konflikt mit dem Regime standen. So waren es erst die Bombenteppiche des II. Weltkrieges, die zur Zerstörung der Besitztümer des Volksheims führten. Der „Urknall“ dieser Bewegung (Toynbee Hall in London) hat als unmittelbarer Ideengeber Pate gestanden bei der Gründung der ersten amerikanischen Settlements (neben Toynbee Hall auch dem Hull House in Chicago) und bei der voneinander ansonsten unabhängigen Gründung zweier deutscher Einrichtungen, die jeweils wieder Vorbilder für weitere Einrichtungen werden sollten. Eben da Walter Classen gehörte politisch zu einem reformorientierten Liberalismus. Das bedeutete, dass er für soziale Reformen eintrat, aber gleichzeitig sehr darum bemüht war, radikale Brüche zu vermeiden und die gesellschaftlichen Besitzverhältnisse nicht in Frage zu stellen. Er übernahm Lehraufträge an der Universität, wo er in der Ausbildung angehender Religionslehrer*innen tätig war. 1927 wurde er daher zum Ehrendoktor ernannt, 1931 wurde ihm darüber hinaus der Professorentitel verliehen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde er vorzeitig pensioniert. Jede Nachbarschaftsgilde ist wichtig für mich und sei sie noch so klein. Sie ist für mich nicht ein Tropfen im Ozean sondern ein Samen im Boden, der, wenn es gut läuft, zu seiner Zeit ganze Landstriche mit einem grünen Kleid überzieht.“5 4 in der Arbeit mit Kindern (Kindertagesbetreuung, Klubs, Ferienreisen etc.). 6 Nach dem Krieg fanden sich einige alte Freunde und Mitglieder des Volksheims zusammen, um sei- Walter Classen, Soziales Rittertum in England. Ein Reise- bericht, 1900 7 Aus der Satzung des Hamburger Volksheims, 1901 Rundbrief 1-2020 | Verbundene Vielfalt // Innovation und Tradition in der Nachbarschaftsarbeit 7 Harald B. (Mitglied des Obdachlosentheaters im Brückeladen, hier auf einem Fest des Bundespräsidenten) mund-Schultze wurde, außerdem war er Chefredakteur der Zeitung des Weltbundes.8 Das ermöglichte Siegmund-Schultze ein freies Engagement für die Soziale Arbeitsgemeinschaft (SAG), von der er wirtschaftlich nicht abhängig war. ne Aktivitäten neu zu starten. Der Schwerpunkt des Volksheims blieb die Kulturarbeit. Das fand seinen Ausdruck darin, dass die Organisation ihren Namen in „Kulturelle Vereinigung Volksheim“ änderte. Sie existiert noch heute - in der Selbstdarstellung vor allem als Träger des „Theaters in der Marschnerstraße“, eines sehr aktiven Amateurtheaters. Neben dem Theater betreibt der Verein noch zwei Kindertagesstätten und eine Ferieneinrichtung außerhalb der Stadt. Friedrich Siegmund-Schultze – der Versöhner Auch Friedrich Siegmund-Schultze war Theologe. Er hatte im Jahre 1908 gerade sein Studium beendet und begonnen, als Vikar zu arbeiten, als er die Chance zur Teilnahme an einer Studienreise nach England bekam. Dabei kam auch er in Kontakt mit Toynbee Hall. Er war tief beeindruckt von dem, was er bei seinem kurzen Besuch sah - vor allem, weil er eine Menge Ähnlichkeiten zwischen der Situation der armen Menschen in Ost-London und in Berlin sah. Insbesondere spürte er die gleiche Abwehr der Menschen gegen jede Art von Bevormundung. Er war überzeugt davon, dass die „Settler“ (= die Siedler = diejenigen, die ihren Wohnsitz in den Arbeiterbezirk verlegt hatten) die richtige Konsequenz aus dieser Erfahrung gezogen hatten, nämlich als Nachbar*innen auf gleicher Augenhöhe mit denen zu leben, die unter den Verhältnissen litten. 8 In den nächsten drei Jahren reifte in Siegmund-Schultze die Idee, ein deutsches Settlement nach dem Vorbild von Toynbee Hall ins Leben zu rufen. Das war ein radikaler Bruch mit seinem bisherigen Karriereweg, war er doch schon als Prediger an der Friedenskirche in Potsdam tätig gewesen, die auch der Kaiserfamilie als Gotteshaus diente. Er warb vor allem unter Studenten für die Idee eines deutschen Settlements und war dabei überzeugend und charismatisch genug, um ausreichend Freiwillige zu finden. Gemeinsam mit seiner Frau, seiner Schwester und einigen Theologiestudenten zog er 1911 in das Arbeiterviertel Friedrichshain im Berliner Osten. „Das erste Ziel, das ich mir stellte, als ich mit meiner Familie und einigen Freunden ins Arbeiterviertel von Berlin-Ost zog, war: die Wirklichkeit kennen zu lernen. Die Wahrheit überwindet alles – mit diesem Willen gingen wir zu den Menschen der anderen Klassen.“ (1922) Die konkrete Arbeit hatte viele Ähnlichkeiten mit der des Volksheims in Hamburg und mit der von Toynbee Hall in London: Bildungsveranstaltungen und -kurse, Klubs vor allem für Kinder und Jugendliche, kulturelle und Freizeit-Aktivitäten, Foren für Debatten - politische Debatten nicht ausgeschlossen, sondern im Gegenteil besonders gewünscht, inklusive der Einladung an Vertreter*innen der Sozialdemokratie und später – in der Weimarer Republik – der Kommunisten. Das angebotene Programm war für die Aktiven der SAG aber nicht der eigentliche Zweck der Arbeit, sondern eine Methode, durch die der persönliche Kontakt der SAG mit den Nachbar*innen ermöglicht werden sollte. Von der Begegnung auf Augenhöhe zwischen den Akademiker*innen und ihren neuen Nachbar*innen versprach man sich Impulse für die als notwendig empfundenen gesamtgesellschaftlichen Veränderungen. Friedrich Siegmund-Schultze blieb der Leiter der Organisation bis 1933, gleichzeitig blieb er aktiv in der Friedensarbeit und der ökumenischen Bewegung. Kurz nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, wurde Siegmund-Schultze 1933 verhaftet und ins Exil in die Schweiz gezwungen. Die Außenstellen der Organisation in den anderen deutschen Städten stellten ihre Tätigkeit ein, die SAG Berlin-Ost wurde 1940 verboten. Friedrich Siegmund-Schultze kam nach dem II. Weltkrieg nach Deutschland zurück und nahm großen Einfluss auf die Entwicklung der professionellen Sozialarbeit im Westen Deutschlands, insbesondere durch die Gründung einer Sozialarbeitsakademie in Dortmund, die später in die Universität integriert wurde. Auch wenn sich Siegmund-Schultze an den Nachbarschaftsheim- Neugründungen nach dem II. Weltkrieg nicht beteiligt hat, wirkten die Ideen, die ihn einmal zur Gründung der SAG veranlasst hatten, weiter, da sie in die Ausbildungsinhalte des neuen Berufsstandes der Sozialarbeit Einzug fanden. Sichtbar wird das u.a. in der Person von Dietmar Freier. Ein Schüler Siegmund-Schultzes, der in „Als ich vor vier Jahren auf der Rückkehr von einer Studienreise nach England einige Artikel über Settlementarbeit schrieb […], stand ich bereits unter dem Eindruck jener Tatsache der Versöhnung der Stände, doch hatte ich viel zu einseitig als Objekt der Versöhnung nur die `niederen Zehnmillionen´aufgefasst, anstatt auch die `oberen Zehntausend´ als den anderen Teil der trägen, volkszerstörenden Masse anzusehen.“ „In England hat während der letzten Jahrzehnte eine Bewegung eingesetzt, die tatsächlich es fertiggebracht hat, dass die Kluft zwischen Gebildeten und Arbeiterstand, die vor etwa fünf Jahrzehnten in England zur Revolution zu führen schien, durch die weitgehende Freundschaft zwischen Reich und Arm im Großen und Kleinen überbrückt worden ist.“ (1912) Die SAG war sehr einflussreich in Berlin, sie wuchs schnell und wurde in immer mehr Aspekte der Wohlfahrtsarbeit einbezogen. Ihre Ideen verbreiteten sich über ganz Deutschland, und in wenigen Jahren gab es ähnliche Soziale Arbeitsgemeinschaften in vielen anderen Städten in Deutschland u.a. in Bielefeld, Breslau, Frankfurt/Main, Görlitz, Halle, Jena, Leipzig, Marburg, Stettin Friedrich Siegmund-Schultze den 80er und 90er Jahren fördernden Einfluss auf die Entwicklung der Nachbarschaftsheimbewegung nahm – als Senatsdirektor in der Berliner Sozialverwaltung und nach seiner Pensionierung als Vorstandsmitglied des Bundesverbandes und später der Berliner Landesgruppe. Hertha Kraus Auch bei Hertha Kraus gibt es eine aus religiösen Überzeugungen gespeiste Motivation, sich aktiv für soziale Reformen einzusetzen. Sie stammte aus einem jüdischen Elternhaus und fühlte sich 1918 durch das Beispiel der Quäker, ihre Glaubensüberzeugungen durch Handeln in der Welt zu leben, so angesprochen, dass sie sich dieser Glaubensgemeinschaft anschloss. Nach ihrem Studium wurde sie in Berlin Mitarbeiterin der Quäker und beteiligte sich an deren Hilfe für die nach dem I. Siegmund-Schultze war es wichtig, seine Arbeit im Settlement unbezahlt und ehrenamtlich zu leisten. Das wurde ihm durch eine großzügige Spende des amerikanischen Industriellen Andrew Carnegie ermöglicht. Die Spende galt allerdings nicht dem Settlement sondern der Arbeit des Weltbundes für Freundschaftsarbeit der Kirchen, der sich um einen positiven Beitrag der Kirchen zur Bewahrung des Friedens bemühte und dessen Sekretär Sieg- cher Beziehungen zwischen Großbritannien und Deutschland Tradition und Geschichte der Nachbarschaftsarbeit Rundbrief 1-2020 | Verbundene Vielfalt // Innovation und Tradition in der Nachbarschaftsarbeit 8 Die Eiche. Vierteljahresschrift zur Pflege freundschaftli- 9 Hertha Kraus Weltkrieg notleidende Bevölkerung. In diesem Zusammenhang begegnete sie auch Friedrich Siegmund-Schultze und beschäftigte sich mit der Settlement-Idee. 1923 holte sie der damalige Oberbürgermeister Konrad Adenauer (als jüngste Sozialdezernentin Deutschlands) nach Köln. Aber nicht nur dadurch wurde Hertha Kraus landesweit bekannt, sondern auch durch ihr beispielgebendes Projekt einer Umwandlung ehemaliger Kasernen in ein ausgedehntes Wohnprojekt für ältere Menschen mit und ohne Pflegebedarf sowie für Menschen mit psychischen Problemen oder körperlichen Beeinträchtigungen. Es handelte sich um die Riehler Heimstätten. Eine Besonderheit war dort die Ergänzung des Wohnangebotes durch Gemeinschaftseinrichtungen, kleine Nachbarschaftszentren, weil Hertha Kraus davon überzeugt war, dass sich soziale Unterstützung nicht auf fürsorgerische Versorgung beschränken dürfe, sondern ebenfalls Möglichkeiten zur positiven aktiven Lebensgestaltung zur Verfügung stellen sollte. 1933 ins amerikanische Exil gezwungen, widmete sie sich dort an einer Privatuniversität der Quäker der Ausbildung angehender Sozialarbeiter*innen. Aber ihr war nicht gleichgültig, was in Europa und besonders in Deutschland vor sich ging. Und so schrieb sie 1943 den Text, den wir als Gründungsdokument der Nachbarschaftsheime sehen können, die ab 1947 in Deutschland entstanden – das Memorandum.9 nicht kannten. Es wurde erst 2018 wieder entdeckt und im folgenden Jahr durch den Mittelhof e.V. veröffentlicht.10 Deswegen ist immer wieder einiges darüber berichtet worden (auch von mir, auch von Stephan Wagner), das einer genaueren Überprüfung, wie sie dankenswerter Weise heute möglich ist, nicht mehr standhält. nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Zusammenfassung der Diskussionen auf einer Konferenz der Mitarbeiter*innen der AFSC-Abteilung für Auslandsdienste und Freunde (= Quäker) zur Nachkriegsplanung11 Die beiden folgenden (mehr oder weniger verbreiteten) Irrtümer müssen korrigiert werden: Rechtzeitige umfassende Planung und Gesamtkonzept: Das Memorandum wurde nicht für die Amerikanische Regierung geschrieben sondern für die Hilfsorganisation der Quäker. Es hat deswegen auch nicht den Charakter eines Appells an den Staat, sondern ist vor allem ein Plan für selbst bestimmtes Handeln aus eigener Kraft und auf Basis eigener Prinzipien. „So wie die Armee ihre Führungskräfte dadurch vorbereitet, dass sie sie zu Führungsakademien entsendet, sollten wir uns einem vergleichbaren Training unterziehen, weil wir in Europa ein Problem im Auge haben, das genauso kompliziert ist wie das, was die Armee zu bewältigen hat.“ Das Papier setzt sich (indirekt) sehr kritisch mit dem während des Krieges entwickelten und in der unmittelbaren Nachkriegszeit umgesetzten Konzept von Re-Education im Sinne einer Art „Umerziehung zu demokratischer Gesinnung“ auseinander. Daraus lässt sich die These ableiten, dass die Gründung der Nachbarschaftsheime zumindest kein integraler Bestandteil dieses Konzepts ist, sondern andere Wege zur Demokratie-Entwicklung im Sinn hat. Das, was uns jetzt vorliegt, ist nicht der Originaltext des ersten Herta-Kraus Vorschlages, sondern etwas eigentlich noch Wertvolleres: nämlich das Protokoll eines internen Treffens, auf dem Hertha Kraus ihre Ideen weiter ausführt und zur Diskussion stellt. Daraus lassen sich die Intentionen noch genauer nachvollziehen. Ich stelle einige Textausschnitte aus diesem Dokument weitgehend unkommentiert vor. Beim Lesen seien die historischen Zusammenhänge bedacht. Das Papier ist 1943 geschrieben worden, als die deutschen Armeen noch auf dem Vormarsch waren. Stalingrad war zwar schon geschehen, aber die Invasion in der Normandie sollte erst ein Jahr später stattfinden. Schon zu diesem Zeitpunkt planen die Quäker Hilfen für Europa nach dem Krieg. Dies Memorandum ist immer wieder in Darstellungen der Geschichte der Nachbarschaftsheime eingegangen, obwohl wir den genauen Wortlaut 9 Vertrauliches Memorandum „Wir können nicht zwischen der Verteilung von Hilfsgütern und dem Aufbau von Produktion und Fähigkeiten wählen; wir müssen beides tun.“ Nachbarschaftszentren „Dieses Projekt, vergleichbar mit der Idee der Settlement-Häuser, besteht einfach daraus, vier bis sechs Mitarbeiter*innen an einer Stelle in einer bestimmten Gegend zusammenzubringen, von denen jede*r eine Dienstleistung anbieten kann, für die in dieser Nachbarschaft Bedarf besteht. […] Sie leben in einer Basisstation zusammen.“ „Das Zentrum könnte ein möglicher Ausgangspunkt für zusätzliche Dienste sein, z.B. für Kinder, z.B. für die Unterstützung von Pflegefamilien. Ebenso denkbar: Gesundheitsdienste, allgemeine und Ernährungsberatung, Erholung für Kindergruppen. […] Abends könnte das Haus als soziales Begegnungszentrum dienen, aber nicht mit einem formalisierten Bildungsprogramm. Kein Re-Education- Programm kann wie eine Massenware künstlich übergestülpt werden, wenn es einen Effekt haben soll. Es geht darum, einen neutralen Ort zu schaffen, wo Menschen zusammenkommen und sich über die Dinge aussprechen können.“ „Die Menschen, die Hilfe durch das Zentrum erfahren, müssen ebenfalls in dessen andere Aktivitäten einbezogen werden. Das war die große Schwäche eines Programms, das sich ausschließlich auf die Nahrungsversorgung beschränkt hat oder darauf, die nationalen Ressourcen durch Subventionen zu stärken: es gab keine wirkliche Begegnung der Gemüter.“ Memorandum. Internes Protokoll über eine Klausurta- gung des AFSC (American Friends Service Committee), der 11 Confidential memorandum – not for circulation. This sum- sozialen Hilfsorganisation der Amerikanischen Quäker. Im marizes the discussions in a conference oft he Foreign Service Amerikanische Helfer und die Rolle der Einheimischen „Jeder Anteil der Arbeit sollte unter der Leitung eines ausländischen Mitarbeiters sein, und sie sollten von Menschen aus dem betreffenden Land selbst unterstützt werden.“ „Wenn das Nachbarschaftsheim von Anfang an über einen geeigneten Standort und Förderung verfügt hat, kann es schließlich vom lokalen Gemeinwesen übernommen werden.“ Die besondere Aufgabe der Quäker „Wir können Freunde aller sein – und ich denke, wir sind das auch. Wir besitzen die Freiheit, einige der weniger populären Aufgaben zu übernehmen.“ „Es wird wahrscheinlich unpopuläre Gruppen geben, die den Schutz durch eine Gruppe wie die unsere brauchen, die sich nicht davor scheut, ihnen diesen Schutz zu geben – Nazis aus den zivilen Verwaltungen, jüdische Gruppen (der Antisemitismus wird wahrscheinlich nicht tot sein).“ „Schließlich werden die Menschen auch eine geistige Rehabilitierung brauchen – und nicht viele Organisationen sind dafür geeignet, sich darum zu kümmern. Das kann also insbesondere eine Aufgabe für unsere Gemeinschaft sein. Das schließt das ein, was gemeinhin „Re-Education“ genannt wird. Wir wollen nicht einfach die Parole um die Ohren hauen: Vergiss den Nazismus, glaube an die Demokratie.“ „Anfangs sind sie vielleicht feindliche gestimmte Beobachter, dann aktivere Beobachter und schließlich aktive Teilnehmer, die etwas aufgenommen haben, das sie für bedeutend genug halten, um es in ihre eigenen Gruppen hineinzutragen und fortzusetzen. Der allererste Schritt ist es, ihnen eine andere Erfahrung von Mitwirkung zu geben und sie zu einer solidarischen Haltung zum Leben zu motivieren, angewandt auf umfassende und realistische Bedürfnisse – so zum Beispiel: ihnen die Ausrüstung zu geben, Schulen wieder aufzubauen usw.“ Klug, vorsichtig, sensibel – ein nachvollziehbarer erfolgversprechender Ansatz voller Empathie und Fähigkeit zum Perspektivwechsel. Kaum denkbar, dass wir ohne das, was diese Vordenker*innen auf die Beine gestellt haben, heute hier so zusammengekommen wären. Deswegen sollten wir ruhig manchmal an sie denken und ihnen durch unsere eigenen Taten danken! Mittelpunkt der Diskussion: ein Papier von Hertha Kraus zur 10 Anhang in: 70 Jahre Mittelhof. 1947 – 2017, herausgege- Staff of AFSC with friends on post-war planning. Veröffent- Planung der Nachkriegsaktivitäten in Europa, 4.-5- Juni 1943 ben vom Mittelhof e.V. 2019 licht unter www.vska.de 10 Tradition und Geschichte der Nachbarschaftsarbeit Rundbrief 1-2020 | Verbundene Vielfalt // Innovation und Tradition in der Nachbarschaftsarbeit 11 MARITA DOCKTER Vom Verband deutscher Nachbarschaftsheime zum Verband für sozial-kulturelle Arbeit • Grundgedanken für beide Organisationen waren Mitmenschliche Beziehungen ermöglichen • Aufgaben angehen, für die in der Nachbarschaft ein besonderes Bedürfnis besteht • Menschen als einzelne ansprechen und ernst nehmen • Gelegenheit geben, sich in der Gemeinschaft persönlich zu entfalten Nach dem 2. Weltkrieg erfolgten viele Neugründungen oft durch das Engagement von amerikanischen Freiwilligen, die für Freikirchen wie die Quäker tätig waren. Sie verstanden diese Tätigkeit als Beitrag des re-education Programms der Militärregierung, als Beitrag für die Erziehung der Deutschen zur Demokratie. Die Arbeit der Mitgliedsorganisationen in der Gründerzeit nach dem Krieg waren bestimmt von der Not und Mühe, sich zu ernähren, sich zu kleiden und Kriegsfolgeschäden zu beheben. Es gab viele behinderte Kriegsversehrte. Die Nachbarschaftsheime haben sich dieser Personengruppen angenommen und von der Wärmestube bis zur Schusterwerkstatt Alltagshilfe geleistet. Ehrenamtliche Arbeit und demokratische Organisationsstrukturen (auch wenn die Väter und Mütter der Nachbarschaftsbewegung das nie so genannt hätten) waren Merkmale der Arbeit und unterschieden die Nachbarschaftsheime fundamental von anderen sozialen Einrichtungen. Schon 1951 schlossen sich 16 Nachbarschaftsheime im Verband deutscher Nachbarschaftsheime zusammen. Sie zeigten mit der Gründung eines Verbands auch ihre Bereitschaft, nicht nur die Verantwortung für ihre Häuser, sondern auch für die Nachbarschaftsbewegung zu übernehmen. Ob es eine Diskussion um den Namen gab und aus welchen Gründen er gewählt wurde, ist nicht dokumentiert. Wahrscheinlich ist, dass den Gründungsmitgliedern aus der Tradition ihrer Häuser, den Namen ihrer Häuser und geschichtlichen Vorbilder, aufgrund ihrer besonderen Arbeitsweise und 12 ihres gesamten “So-Seins“ diese Bezeichnung sehr selbstverständlich war. In den 50iger Jahren bekam die Arbeit in den einzelnen Nachbarschaftsheimen einen neuen Akzent: von der Einzelfallhilfe zur Betonung der sozialen Gruppe. Gruppenpädagogik wurde zum zentralen Begriff und Grundverständnis der Arbeit, verknüpft mit einer zunehmenden Professionalisierung der sozialen Arbeit überhaupt. Die Prinzipien von social group work - uns heute selbstverständlich – für die Zeit nach dem Faschismus war es ein ungewohnter und wichtiger Schritt in Richtung Demokratie. Die bisher stark fürsorgerisch geprägte Arbeit und die Gruppenarbeit ergänzten sich und gehörten zusammen: Das Ziel war, die Besucher*innen der Einrichtungen so einzubinden, dass Ansätze der Selbsthilfe entstanden. Diese Veränderung wurde vom Verband mitgetragen und durch Fortbildungen unterstützt. Daraus entstand verbandsintern immer wieder die Frage nach den Aufgaben des Verbandes deutscher Nachbarschaftsheime. Sollte er ausschließlich Interessenvertretung sein oder auch inhaltlicher Impulsgeber, Vordenker, Mitdenker? Der Verband deutscher Nachbarschaftsheime leistete in dieser Zeit mannigfaltige Unterstützung für die Leitung der Heime: Musterarbeitsverträge, Praktikantenverträge, Arbeitsplatzbeschreibungen wurden erarbeitet. Für viele Jahre wurde eine Betreuerin für die Mitgliedsorganisationen eingestellt, die vor Ort tatkräftig beriet. Und der Verband wuchs, es gründeten sich neue Einrichtungen, die als Stadtteilzentren, Bürgerhäuser oder unter anderen Namen Mitglied im Verband wurden. Viele davon waren in Neubauvierteln der expandierenden Städte entstanden, viele in sozial schwierigen Gegenden. Ihre Tätigkeiten waren wieder andere als in der direkten Nachkriegszeit. Die 60iger Jahre brachten einen gesellschaftlichen Auf- und Umbruch, der auch im Verband schnell ankam. Den Protokollen von Mitgliederversammlungen und Vorstandssitzungen kann man einen erst schleichenden, dann immer deutlicher werdenden Paradigmenwechsel entnehmen: Vom Verband deutscher Nachbarschaftsheime zum Verband für sozial-kulturelle Arbeit Ingrid S. (Besucherin und ehrenamtliche Mitarbeiterin im Nachbarschaftszentrum Hellersdorf) 1951 wurde der Verband Deutscher Nachbarschaftsheime e.V. in Köln gegründet. Er verstand sich in der Nachfolge der Deutschen Vereinigung der Nachbarschaftssiedlungen, die 1925 gegründet und 1933 von den Nationalsozialisten aufgelöst wurde. Es war der Übergang von Hilfe und Besserstellung des Individuums hin zu demokratischen und politischen Fragestellungen und Arbeitsansätzen. Nach diesen Diskussionen war der Name Verband Deutscher Nachbarschaftsheime nicht mehr haltbar, er stand nicht mehr für die mühsam erreichte neue Ausrichtung und die neu definierten Aufgaben der Einrichtungen. Der Blick ging von der Zentrierung aus das Nachbarschaftsheim weg und richtete sich auf das soziale Gemeinwesen. Dieser Blickwechsel hatte Folgen für das Rollenverständnis des Sozialarbeiters: weg vom helfenden, betreuenden zum beratenden Gemeinwesenarbeiter. 1971 kam es dann zur Umbenennung. Der Vorstand schlug damals der Mitgliederversammlung1 als neuen Verbandsnamen vor: „Verband für Gemeinwesenarbeit und sozial-kulturelle Zentren“ Gemeinwesenarbeit war dann der neue Begriff und die Methode, an dem sich die Mitglieder des Verbands rieben und auch erbittert stritten. Es gründete sich eine „Sektion Gemeinwesenarbeit“ die ab 1970 (und bis 1988) einen eigenen Publikationsteil im Rundbrief, dem Publikationsorgan des Verbandes, erhielt. Dieser Name konnte sich in der Mitgliederversammlung nicht durchsetzen, als Kompromiss wurde der heute noch gültige Name gewählt: Verband für sozial-kulturelle Arbeit (VskA). Er wird bald 50 Jahre alt. Der Begriff der sozial-kulturellen Arbeit“ erfordert immer wieder Erläuterungen, Erklärungen oder auch Abgrenzungen. Ein bedeutender Schritt für die Rolle und die Aufgaben des Verbands war die Satzungsänderung 1969, bei der die Ziele des Verbandes um den Aspekt der wissenschaftlichen Arbeit zur Praxisbegleitung erweitert wurden. Der Vorstand des VskA hat daher in 2018 eine Begriffsbestimmung versucht: „Sozial-kulturelle Arbeit bezeichnet den historisch gewachsenen Arbeitsansatz von Nachbarschaftshäusern von den Anfängen der Settlement-Bewegung bis heute. Soziale Arbeit und Kulturarbeit werden dabei in Nachbarschaftshäusern so miteinander verbunden, dass darüber möglichst viele Menschen im Gemeinwesen angesprochen werden, mit dem Ziel, Die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in der Bundesrepublik kamen im Verband an und führten zu umfassenden Auseinandersetzungen um die Ziele, Methoden und Arbeitsweisen der Mitgliedseinrichtungen. 1 die am Do, 20.05.71 von 15.00 – 18.00 und am Sa, 22.05., 13.00 – 18.00 tagte Rundbrief 1-2020 | Verbundene Vielfalt // Innovation und Tradition in der Nachbarschaftsarbeit 13 SIMONE TAPPERT Menschen verschiedener Milieus, Lebensstile und Ressourcen miteinander in Kontakt und Austausch zu bringen.“ Lebenswelt „Nachbarschaft“ als lokales Potenzial städtischer Entwicklung In den letzten 50 Jahren hat sich unsere Arbeit in allen ihren Dimensionen massiv verändert und zeigt doch immer wieder erstaunliche, bestärkende Kontinuitäten. H Marita Dockter war Geschäftsführerin des Quäker Nachbarschaftsheim Norbert-Bürger-Bürgerzentrum in Köln bis zu ihrem Eintritt in den Ruhestand 2016 und ist Mitglied im Vorstand des VskA Bundesverbandes. Jane Addams wurde am 06. September 1860 in Cedarville, Illinois, geboren und gründete 1889 gemeinsam mit Ellen Gates Starr mit Hull House das erste Settlement in Chicago, welches weltberühmt wurde. Dort lebte und arbeitete sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1935. Als erstes organisierte sie Kulturveranstaltungen und hörte gleichzeitig sehr genau auf die Bedarfe und Interesse in der Nachbarschaft. Daher wurde als nächstes ein Kindergarten gegründet und wurde Hull-House schnell zu einem Ort, an dem Menschen mit und ohne Migrationshintergrund zusammen tanzen, musizierten, aßen, diskutiert und lernten. Jane Addams schrieb: „Die eine Sache, die es zu fürchten gilt, ist das ein Settlement seine Flexibilität verliert, seine Fähigkeit sich schnell anzupassen, seine Bereitschaft seine Methoden zu ändern wie es das Umfeld verlangt. Es muss eine tiefen und unvergänglichen Sinn von Toleranz haben. Es muss gastfreundlich und experimentierfreudig sein. Seine Bewohner sind verpflichtet das ganze Leben einer Stadt als organisch zu betrachten und sich anzustrengen es zu vereinigen und gegen eine Über-Differenzierung zu protestieren.“ Jane Addams: Twenty years at Hull House, S. 126 zitiert nach Clement Richard Attlee: The Social Worker, London 1920, S. 194, Seit Mitte der 1990er Jahre gewinnt Nachbarschaft als Interventionsebene und Planungsdimension in der Stadtentwicklungspolitik wieder an Bedeutung. Das geht oftmals mit idealtypischen Vorstellungen über das Zusammenleben und lokaler Gemeinschaftlichkeit einher: über die Planung räumlicher Nähe soll soziale Kohäsion gefördert werden. Gerade im Kontext des gesellschaftlichen Wandels und einer zunehmenden Ausdifferenzierung erscheint eine Fokussierung auf Nachbarschaften vielversprechend, denn die Reduktion auf territoriale und sozialräumliche Ausschnitte suggeriert Berechenbarkeit und Planbarkeit. Entsprechend besteht eine Vielzahl an Programmen und Konzepten zur Aktivierung nachbarschaftlicher Beziehungen und zur Förderung lokaler Vergemeinschaftung. Dadurch soll gesellschafts- und stadtpolitischen Herausforderungen entgegengewirkt werden. Eine zentrale Rolle in dieser Dynamik kommt der akteursorientierten und auf lokaler Ebene wirkenden Praxis zu – der Nachbarschaftsarbeit. Diese distanziert sich von bestehenden Idealvorstellungen, lehnt eine kategorische Festschreibung dessen, was „die“ Nachbarschaft ist, ab und stellt die Planbarund Steuerbarkeit von Nachbarschaften in Frage. Von Interesse ist stattdessen, wie sich Menschen in einem räumlichen Gefüge unter sich dynamisch wechselnden Bedingungen begegnen, und wie das Mit- und Nebeneinander am geteilten Wohnort unterstützt werden kann1. Hier setzt die Studie „Nachbarschaft als lokales Potenzial städtischer Entwicklung – Konstitutionsbedingungen, Bedeutungen und Möglichkeiten der Verstetigung“2, in Auftrag gegeben durch den vhw Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung, an. Die ethnografische Forschung in einem Kreuzberger Stadtteil in Berlin geht der Frage nach, wie Nachbarschaften im städtischen Alltag durch die Bewohnenden gelebt werden, und welche Bedeutung Nachbarschaften für die Aufgaben intermediärer Institutionen haben können. https://archive.org/details/socialworker00attliala/ page/194/mode/2up 1 JANE ADDAMS Quelle: Jane Addams Hull-House Museum, The University of Illinois at Chicago https://www. hullhousemuseum.or 2 Nachbarschaft als Prozess Konzeptionell wird Nachbarschaft in der Studie nicht als etwas Gegebenes (im Sinne einer sozialen Tatsache), sondern als etwas Situatives und Kontextabhängiges verstanden, dass kontinuierlich durch menschliche Handlungen im Alltag hervorgebracht wird. Nachbarschaften sind somit nicht statisch, sondern befinden sich ständig im Prozess des „Werdens“. Es geht dabei um die Auseinandersetzung mit und die Verortung im eigenen Wohnumfeld; um ein kontinuierliches Sich-in-Beziehung-Setzen der Bewohnenden durch soziale und räumliche Praktiken des Alltags. Damit einher geht stets die Verhandlung des Mit- und Nebeneinander am gemeinsamen Wohnort, dem „richtigen“ Verhältnis von Nähe und Distanz3. Eine solche Perspektive ist von Relevanz, da sie Nachbarschaft nicht auf ihr Potential als Ressource prüft, oder diese entlang der Frage nach Qualität, Dichte und Ausprägung sozialer Beziehungen an einem Wohnort beurteilt. Denn während Nachbarschaftsforschung bisher vor allem auf das Vorhandensein von „starken“ oder „schwachen Beziehungen“4 fokussiert hat, machen die Ergebnisse der Studie deutlich, dass gerade „passive Kontakte“5 oder so genannte „abwesende Beziehungen“6 von Bedeutung sein können. Gemeint sind damit flüchtige Begegnungen und scheinbar nicht-signifikante Beziehungen, sei es zwischen der Bewohnerin und dem Verkäufer, bei dem regelmäßig die Tageszeitung gekauft wird, oder das Antreffen derselben Personen auf dem morgendlichen Weg zur Bushaltestelle. Bei diesem Beziehungstypus ist nicht wichtig, dass man einander persönlich oder per Namen kennt, sondern die Regelmäßigkeit der Begegnungen. Durch die alltägliche oder regelmäßige Routine entstehen Vertrautheit und Wissen, die Wohnumgebung wird einschätzbar und lesbar. Das kann zur Entwicklung eines Zugehörigkeitsgefühls zur Nachbarschaft führen, unabhängig davon, ob man sich mit dem konkreten Ort identifiziert oder direkter Kontakt mit Nachbar*innen besteht7. 3 Crow et al. 2002 4 Putnam 2000 5 Grannis 2001 6 Granovetter 1973 7 Blokland und Nast 2014 Drilling et al. 2017 Der Artikel stellt erste Ergebnisse der Studie vor. Der vollständige Abschlussbericht der Studie ist auf der Webseite des vhw Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung (www.vhw.de) verfügbar. 14 Vom Verband deutscher Nachbarschaftsheime zum Verband für sozial-kulturelle Arbeit Rundbrief 1-2020 | Verbundene Vielfalt // Innovation und Tradition in der Nachbarschaftsarbeit 15 Ahmed A. (Geflüchteter Zahnarzt aus Syrien, Erstaufnahmeheim Forckenbeckstraße) Nachbarschaften brauchen Möglichkeitsräume Die Frage nach der räumlichen Routine in der Wohnumgebung rückt die Alltagswege der Bewohnenden und die der Nutzung der lokalen Infrastruktur in den Fokus. Denn für das Entstehen flüchtiger Begegnungen und passiver Kontakte braucht es Möglichkeitsräume, die durch die Bewohnenden formell oder informell angeeignet und genutzt werden können. Eine wesentliche Rolle spielen hier der öffentliche Raum (z.B. Grünflächen und Plätze, Gehwege, Kinderspielplätze), so genannte dritte Orte8 (z.B. Friseurläden, Spätis, Kaffees) und temporäre Orte (z.B. Hofflohmärkte, Straßenfeste, Wochenmärkte). Aber auch die Zwischen- und Übergangsräume des Alltags, wie Hausflure und Hinterhöfe bieten hier Chancen, denn sie wirken unverbindlich, sind ein Bindeglied zwischen der Privatheit der Wohnung und der Öffentlichkeit der Straße, und fördern dadurch die Flüchtigkeit der belanglosen Alltagskommunikation – sei es das Tratschen im Hausflur, das Reden über Alltägliches oder das Weitergeben lokalbezogener Information. Die scheinbar belanglose Kommunikation ist für das Entstehen und Aufrechterhalten eines nachbarschaftlichen Gefüges wesentlich. Ebenso tragen die Spuren des Wohnens dazu bei, ob Fahrräder, Pflanzen oder Graffitis. Orte werden dadurch 8 16 Oldenburg 1999 lesbar, vielschichtig und bedeutungsträchtig und ermöglichen die (durchaus auch konfliktive) Auseinandersetzung mit der Wohnumgebung und den Nachbar*innen. Konkurrierende Nutzungspraktiken und hinterlassene Spuren führten im Untersuchungsraum immer wieder zu Konflikten. Die beobachteten Auseinandersetzungen zeigen, dass Konflikte und deren Lösung nicht immer funktional betrachtet werden sollten. Sie können Ausdruck von Unzufriedenheit oder Unsicherheit (z.B. zunehmender Tourismus, lokale Transformationsprozesse, Problematisierung einzelner Bevölkerungsgruppen) sein und als eine Verhandlung dessen interpretiert werden, was als das „richtige“ nachbarschaftliche Mit- und Nebeneinander am geteilten Wohnort verstanden wird, oder wer als Teil der Nachbarschaft gewertet wird und wer nicht. Als solches geben sie Aufschluss über die Befindlichkeit und die Bedürfnisse des nachbarschaftlichen Gewebes. Soziale Praktiken und die nachbarschaftliche Etikette Soziale Interaktionen im nachbarschaftlichen Kontext folgen kontextabhängigen Regeln, Normen und Erwartungen. Gesprochen wird hier auch von der „nachbarschaftlichen Etikette“9, wie z.B. das 9 Kusenbach 2006 Lebenswelt „Nachbarschaft“ als lokales Potenzial städtischer Entwicklung gegenseitige Erkennen und Grüßen auf der Straße, oder das Wahren einer höflichen Distanz. Aber auch Praktiken des gegenseitigen Helfens und das Prinzip der Reziprozität stellen eine wichtige Norm dar. Sei es das Entgegennehmen von Lieferungen, das Ausborgen von Gegenständen, oder das Aushelfen in Notsituationen. Dabei geht es um Alltagshilfen der praktischen Art, die mit wenig Aufwand verbunden sind und keine dauerhafte Verpflichtung und Verantwortung bedeuten. Studienteilnehmende beschrieben diese nachbarschaftliche Hilfe als etwas Selbstverständliches. Zugleich zeigte sich, dass diese nur selten wahrgenommen wird. Sei es, dass man nicht darauf angewiesen ist, oder eine gewisse Distanz zu den Nachbar*innen aufrechterhalten möchte. Gerade die Inanspruchnahme bestimmter Unterstützungen, wie das Blumen gießen bei Abwesenheit und das Betreten der Wohnung bedarf einer vertrauensvollen Beziehung. Ein solches Vertrauen bedeutet nicht persönliche Nähe zu entwickeln oder Privates über den Nachbarn zu wissen, sondern ein Miteinander-Vertraut-Sein und eine Einschätzbarkeit, die über Jahre durch flüchtige Begegnungen und das Tür an Tür Wohnen entstehen können. Auch wenn nachbarschaftliche Hilfe selten in Anspruch genommen wurde, war es von Bedeutung, zu wissen, dass im Notfall auf diese zurückgegriffen werden kann. Zur nachbarschaftlichen Etikette gehört auch die soziale Rolle von Nachbar*innen als „achtsames Auge“ und die daran geknüpfte Erwartung einer Schutzfunktion gegen externe Faktoren (z.B. Einbrüche, Diebstahl, Auffälligkeiten). Die mögliche soziale Kontrolle, die durch „wachsame Nachbar*innen“ entstehen kann, wird jedoch weniger geschätzt. Das stellt letztlich eine Überschreitung der im nachbarschaftlichen Kontext zu wahrenden Distanz dar. Und gerade das Verhandeln und Austarieren von Nähe und Distanz ist für die untersuchten nachbarschaftlichen Beziehungen wesentlich. Während sich die nachbarschaftlichen Beziehungen vorwiegend als flüchtige Begegnungen oder lose Beziehungen beschreiben lassen, kann die Bedeutung nachbarschaftlicher Netzwerke, Strukturen und Ressourcen je nach Lebensphase, Lebenslage und Lebensstil variieren.10 Insbesondere für ältere Personen, Familien mit Kleinkindern und Erwerbslose im Untersuchungsraum war der nachbarschaftliche Kontext verstärkt von Bedeutung. In einigen wenigen Fällen entstanden auch enge Beziehungen zwischen Nachbar*innen. Gesprochen wurde dann von Bekanntschaften und Freundschaften – Beziehungen, die über den nachbarschaftlichen Kontext hinausgehen. 10 Henning und Lieberg 1996 Nachbar*innen als Ko-Produzent*innen der Stadt Während „Nachbarschaft“ als Interventionsebene eine zunehmend wichtige Bezugsgröße darstellt, organisieren sich Nachbar*innen in Form von Initiativen und Vereinen zunehmend selbst und positionieren sich als Akteur*innen in der Stadtentwicklung. Sie entwickeln und treiben ihre eigenen Konzepte und Lösungsansätze für gesellschaftliche und stadtentwicklungspolitische Fragestellungen voran. Die Verankerung in und Bezugnahme auf das eigene Wohnumfeld ermöglichen eine Greifbarmachung dieser übergeordneten Dynamiken, die sich im Lokalen niederschlagen, und das Entwickeln und Umsetzen lokaler Handlungs- und Lösungsansätze. Zugleich können durch die Einbindung in nachbarschaftliche Netzwerke Ressourcen mobilisiert, und eine hohe Akzeptanz und Öffentlichkeit hergestellt werden. Faktoren, die für eine erfolgreiche Positionierung zentral sind. Ebenso spielen strukturelle Rahmenbedingungen, Vernetzungen und Kooperationen eine tragende Rolle. In ihrem Handeln und der Kooperation mit weiteren Akteur*innen, ob mit sozialen Trägern, Politik oder Verwaltung, sind das Aufrechterhalten der Unabhängigkeit, das „Gespräch auf Augenhöhe“, und das Anerkennen der Akteur*innen als Expert*innen ihres eigenen Wohnumfeldes und als legitime Ko-Produzent*innen der Stadt, wesentliche Dimensionen. Eine solche Anerkennung und das Erschließen potentieller Einflussmöglichkeiten zur Umsetzung der eigenen Vorstellungen, Konzepte und Projekte, bringt zahlreiche Herausforderungen mit sich und muss von zivilgesellschaftlichen Akteur*innen immer erst erkämpft werden. Sprache, Wissen und der Zugang zu Informationen wirken hier als Differenzmechanismen zwischen den Akteur*innen und reproduzieren ungleiche Machtverhältnisse. Diese fordern ihr Recht auf Ko-Produktion jedoch kontinuierlich ein – durch Proteste und Demonstrationen, Öffentlichkeitsarbeit, Initiierung von und Beteiligung in Planungsprozessen, oder der Durchführung von Projekten und Aktionen im Lokalen. Dabei nehmen sie vielfältige Rollen ein und bewegen sich an unterschiedlichen Schnittstellen. Die Rolle der professionellen Nachbarschaftsarbeit Lokale Eigeninitiative und „Nachbarschaft von unten“ fördern, wurde von den befragten professionellen Akteur*innen als wichtige Aufgabe der Nachbarschaftsarbeit benannt. Die Unterstützungsmöglichkeiten sind vielfältig: Beratung, Information, Expertise und Erfahrung teilen, Kompetenzentwicklung, Raumangebote, technische und organisatorische Unterstützung, Vernetzung, Brückenbildung und Moderation an unterschiedli- Rundbrief 1-2020 | Verbundene Vielfalt // Innovation und Tradition in der Nachbarschaftsarbeit 17 chen Schnittstellen (insbesondere zwischen Zivilgesellschaft und Politik und Verwaltung). Aufgabe sei es, die Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Akteur*innen zu suchen und Raum zu geben. Das erfordert Offenheit, Kontinuität, gegenseitige Anerkennung und Wertschätzung. Das angebotsbezogene und aufsuchende Arbeiten ist ein weiterer Handlungsansatz. Es benötigt kontinuierliche Beziehungsarbeit, Kommunikation und Offenheit. Neben bedarfsgerechten Regelangeboten (z.B. Sozialberatung, Mieterberatung) braucht es eine lokale Angebotsstruktur, die gemeinsam mit der Nachbarschaft entwickelt wird. Ein Prozess, der Zeit erfordert, möglichst offen gestaltet werden, und sich durch hohe Experimentierfreudigkeit und keine Leistungsorientierung auszeichnen sollte. Gegenwärtige strukturelle Rahmenbedingungen und Finanzierungsmöglichkeiten geben hier jedoch nur eingeschränkte Möglichkeiten und Handlungsspielräume. Ebenso von Bedeutung sind die Sicher- und Zurverfügungstellung von Räumen der alltäglichen Begegnung. Die Orte sozialer Träger sollten sich durch Offenheit, Niedrigschwelligkeit und Unverbindlichkeit auszeichnen, und nicht (nur) angebotsbezogen gestaltet sein. Obgleich professionelle Nachbarschaftsarbeit das Arbeiten mit und in Nachbarschaften auf lokaler Ebene impliziert, verorten Studienteilnehmende ihren Aktions- und Wirkradius auch darüber hinaus. Dabei wird die lokale Ebene „Nachbarschaft“ kritisch in gesamtgesellschaftliche und politische Zusammenhänge eingeordnet und eine strukturelle und systemische Veränderung als wesentliche Arbeitsaufgabe der professionellen Nachbarschaftsarbeit definiert. H Simone Tappert ist Kultur- und Sozialanthropologin und promoviert an der Ludwig-Maximilians-Universität München im International PhD Program «Transformations in European Societies». Sie hat gemeinsam mit Matthias Drilling die vorgestellte Studie durchgeführt, in deren Rahmen auf Basis teilnehmender Beobachtungen, go-alongs, informeller Gespräche und qualitativer Interviews in Berlin sowie Workshops Nachbarschaft theoretisch verortet und ein wissenschaftlich fundierter Analyserahmen entwickelt wurde. Literatur Blokland, T./ Nast, J. (2014) From Public Familiarity to Comfort Zone: The Relevance of Absent Ties for Belonging in Berlin’s Mixed Neighbourhoods. In: International Journal of Urban and Regional Research 38(4), 1142-1159. Crow, G./ Allan, G./ Summers, M. (2002) Neither Busybodies nor Nobodies: Managing Proximity and Distance in Neighbourly Relations. In: Sociology 36(1), 127-145. Drilling, M./ Oehler, P./ Käser, N. (2017) Potenziale postmoderner Nachbarschaften. Eine Pilotstudie im Auftrag des Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung e.V. Berlin. Grannis, R. (2001) From Neighbors to Neighborhoods: Social Networks and Street Networks. Paper presented at the American Sociological Association, Anaheim, CA. Granovetter, M. (1973) The strength of weak ties. In: American Journal of Sociology, 78(6), 13601380. Henning, C./ Lieberg, M. (1996) Strong ties or weak ties? Neighbourhood networks in a new perspective. In: Scandinavian Housing and Planning Research, 13(1), 3-26 Kusenbach, M. (2006) Patterns of Neighboring: Practicing Community in the Parochial Realm. In: Symbolic Interaction 29(3), 279-306. Oldenburg, R. (1999) The great good place: Cafes, coffee shops, bookstores, bars, hair salons, and other hangouts at the heart of a community. New York: Marlowe. Putnam (2000) Bowling alone: the collapse and revival of American community. New York: Simon and Shuster. 18 Lebenswelt „Nachbarschaft“ als lokales Potenzial städtischer Entwicklung OLIVER FEHREN Die Bedeutung einer Orientierung am Gemeinwesen für die Potentiale von Nachbarschaftshäusern Vortrag auf dem Fachtag Stadtteilzentren Neukölln am 13.02.2019 Zusammenfassung Über die Orientierung von Nachbarschaftshäusern an Nachbarschaft und Stadtteil hinaus plädiere ich in diesem Beitrag für eine stärkere Orientierung am Gemeinwesen und arbeite die spezifischen Potenziale und fachlichen Anforderungen heraus, die damit einhergehen. Ich schlage dazu ein Gemeinwesen-Verständnis vor, das anschließt an Traditionen der Chicago School of Sociology1: • Gemeinwesen meint immer eine Ansammlung von Menschen und Institutionen; • Gemeinwesen bezeichnet keinen abgeschlossenen Raum, sondern ist immer Teil größerer Gemeinwesen; • Gemeinwesen hat gleichzeitig eine formelle (administrativ geprägte) Bedeutung (meist mit Territorrial-Bezug), und eine informelle (lebensweltlich-politisch-kulturell geprägte) Bedeutung, die sich ständig weiterentwickelt und verändert (hier z.B. auch virtuell vernetzte Gruppen). (z.B. Verkehrsanbindung, Einkaufsmöglichkeiten, Grünflächen) und immateriellen (z.B. Qualität sozialer Beziehungen, Partizipation, Kultur) Bedingungen unter maßgeblicher Einbeziehung der Betroffenen.“3 Die mit diesem starken Beteiligungsanspruch verbundene, oft mühsame Suche nach handlungsbereiten, aktiven Bürger*innen nennen wir Aktivierung. Aktivierung ist eine der zentralen Leistungen von Gemeinwesenarbeit. Daher sehe ich hier besondere Potenziale für Nachbarschaftshäuser, wenn diese sich noch deutlicher gemeinwesenorientiert ausrichten. Dabei scheinen mir zwei Aktivierungsdimensionen besonders relevant: Gemeinwesenarbeit als Beteiligungsmotor insbesondere benachteiligter Bevölkerungsgruppen „Ziel ist die Verbesserung von materiellen (z.B. Wohnraum, Existenzsicherung), infrastrukturellen Beteiligungsprozesse im Kontext von Stadtteil‑ arbeit sind oft Wettbewerbe unter ungleichen Bedingungen, die in aller Regel von jenen gesellschaftlichen Gruppen mit hohem sozialen und kulturellen Kapital im Sinne von Besitzstandswahrung genutzt und auch gewonnen werden. Die üblichen partizipativen Instrumente, wie Zukunftskonferenzen, Elternabende, Kinderparlamente und Stadtteilfonds können in vielen Bereichen diese Ungleichheitsdynamik nicht durchbrechen. Gerade in von Armut geprägten Milieus haben Menschen häufig keinen Anlass, sich für die gängigen Beteiligungsangebote zur Gestaltung ihrer Nachbarschaft zu interessieren: Im Vordergrund stehen häufig unmittelbarere und existenziellere Fragen: Wie komme ich über die nächsten Tage? Wie wehre ich mich gegen die Unverschämtheiten meines Nachbarn? Wie komme ich ohne Auto mit zwei Kindern und einem Kinderwagen zum Jobcenter, zur Kita und zum Wohnungseigentümer, um mich über die feuchte Wand im Kinderzimmer zu beschweren? Wie komme ich hinterher zu Aldi und wie kriege ich den eingekauften Plunder anschließend nach Hause?4. Für die Ermöglichung von bürgergetragenen Aktivitäten in benachteiligten Milieus ist es 1 Park, Burgess, McKenzie, 1925 3 Stövesand/Stoik 2013: 21 2 vgl. Müller, 1996 4 vgl. Preis 2004: 397 Als Gemeinwesenorientierung bezeichnen wir partizipative und auf die ermächtigende Gestaltung von Lebenswelten bedachte Handlungsansätze. Gemeinwesenorientierung kann verstanden werden als fortwährende Suchbewegung (Sozialer Arbeit): Heraus aus einem „nachgeordneten“ Agieren, hin zu einer auch die Ursachen von Armut, Marginalisierung und Diskriminierung erfassenden und adressierenden Fachlichkeit; die Einlösung und Einforderung einer Gestaltungsperspektive (social change) durch eine deutlich über den Einzelfall hinausgehende „systemdehnende Praxis“2 an mittleren und großen Systemen. Zentrales Anliegen der Gemeinwesenarbeit (GWA), war und ist es, insbesondere den benachteiligten Bevölkerungsgruppen eines lokalen Gemeinwesens stärkere Teilhabemöglichkeiten zu eröffnen. Rundbrief 1-2020 | Verbundene Vielfalt // Innovation und Tradition in der Nachbarschaftsarbeit 19 Gemeinwesenorientierte Nachbarschaftshäuser verstehen unter Aktivierung, genau jene (oft konfliktbehafteteten) Themen der Menschen zu erfahren, die Handlungsbereitschaft erzeugen, die mit Energie versehen sind. Diese Themen erfährt man allerdings nur zum Teil bei Aktivitäten und Beratungsangeboten im Nachbarschaftshaus (Komm-Prinzip). Oft muss man sich die Themen immer wieder auch von der Straße holen. Nachbarschaftshäuser benötigen daher zwingend einen hohen Anteil an Arbeitszeit für zugehende Arbeit. Gemeinwesenorientierung bedeutet einen Teil der Arbeitszeit für spezifische Methoden zugehender oder aufsuchender Beteiligung einzusetzen: Hinterhofgespräche, Aktivierende Befragungen, Wochenmarktaktionen, Treppenhausmeetings und Bewohner*innenversammlungen. Mit Gemeinwesenarbeit und Gemeinwesenorientierung verfügen wir über Beteiligungs-Know-how, das andere so nicht haben. Es gibt da kein Erkenntnisproblem. Es gibt aber ein Umsetzungsproblem. Denn diese spezifische Form der Beteiligung durch zugehende Aktivierung betreiben nach meiner Einschätzung allenfalls 50% der Nachbarschaftshäuser. Warum: weil diese aufsuchende, zeitintensive Form der Partizipation, die ein Verlassen der Räumlichkeiten der Nachbarschaftshäuser erfordert, nicht konsequent beauftragt und erst recht nicht finanziert wird. Die Kolleg*innen vor Ort machen dann gute Nachbarschaftsarbeit aber nicht unbedingt gute Gemeinwesenarbeit. Aktivierung der Institutionen Bei der derzeit teilweise euphorisch vorgenommenen Beschwörung der engagierten, aktiven Bürger*innen sollte nicht übersehen werden: Den lokalen Institutionen kommt eine mindestens ebenso hohe Bedeutung für die Stabilisierung von Gemeinwesen zu. Die lokalen Schulen und Kinder­tageseinrichtungen, Kirchengemeinden und Moscheevereine, die örtliche Polizei, die Stadtteilbibliothek, Einzelhändler*innen und Wohnungsbaugesellschaften, die gewählten politischen Reprä20 sentant*innen und der Bereich der öffentlichen Verwaltung können erheblich zur Ressourcenlage eines Gemeinwesens beitragen und dürfen daher bei der Aktivierung zur Gestaltung des lokalen Gemeinwesens nicht ausgeklammert werden. Diese Aktivierungsarbeit von gemeinwesenorientierten Nachbarschaftshäusern bezogen auf Institutionen kann sich vielfältig niederschlagen: • der zerbröckelnde Wochenmarkt im Quartier wird gemeinsam mit den lokalen Einzelhändler*innen stabilisiert • das Zuständigkeitschaos im Umgang mit Verdacht auf ADHS wird überwunden durch den Aufbau eines ADHS-Fallmanagements mit Kitas, Jugendamt und Erziehungsberatungsstelle • die lokale Kleiderkammer kriegt einen kritisch zugewandten Hinweis, ihr Angebot endlich stärker auf eine sich verjüngende Wohnbevölkerung auszurichten. In dieser Form der Gemeinwesenorientierung wird nicht gegen und schon gar nicht ohne die Regelinstitutionen des Stadtteils gearbeitet, sondern diese immer wieder in die Pflicht nehmend. Erst durch das Zusammenspiel beider Aktivierungsrichtungen, Bürgeraktivierung und Institutionenaktivierung, wird die Ressourcenlage des lokalen Gemeinwesens so erhöht, dass eine Stabilisierung der Situation im Quartier erreicht werden kann. Nachbarschaftshäuser als Instanzen für horizontale und vertikale Vernetzung Die Problemlagen in benachteiligten Stadtteilen betreffen in der Regel eine komplexe Vielfalt verschiedener Handlungsfelder gleichzeitig. Die Qualität der Schulen, die Struktur des lokalen Einzelhandels, Ausbildungsmöglichkeiten für Jugendliche, Zusammenleben der Kulturen, Bausubstanz der Wohnungen, Qualität öffentlicher Plätze, die Anbindung an den Nahverkehr, müssen gleichzeitig bearbeitet werden, um Quartiere zu stabilisieren. Kluge Stadtteilentwicklung wirkt daher darauf hin, dass verschiedene Akteure und Professionen bei der Gestaltung eines benachteiligten Stadtteils „integriert“ im Sinne von „gebündelt“ zusammenwirken: das reicht von zivilgesellschaftlichen Gruppen, über die kommunale Verwaltung bis hin zur Wohnungswirtschaft. Dabei wird deutlich: Integriertes Handeln ist allein aufgrund der Vielzahl an Akteursgruppen und ihren völlig verschiedenen Logiken, Rationalitäten, Zwängen und Sprechweisen hochkomplex. Nachbarschaftshäuser scheinen mir in besonderer Weise in der Lage, diese notwendige Komplexität aufrecht zu erhalten. D.h. die Themen und Ziele der Stadtteilentwicklung nicht allein den Logiken von Fachexpert*innen und Investor*innen zu überlassen, sondern auch die durchsetzungs- Die Bedeutung einer Orientierung am Gemeinwesen für die Potentiale von Nachbarschaftshäusern Clemens H. (Sänger, viele Jahre als Dozent in Brasilien, nach dem Mauerfall nach Berlin zurückgekommen, Teilnehmer bei Ich werde älter) von zentraler Bedeutung, dass Beteiligung für die Engagierten einen spürbaren Gebrauchswert hat. Hier liegt die wesentliche Aktivierungs-Leistung von GWA: Die tatsächlich brennenden Themen vor Ort herauszufinden und bearbeitbar zu machen. Diese reichen vom Ärger über die überhöhten Nebenkostenabrechnungen des Vermieters, dem gemeinsamen Leiden unter Kriminalität oder Vermüllung, den Erfahrungen der Schikanierung durch Behörden bis hin zum Interesse an günstigen Kleingartenparzellen, dem Wunsch nach Geselligkeit oder einer Verbesserung der Versorgung mit Kinderarztpraxen oder Kitaplätzen. schwächeren Interessen marginalisierter Gruppen wirkmächtig einzubeziehen. Es gilt das Feld offen zu halten für Interessenkonflikte um die Fragen: Wer oder was gilt als Problem im Quartier, wer hat darüber die Definitionsmacht und wie agiert wer in diesem Kampf verschiedener Interessen? Die spezifische Leistung der Nachbarschaftshäuser kann darin liegen, dass sie auch für eine der kommunalen Politik und Verwaltung fremde Logik öffentliche Foren schaffen. Als Intermediäre wird ihre traditionelle Funktion der horizontalen Organisation der Interessen im Stadtteil ergänzt um eine vertikal vernetzende Funktion zwischen Stadtteil und Bezirk bzw. Kommune. Damit unterstützen Nachbarschaftshäuser durch vielfältige Rückkopplungsschleifen zwischen top-down und bottom-up Prozessen den Ansatz einer integrierten Stadtentwicklung weg von einer expertendominierten „richtigen Lösung“ hin zum „lernenden System“5. Eine solide Verankerung von gemeinwesenorientierter Arbeit in den Nachbarschaftshäusern erhöht damit auch die Chance, dass die vorhandenen Ressourcen und Programme von Bezirk, Land und Bund passgenau im Quartier implementiert werden. 5 vgl. Franke/Strauss, 2010 Vier Schlussfolgerungen 1. Räuberleiter-Funktion der GWA erklären Ein wichtiges GWA-Prinzip lautet: GWA tut nichts, was die Leute selber können und tut alles, damit sie es selber können. Das ist für die finanzielle Förderung der gemeinwesenorientierten Arbeit von Nachbarschaftshäusern allerdings eher von Nachteil, denn gute Gemeinwesenarbeit taucht bei den medialen Berichterstattungen über Erfolge im Stadtteil häufig nicht auf. Wenn z.B. eine Gruppe engagierter Bewohner*innen es geschafft hat, dass eine Wohnungsbaugesellschaft nach zähen, auch konfliktreichen Verhandlungen Mietergärten zulässt, dann ist das der Erfolg dieser Gruppe. Das daran auch ein*e Mitarbeiter*in des Nachbarschaftshauses beteiligt gewesen ist, die diese begleitet hat, muss bei der Berichterstattung in der Presse im Hintergrund bleiben, um den Bewohner*innen nicht ihren Erfolg zu nehmen. Entscheidungsträger*innen in lokaler Politik und Verwaltung nehmen jedoch häufig nur diejenigen wahr, die im Vordergrund stehen, was für die finanzielle Förderung von Gemeinwesenarbeit nicht unbedingt von Vorteil ist. Diese wichtige Funktionsweise von GWA als Beratung und Unterstützung im Hintergrund wird, wie ich finde ganz treffend illustriert, mit der Räuberleiter-Analogie von Wolfgang Hinte: Ein guter Gemeinwesenarbeiter ist – bildlich gesprochen –jemand, der eine „Räuberleiter“ macht, damit der Rundbrief 1-2020 | Verbundene Vielfalt // Innovation und Tradition in der Nachbarschaftsarbeit 21 oder die anderen eine Mauer überwinden können. Während derjenige, der über die Mauer schaut, der Held ist, wird der Anteil desjenigen, der unten steht und ohne den das Ganze nicht funktioniert hätte, zumeist nicht gewürdigt. Hier muss die GWA selbst hinsichtlich der Kommunikation ihrer Räuberleiter-Funktion sichtbarer, verstehbarer und nachvollziehbarer werden, damit kommunale Entscheidungsträger*innen genau diese oft weni- vordergründig konsensuale Projekte) sondern explizit auch methodisch eingesetzt werden. Wenn ich im Stadtteil am runden Tisch keinen Konflikt habe, kann das ein Hinweis sein, dass nicht alle relevanten Gruppen am Tisch sitzen. GWA hält hier als Akteurin das Feld in besonderer Weise offen für die Interessen der weniger durchsetzungsmächtigen Bevölkerungsgruppen, die weniger versiert im Agenda-Setting sind. Es ist wichtig, dass Politik Am 03. April 1921 wurde die Bühnen- und Kostümbildnerin in Wuppertal geboren. Sie wuchs in einer kreativen Atmosphäre auf: Kunst, Musik, Literatur gehörten zum täglichen Brot. Die Eltern Henriette und Franz Jordan erzogen ihre Tochter ganz bewusst zur Freiheit des Denkens, Glaubens und Handelns. 1935 schickten sie ihre Tochter auf das Quäker-Internat im niederländischen Eerde, einer 1934 eröffneten Exil-Schule für in Deutschland durch die Nationalsozialisten bedrohte Kinder. Nach dem Abitur 1939 studierte sie einige Semester Bühnenbild an der Folkwangschule in Essen. Als die Lage in Deutschland für die jüdische Mutter und ihre Tochter zu gefährlich wurde, versteckten sich beide an wechselnden Orten bei Freunden in Wuppertal um im Bergischen Land. Gleich nach Ende des Krieges engagierten sich Henriette und Hanna Jordan beim Wiederaufbau der Stadt. Sie wollten als Versöhnerinnen, nicht als Verfolgte durchs Leben gehen. Gemeinsam mit ihrer Mutter gründete Hanna Jordan das Nachbarschaftsheim Wuppertal e.V. am Platz der Republik. Bis heute wird dort Kinder-, Jugend- und Seniorenarbeit geleistet. Hanna Jordan starb am 26. Januar 2014 mit 92 Jahre in ihrem Elternhaus. Quelle: Inschrift der Gedenktafel am Wohnhaus von Hanna Jordan. HANNA JORDAN https://www.nachbarschaftsheim-wuppertal. de/08_Verein/08_02_die_geschichte.html ger sichtbare Tätigkeit finanzieren und nicht nur einzelne Leuchtturmprojekte. 2. Beinfreiheit und Vertrauen gewähren und herstellen Das integrierende und konstruktive Potential von Konflikten sollte in der Gestaltung und Entwicklung benachteiligter Stadtteile nicht ausgeblendet werden (z.B. durch zu schnelle Fokussierung auf 22 3. GWA als Regelstruktur in Nachbarschaftshäusern etablieren Entscheidungsträger*innen in der Politik sind geneigt, ständig mit der Entwicklung neuer Programme auf entstehende Problemlagen zu reagieren – für die Arbeit mit gewaltbereiten Jugendlichen, für die Arbeit mit Geflüchteten, etc. – um so Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Die Effekte einer solchen Vorgehensweise sind in der Regel viel schlechter, als wenn man dauerhaft eine themen- und zielgruppenübergreifende Gemeinwesenarbeit in Nachbarschaftshäusern etabliert, die dann immer die je aktuellen Themen aufnimmt und bearbeitet. Meine These ist, dass man nach dem Sommer der Migration 2015 in jenen Stadtteilen deutlich weniger Probleme gehabt hat, in denen es schon vorher gute und solide finanzierte themenund zielgruppenübergreifende Gemeinwesenarbeit gegeben hat – unabhängig von den geflüchteten Menschen. Was man braucht, sind regelhaft geförderte Strukturen, die unabhängig von Zielgruppenkonjunkturen immer wieder einen guten Boden, einen Humus dafür schafften, dass Aktivitäten im Quartier gedeihen können. Wir brauchen eine kommunale Regelförderung für GWA ausgehend von Nachbarschaftshäusern. 4. Bezirk und Kommune als starke Akteure in der Stadtentwicklung fordern Gemeinwesenarbeit schafft Raum für Themen, die z.T. nicht oder nur am Rande auf der offiziellen Agenda der Kommunalpolitik stehen. Es geht um Menschen, die nicht so geübt sind im Agenda-Setting. Ich würde als Kommune immer dazu tendieren, Nachbarschaftshäuser für diese Aufgabe zu engagieren. Erst diese subsidiäre Leistungserbringung erlaubt die für GWA notwendige Beinfreiheit. Gleichzeitig sollten Kommunen aber die Entwicklung der Quartiere auf keinen Fall vollständig an andere Träger delegieren. Es braucht in den Bezirken eine Prozessteuerung, eine ämterübergreifende Andockstelle für die Themen und Akteure der Quartiere und regelmäßigen dialogischen fachlichen Austausch mit den Nachbarschaftshäusern. Der Erfolg von Gemeinwesenorientierung in Nachbarschaftshäusern hängt maßgeblich vom Engagement der kommunalen Politik und Verwaltung ab. H Dr. Oliver Fehren ist seit 2011 Professor für Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit mit dem Schwerpunkt Gemeinwesenarbeit an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Nach dem Studium der Erziehungswissenschaften hat er zunächst als Gemeinwesenarbeiter in verschiedenen Kommunen in NRW gearbeitet und an der Universität Bielefeld promoviert, während er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Stadtteilentwicklung, Sozialraumorientierte Arbeit und Beratung (ISSAB) der Universität Duisburg-Essen war. Literatur Franke, Th. / Strauss, W. C. (2010): Integrierte Stadtentwicklung in deutschen Kommunen – eine Standortbestimmung. In: BBR – Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (Hg.): Integrierte Stadtentwicklung - politische Forderung und Praxis. Informationen zur Raumentwicklung. Heft 4.2010, S. 253-262. Müller, C. W. (1996): Gemeinwesenarbeit. In: Kreft/ Mielenz (Hrsg.): Wörterbuch Soziale Arbeit. Weinheim, Basel, S. 232-233 Park, R. E./Burgess, E. W./McKenzie, R. D. (1987): The City. Suggestions for Investigation of Human Behaviour in the Urban Environment. Reihe: Morris Janowitz (Hrsg): The Heritage of Sociology. Chicago, London [erstmalig erschienen 1925] Preis, M. (2004): Endogene Potenziale und Gestaltungspessimisten. In: Außerschulische Bildung: Zivilgesellschaft: Voraussetzung und Aufgabe politischer Bildung, H. 4, S. 394-403 Stövesand, S./Stoik, C. (2013): Gemeinwesenarbeit als Konzept Sozialer Arbeit. In: Stövesand/Stoik/ Troxler (Hrsg.): Handbuch Gemeinwesenarbeit. Opladen, S. 14-36 und Verwaltung diesen Aspekt des „das Feld offen halten“ durch GWA verstehen. Durch die Arbeit der GWA wird Stadtteilentwicklung sozusagen permanent aktualisiert. Dafür braucht es für die Nachbarschaftshäuser Beinfreiheit und natürlich Vertrauen, das diese wiederum fortwährend herstellen müssen. Die Bedeutung einer Orientierung am Gemeinwesen für die Potentiale von Nachbarschaftshäusern Rundbrief 1-2020 | Verbundene Vielfalt // Innovation und Tradition in der Nachbarschaftsarbeit 23 MARKUS RUNGE KATHARINA KÜHNEL-CEBECI, TOM LIEBELT, HILLE RICHERS Haltungen in der Gemeinwesenarbeit entwickeln Methoden in der Gemeinwesen - und Nachbarschaftsarbeit Seit mehr als 20 Jahren diskutiere ich mit GWA-Kolleg*innen regelmäßig die Gratwanderung, ob wir uns als Professionelle möglicherweise aus Prozessen zurückziehen, wenn wir den Eindruck gewinnen, die Menschen im Gemeinwesen übernehmen nicht selbst Verantwortung für ein von ihnen gesetztes Thema oder ob wir unsererseits etwas mehr pushen und unterstützen, um die Menschen zu motivieren, sich selbst für ihr Thema stark zu machen. Das allein hat schon viel mit der „richtigen“ Haltung in der GWA zu tun. Abschlussbericht einer Workshopreihe in Berlin und Gütersloh Professionelle Gemeinwesenarbeit stellt sich klar allen Erscheinungsformen gruppenbezogener Ausgrenzung und Menschenfeindlichkeit entgegen. Das ist doch eine Frage der Haltung, wird dabei oft formuliert. Doch welche Haltungen und welches Wissen braucht es, um das gelingend zu tun? Und wie erlernen Gemeinwesenarbeiter*innen die „richtigen“ Haltungen? Es gibt keinen Katalog, keine Zusammenstellung von A bis Z der „richtigen“ Haltungen in der Gemeinwesenarbeit. Und es gibt auch kein Workshop­ angebot, in dem die „richtigen“ Haltungen in der GWA der Reihe nach erläutert werden, um dann als Checkliste ins Büro gehängt und fortan nicht mehr aus den Augen verloren zu werden. Die „richtige“ Haltung zu finden, kann nur in einem ständigen Diskussions- und Aushandlungsprozess gelingen – möglichst innerhalb eines größeren GWA-Teams oder zwischen Gemeinwesenarbeiter*in und GWA-erfahrenen Kolleg*innen. Und das ist ein ständiger Prozess, der nicht aufhört und der sich jeweils auf die aktuelle Situation beziehen muss. Auf der Jahrestagung Stadtteilarbeit 2019 wurden in einem von mir und Jessica Vogel, Diakonie Hasenbergl, geleiteten Workshop kleinere Gruppen gebildet, die sich als Team mit realen Praxisbeispielen aus dem urbanen Raum auseinandersetzen sollten. Als Praxisbeispiele standen vier niedergeschriebene aktuelle Interessenkonflikte im Stadtteil bzw. Entwicklungsprozesse im Rahmen von Gemeinwesenarbeit zur Verfügung. Ziel der Übung war es, anhand dieser Ausgangssituationen eigene demokratische Haltungen in Konfliktsituationen zu entwickeln bzw. zu reflektieren und daraus mögliche Schritte der Bearbeitung dieser Konflikte aus der GWA abzuleiten. Die Praxisbeispiele aus Berlin-Kreuzberg beziehen sich auf aktuelle Themen wie Nutzungskonflikte im öffentlichen Raum, Konkurrenz benachteiligter Gruppen im Stadtteil, Mehrheiten gut situierter Mittelschicht und Vernetzungen im Stadtteil oder über den eigenen Stadtteil hinaus. Sie dienten als Anregung, um miteinander ins Gespräch über die „richtigen“ Haltungen und Vorgehensweisen der Bearbeitung solcher Themen in der GWA zu kommen. Je mehr Gemeinwesenarbeiter*innen in solchen Diskursen ihre Haltungen entwickeln oder reflektieren und argumentativ zu vertreten lernen, umso weniger Verunsicherung gibt es einerseits und umso transparenter lässt sich andererseits das daraus gemeinsam entwickelte Vorgehen verständlich machen. Mehrere Teilnehmende äußerten nach dem Workshop den Wunsch, diesen Diskussionsprozess in ihren Teams erproben zu wollen. Außerdem gab es die Idee, den vier Praxisbeispielen weitere hinzuzufügen und im Rahmen des VskA eine Sammlung zu eröffnen, um damit die thematische Breite der Verständigung über Haltungen zu erweitern. Wenn Sie also weitere Praxisbeispiele niederschreiben wollen, die Ihnen in Ergänzung zu den vorhandenen sinnvoll erscheinen, freuen wir uns auf Zusendung. Die Idee Nachbarschaften, Lebensformen und -abläufe sind komplex und kaum noch durch gesellschaftliche Rituale und Gewohnheiten geprägt. Den Zusammenhalt von Menschen in Nachbarschaften zu schaffen und zu erhalten, verlangt deshalb aktive und individuelle Anstrengungen. Anstrengungen, die unter anderem wir Nachbarschafts- und Gemeinwesenarbeiter*innen leisten – idealerweise zielgerichtet mit ausgewählten Methoden anhand bestimmter Erfahrungswerte. Eine Nachbarschaftsarbeiterin aus Berlin berichtet dazu: „Ich sollte im Rahmen eines Stadtteilarbeitsprojektes die Thematik des Mülls im öffentlichen Raum bearbeiten. Mit dem Thema war ich in meiner Stadt nicht die Einzige und doch hatte ich kaum Erfahrungswerte, wie ich das Thema angehen sollte. Was ist die Ursache und was die Lösung? Hilft ein Kiezputz? Helfen direkte Ansprachen der Müllsünder*innen? Aktivierende Befragungen? Wird der Müll im öffentlichen Raum dank Infoveranstaltungen oder leihbaren Lastenrädern weniger? Oder liegen Lösungspotenziale gar auf Stadtoder Landesebene? Sollte es beispielsweise mehr Wertstoffhofe geben mit anderen Öffnungszeiten, Verkehrsanbindungen oder anderen Sperrmüll-Abholmodellen geben?“ barschaftsarbeit1 oder der Gemeinwesenarbeit2 nötig machen. Daher organisierten wir 2019 Erfahrungsaustausch von Nachbarschaftsarbeiter*innen im Rahmen eines GWA-Forums der LAG GWA Berlin3 und im Rahmen zweier Workshops bei der Jahrestagung Stadtteilarbeit des VskA. Wir stellten in den Workshops vor allem folgende Fragen: • Welche Methoden4 wurden benutzt, um welche Ziele zu erreichen? • Welche Methoden waren erfahrungsgemäß zielführend und haben zum gewünschten oder einem anderen erfreulichen Ergebnis geführt? • Was waren mögliche Gründe, dass die angewandten Methoden (nicht) zielführend waren? Die Ergebnisse In den Workshops gelang es, einen Austausch über Methoden anzustoßen. Die Reflektion der eigenen Methoden, Herangehensweisen, Ansichten und Rollenverständnisse durch die Workshops wurde als sehr bereichernd wahrgenommen. 1 „Gemeinwesenarbeit richtet sich ganzheitlich auf die Lebenszusammenhänge von Menschen. Ziel ist die Verbesserung von materiellen […], infrastrukturellen […], und immateriellen Bedingungen unter maßgeblicher Einbeziehung der Betroffenen. GWA integriert die Bearbeitung individueller und struktureller Aspekte in sozialräumlicher Perspektive. Sie fördert Handlungsfähigkeit und Selbstorganisation im Sinne von kollektivem Empowerment sowie den Aufbau von H Markus Runge ist seit 2019 Geschäftsführer des Nachbarschaftshaus Urbanstraße e.V. und seit 1998 als Gemeinwesenarbeiter in Berlin-Kreuzberg für das Nachbarschaftshaus tätig. Nebenher unterrichtet er an verschiedenen Hochschulen für Soziale Arbeit. Er ist Mitglied im Vorstand des VskA Bundesverbandes. In der Praxis sieht es also häufig schon anders aus: Für Nachbarschafts- und Gemeinwesenarbeiter*innen stellt sich die Frage nach effektiven Methoden. Außerdem werden Kolleg*innen immer wieder mit Erwartungen und Aufgaben konfrontiert, die eine Zielklärung und Selbstreflexion im Sinne der Nach- Netzwerken und Kooperationsstrukturen. GWA ist somit immer sowohl Bildungsarbeit als auch sozial- bzw. lokalpolitisch ausgerichtet […]“ siehe Stövesand/Stoik 2013: 21 2 „Nachbarschaftsarbeit ist gemeinwesenorientierte, zielgruppen- und bereichsübergreifende soziale Arbeit. Nachbarschaftsarbeit trägt dazu bei, Lebensbedingungen so zu gestalten, dass Menschen entsprechend ihrer Bedürfnisse å m.runge@nachbarschaftshaus.de im Stadtteil zufrieden(er) leben können. Nachbarschaftsarbeit findet in und durch Nachbarschaftshäuser statt.“ siehe VskA Arbeitsmaterial 2018 ā Die erwähnten Praxisbeispiele sind als Arbeitsblätter unter www.vska.de veröffentlicht. senarbeit und Soziale Stadtentwicklung Berlin 3 4 LAG GWA Berlin: Landesarbeitsgemeinschaft Gemeinwe- Methoden sind „bewusst gewählte Verhaltensweise[n] zur Erreichung eines bestimmten Zieles [und] erprobte, überlegte und übertragbare Vorgehensweisen zur Erledigung bestimmter Aufgaben und Zielvorgaben“ siehe Schilling 1993: 65 24 Haltungen in der Gemeinwesenarbeit entwickeln Rundbrief 1-2020 | Verbundene Vielfalt // Innovation und Tradition in der Nachbarschaftsarbeit 25 Vladimir K. (Bibliotheksangestellter aus Tschechien, nimmt aufgrund einer Zeitungsanzeige am Projekt Ich werde älter teil) „Es ist wichtig, immer wieder rauszugehen aus den Einrichtungen, die Menschen zu fragen und zuzuhören.“ und „Fragt nach dem Willen und den Interessen, nicht nach den Bedarfen und Wünschen.“ 1. Anlässe und Rahmen für gemeinsame Erlebnisse schaffen Beispiele: kochen, musizieren, Spaziergänge, Sprachcafés, gemeinsam über Bedarfe im Stadtteil sprechen, Stadtteilfeste organisieren, Kiez Karaoke International, Erzählcafés Erwähnt wurden Methoden, die Räume schaffen, in denen Anwohner*innen durch das gemeinsame Handeln mit Spaß und Kreativität niedrigschwellig zusammenkommen und Verständnis füreinander entwickeln können. „Man muss nicht immer „ALLE“ zusammenbringen an einem Ort, wenn es verschiedene Interessen gibt, sind auch verschiedene Orte und Anlässe ok.“ 2. Rausgehen aus dem Büro für Gespräche mit Anwohner*innen Beispiele: Aktivierende Befragung/ aufsuchende Einzelgespräche, (Info-/Mitmach-)Stand an öffentlichen Orten, Kiezbankgespräche, an Türen klingeln oder Flyer an Türen kleben, Eiswagen zur Umwerbung eines neuen Angebotes Genannt wurden Methoden, durch die auf Menschen in den Nachbarschaften zugegangen wurde. 26 Methoden unterschiedlich ausgewählt und angewendet und nach anderen Erfolgskriterien bewertet. Deshalb ist es wichtig, sich gerade bei Misserfolg einer Methode Gedanken über die eigene Haltung zu machen. „Neugier auf andere Menschen und Kulturen lässt sich nicht „verordnen““ 03. Die Teilnehmer*innen der beiden Workshops auf der Jahrestagung Stadtteilarbeit des VskA hatten zu ca. 90% nur bis zu zwei Jahre Berufserfahrung in der Gemeinwesen- und Nachbarschaftsarbeit. Viele waren Quereinsteiger*innen unterschiedlichen Alters. So überrascht es nicht, dass unter den vorgestellten Methoden, vor allem die interessierten, welche ein (erstmaliges) Erreichen und „Aktivieren“ von Bewohner*innen ermöglichen. Das unterstreicht die Notwendigkeit von regelmäßigen, immer wiederkehrenden Inputs und Austauschen über Methoden für die Neueinsteiger*innen, wie sie z.B. in den Workshops auf der Jahrestagung Stadtteilarbeit oder im GWA-Forum in Berlin erfolgten. 04. Deutlich wurde, dass es unterschiedliche Vorstellungen über die Begriffe „Nachbarschaftsarbeit“, „Stadtteilarbeit“ und „Gemeinwesenarbeit“ bei Professionellen in dem Arbeitsfeld und noch mehr bei den Auftrag- und Geldgeber*innen gibt. Hier sollten wir Professionelle Klarheit haben oder mindestens die Unklarheiten kennen. Obwohl Nachbarschaftsarbeit und Gemeinwesenarbeit von den Grundprinzipien 3. Gestaltung von Kommunikationsprozessen Beispiele: Einzelgespräche, Ideenwerkstatt, Bürgerversammlungen, Begleitung von Initiativen Die Bedeutung der Gestaltung von Kommunikationsprozessen wurde mehrfach betont. Je nach Anlass ist dabei eine neutrale oder eine parteiliche Haltung, bzw. eine reflektierte Parteilichkeit notwendig. „Jede klare Position ist besser als keine. In der Auseinandersetzung mit Menschen, die sich menschenverachtend äußern: die eigenen persönlichen Grenzen authentisch rüberbringen. „Damit bin ich nicht einverstanden.“ und „Da sind wir offensichtlich ganz verschiedener Meinung.“ und „Ich muss nicht alles begründen.“ Andrea K. (Teilnehmerin bei Stadt Inklusive!) Folgende Methoden wurden besonders positiv bewertet: oder nicht. Viele Workshop-Teilnehmer*innen fanden es deshalb wichtig, zu reflektieren, welche Ziele sie mit der eigenen Arbeit verfolgten und ob die Interessen der Bewohner*innen ausreichend beachtet wurden. Eine Ehrenamtliche sagte während eines Workshops zu den hauptamtlichen Nachbarschaftsarbeiter*innen: „Traut eurem Gefühl! Wenn ihr merkt, dass ihr Leuten etwas aufdrängen müsst, sind deren Interessen und Energie vielleicht einfach woanders.“ Wichtig ist an dieser Stelle nachzufragen, wo die Interessen (auch Frust und Wut zeugen von Interesse für ein Thema) und der Wille der Person liegen und was die Person bereit wäre, zu tun, um an der Situation etwas zu verändern. 02. Im Austausch über Methoden und beim Versuch, sie zu beschreiben, ging es immer wieder um Fragen nach der eigenen Haltung, aus der heraus diese Arbeit getan wird. Sowohl in der Nachbarschaftsarbeit, als auch der Gemeinwesenarbeit darf die soziale Bindung(sarbeit) nicht aus dem Blick verloren gehen. Empathie, Klarheit in der Kommunikation, die Bereitschaft zur eigenen und insbesondere interkulturellen Reflexion sowie Interesse für weitere politische Zusammenhänge gehören zu den zentralen Voraussetzungen für professionelle Fachkräfte, um im Stadtteil mit Menschen zusammenzuarbeiten. Je nach Haltung werden Unsere Schlussfolgerungen 01. Häufig sind Professionelle mit mehreren Zielvorstellungen konfrontiert: denen des Trägers, des Geldgebers und denen der Bewohner*innen und den eigenen. Daraus ergeben sich auch unterschiedliche Bewertungen, ob die Anwendung einer Methode zielführend war Methoden in der Gemeinwesen - und Nachbarschaftsarbeit Rundbrief 1-2020 | Verbundene Vielfalt // Innovation und Tradition in der Nachbarschaftsarbeit 27 Berichte und Erfahrungen aus der Praxis her sehr ähnlich sind, sich gut ergänzen und gemeinsam gedacht werden sollten, gibt es durchaus Unterschiede in der alltäglichen Arbeit, im Selbstverständnis und in den Zielen.5 Wir würden uns deshalb über einen verbands­ internen Austausch zu den Begrifflichkeiten freuen. 05. Die Workshops waren ein guter Startpunkt von Reflexionsprozessen und es haben sich zahlreiche Anschlussmöglichkeiten für weitere mögliche Fachaustausche ergeben. Praxisbeispiele zum Arbeitsfeld Nachhaltigkeit MITTELHOF E.V. BERLIN Rahmenthema „Es ist 5 vor 12 – Klima wandeln!“ H Katharina Kühnel-Cebeci ist Vereinsberaterin im Nachbarschaftsheim Neukölln e.V., sowie Geschäftsstellenleitung der BAG GWA6. Aufbauend auf ihren internationalen Erfahrungen in San Francisco und Istanbul hat sie zuvor das Nachbarschaftshaus am Körnerpark geleitet. Literatur H Tom Liebelt ist als Gemeinwesenarbeiter beim Gemeinwesenverein Heerstraße Nord e.V. in Berlin tätig. Er unterstützt verschiedenste Anwohner*innen(gruppen) bei der Selbstorganisation und Bearbeitung stadtteilbezogener Themen. Runge, Markus (2017): Nachbarschaftshäuser und Gemeinwesenarbeit. In: Forum Wohnen und Stadtentwicklung 4/2017 H Hille Richers engagiert sich für die Themen Aktivierung, Gemeinwesenarbeit, Organisationsentwicklung und Community Organizing. Sie hat das Forum Community Organizing e.V. (fo-co.info ) mitgegründet und arbeitet jetzt im Bereich „Profil“ für die SozDia Stiftung Berlin. Stövesand, Sabine; Stoik, Christoph; Troxler, Ueli (Hg.) (2013): Handbuch Gemeinwesenarbeit. [Traditionen und Positionen, Konzepte und Methoden ; Deutschland - Schweiz - Österreich]. Opladen (Buchreihe Theorie, Forschung und Praxis der sozialen Arbeit, 4), S.21 Lüttringhaus, Maria/ Richers, Hille: Handbuch Aktivierende Befragung, 4. aktualisierte, ergänzte Auflage, 2019 oder www.buergergesellschaft.de/ praxishilfen/aktivierende-befragung Schilling, Johannes (1993): Didaktik/Methodik der Sozialpädagogik. Luchterhand, Neuwied Wegweiser Bürgergesellschaft, www.buergergesellschaft.de/mitentscheiden/methoden-verfahren/ meinungen-einholen-buergerinnen-und-buerger-aktivieren/ Mit dem diesjährigen Rahmenthema „Es ist 5 vor 12 – Klima wandeln“ stellt sich der Mittelhof mit seinen über 400 Mitarbeiter*innen einer der drängendsten sozialen Fragen überhaupt, dem durch uns Menschen verursachten Klimawandel. Neben Fragestellungen wie zum Beispiel der klimaschutzfreundlichen Sanierung unserer Gebäude, der Umstellung unseres Fuhrparks auf E-Mobilität und Einrichtung einer Ausleihstelle für Lastenfahrräder, beschäftigen wir uns mit dem Thema vor allem im Kontext unserer pädagogischen Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in unseren Kitas, Schulkooperationen, Jugendfreizeiteinrichtungen oder im Stadtteilzentrum an mehr als 30 Standorten. In einer gemischt zusammengesetzten Projektgruppe engagierter und fachlich versierter Mitarbeiter*innen aus den verschiedenen Bereichen wird Wissen gebündelt, das Handlungssicherheit schafft und Aktionen & Projekte vorbereitet, die zum Handeln ermuntern und deutlich machen, das es auf jede/n Einzelnen ankommt. Zwei Leuchttürme der Projektarbeit sind eine Broschüre „Bildung für nachhaltige Entwicklung – Methoden und Übungen für die pädagogische Arbeit im Mittelhof e.V.“ mit einer Sammlung von handlungspraktisch aufbereiteten Methoden/Übungen im Bereich Natur- und Erlebnispädagogik für Kita, Schule und Erwachsene, deren Fertigstellung für das Frühjahr geplant ist. Ebenfalls im Frühjahr ist eine World-Café-Veranstaltung geplant, die alle Mitarbeiter*innen adressiert. Unter Bezugnahme auf das Leitbild des Mittelhof e.V. „Wir. Leben. Vielfalt“ soll der Klimawandel als in erster Linie soziale und kulturelle Herausforderung gemeinsam diskutiert und Ansatzpunkte im eigenen Handeln reflektiert werden. T Mittelhof e.V. Königstraße 42 - 43 14163 Berlin ¶ 030 80 19 75 11 5 Runge 2017 6 Bundesarbeitsgemeinschaft Soziale Stadtentwicklung NACHBARSCHAFTSHEIM DARMSTADT Nachbarschaftsgarten Der Nachbarschaftsgarten ist ein Projekt des Nachbarschaftsheims Darmstadt e.V.. Durch das Engagement von Firmen und Bürger*innen sind auf 4.000 m² Fläche acht Saisongärten und zwölf Hochbeete entstanden. 2018 entstand eine Bühne, Leseinseln und ein Kunstatelier. In den Sommermonaten von Mai bis September ist der Garten geöffnet. Es finden Konzerte, Kindertheater, Lesungen, Sportangebote, Kunstausstellungen statt und verschiedene Foodtrucks bieten kulinarische Angebote. Die Organisation und Koordination der Veranstaltungen des Gartens findet durch das Nachbarschaftsheim Darmstadt e.V. als sozial-kultureller Verein statt. Ein wesentlicher Bestandteil des Gartens ist das tatkräftige, ehrenamtliche Engagement von Bürger*innen. Der Nachbarschaftsgarten in Bessungen soll zur Vermittlung eines nachhaltigen Lebensgefühls und Verantwortungsbewusstseins im Stadtteil beitragen. Er ist wichtiger Treffpunkt für eine aktive Nachbarschaft und Besucher*innen. T Nachbarschaftsheim Darmstadt e.V. Schlösschen im Prinz Emil Garten Heidelberger Straße 56, 64285 Darmstadt ¶ 06151 13 61 30 å info@nbh-darmstadt.de ā www.nbh-darmstadt.de QUÄKER NACHBARSCHAFTSHEIM KÖLN Nachhaltige Kita: Die Projekte „StERN“ und MehrwertKonsum Eine wichtige Aufgabe in unserer Kita ist die Vermittlung von Ernährungsbildung. Bei uns werden größtenteils Grundlagen der Geschmacksbildung gelegt, denn die Kinder verbringen einen großen Teil des Tages mit mehreren Mahlzeiten in der Kita. Die Wertschätzung von Lebensmitteln und eine bewusste Ernährung sind fest im Konzept verankert. Das gemeinsame Einkaufen, Kochen und Backen gehört für unsere Kinder zum Alltag. å kontakt@mittelhof.org ā www.mittelhof.org und Gemeinwesenarbeit e.V. 28 Methoden in der Gemeinwesen - und Nachbarschaftsarbeit In unserer Küche wird täglich für bis zu 170 Kinder frisch gekocht. Unsere Kinder erleben die Pro- Rundbrief 1-2020 | Verbundene Vielfalt // Innovation und Tradition in der Nachbarschaftsarbeit 29 duktion vom frischen Gemüse zu einem leckeren Mittagessen. Das gemeinsame Essen nehmen wir täglich zum Anlass, um Fragen rund um die Ernährung mit den Kindern zu thematisieren. Woher kommen unsere Lebensmittel? Wie werden sie angebaut oder produziert? Was wächst bei uns in den verschiedenen Jahreszeiten? Und was hat das mit dem Klima zu tun? Die Beteiligung am Projekt „StERN“ (Steigerung von Ernährungsbildung, Regionalität und Nachhaltigkeit) zusammen mit anderen Kooperationspartnern war uns ein Anliegen. Durch die Teilnahme am Projekt „StERN“ bekamen wir Inspirationen und Ideen, damit wir uns stetig verbessern können. Auf unserem Speiseplan stehen nun vermehrt Gerichte aus regionalen und saisonalen Lebensmitteln, Lieferwege und Verpackungsmüll sollen weiter reduziert werden. Im MehrwertKonsum-Projekt der Verbraucherzentrale haben wir über einen Zeitraum von zwei Wochen täglich unsere anfallenden Teller- und Ausgabereste des Mittagessens gewogen und festgestellt, dass wir bereits auf einem guten Weg sind. Eine Ökotrophologin hat uns beraten, wie wir z.B. durch eine noch bessere Kalkulation der Produktionsmenge noch bessere Ergebnisse erreichen können. Sie führte weiterhin einen Speiseplan-Check unter Berücksichtigung klimafreundlicher Kriterien durch. Weiterhin ist in dem Projekt die Erstellung einer Rezeptbroschüre mit klimafreundlichen Rezepten für die Gemeinschaftsverpflegung in Kitas, Schulen und Jugendherbergen in Planung, alle beteiligten Institutionen wollen ihre besten Rezepte miteinander teilen. T Quäker Nachbarschaftsheim e.V. Kreutzer Str. 5-9 50672 Köln Praxisbeispiele zum Arbeitsfeld Partizipation und Demokratie BEISPIEL: NACHBARSCHAFTSBÖRSE ACKERMANNBOGEN „BÜRGERBETEILIGUNG AUS DER QUARTIERSPERSPEKTIVE“ Nachbarschaftstreffs unterstützen Bürgerengagement im Wohnumfeld und können Zugang zu bislang kaum erreichten Zielgruppen vermitteln. In den derzeit 42 Münchner Nachbarschaftstreffs wird Bürgerbeteiligung im Sinne von Teilhabe und Bürgerengagement im Wohnumfeld praktiziert. Anders als bei großen Planungsvorhaben, werden mit diesem Ansatz quartiersbezogener Bürgerbeteiligung auch benachteiligte Bevölkerungsgruppen erreicht. Könnten davon auch klassische Bürgerbeteiligungsverfahren profitieren? Vom Eigennutz zum Gemeinwohl - die NachbarschaftsBörse Ackermannbogen Mit Bezug der ersten Häuser im Neubaugebiet Ackermannbogen ging 2005 auch die NachbarschaftsBörse in Betrieb. Gefördert von Sozialreferat der Stadt München arbeitet die NachbarschaftsBörse - ebenso wie derzeit 42 weitere Nachbarschaftstreffs im ganzen Stadtgebiet - nach dem Konzept der Quartierbezogenen Bewohnerarbeit. Der Name NachbarschaftsBörse ist Anspruch und Programm zugleich. Mit ihren drei Standorten für rund 7000 Nachbar*innen, ist „die Börse“ die zentrale Anlaufstelle im Quartier für alle Fragen rund um Nachbarschaft und Wohnen. Leitmotiv aller Unterstützungsangebote ist immer der Ansatz „Hilfe zur Selbsthilfe“, sprich die Stärkung von Selbstorganisationskräften und Eigenengagement im und für das Wohnumfeld. ¶ 0221 951 54 0-0 å info@quaeker-nbh.de ā www.quaeker-nbh.de 30 Dazu ein Beispiel aus dem Treff-Alltag am Ackermannbogen: Eine Muslima fragt im Quartiersbüro nach, ob es möglich wäre, ein regelmäßiges Treffen für migrantische Nachbarinnen im Quartier zu organisieren. Dank vorhandener Gemeinschaftsräume und Netzwerke der Treffleitung zu anderen Frauen mit Migrationsgeschichte ist so ein Angebot rasch etabliert. Die Themen bei den komplett ehrenamtlich organisierten Treffen reichen von Erziehungs- über Beziehungsthemen bis hin zu Tipps für Stellen- und Qualifizierungsangebote. Positiver Nebeneffekt: Eine Stärkung des nachbarschaftlichen Miteinanders und der gegenseitigen Praxisbeispiele zum Arbeitsfeld Partizipation und Demokratie Helene Schweida wurde am 11.05.1889 in Braunschweig geboren und verstarb am 6.9.1973 im Borgfelder Familiensitz. Ihr Vater war Tischler, die Mutter Köchin. 1890 wurde der Vater wegen seiner gewerkschaftlichen und politischen Aktivitäten aus Braunschweig ausgewiesen; die Familie zog nach Bremen. Helene Schweida besuchte die Volksschule und die Handelsschule. Sie absolvierte eine kaufmännische Lehre und arbeitete bis 1912 als Buchhalterin. Als 18jährige wurde sie Mitglied der SPD. Sie übernahm diverse Parteiämter und war eine vielbeschäftigte Rednerin. Während des 1. Weltkrieges arbeitete Helene Schweida zunächst im Zentral-Hilfs-Ausschuss vom Roten Kreuz mit. Seit 1916 wandte sie sich zunehmend von der Politik ihrer Partei ab und wurde eine der Führerinnen der antimilitaristischen Frauenbewegung in Bremen und Mitglied der oppositionellen Jugendbewegung. Nach ihrer Heirat mit Wilhelm Kaisen zog sich Helene Kaisen aus dem politischen Leben zurück, wandte sich aber wiederum sozialen Angelegenheiten zu. Sofern sie nicht unmittelbar Mitbegründerin des Ortsausschusses für AWO war, gehörte sie zumindest zu den tätigen Mitgliedern der Organisation während der Weimarer Zeit. Nach Kriegsende engagierte sich die „first lady“ Bremens (Wilhelm Kaisen wurde am 01.08.1945 zum Bürgermeister und Präsidenten des Bremer Senats ernannt) erneuert für die AWO. Eine aktive Rolle in der „Wohlfahrtspflege“ übernahm sie erst mit der Gründung des Vereins Nachbarschaftshaus Bremen e.V. Zwischen 1951 und 1964 war sie die Vereinsvorsitzende. HELENE SCHWEIDA Der Plan eines „Nachbarschaftshauses“ geht auf Kontakte zurück, die die AWO Deutschland kurz nach Kriegsende in den USA zum Sozialwerk der Unitarian Service Committee“ (USC), geknüpft hatte. Das freireligiöse Sozialwerk hatte von sich aus die Idee entwickelt, in Deutschland ein Nachbarschaftshaus in Anlehnung an amerikanische Modelle aufzubauen und damit einen Beitrag zur demokratischen Erneuerung Deutschlands zu leisten. Quelle: Von Friedrich Ebert bis Ella Ehlers Zur Vorgeschichte und zur Geschichte der bremischen Arbeiterwohlfahrt von Jürgen Blandow, Edition Temmen, Bremen 1995 1 Rundbrief 1-2020 | Verbundene Vielfalt // Innovation und Tradition in der Nachbarschaftsarbeit 31 Sebastian V. (Teilnehmer bei Stadt Inklusive!) Unterstützung im Alltag – im Bedarfsfall reicht eine whats-app-Nachricht in die Runde. Viele Teilnehmerinnen dieses Kreises erfahren hier erstmalig den Mehrwert von Engagement, das über unmittelbares Eigeninteresse hinausreicht und bringen gerne ihre Kompetenzen ein. Beim letzten Treffen erfuhren die Frauen von einer benachbarten Einrichtung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Spontan entschieden sie, diese zum Kochen und Essen einzuladen. Ein Beispiel von „give back“, Engagement bei einem aktuellen Thema. In jedem Nachbarschaftstreff in München gibt es Dutzende solcher Beispiele von gelungener Beteiligung im Quartierskontext – ein mit Blick auf breiter angelegte Bürgerbeteiligungsthemen bislang kaum genutzter Erfahrungsschatz. Handlungsbefähigung im Kleinen als Grundlage für Bürgerbeteiligung im Großen Der Empowerment-Ansatz der Münchner Nachbarschaftstreffs ermöglicht benachteiligten Menschen im Quartier die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Sie merken, dass es sich lohnt, sich für eigene Belange einzusetzen und die Vernetzung mit Gleichgesinnten eine große Bereicherung für die eigene Lebensqualität und Wohnzufriedenheit bringt. Sehr oft handelt es sich dabei um Themen, die nicht nur Einzelnen einen Mehrwert bringen, sondern grundlegende Gemeinwohl-Aspekte beinhalten. Die so gestärkte Handlungsbefähigung ist eine notwendi32 ge Grundlage für den nächsten Schritt: Beteiligung über persönliche oder wohnumfeldbezogene Anliegen hinaus. Außer einer Anpassung der oft ziemlich akademischen Formate von Bürgerbeteiligungsprozessen, braucht es ein „Runterbrechen“ der großen Themen auf alltagsrelevante Zusammenhänge und die kontinuierliche und professionell unterstützte Stärkung von „Wollen“ und „Können“ auf Seiten benachteiligter Gruppen. Letzteres könnte der Beitrag der Münchner Nachbarschaftstreff zu einer selbstverständlicher praktizierten und breiter verankerten Kultur der Bürgerbeteiligung bei bislang kaum erreichten Zielgruppen sein. bereit sich für Quartiersbelange zu engagieren. • Nachbarschaftstreffs erhöhen durch ihre quartierbezogenen Angebote die Identifikation mit dem Wohnumfeld und damit auch das Interesse für Quartiers- und Stadtteilthemen. • Nachbarschaftstreffs identifizieren und „pflegen“ lokale Multiplikatoren, die Zugang zu ansonsten nur schwer erreichbaren Zielgruppen finden (Migranten, Kinder/Jugendliche, Menschen mit Beeinträchtigungen, bildungsferne Gruppen) • Nachbarschaftstreffs bespielen öffentliche Räume durch niedrigschwellige Mitmach-Angebote und bieten damit auch jenen eine Bühne, die sich sonst nicht beteiligen. Schlussgedanken Das Beispiel Ackermannbogen zeigt: Bürgerbeteiligung auf Quartiersebene funktioniert und wirkt positiv auf die Entwicklung der Quartiere. Sie ist außerdem auch ein Lernfeld: Bürger*innen aller sozialen Schichten erfahren hier entlang ihrer eigenen Themen den Mehrwert, die Methoden und Potenziale, aber auch die Grenzen von Mitgestaltung und Beteiligung. Die Münchner Nachbarschaftstreff agieren an der Schnittstelle zwischen lokalen, lebensweltbezogenen Einzelanliegen und der - angesichts einer immer disparater werdenden Stadtgesellschaft - notwendigen Stärkung von Gemeinsinn und Gemeinwohl. Diese Schnittstelle gilt es zu stärken. Dazu braucht es eine entsprechende konzeptionelle Weiterentwicklung und langfristig gesicherte Ressourcenausstattung der Quartierbezogenen Bewohnerarbeit. Denn: Quartiere und Nachbarschaften sind für wichtige zivilgesellschaftliche Themen wie Bürgerbeteiligung, Inklusion und zeitgemäße Versorgungskonzepte die passende Zugangs- und Umsetzungsebene. Nachbarschaftstreffs als Akteure quartierbezogener Bürgerbeteiligung • Nachbarschaftstreffs bieten niedrigschwelligen und professionell unterstützen Zugang zum Thema Bürgerbeteiligung im Quartierskontext. • Multifunktionale Gemeinschaftsräume im Quartier sind die strukturelle Basis für nachbarschaftliche Aktivitäten, Begegnung und Vernetzung und damit auch Basis für Teilhabe und Beteiligung. • Nachbarschaftstreffs ermöglichen vielfältige Erfahrungen von Selbstwirksamkeit, was wiederum die Bereitschaft zu Beteiligung und Engagement für‘s Gemeinwohl erhöht. • Nachbarschaftstreffs sorgen für eine Balance zwischen Eigennutz und Gemeinsinn: wer bei eigenen Anliegen unterstützt wird, ist auch eher Praxisbeispiele zum Arbeitsfeld Partizipation und Demokratie H Heidrun Eberle ist Sozial-Geographin und Moderatorin, sie leitet die NachbarschaftsBörse am Ackermannbogen und hat die Geschäftsführung des Ackermannbogen e.V. inne. T Ackermannbogen e.V. Rosa-Aschenbrenner-Bogen 9 80797 München ¶ 089-307 496 34 å info@ackermannbogen-ev.de ā www.ackermannbogen-ev.de BEISPIEL: QUÄKER NACHBARSCHAFTSHEIM KÖLN „UNS IST PARTIZIPATION WICHTIG. EIN PROJEKT DER OFFENEN TÜR.“ Die Offene Tür (OT) des Quäker Nachbarschaftsheims ist eine Freizeiteinrichtung mit Übermittagsbetreuung für Kinder und Jugendliche. Derzeit wird die OT im Durchschnitt von 83 Kindern und Jugendlichen zwischen 10 und 24 Jahren täglich besucht. Die Öffnungszeiten sind an Werktagen zwischen 13 und 21 Uhr. Im Jahre 2019 nahmen die Mitarbeiter*innen an einer Partizipations-Coaching-Maßnahme der Stadt Köln teil, um Partizipation kontinuierlich und nachhaltig in dem pädagogischen Alltag zu verankern. Das Partizipationsprojekt, welches seit Anfang 2019 erfolgreich umgesetzt wird, besteht aus folgenden drei Bausteinen: 01. Raumgestaltung 02. Ferienplanung 03. Kindervertretung Begonnen wurde mit der Raumgestaltung. Hierbei haben wir unseren Besucher*innen einen Raum zur Verfügung gestellt, den sie nach ihren Vorstellungen und Wünschen gestalten konnten. Von der Planung über Akquise finanzieller Mittel, Wandfarbe, Möbel, Festlegung der Regeln etc. wurde alles allein von den Kindern entschieden. Bereits Mitte Juni konnte der neue Raum, die „Quäker-Area“ feierlich eröffnet werden. Parallel dazu hatten die Kinder und Jugendlichen der OT in den Oster-, Sommer- und Herbstferien jeweils eine Woche, die sie selbständig gestalten durften. Vorgabe von den Mitarbeiter*innen war nur der zeitliche und finanzielle Rahmen. Viel positives Feedback der Kinder zeigte, dass Angebote, in denen sie die Gestalter*innen ihrer eigenen Lebenswelt sein konnten, gerne angenommen wurden und in der Regel zu erstaunlichen Ergebnissen führten. Auf die Projekte „Raumgestaltung“ und „Ferienplanung“ folgte zu Beginn des neuen Schuljahres 19/20 die Wahl einer „Quäker Kinder Vertretung“. Zuvor konnten sich die Besucher*innen mittels eines kleinen Steckbriefes zur Wahl stellen. Am Tag der Wahl trafen wir uns mit ca. 80 Kindern im Saal des Quäker Nachbarschaftsheims. Hier präsentierten die Kinder sich mutig vor Publikum und stellten sich und ihr Wahlprogramm vor. Aus den über 20 Kindern, die sich zur Wahl stellten, wurden nach geheimer Wahl 10 Kinder zur ersten „Quäker Kinder Vertretung“ gewählt. Die Vertretung trifft sich in regelmäßigen Abständen um neue Ideen auszutauschen, Lösungsmöglichkeiten für Probleme zu finden und vieles andere. Die Pädagog*innen sind auch hier nur Beisitzer und die Kinder können im Mikrokosmos Jugendeinrichtung üben, wie Rundbrief 1-2020 | Verbundene Vielfalt // Innovation und Tradition in der Nachbarschaftsarbeit 33 Demokratie funktioniert. Darüber hinaus lässt sich feststellen, dass die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen sich in unserem Haus auch zunehmend mehr im Alltag und anderen Bereichen bemerkbar macht. Das Partizipationsprojekt war auf vielen Ebenen ein voller Erfolg und wird auch im neuen Jahr von uns fortgeführt. T Quäker Nachbarschaftsheim e.V. Kreutzer Str. 5-9 50672 Köln ¶ 0221 951 54 0-0 å info@quaeker-nbh.de ā www.quaeker-nbh.de Praxisbeispiele zum Arbeitsfeld Digitalisierung QUÄKER NACHBARSCHAFTSHEIM Anders digital vernetzt. Im Quäker Nachbarschafsheim e.V. in Köln überlegen wir uns seit einiger Zeit, wie wir uns abseits der kommerziellen und etablierten Netzwerke, digital mit unserer Nachbarschaft vernetzen können. Grundsätze die uns in unser analogen Arbeit wichtig sind, zählen für uns auch in der digitalen Arbeit. Wir würden es nicht tolerieren, wenn jemand mit Kamera, Tonbandgerät und Notizblock vor unseren Türen steht und ständig, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche genau protokollieren würde, wer unser Bürgerzentrum betritt und verlässt. Erst recht ist in unserem Haus das Protokollieren der Anwesenheit unserer Besucher*innen und deren Interessen für Ausstehende streng untersagt. Facebook & Co (und dazu gehört auch nebenan.de) tun aber genau dieses, sie protokollieren diese Vorgänge und werten sie für ihre Geschäfte aus. Trotz all ihren praktischen Funktionen sind solche Portale aus diesem Grund für unsere offene Nachbarschaftsarbeit nicht akzeptabel, bzw. nur temporär in geringem Maße vertretbar. So werden wir Herr über eine Insel, die, wenn wir es denn wollen, aber sehr wohl Verbindungen zu dem Rest der Welt unterhält. Für unsere Insel und die hier anfallenden Mitglieder- und Netzwerkdaten übernehmen wir Verantwortung. Wir können so den Besucher*innen des Bürgerzentrums vorleben und schließlich vermitteln, wie man selber wieder Kontrolle über seine Daten erlangt. Denn neben dem Betreiben von eigener Hardwaretechnik, besteht der anstehende Prozess vor allen Dingen aus Wissensvermittlung. Es wird ein langer und sicher auch mühsamer Lernprozess sein, denn viele in unserer Gesellschaft haben sich in den letzten Jahren zwar immer mehr digital vernetzt, aber die zu Grunde liegenden Strukturen vernachlässigt. Viele sind gefangen in abgeschlossenen Netzwerken und fast ohnmächtig und achselzuckend den Kräften des Marktes ergeben. Der Lernprozess wird bei den Mitarbeiter*innen unseres Hauses anfangen. Wenn diese, die neue Software beherrschen, wird eine Vermittlung gegenüber Interessierten gut möglich sein, weil gute Argumente überzeugen können. Mit so gewonnenen Multiplikatoren hoffen wir uns in den nächsten Jahren Schritt für Schritt von den kommerziellen und etablierten Netzwerken unabhängig zu machen. Gleichzeitig könnten wir Impulse für eine offene und freie digitale Gesellschaft geben. Jedes Nachbarschaftsheim, Bürgerzentrum oder auch Veedel Verein ist eingeladen, sich an diesem Prozess zu beteiligen. Wir sind sehr an einem Austausch interessiert. T Quäker Nachbarschaftsheim e.V. Kreutzer Straße 5-9 50672 Köln ¶ 0221 951 54 0-0 å info@quaeker-nbh.de ā www.quaeker-nbh.de in Kooperation mit MuK Hessen, www.muk-hessen.de, organisisert das Nachbarschaftsheim Darmstadt eine Schulungs- und Beteiligungsangebote für alle Generationen zu digitalen Themen: Jugend mit Programm – Codier Dir was – Ein Coding-Making-Workshop Algorithmen bestimmen unser Leben, zumindest beim Nutzen digitaler Geräte, Apps und Programme. Was bedeutet das eigentlich? Was ist ein Algorithmus und wie werden Maschinen oder das Denken des Computers über Codes gesteuert? In dem Angebot gehen wir der Funktionsweise dieser in allen digitalen Anwendungen steckenden Programmen auf den Grund. Auf iPads schreiben wir eigene Codes, mit denen Drohnen gesteuert werden, kleine Roboter möglichst schnell einen vorher festgelegten Parcour abfahren oder definierte Aufgaben erledigen. Mithilfe eines Einplatinen-Computers entwickeln wir automatische Schreibmaschinen oder elektronische Klaviere und andere verrückte Dinge. Die Teilnehmer*innen bekommen mit spielerischen Elementen eine Einführung in unterschiedliche Programmiersprachen und werden am Ende selbst eigene Codes programmieren können und „Dinge zum Leben“ erwecken. Schlösschengeister Kinder Redaktion – Kids Radio Die „Schlösschengeister“ sind die Kinder-Radio-Redaktion des Prinz-Emil-Schlösschens. Einmal im Jahr bringen die Kinder ihre eigenen Ideen in eine bunte Radiosendung, die bei Radio Darmstadt produziert und in die ganze Welt und natürlich in das Empfangsgebiet von Radio Darmstadt gesendet wird. Die Themen werden von den Kindern selbst bestimmt und gestaltet. Dabei erhalten sie professionelle Unterstützung zu allen wichtigen Themenbereichen rund ums Radio machen, wie Jingle-Produktion, journalistische Grundlagen, Interviewtechniken, Formate im Radio, Aufnahmetechnik mit Mikro unterwegs und Audioschnitt am PC. Der letzte Ferienspieltag wird zum spannenden Ausflug in das Studio von Radio Darmstadt, bei dem die ganze Sendung produziert wird. Mein erstes Smartphone Du freust Dich riesig, dass Du Dein erstes Smartphone bekommen hast. Von nun an wird Dich dieses Gerät ständig begleiten und es gibt viel zu entdecken. Wir wollen zusammen über Tipps und Tricks sprechen, die Ärger vermeiden und für den richtigen Durchblick sorgen. Wir testen deshalb andere Möglichkeiten, um uns zu vernetzen und betreten dabei Neuland. Wir sind dabei, eigene Server mit Open Source Software zu installieren, die sich mit anderen Servern, in Netzwerken mit dezentraler Struktur, verbinden. 34 NACHBARSCHAFTSHEIM DARMSTADT Praxisbeispiele zum Arbeitsfeld Digitalisierung Sicheres Surfen, Einkaufen und Banking im Internet Unser Alltag wird immer digitaler, das gilt auch für die Informationsbeschaffung, das Shoppen und auch für Bankgeschäfte. Erfahren Sie, welche Herausforderungen und Gefahren hier lauern und wie Sie sich sicher und ohne Sorge im Netz bewegen können. Digitales Kaffeekränzchen Beim digitalen Kaffeekränzchen geht es um Austausch und Lernen in einer digitalisierten Welt. Jung und Alt beschäftigen sich mit den Einstellungen und Funktionen von Smartphone und Tablet, der Nutzung von Apps und sozialen Netzwerken. Gemeinsam wird ausprobiert und nicht nur über Technik diskutiert, sondern auch über menschliche Werte und Haltungen, die bei der Diskussion um die Digitalisierung oft zu kurz kommen. Das erste Smartphone. Was Eltern wissen müssen Der Wunsch nach einem Smartphone besteht bei Kindern zunehmend früher. Viele Eltern sind damit überfordert und können Ihr Kind beim Umgang mit dem mobilen Gerät nicht ausreichend unterstützen. Peter Holnick gibt Ratschläge, referiert und diskutiert über gute und schlechte Erfahrungen mit dem Smartphone in Schule und Familie. T Nachbarschaftsheim Darmstadt e.V. Schlösschen im Prinz Emil Garten Heidelberger Straße 56 64285 Darmstadt ¶ 06151 13 61 30 å info@nbh-darmstadt.de ā www.nbh-darmstadt.de Zusatzmaterial Im Rahmen einer Workshopreihe mit Kolleginnen und Kollegen aus Nachbarschaftshäusern hat der VskA ein Konzept für digitale Tools und Arbeitsprozesse entwickelt, das unter vska.de veröffentlicht ist. Rundbrief 1-2020 | Verbundene Vielfalt // Innovation und Tradition in der Nachbarschaftsarbeit 35 Praxisbeispiele zum Arbeitsfeld Begegnung es von der Planung zur Umsetzung dauern wird. Abschließend wurden die Teilnehmenden gebeten, sich an den Tischen gemischt zu verteilen, was sehr gut gelang. Jeder Arbeitsgruppe wurde eine Moderatorin zugeteilt, um ggfs. Hilfestellung zu geben. Arbeitsphasen des Beteiligungs-Workshops Gestaltung der Grünfläche am Mehrgenerationenhaus Rostock Lütten Klein Das Mehrgenerationenhaus mit einer sehr großen Außenfläche befindet sich am Rande des Stadtteiles, die allerdings nicht über Spielgeräte oder feste Sitzmöglichkeiten, so dass es kaum als Begegnungsort genutzt werden kann. • • • • • • In einem ersten Schritt wurde eine Terrasse gepflastert, einzelne Bänke aufgestellt, Obstbäume gepflanzt und ein Sandkasten geschaffen. Bis zum letzten Jahr konnten Kinder und Jugendliche aus dem offenen Treff die Spielmöglichkeiten auf dem Gelände der gegenüberliegenden Grundschule nutzen. Seit dem Neubau eines Erweiterungsgebäudes entfällt nun diese Möglichkeit auch noch. Gemeinsam mit einem Architekturbüro haben Besucher*innen des Hauses eine grobe Planung für das Außengelände erstellt. Aufgrund der begrenzten finanziellen Mittel, wurde so geplant, dass einzelne „Räume“ entstehen, die Schrittweise, je nach verfügbarem Budget, einzeln umgesetzt werden können. Partizipative Planung Die Planung und Durchführung übernahmen drei Mitarbeiterinnen von IN VIA Rostock e.V. Am wichtigsten war ihnen, dass sich alle Beteiligten gleichermaßen einbringen konnten. Kinder und Jugendliche, Familien bis hin zu Erwachsenen einschließlich Senior*innen sollten beteiligt werden. Je nach Altersgruppe mussten die unterschiedlichen Voraussetzungen der Teilnehmenden bei der Methodenwahl berücksichtigt werden: Schreibkompetenz, Sachverstand, Nachvollziehbarkeit, Zeitumfang. Nun wurden drei Pläne mit dem Außengelände visualisiert, die als Arbeitsgrundlage für die Teilnehmenden dienten und an drei Tischen bearbeitet werden sollten. Zu Beginn des Beteiligungsworkshops durften sich die Beteiligten frei an den Tischen verteilen und erhielten eine kurze Einweisung: Sie sollten in Räumen planen, damit die Abschnitte mit unterschiedlichen Finanzvolumen umgesetzt werden können. Sie erhielten eine realistische Darlegung, was möglich ist und wie lange 36 • • • • • • Begrüßung Gruppeneinteilung Erklären des Arbeitsauftrages Arbeitsphase: Jede Person bekommt drei Moderationskarten, um drei Ideen aufzuschreiben. Arbeitsphase: Die Ideen werden in der Gruppe vorgestellt und thematisch geordnet. Arbeitsphase: Arbeiten an der Geländeskizze: Was wollen wir wo verwirklichen? Arbeitsphase: Was ist uns besonders wichtig? Pause Vorstellen der Ergebnisse der Gruppenarbeit auf den Geländeskizzen. Gewichtung herstellen: Aufgabenstellung „Bepunkten“ (4 Punkte für die besten Ideen. Ein Punkt pro Idee) Wie geht es weiter? Verabschiedung Michael S. (Architekt, setzt sich für barrierefreies Bauen ein, Teilnehmer bei Stadt Inklusive!) BEGEGNUNGSORT SCHAFFEN Vor der Durchführung Ergebnis der Beteiligung Jede Gruppe arbeitete in ihren Plan Lage und Prioritäten ein. Verschiedene Nutzungsbedürfnisse wurden in Themenbereiche zusammengefasst. Nachdem alle Beteiligten ihren Plan vorgestellt hatten, wurde mittels Punktvergabe eine Gesamtprioritätenliste erstellt. Diese diente als Grundlage für das Gespräch mit einem Architekten. Eine Erkenntnis der Partizipation zur Umgestaltung der Fläche des Mehrgenerationenhauses ist, dass es im Stadtteil insbesondere an Spielflächen für kleinere Kinder fehlt. Die in Lütten Klein vorhandenen Spielplätze sind für Kinder ab 6 Jahren ausgelegt, denen es an Sitzmöglichkeiten für begleitende Erwachsene fehlt. Aus Sicht der Erwachsenen mangelt es an ausreichenden Abgrenzungen zu Straßen und Wohngebäuden, was aus lärm – und sicherheitsrelevanten Gründen unumgänglich ist. Mit der Umsetzung des Konzeptes auf der Fläche des Mehrgenerationenhauses werden diese Bedenken ausgeräumt, da der Wunsch nach einer weiträumigen Auslauffläche, Sitzgelegenheiten neben der Spielfläche sowie ein angrenzendes ehrenamtliches Café, erfüllt wurde. Praxisbeispiele zum Arbeitsfeld Begegnung Im Gespräch mit dem Architekten wurde deutlich, dass es viel zu bedenken gibt und nicht alle Schritte der Bauphase durch pädagogische Fachkräfte oder ehrenamtliche Fachleute begleitet werden können. Daher stand nun die Bauplanung mit externen Experten an. Verantwortung für das Gelände und das Gemeinschaftsgefühl der heterogenen Gruppen wird gestärkt. Sobald die Finanzierung endgültig gesichert ist, beginnt der Bau und entsteht ein neuer Begegnungsort in Rostock Lütten Klein. Beginn der Durchführung Gemeinsam mit einem Architekten wurde anhand der Beteiligungsergebnisse ein Entwurfsplan erstellt. Hierbei wurde großer Wert auf eine inklusive Form der Umsetzung von Ideen gelegt. Beeinträchtigen Menschen soll die Nutzung des Außengeländes gleichermaßen möglich sein. Wege und Plätze sollen so gestaltet werden, dass der Zugang mit Rollator, Kinderwagen oder sonstigen Mobilitätseinschränkungen problemlos erfolgen kann. Das Miteinander der Generationen sowie die Begegnung der Bewohner*innen aus Lütten Klein mit und ohne Beeinträchtigungen soll durch inklusive Umsetzung weiter gestärkt werden. Bestehende, zum Teil gespendete Bepflanzungen und vorhandene Geräte, wie Tischtennisplatten sollen erhalten bleiben, um Ressourcen zu schonen. IN VIA Rostock e.V. begleitet seit 1992 als anerkannter Träger der Kinder- und Jugendhilfe insbesondere junge Menschen und Bewohner*innen in Lütten Klein auf ihrem Weg zu einem eigenverantwortlichen Leben und bestärkt sie, aktiv an der Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens mitzuwirken. Seit 2007 ist IN VIA Rostock e.V. Träger des Stadtteil- und Begegnungszentrums in Rostock Lütten Klein, welches seit 2008 auch Mehrgenerationenhaus ist. Bei der Umsetzung soll darauf geachtet werden, dass die Nutzer*innen des Hauses durch gemeinsames Mitarbeiten eingebunden werden. Beispielsweise können sie Beete anlegen, Pflanzungen vornehmen. Hieraus entsteht eine gemeinsame ¶ 0381 – 77 88 03-0 T IN VIA Rostock e.V. Danziger Str. 45d 18107 Rostock å info@invia-rostock.de ā www.invia-rostock.de Rundbrief 1-2020 | Verbundene Vielfalt // Innovation und Tradition in der Nachbarschaftsarbeit 37 Netzwerk- und Kompetenzprojekt zur Förderung des interreligiösen und interkulturellen Dialogs im Bezirk Mitte. Das Leben im Bezirk Mitte und vor allem seinen Ortsteilen Moabit, Wedding und Gesundbrunnen ist von kultureller und religiöser Vielfalt geprägt. Diese Vielfalt bietet seinen Bewohner*innen viele Möglichkeiten und Freiräume, es stehen aber auch Fragen zu grundlegenden Themen des Zusammenlebens im Raum. Wo liegen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Bewohner*innen? Welche Anliegen und Bedürfnisse haben die Menschen? Wie kann ein respektvolles und lebendiges Zusammenleben gelingen? Das Bezirksamt Mitte von Berlin hat das Dialogund Kompetenznetzwerk MITTE IM DIALOG initiiert. Umgesetzt wird MITTE IM DIALOG von der Fabrik Osloer Straße e.V. in Zusammenarbeit mit Network African Rural and Urban Development (NARUD) e.V. und dem Zentrum für interreligiösen Dialog Berlin Moabit (ZiD) e.V. Das Projekt startete im August 2018 und läuft bis Ende 2021. MITTE IM DIALOG wird über das Teilprogramm „Soziale Stadt“ (Netzwerksfonds) des Programms Zukunftsinitiative Stadtteil II gefördert. Peter S. (ehem. Koch, Teilnehmer des Projektes Lebensgeschichten Wohnungsloser) „MITTE IM DIALOG” Georg Zinner steht für die „Bürgerinitiative“ freier sozialer Arbeit, also soziale und gesundheitliche Dienstleistungen und Aufgaben nachbarschaftlich organisiert. Er wurde 1948 und verstarb plötzlich und unerwartet 2014. Georg Zinner war Bankkaufmann, Diplom-Sozialarbeiter und Diplom-Soziologe. Nach Berufserfahrungen in der behördlichen Sozialarbeit wurde er 1978 Geschäftsführer des Nachbarschaftsheims Schöneberg, das er in mehr als 35-jähriger Tätigkeit zu einem der größten sozialen Unternehmen in Berlin entwickelte. Gleichzeitig engagierte er sich in den Jahren 1974 bis 1985 als Lehrbeauftragter im Bereich Theorie und Praxis der Sozialarbeit an der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin. Neben dieser Tätigkeit war Georg Zinner ehrenamtlich seit 1979 im Vorstand des Paritätischen Berlin, lange Jahre davon als Vorsitzender. Im Paritätischen Gesamtverband wirkte er zwischen 1987 und 2003 in verschiedenen Funktionen, im Vorstand, im Beirat, in der Paritätischen Akademie. Seit 2001 war er Mitglied im Vorstand des Verbandes für sozial-kulturelle Arbeit, dem Fachverband für Nachbarschafts- und Stadtteilzentren, und übernahm 2005 dessen Vorsitz. GEORG ZINNER „Angesichts der beängstigenden Unfähigkeit von Politik und Verwaltung, Aufgaben zu lösen und Dienstleistungen qualitativ angemessen zu erbringen, wird gesellschaftliches Engagement an Bedeutung gewinnen (müssen). Gemeinnütziges Engagement und gemeinnützige Vereine als Träger bieten sich deshalb an, weil die Gemeinnützigkeit eine besondere Form des Einsatzes und der Verwaltung gesellschaftlichen Vermögens ist: Es ist nicht staatlich, aber es ist auch nicht privat verfügbar.“ 1997 Quelle: Georg Zinner: Nachbarschaftshäuser in ihrem Stadtteil. Schriften, Aufsätze, Reden, Interviews zu Sozialpolitik und Gesellschaft, 2017 38 Praxisbeispiele zum Arbeitsfeld Begegnung Im Bezirk gibt es zahlreiche kulturelle, religiöse und soziale Organisationen und Vereine, die sich engagieren. Viele sind gut miteinander vernetzt und in Gremien vertreten, andere Stimmen und Perspektiven fehlen noch im Diskurs. Die unterschiedlichen Perspektiven der Organisationen und auch der Bildungseinrichtungen und Verwaltungen zusammenzubringen, ist das Ziel von MITTE IM DIALOG. Projektverlauf Bedarfe ermitteln, ein Dialog- und Kompetenz-Netzwerk aufbauen und ein gemeinsames Leitbild entwickeln. In der ersten Phase hat das Projekt mit einer Befragung die Lebensrealitäten, Bedarfe und Wünsche der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und Akteur*innen in Mitte in den Blick genommen. Die Auswertung der Befragung ist auf der Internetseite www.mitteimdialog.de abrufbar oder als Printversion in der Fabrik Osloer Straße erhältlich. Durch regelmäßige Veranstaltungen und Arbeitsgruppen wird im weiteren Verlauf ein Dialog- und Kompetenz-Netzwerk gebildet, um den Kontakt zwischen den relevanten Organisationen und Akteur*innen im Bezirk zu verstärken, den fachlichen Austausch anzuregen und die gegenseitige Unterstützung zu fördern. Eine jährliche Veranstaltungswoche „Mitte im Dialog” sowie Fortbildungen und Qualifizierungen von Fachkräften und Zivilgesellschaft stellen weitere wichtige Projektbestandteile dar. Unter Einbeziehung der Perspektiven möglichst vieler Akteur*innen und Bewohner*innen wird in 2020 ein Leitbild für das Zusammenleben im Bezirk entwickelt. Kooperationen in Vielfalt ganz praktisch können in der im Februar 2020 startenden Qualifizierungsreihe „Miteinander im Kiez“ erprobt werden. T Mitte im Dialog – Fabrik Osloer Straße e.V. Osloer Straße 12 13359 Berlin H Ansprechpartnerin: Bettina Pinzl ¶ 030 495005-26 å pinzl@mitteimdialog.de ā www.fabrik-osloer-strasse.de Rundbrief 1-2020 | Verbundene Vielfalt // Innovation und Tradition in der Nachbarschaftsarbeit 39 Praxisbeispiel zum Arbeitsfeld Nachbarschaftshilfe NACHBARSCHAFTSHILFE STEGLITZ-ZEHLENDORF – FÜREINANDER NAH „Normalerweise hatten wir für Anfang April eine große Nachbarschaftsbörse geplant. Wir wollten die Nachbarschaft einladen, sich auszutauschen, Ideen und Tipps mitzubringen und Neues mitzunehmen. Da wäre der Laden voll gewesen“, berichtet Nora Buncsak, Sozialarbeiterin und Mitarbeiterin der Nachbarschaftshilfe Steglitz-Zehlendorf. „Stattdessen prangt an unserer Tür ein Geschlossen-Schild und wir vermitteln im Schwerpunkt Corona-Einkaufshilfen.“ Die Nachbarschaftshilfe Steglitz-Zehlendorf ist Teil des Stadtteilzentrums Villa Mittelhof. Drei Mitarbeiterinnen koordinieren seit Juni 2019 in einem kleinen Laden direkt am S-Bahnhof Rathaus Steglitz in der Nähe einer großen Berliner Einkaufsstraße das Geschehen. Selma Weigelt, Ergotherapeutin und ebenfalls Mitarbeiterin zählt auf, worum es bisher geht: „Die bereits 70 ehrenamtlich engagierten Nachbarschaftshelfer*innen, die ebenfalls rund 70 Nachbar*innen mit Unterstützungsbedarf, die Tandembildungen, die Schulungen und Austauschtreffen für die Nachbarschaftshelfer*innen und die vielfältigen Veranstaltungen für alle Nachbar*innen haben wir im Blick. Dabei ist der persönliche Kontakt zu allen Beteiligten immer ein ganz wichtiger Baustein. Nun müssen wir sehen, wie wir für diesen Kontakt neue Wege finden.“ Denn ganz aktuell verändert die Corona-Krise natürlich auch die Nachbarschaftshilfe: Der Mittelhof hat mit dem Stadtteilzentrum Steglitz und der Freiwilligenagentur die Koordinierung der Corona-Nachbarschaftshilfe im Bezirk übernommen. Schwerpunkt ist die Vermittlung der Einkaufshilfe für Betroffene und Risikogruppen. Auch telefonische Gespräche werden vermittelt, um der Einsamkeit entgegen zu wirken. getragene Nachbarschaftshilfe zum wichtigen Baustein werden. Teilhabe, Mobilität, Zusammenhalt und Freude werden gefördert.“ Im Zuge der Corona-Krise bekommt Nachbarschaftshilfe nochmal einen ganz besonderen Stellenwert. Es geht darum, sich und andere zu schützen und gleichzeitig füreinander da zu sein. Es geht darum, gerade keinen Besuchsdienst zu vermitteln und trotzdem etwas für einsame Menschen zu tun. Die drei Mitarbeiterinnen haben bereits erste Ideen, die sie gemeinsam mit den vielen Menschen angehen wollen, die jetzt bereit sind zu helfen: Ein kleiner Blumenstrauß gegen den Spätwinterblues. Eine Brieffreundschaft, die das Gefühl von Verbundenheit gibt. Ein Märchenabend auf CD, weil gerade alle Veranstaltungen entfallen. Vieles wird sich hier neu finden, altes auf Dauer wieder möglich werden. So ist Nachbarschaftshilfe im Wandel und funktioniert auch in Zukunft natürlich nur dann, wenn sich Menschen finden, denen ihre direkte Nachbarschaft weiterhin wichtig ist. T Nachbarschaftshilfe Steglitz-Zehlendorf – füreinander nah – Mittelhof e.V. Berlinickestr. 9 12165 Berlin ¶ 030 27 97 97 27 å nachbarschaftshilfe@mittelhof.org Die „Nachbarschaftshilfe Steglitz-Zehlendorf“ des Mittelhof e.V. wird durch die SKala-Initiative gefördert. Zur Entstehung der Nachbarschaftshilfe berichtet Nina Karbe, Sozialpädagogin und Projektkoordinatorin: „Stadtteilzentren sind ja schon immer auch für Menschen in Not da und nehmen aktuelle Bedarfe auf. Die Nachbarschaftshilfe ist ein Resultat des Prozesses „Gut älter werden in Steglitz-Zehlendorf“, der bereits 2015 im Mittelhof e.V. initiiert wurde. Ältere Menschen äußerten in Workshops den Wunsch, so lange wie möglich zuhause zu wohnen. Das wird durch ein sorgendes familiäres oder nachbarschaftliches Netzwerk unterstützt. Dort, wo die familiäre Unterstützung nicht oder nicht ausreichend vorhanden ist, kann die ehrenamtlich 40 Neues aus Verband und Mitgliedschaft Vorstellung neuer Mitglieder In 2018 und 2019 wurden neu aufgenommen: ACKERMANNBOGEN E.V., MÜNCHEN Der Ackermannbogen ist ein gemeinnütziger Quartiers- und Nachbarschaftsverein mit den inhaltlichen Schwerpunkten Nachbarschaft, Umwelt und Kultur. Er versteht sich als Plattform für Gemeinsinn und bürgerschaftliches Engagement im Wohnumfeld. Zeitgleich mit der Bebauung des Neubaugebietes Ackermannbogen ab dem Jahr 2000 wurden von engagierten (künftigen) Nachbar*innen die Grundlagen für die heutige Vereinsstruktur geschaffen. Aktuell ist der Verein Träger von drei Nachbarschaftstreffs, des Kulturbüros und des Gemeinschaftsgartens StadtAcker. Darüber hinaus bildet der Verein das organisatorische Dach für mehrere thematische und rein ehrenamtlich tätige Projektgruppen. Der Verein hat z.Zt. 590 Mitglieder. BÜRGERKIEZ GGMBH, GÜTERSLOH Die Bürgerkiez gGmbH ist Trägerin der Weberei in Gütersloh. Die Weberei ist seit 1984 das sozio­ kulturelle Zentrum im Herzen Güterslohs. Die Gastronomie mit ihrem groß angelegten Biergarten direkt an der Dalke lädt zum Verweilen ein. Das Restaurant wurde erst Anfang 2017 im urbanen Stil renoviert, um die Geschichte des Hauses besonders herauszuarbeiten. Die drei Hauptveranstaltungsräume (Halle, Kesselhaus & Backstage) bieten ihren Besucher*innen ein abwechslungsreiches Kulturprogramm. Neben Lesungen, Comedyshows und Theateraufführungen finden sich regelmäßig nationale wie internationale Musiker*innen auf der Hallenbühne ein. Am Wochenende verwandelt sich das außergewöhnliche Gelände der Weberei in den Anlaufpunkt der Gütersloher Nachtszene. Tagsüber finden zahlreiche Kurse für alle Generationen statt und Einrichtungen wie die Gütersloher Tafel erhalten die Möglichkeit, die Bürger*innen unkompliziert zu erreichen. Ebenfalls auf dem Gelände, doch eigenständig fungierend, befinden sich der Jugendtreff Bauteil 5 und das Programm-Kino Bambi. DIAKONISCHES WERK DER EV.-LUTH. KIRCHE IN OLDENBURG E.V. Das Diakonische Werk Oldenburg ist Träger mehrerer Nachbarschaftsbüros und gemeinwesenorientierter Integrationsarbeit. Sie möchten ihre Arbeit insgesamt stärker gemeinwesenorientiert ausrichten und erwarten sich von einer Praxisbeispiel zum Arbeitsfeld Nachbarschaftshilfe Mitgliedschaft einen Erfahrungsaustausch, fachliche Weiterentwicklung und die Möglichkeit von Mitarbeiter*innenfortbildungen sowie eine effektivere Interessenvertretung. INTERKULAR GGMBH, BERLIN interkular findet und fördert die Fähigkeiten junger Menschen verschiedener Herkunft und begleitet sie und alle Partner*innen bei einer gelungenen Integration in Arbeitsmarkt und Gesellschaft. Unsere Vision ist es, dass wir vorhandene Ressourcen optimal nutzen und dass alle ihre Potentiale unabhängig ihres Hintergrunds entfalten und einbringen können. Aus unserer Erfahrung entstehen die erfolgreichsten Lösungen immer dann, wenn alle Beteiligten auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Deshalb bündeln wir die in unserer Gesellschaft vorhandenen Ressourcen, vernetzen und begleiten alle beteiligten Partner*innen und gehen Integration gemeinsam an. interkular sehen wir dabei als Verbindungsstück: Zwischen engagierten jungen Menschen verschiedener Herkunft, die ihren Weg finden wollen und Halt brauchen, Arbeitgeber*innen, die Nachwuchs suchen und den Menschen in der Nachbarschaft, die an aktivem Zusammenleben interessiert sind. KIEZOASE SCHÖNEBERG E.V., BERLIN Die KiezOase fördert die sozial-kulturelle Stadtteilarbeit im Schöneberger Norden. Sie ist nicht selbst Träger von Einrichtungen und Projekten. Die Trägerschaften wurde in der Zeit von 2013 bis 2016 auf das Pestalozzi-Fröbel-Haus übertragen, seitdem unterstützt die KiezOase durch Spenden, Veranstaltungen und ehrenamtliche Arbeit und setzt kleinere Vorhaben der Gemeinwesen- und Nachbarschaftsarbeit um. Von der Mitgliedschaft im VskA erhofft sie sich kollegiale Unterstützung und Möglichkeiten zum Fachaustausch in ihrer neuen Entwicklungsphase. KULTURCAFÈ GGMBH, LÜBECK „S O F A“ ist ein Stadtteiltreff / Kulturcafé im Aegidien­viertel, mitten im Weltkulturerbe Lübecker Altstadt. Der gemeinnützige Anwohnerverein Aegidienhof e.V. gründet gerade mit dem gemeinnützigen Verein Mittendrin Lübeck e.V. die gemeinnützige ‚Kulturcafé gGmbH‘. Unser Traum ist eine ‚kulturelle Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft‘. Ein gemütlicher Ort für Begegnung, Kultur und Bildung. Die eine Hälfte unserer Räume wird Rundbrief 1-2020 | Verbundene Vielfalt // Innovation und Tradition in der Nachbarschaftsarbeit 41 Gemeinschafts- und Konferenzraum, die andere Hälfte Kulturcafé. Die dritte Hälfte ist im Sommer der lauschige Außenbereich am Chor der Aegidienkirche. Wir gratulieren in 2018 NACHBARSCHAFTSHAUS BREMEN E.V. • Zukunftswerkstatt Heinersdorf, Bürgerverein Berlin-Heinersdorf e.V., Berlin • Mehrgenerationenhaus Pestalozzi-Fröbel-Haus, Berlin • Mehrgenerationenhaus Phönix des Mittelhof e.V., Berlin Das Nachbarschaftshaus Bremen soll jedem ermöglichen, durch praktische Erfahrungen und unmittelbares Erleben den inneren Gehalt einer echten demokratischen Gesellschaft kennen zu lernen. Das Nachbarschaftshaus wurde auf den Fundamenten der ehemaligen, dann ausgebombten Schule am Ohlenhof 10 in Gröpelingen errichtet. Am 11. Dezember 1951 wurde Richtfest gefeiert. Nur ein halbes Jahr später, am 26. Mai 1952, fand die Einweihungsfeier mit Schlüsselübergabe statt. Von der Öffentlichkeit wurde das Haus, schon seiner Einrichtung wegen, bewundernd bestaunt: Es gab mehrere Zimmer für Kinder, ein Lesezimmer, ein Feierabendzimmer, Werkräume und einen großen Vortrags- und Versammlungsraum. Es war etwas entstanden, das Bremen über viele Jahre hinweg, wie auch geplant, zum `Pilgerort` für Menschen auf der Suche nach `neuen Wegen` wurde. SCI : MOERS GGMBH Die Arbeit in und an einzelnen Stadtteilen ist für den SCI:Moers seit jeher ein wichtiges Aufgabenfeld: Angefangen hat der SCI 1979 mit seinem ersten Programm für Migranten-Familien in der Moerser Bergarbeiterkolonie Meerbeck. In den letzten 30 Jahren hat sich das Feld erheblich ausgeweitet – thematisch und geographisch. So gehören, längst nicht mehr nur in Meerbeck, vielfältige Maßnahmen der Reinigungs- und Verschönerungsarbeiten, der Wohnumfeldverbesserung, der Instandsetzung von Park- und Freizeitanlagen oder auch die Graffiti-Beseitigung zum aktuellen Portfolio des SCI. Auch die Anlaufstellen in den Stadtteilen sind gewachsen, etwa das Nachbarschaftshaus in der Annastraße, welches der SCI:Moers seit betreibt. 42 ZU 10 JAHREN ZU 25 JAHREN Impressum DER RUNDBRIEF WIRD HERAUSGEGEBEN VON VSKA // VERBAND FÜR SOZIAL-KULTURELLE ARBEIT E.V. – BUNDESVERBAND H Vorsitzender: Thomas Mampel, H Renate Wilkening (stellv.) Ź Registernummer: VR 28242 B T Tucholskystr. 11 10117 Berlin • Kiezspinne FAS Nachbarschaftlicher Interessenverbund e.V. , Berlin å info@vska.de ZU 30 JAHREN ā www.vska.de • Gemeinwesenverein Heerstraße Nord e.V., Berlin ZU 70 JAHREN • Nachbarschaftsheim Wuppertal e.V. in 2019 ZU 10 JAHREN • Haus am See, LebensWelt gGmbH, Berlin • Stadtteilzentrum Pankow, BüHa Bürgerhaus gGmbH, Berlin Layout und Satz Rainer Krassa Büro für maßgeschneiderte Mediengestaltung www.rainer-krassa.de Fotografie Titelbild und Seite 5, 8, 13, 16, 21, 26, 27, 32, 37, 39 Manfred Zimmermann Bildbearbeitung: Petra Lippmann Druck Saxoprint.GmbH zu 20 Jahren • ViSdP Barbara Rehbehn Stiftung Pfefferwerk, Berlin 54. Jahrgang, Heft Nr. 1 ISSN 2510-5132 | 5 € zu 25 Jahren • Nachbarschaftsladen Sprengelkiez, Berlin • Nachbarschaftshaus Wannseebahn e.V., Berlin Neues aus Verband und Mitgliedschaft Rundbrief 1-2020 | Verbundene Vielfalt // Innovation und Tradition in der Nachbarschaftsarbeit 43 44 Neues aus Verband und Mitgliedschaft
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