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Full text: Ansichtssache (Rights reserved) Ausgabe 2022,2 (Rights reserved)

KOSTENLOS ABER NICHT UMSONST | Das SozDia Magazin #2 2022 ANSICHTSSACHE Offen für Begegnung: Alternatives Wohnen in Berlin Seite 7 Offenheit gemeinsam gestalten: Die neuen Nachbar*innen in Berlin-Wartenberg Seite 8/9 Offen für Geflüchtete: Gleiche Rechte für alle Offene Türen für alle SozDia Stiftung Berlin sozdiastiftungberlin Seite 14/15 „Wir engagieren uns dafür, es jedem Menschen zu ermöglichen, Gestalter*innen seines*ihres Lebens zu sein und in der Mitte der Gesellschaft zu leben.“ Michael Heinisch-Kirch, Vorstandsvorsitzender der SozDia Wir, die SozDia Stiftung Berlin, sind eine sozialdiakonische Trägerin aus Berlin und unser Arbeitsschwerpunkt liegt im Bereich der Kinder-, Jugend-, Familien- und Gemeinwesenarbeit sowie in der Wohnungsnotfallhilfe und Sozialpsychiatrischen Assistenz. In unseren fast 50 Einrichtungen engagieren sich rund 550 Mitarbeiter*innen. Dort begegnen sich täglich mehr als 6.000 Kinder, Jugendliche, Familien und Erwachsene. So vielfältig wie die Einrichtungen der SozDia sind auch die Menschen, die sie besuchen und die dort arbeiten. Seit 1990 stehen wir für ein offenes und tolerantes Miteinander, leben sozial­ diakonische Werte und legen bei all unseren Entscheidungen großen Wert auf Nachhaltigkeit und einen umweltbewussten Umgang mit Ressourcen. Du willst gemeinsam mit uns Leben in und um Berlin gestalten? Dann komm zu uns ins Team! Wir suchen #Pädagog*innen, #Erzieher*innen und #Sozialarbeiter*innen. Eine Stiftung – viele Angebote: www.sozdia.de Kindertagesbetreuung Schule Hilfen zur Erziehung Gemeinwesen Kinder- und Jugendklubs Arbeit & Qualifizierung Wohnungsnotfallhilfe Sozialpsychiatrische Assistenz Editorial 3 Dossier 4/5 Das offene Familienhaus Ein Gespräch mit Gérard Leitz, Leiter Miniclub Farbklecks Ich hab da was zu sagen 6/7 Offen für Begegnung Fragen an Michael Heinisch-Kirch Gemeinsam Offenheit gestalten 8/9 „Wir wollen Leuchtturm sein“ Die neuen Nachbar*innen in Berlin-Wartenberg Bei SozDia vor Ort 10/11 Pro & Contra 12/13 Türen auf für alle Geflüchteten? Nachgefragt 14/15 Gleiche Rechte für alle Geflüchteten Im Interview mit Günter Burkhardt, Geschäftsführer PRO ASYL Neues aus der SozDia 16/17 „Die guten Sachen sind nie einfach“ Fragen zur offenen Jugendarbeit, Magnus M. gibt Auskunft Auf ein Wort 18/19 Erleichterung für Herz und Seele Über die Ursache von Missverständnissen Im Bild 20 Klänge der Hoffnung Titelfoto: Eingangstür des SozDiaJugendwohnhauses in der Pfarrstraße editorial Liebe Leserin, lieber Leser, Foto: Marco Ruhlig INHALT Sommerzeit, Urlaubszeit – viele von uns haben in den letzten Wochen mal abschalten dürfen. Für andere steht womöglich der Urlaub noch bevor. Und so sehr man sich auf diese besonderen Tage im Jahr freut: Pleiten, Pech und Pannen bleiben bekanntlich auch in dieser Zeit nicht aus. Wenn man dann weit weg der Heimat ist, nicht in seinem eigenen Zuhause, ist so manches Mal die Unterstützung von völlig fremden Menschen gefragt. Mir geht da so ein Beispiel nicht aus dem Kopf: Wir hatten im Urlaub eine Autopanne, mitten in den Bergen. Vier Kleinkinder dabei, nichts ging mehr. Der nette Abschleppdienst wollte erst am nächsten Morgen kommen. Wie also die Nacht verbringen? Im Auto? Das war für sechs Personen entschieden zu eng. Hier konnte uns nur Gastfreundschaft retten. Und die durften wir erleben. Völlig fremde Menschen haben uns aufgenommen. Mit vier Kindern eher ungewöhnlich. Denn Lärm, Chaos und die Sorge, dass etwas kaputt gehen könnte, ist bekanntlich nicht jedermanns Sache. „Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ Die Jahreslosung 2022 lädt uns alle ein, darüber nachzudenken, welchen Beitrag wir als Gesellschaft und auch wir ganz persönlich leisten können, dass kein Mensch abgewiesen wird. Was für ein aktuelles Thema! Für die Redaktion dieser Ansichtssache Grund genug, ihm unser Heft zu widmen: „Offene Türen für alle!“. Denn genau das sagt ja die Jahreslosung. Viele Fragen sind offen: Wie kann eine Brotdose Türen zu den Herzen der Menschen öffnen (Seiten 8/9)? Welche Verantwortung tragen wir als Gesellschaft für Menschen, die auf der Flucht sind, egal aus welchem Winkel unserer Erde (Seiten 14/15)? Was kann ein Berliner Jugendklub in Zeiten tun, in denen es immer weniger offene Türen für Jugendliche gibt (Seiten 16/17)? Unsere Reise wurde bereichert durch die Herzlichkeit von für uns völlig fremden Menschen. Sie haben unsere Reise wertvoller gemacht. Ich könnte auch sagen, ich bin dankbar, dass wir die Autopanne hatten. Sie hat uns die Chance gegeben, dass Türen geöffnet wurden! Ich wünsche ihnen viel Vergnügen beim Lesen! Herzliche Grüße Ihre Nina Kirch Prokuristin / Strategische Leitung SozDia 3 Dossier Das offene Familienhaus Schalten und walten für die Kinder und ihre Familien. Das ist das Lebenselixier von Gérard Leitz. Und so betreut der beliebte Erzieher auch den „Miniclub Farbklecks“ für Kinder in Lichtenberg. Hier legt er Wert darauf, dass der Ort, an dem er arbeitet, ein besonders schöner Ort für die Kinder und Jugendlichen ist. Gérard Leitz, seit wann schlägt Ihr Herz für Kinder? (Lacht) Das ist eine lange Geschichte. Ich bin seit den frühen 1980er Jahren Erzieher. Meine erste Stelle war auf einer Biofarm in Italien mit Menschen mit Behinderung. Die Begleitung dieser jungen Erwachsenen hat mich in meiner inklusiven Haltung sehr geprägt: Alle Menschen sind Teil dieser Gesellschaft und gleichberechtigt. Das wird bis heute dort genauso gelebt. Seit Anfang des Jahres arbeiten Sie hier im Miniclub für Kinder und Familien. Was reizt Sie an dieser Aufgabe? Die Kinder in ihrer Entwicklung zu unterstützen, zu sehen, wo ihre Ressourcen liegen und diese zu stärken. Ich berate auch gern die Familien, damit sie dazu beitragen können, dass die Kinder ihren Weg finden. Eltern haben oft die Vorstellung, dass ihr Kind später studieren muss. Dazu ist nicht jede*r geboren. Ich z.B. bin kein Mathematiker, aber leidenschaftlicher Pädagoge, Musiker, Geschichtenerzähler. Familien kann man dabei unterstützen zu erkennen, wo die Stärken ihrer Kinder liegen, um ihnen ihren Weg zu ebnen. Die Stelle bei SozDia kam Ihnen da gele­ gen. Warum? Ich habe dieses wunderschöne Gelände gesehen, die tollen Räumlichkeiten, ein eigenes Gebäude in Kooperation mit zwei sehr unterschiedlichen Schulen: der katholischen Grundschule Mauritius und der evangelischen Hedwigschule mit ihrem sehr schönen Konzept, das ich mitgestalten darf. Hier fühle ich mich wohl. Mein Team und ich können die Räumlichkeiten so einrichten, wie es sich für eine ergänzende Förderung und Betreuung (EFöB) am besten eignet. Ich nehme den Begriff EFöB, der viel besser als das veraltete Wort „Hort“ passt, sehr ernst. Was meinen Sie damit? Wir arbeiten ergänzend zum Unterricht. Wir verstehen uns als Bildungseinrichtung, die die Impulse der Schulen aufgreift und den Kindern Möglichkeiten bietet, Unterrichtsinhalte zu vertiefen. Beide Schulen sind sehr klein, verfügen nicht über Spezialräume. Diese bieten wir. Es gibt ein Atelier, ein Forscher*innenlabor, Lernräume, einen Snoezelenraum, ein Theaterraum, ein Bauwagen, Turnhalle, Lego- und Leseinseln, aber auch ein sagenhaftes Außengelände, das keine Wünsche offen lässt. Trotzdem ist die Konstellation ja unge­ wöhnlich: Unter dem Dach der Kita ist auch eine Einrichtung für ergänzende För­ derung und Betreuung. Ist das zufällig so, weil die Räumlichkeiten da waren? Nein, nein! Es wurde als Familienhaus geplant. Die Kinder aus der Kita können in den Miniclub wechseln, wenn sie auf eine der beiden Schulen gehen, die von unserem Team in Kooperation begleitet werden. Und am Vormittag kann die Kita die Räumlichkeiten des Miniclubs nutzen. Denn wir sind ja erst ab mittags hier. Ich arbeite daran, dass dieses Haus auch wirklich ein Familienhaus wird. Das führt durchaus auch mal zu Konflikten, für die wir aber immer konstruktive Lösungen finden. Worin besteht die Chance eines solchen Hauses? Unser pädagogisches Konzept beruht auf ergänzender Förderung und Betreuung, nach dem Berliner Bildungsprogram. Wir legen großen Wert auf Erziehungspartnerschaften, d.h. die Familien werden viel in die Entwicklung ihrer Kinder miteinbezogen. Ich informiere die Familien und Kinder regelmäßig per Mail, wir machen Aushänge und ich beantworte jede Mail persönlich. Die Familien können Zeit mit uns verbringen und unsere Tür steht immer offen. Die Resonanz ist fast durchweg positiv und die Kinder freuen sich über „den frischen Wind“, der seit Januar weht. Das merkt man auch daran, dass fast alle Viertklässler*innen im Miniclub bleiben, „weil der jetzt richtig cool ist“. Das war noch im letzten Jahr anders. Viele entscheiden sich für unsere bunten, großzügigen Räumlichkeiten, das vielfältige Angebot. Das ist schon etwas Besonderes. Wie viele Plätze haben Sie? Es gibt zurzeit knapp 70 angemeldete Kinder. Die Plätze wurden jetzt auf 85 erhöht, damit wir für beide Schulen sichere EFöBPlätze gewährleisten können. Das Frühlingsfest 2022 im Miniclub Farbklecks. Foto: Gérard Leitz 4 Das Baumhaus des Miniclubs. Foto: Marco Ruhlig Welche Rolle spielen Glauben und Religion? Ich bin selbst protestantisch aufgewachsen, habe den Jugendclub der katholischen Kirche besucht und bezeichne mich eher als Humanisten. Für mich ist es daher wichtig, die Menschenrechte zu achten und die Kinder darin zu stärken, ihre Rechte (und Pflichten) wahrzunehmen, ganz gleich für welche Religion sich ein Mensch entscheidet. Was heißt das für Ihre Arbeit? Für mich stehen das Kind und die Familie immer im Zentrum. Die Frage ist darum: Was brauche ich, Kind, um von Dir, Pädagoge, gut begleitet zu werden? Foto: Marco Ruhlig Sie arbeiten vom Situationsansatz her. Was heißt das? Dass wir auf die Ressourcen der Kinder achten und die Angebote entsprechend gestalten. Das Ziel unserer Arbeit ist, Kinder darin zu unterstützen, ihre Lebenswelt zu verstehen und selbstbestimmt, kompetent und verantwortungsvoll zu gestalten. Wenn ein paar Kinder Stricken toll finden, schauen wir, wie wir eine Strick-AG organisieren. Andere Kinder sind talentiert in Kalligrafie, so organisiere ich eine Arbeitsgemeinschaft, bei der die Kinder das lernen können, wie auch unsere SkaterAG mit allem, was dazugehört, wie Helm, Schutz und Skateboards. Für die fünften und sechsten Klassen haben wir beispielsweise einen Künstler engagiert, der mit ihnen Graffiti macht. Die Kinder haben direkt „MINICLUB“ auf unser Baumhaus gesprüht, das das Profilbild unseres Instagram-Accounts wurde. Diese Fragen klären wir mit den Kindern in Morgenkreisen, die wir in den Ferien veranstalten oder wir treffen uns in unserem zauberhaften Drachen-Amphitheater, um über wichtige, uns bewegende Themen zu sprechen. Da kommt auch mal zur Sprache, was christlich sein für die Kinder heißt. Wie gehen Sie mit Kindern um, die einen speziellen Unterstützungsbedarf haben? Für sie gibt es Förderschwerpunkte: Ein Beispiel dafür ist, wie wir Kinder unterstützen können, adäquat auf eine Situation zu reagieren. Eine sehr erfolgreiche Unterstützung eines Kindes am Campus Hedwig war ein „Verhaltensvertrag“, den wir mit ihm schlossen. Diesen haben wir gemeinsam mit dem Kind formuliert. Beim Viva Victoria-Fest haben wir den Preis, „Pommes essen“, eingelöst. Wie sich herausstellte, war diese Aktion sehr nachhaltig für das Kind. Das heißt, die Kinder, die zu Ihnen kommen wollen, sind willkommen? Alle! Auch Kinder mit Beeinträchtigungen gehören dazu. Oft sind das kleine Dinge, die aber wichtig sind, ernst genommen zu werden. Wie sieht Ihr persönlicher Tagesablauf aus? Ich bin vormittags in den beiden Schulen Campus Hedwig und St. Mauritius beratend tätig. Ich biete soziales Training an, berate Kinder bei Konflikten, ihre Familien in Erziehungsfragen und das Lehrpersonal bei der Vorbereitung von Gesprächen mit Familien und Fragen zu herausfordernden Kindern. Ich bin regelmäßig mit den beiden Schulleiterinnen dazu im Austausch. Am Nachmittag biete ich mit meinen Kolleg*innen die Betreuung an. Haben Sie ein Beispiel für die Begegnung mit Familien und Kindern, das Ihnen in der letzten Zeit nahegegangen ist? Das oben genannte Beispiel des Kindes ist mir natürlich sehr nahegegangen. Ich freue mich über zufriedene Familien, kleine Geschenke und Briefchen von Kindern. Oder ein Kind steht an meinem Bürofenster, winkt mir zu. Ich stehe auf, gehe an die Tür und es sagt: „Ich wollte dir einfach mal nur winken, weil ich dich mag.“ Das ist einer der Momente, in denen man als gestandener Erzieher feuchte Augen bekommt und der beste Lohn! Gérard Leitz Hat nach seiner Erzieheraus­ bildung zunächst in Italien gear­ beitet. Danach war er in einem Schülerladen in Berlin-Wilmersdorf tätig und in der Schulladen­ bewegung aktiv. Danach wechselte er in die Kinder- und Jugendhilfe mit sehr herausfordernden Kindern. Nach sieben Jahren hat er eine erste Leitungsstelle übernommen, eine Schule und ein Berater*innenTeam maßgeblich mitgestaltet und aufgebaut. Im Hort „Miniclub Farbklecks“ ist er seit dem 1. Januar angestellt. Ne­ ben der Präsenz vor Ort macht er pädagogische Beratung und Sozialtraining für die Mauritius­ schule und Campus Hedwig. Das Gebäude ist seit 2005 in der Hand von SozDia, der Miniclub für die Kinder von sechs bis zwölf Jahren besteht seit 20 Jahren. Interview: Bettina Röder 5 Ich hab da was zu sagen Wenn das Wasser bis zum Hals steht Von der Arbeit der Wohnungsnothilfe der SozDia Stiftung Berlin Das Schicksal der Kinder geht ihr beson­ ders nah. Denn Wohnungslosigkeit be­ trifft junge Menschen mehr als Erwachse­ ne: Sie hinterlässt lebenslange Spuren in den kleinen Seelen. Die Sozialarbeiterin Melanie Rosenau, die seit knapp einem Jahr bei der Wohnungsnotfallhilfe der SozDia Stiftung Berlin arbeitet, ist selbst alleinerziehende Mutter zweier Kinder. Wohl auch darum muss sie an diese junge Mutter mit der anderthalbjährigen Tochter und dem siebenjährigen Sohn denken, die in ihrer Not bei ihr Hilfe suchte. „Kinder geraten ja mit Folgen für ihr ganzes Leben in diese große Verunsicherung“, sagt die Verbundleiterin. Mit ihrer Einrichtung sitzt sie in Berlin-Neukölln. Neben Schöneberg und Köpenick ist hier einer der drei Standorte der Wohnungsnothilfe der Stiftung. Diese wurde 2020 von dem insolventen Träger der „A bis Z Hilfen“ mit allen Mitarbeiter*innen übernommen. Zuvor war die 42-Jährige bei einem großen Wohlfahrtsverband und in der Justizverwaltung tätig. Da kommen ihr wichtige Erfahrungen zugute: „Mir sind einfach Menschen vertraut, die nach einem geschlossenen Aufenthalt in der Vollzugsanstalt eine Wohnung brauchen. Ihr Neustart ins Leben beginnt beim Punkt Null und sie sind neben dem Wohnraum auch dringend auf Beratung angewiesen.“ Und genau darum geht es bei der Wohnungsnotfallhilfe. Ein Arbeitsschwerpunkt von Melanie Rosenau ist das Sozialmanagement. Dazu gehört, dass sie den Sozialarbeiter*innen den Rücken freihält, ihnen gute Arbeitsbedingungen schafft. Sie hat die Verantwortung für elf Beschäftigte in der Wohnungsnotfallhilfe sowie für die Beschäftigten in der Gemeinwesen­ arbeit. 6 „Die Dringlichkeit der Wohnungsnotfallhilfe in Berlin besteht ja darin, dass sogar Menschen, die sozial stark sind, Mühe haben, eine Wohnung zu finden.“ Um wie viel schwerer muss es für jene sein, die das nicht sind? „Die brauchen einfach die Unterstützung, die unsere Einrichtung leistet. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es ihnen ginge, wenn es die nicht gäbe“. Hinzu kommt, dass viele Menschen gar nicht wissen, welche Hilfe sie in Anspruch nehmen können. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit ist der Wohnungserhalt. Dabei geht es darum, Menschen zu unterstützen, denen der Verlust ihrer Wohnung droht: bei Mietschulden etwa, einer Räumungsklage, bei Konflikten mit Nachbarn und vielem mehr. Denn neue Wohnungen sind auf dem Berliner Markt mehr als rar. „Wir profitieren von den SozDia Trägerwohnungen, die teilweise zu einer Zeit erworben wurden, als der Markt noch nicht so angespannt war“, sagt Melanie Rosenau. Heute sei das Geschäft viel schwieriger geworden. „Wir müssen Klinkenputzen“, sagt sie, „und kreative Ideen entwickeln, um an Wohnungen zu gelangen.“ Dem dient auch die Strategie von SozDia-Vorstand Michael Heinisch-Kirch, die darauf gerichtet ist, neue Wohnungen zu schaffen. „Und zwar solche, in denen Menschen mit unterschiedlichster Sozialisation zusammenleben können“, fügt die engagierte Sozialarbeiterin hinzu. Ein kleiner Teil des Teams der Wohnungsnotfallhilfen der SozDia Stiftung Berlin. Marco Wackwitz, Melanie Rosenau, Christian Schaaf und Sven Ulrich (von links nach rechts). Foto: © SozDia Stiftung Berlin Offen für Begegnung Ein Interview zur Wohnungssituation in Berlin mit Michael Heinisch-Kirch Michael Heinisch-Kirch, Vorstandsvorsitzender der SozDia Stiftung Berlin. Wie sehen Sie die aktuelle Wohnungssituation Berlins? Berlin ist attraktiv für Menschen in Deutschland und aus anderen Ländern, auch für Familien. Es gibt Arbeit und Kultur und die Menschen ziehen her. Dadurch gibt es einen erfreulich positiven Wanderungssaldo. Deshalb ist die Stadt in der Verantwortung, steuernd so einzugreifen, dass auch entsprechender Wohnraum zur Verfügung steht. Das wurde in den letzten Jahren durch die Politik auch getan, jedoch war nur ein Teil der Maßnahmen wirksam. Und nun? Wir befinden uns in einer sich potenzierenden schwierigen Lage. Einerseits die Menschen, die mehr Wohnraum brauchen und auf der anderen drei sich überlappende Krisen: die Klimakrise, die Auswirkungen des Krieges in Europa und die COVID19-Pandemie. Welche Konsequenzen hat das für den Wohnungsbau? Das verteuert Instandhaltung und den dringend benötigten Neubau enorm. Die Klimakrise erfordert, dass wir gut gedämmten Wohnraum mit verbesserter technischer Ausstattung bauen. NullEnergiehäuser müssen Standard werden, das verteuert das ohnehin teure Bauen im Vergleich zu Niedrigenergiehäusern nochmals um ca. 25%. Staatliche Fördermittel gibt es dafür kaum. Die Budgets sind so gering, dass die Mittel nach kürzester Zeit vergriffen sind. Also werden neben Bauen auch die Mieten viel teurer. Aber noch schlimmer: Angesichts der aktuellen Krisen steigen die Risiken für Investoren enorm – ich gehe davon aus, dass die Bauwirtschaft in Berlin sukzessive zum Erliegen kommt. Das potenziert wieder den Wohnraummangel. Was heißt das für die SozDia? Die SozDia wird weiterhin Häuser herstellen, die bedürftigen Gruppen oder Wohnungslosen zur Verfügung gestellt werden können. Ich zitiere da gern meine FinanzVorstands-Kollegin, Martina Kablitz, die sagt: „Nicht bauen ist auch keine Lösung.“ Schauen wir zum Beispiel auf das Haus, das die SozDia in der Hauffstraße 6 in der Victoriastadt errichten wird. Hier entstehen vor allem sehr kleine Wohnungen, die für die Wohnungsnotfallhilfe bereitgestellt werden können – würdevolles Wohnen ist auch auf kleinerer Fläche möglich. Welche Rolle spielt dabei das Land Berlin? Das reagiert oft in eine Richtung: Gibt es große Aufgaben, werden diese an wenigen Orten gelöst. Zum Beispiel hatten wir 2015/2016 eine große Zuwanderung durch Menschen mit Fluchterfahrung. Klar war, dass diese auch irgendwann aus den Notunterkünften in eine Wohnung ziehen. Das Land Berlin reagierte darauf mit dem Bau von Modulbauten, wo viele Menschen mit Fluchterfahrungen an wenigen Orten hinter hohen Zäunen konzentriert werden. Dadurch kam es nicht zu einer Integration, sondern zu potentiellen BevölkerungsEntmischungs-Einrichtungen. Kann diese Kombination aus Krisen und Wohnungsmangel den sozialen Frieden in der Stadt gefährden? Ja, das geschieht zurzeit. Die Politik des Senats ist wenig dazu angetan, Integration und soziale Durchmischung strukturell anzulegen. Nun macht das Land Berlin auch vieles richtig. Der Senat nutzt seine eigenen Wohnungsbaugesellschaften – ein großer Anteil Wohnungen gehört dem Land Berlin – um bei Neubauten Quoten für den Sozialen Wohnungsbau vorzusehen. So werden Wohnungen unterschiedlicher Standards gebaut, um die steigenden Baukosten und Mieten irgendwie in ein sinniges Verhältnis zu bringen. Und dann passiert es eben nicht selten, dass die öffentlichen Wohnungsbaugesellschaften dann ein Wohngebiet bauen. Auf der einen Seite bauen sie teure Wohnungen mit hohen Standards, und auf der anderen Seite erfüllen sie ihre Pflicht des sozialen Wohnungsbaus. Zu einer Durchmischung der Bevölkerung kommt es so nicht. Wie kann dann soziale Durchmischung zukünftig gelingen? Stadtentwicklung und die Durchmischung der Bevölkerung – diese sehe ich als Voraussetzung für die Entwicklung sozialen Friedens in der Stadt, die passieren nicht von allein. Es muss Scharniere geben, zum Beispiel in Form von Begegnungsstätten. Anlaufpunkte, die sowohl für die eine als auch die andere Bevölkerungsgruppe attraktiv sind. Durch Begegnung kann das Zusammenleben in der Stadt funktionieren. Es gibt bereits richtige Ansätze, jedoch viel zu wenige. Zum Beispiel Quartiersmanagement, ein super Ansatz – greift aber erst, wenn ein bestimmter Grad an Problemen vor Ort entstanden ist. Oder das Programm BENN des Berliner Senats (siehe Seiten 8/9 in diesem Heft, Anm. d. Redaktion). Für zwei dieser Standorte übernimmt die SozDia bereits Verantwortung. Erst werden Menschen mit Fluchterfahrung in modularen Unterkünften konzentriert, und dann schafft man durch neue Projekte, wie Quartiersmanagement oder BENN, die Brücken zwischen Menschen mit Fluchterfahrung und der dort bereits lebenden Bevölkerung. Das machen sie auch und das finde ich total richtig. Die Stadtteil- und Gemeinwesenarbeit leistet hier einen wesentlichen Beitrag. Das versuchen wir als sozialdiakonische Trägerin voranzutreiben und schaffen Begegnungsstätten, in die wir die Menschen aus den Stadtteilen einladen und Türen öffnen. Ich bin der Überzeugung, dass Stadtentwicklungs- und Gemeinwesenprojekte anders, als so häufig in der gegenwärtigen SenatsPolitik betrieben, nicht erst als Reaktion auf Probleme oder Schwierigkeiten entstehen sollten. Sie sollten ihre Wirkung schon als Partner*innen bei der Entwicklung gesunder Stadtquartiere entfalten. Interview und Foto: Marco Ruhlig 7 Gemeinsam Offenheit Gestalten „WIR WOLLEN LEUCHTTURM Die neuen Nachbar*innen in Berlin-Wartenberg Ziemlich öde liegt der Platz vor dem S-Bahnhof Wartenberg in der Sommerson­ ne. Lediglich eine City-Toilette gibt es. Das ändert sich jeden Dienstag und Donners­ tag. Dann stehen Hanna, Jana und Ruslan in ihren grauen T-Shirts mit dem Aufdruck BENN hier. Ein ballongeschmücktes Lastenrad, zu einem Café umfunktioniert, lädt die Vorübergehenden ein. Snacks und Getränke werden angeboten und eine Brotdose. „Wer mag, kann die gegen eine Kiezgeschichte tauschen. Das funktioniert recht gut“, freut sich Hanna Neuling. „Die meisten erzählen uns dann über ihren Kiez: Wo sie ein gutes Brot kaufen können, wo ihre Lieblingsorte sind, welche Orte sie meiden, weil sie dunkel sind.“ Und auch die Frage, was Du verändern würdest, wenn du Bürgermeister*in von Wartenberg wärst, kommt gut an, lacht die 37-Jährige. Nicht nur der Platz belebt sich, 8 auch manche Bekanntschaft wurde hier schon geschlossen zwischen Menschen, die sich sonst nie begegnen. „Berlin entwickelt neue Nachbarschaften“, kurz BENN, heißt das Programm des Berliner Senats, das es inzwischen an 16 Standorten gibt. Zwei davon werden von der SozDia Stiftung Berlin unterhalten: in Hohenschönhausen Nord und seit Anfang des Jahres auch im nur zehn Minuten entfernten Wartenberg. Doch nicht nur hier am S-Bahnhof bringt BENN die Kiezbewohner*innen miteinander ins Gespräch. Ein Nachbarschafts-Café im Grünen lädt jeden Mittwoch ein. Selbstgebackenes wird dann serviert, kalte Getränke mitgebracht. In dem großen Garten vor dem Jugendklub mit dem Wellblechdach, in der BENN bis zur Renovierung im Herbst residiert, trifft sich dann Jung und Alt. Neu Hinzugezogene wie auch Alteingesessene und auch Menschen aus der nahen Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete kommen her, genießen die Gemeinschaft. An einem Ort, wo es sonst weit und breit kein Café gibt. Auch die weit über 70-Jährige Annemarie hat dank BENN schon eine für sie so kostbare Freundschaft geschlossen: mit der 24-jährigen Yorsalem aus Eritrea. Für beide ein großer Gewinn: Yorsalem versteht durch Annemarie die deutschen Nachbar*innen viel besser und Annemarie, die seit Menschengedenken hier in der Platte wohnt, hat so manches Vorurteil abgebaut. Hatte sie doch nie zuvor Gelegenheit, mit Geflüchteten zu sprechen. Gemeinsam haben die beiden dann mit vielen Gästen die Taufe des kleinen Sohnes von Yorsalem in der Kirche von Wartenberg gefeiert. Gemeinwesenarbeit in Hohenschönhausen Süd im Wandel SEIN“ „Was für ein schönes Fest das war“, erinnert sich Hanna Neuling gern. Aus den vielen Gesprächen mit den Kiezbewohner*innen, so berichtet sie, ergab sich aber auch der Wunsch nach Sport. Viele Frauen berichteten von Rückenschmerzen und so war auch bald eine Yoga-Lehrerin gefunden, die wöchentlich einen Kurs anbietet. Aber auch für jede Menge Beratung steht BENN in Wartenberg: bei Fragen der Sozialbetreuung etwa, wenn es um die Betriebskostenabrechnung oder den Kita-Gutschein geht. Wenn jemand sein Deutsch verbessern möchte, wird ihm ebenso geholfen wie bei persönlichen Problemen. Und auch beim Sommer-Kiezfest am Malchower See war BENN mit von der Partie. „Die Gemeinwesenarbeit ist im Wan­ del und die mobile Stadtteilarbeit in Hohenschönhausen Süd geht neue Wege, um die Menschen im Kiez zu erreichen,“ sagt Andrea Heuer. Für die vier hier angestellten Frauen ist das eine besondere Herausforderung. „Wir öffnen vor Ort unsere Türen in Wartenberg“, sagt Hanna Neuling, die sich gemeinsam mit ihrem Team schon auf die renovierten Räume im Herbst freut. Am 14. September ist Eröffnung. Vor ihrer Arbeit bei der SozDia war die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin in der Entwicklungszusammenarbeit tätig, hat Kampagnen in fernen Ländern organisiert. „Dann hatte ich irgendwann den Wunsch, vor Ort zu wirken, in Berlin, der Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen bin.“ Sie ist überzeugt: „Auch wenn wir nicht gleich die ganze Welt verändern können, ein Leuchtturm sind wir allemal.“ Bettina Röder „Unterwegs in Hohenschönhausen Süd“ ist mobiler als ein klassisches Stadtteilzentrum. Die Mitstreiterinnen arbeiten kiezübergreifend an und zwischen den beiden Standorten Interkultureller Garten/NEO (Natur.Erfahrungs.Ort) und Stadt­ teilzentrum Campus Hedwig. Das Ziel ist es, neue Wege zu finden, um in Kontakt mit den Menschen aus dem Bezirk zu treten und Angebote zu entwickeln, die dem Bedarf und den Interessen der Bürger*innen im Kiez entsprechen. Finanziert durch das Infrastruktur­ förderprogramm des Senats ist am 01. März 2021 die mobile Stadtteil­ arbeit „Unterwegs in Hohenschön­ hausen Süd“ gestartet. Zu den neun Einrichtungen der Gemeinwesenarbeit in der SozDia Stiftung Berlin gehören neben den beiden BENN-Standorten, u.a. das Begegnungszentrum alte schmiede und das iKARUS Stadtteilzentrum in Lichtenberg. Linke Seite: Das Team im neuen BENN-Wartenberg: Ruslan, Hanna und Jana (von links nach rechts). Fotos: © BENN-Wartenberg 9 bei sozdia vor ort Was gibt es Neues? Text und Zusammenstellung: Katrin Spiess Frühlingsempfang 2022 – Jugendpartizipation und Identität Am 17. Mai fand der Frühlingsempfang der SozDia zum Thema Ju­ gendpartizipation und Identität statt. Rund 100 geladene Gäste aus den Bereichen Kirche, Diakonie, Politik, Gesellschaft und der Stiftung kamen in das Stadtteilzentrum alte schmiede und nutzten die Veran­ staltung zum fachlichen und geselligen Austausch. Neben einem Im­ pulsvortrag von Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für po­ litische Bildung, gab es auch Redebeiträge von Jugendlichen aus dem Jugendklub Linse, dem Jugendwohnhaus, dem Ausbildungsrestaurant „Am Kuhgraben“ und dem Miniclub Farbklecks. In den Beiträgen und der Podiumsdiskussion wurde deutlich, wie wichtig die Selbstermäch­ tigung von Jugendlichen ist und dass es an uns ist, Ihnen dafür Räume und Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Foto: Stephan Jung 25 Jahre Ausbildungsrestaurant „Am Kuhgraben“ Mit einer Fotoausstellung, Showcooking und geladenen Gästen hat das Ausbildungsrestaurant „Am Kuhgraben“ am 29. Juni sein silbernes Jubiläum gefeiert. Seit 1997 wird jungen Menschen mit erschwerten Zugangsvoraus­ setzungen eine berufliche Ausbildung und Qualifizierung unter sozialpä­ dagogischer Begleitung ermöglicht. In einer Talkrunde mit aktuellen und ehemaligen Auszubildenden berichteten diese über ihre Erfahrungen. Wie die 18-jährige Xena: „Die Motivation im Team und die Begegnung mit den Gästen schätze ich sehr. Die Arbeit im Kuhgraben bringt mir großen Spaß.“ Warme Worte und Glückwünsche gab es unter anderen von Burhan Cetinkaya, Leiter der Wirtschaftsförderung Lichtenberg. „Die SozDia Stiftung setzt seit vielen Jahren wichtige Akzente. Seit 25 Jahren bereitet sie den Jugendlichen Mög­ lichkeiten und Perspektiven und ist dabei experimentierfreudig, freundlich und traditionsbewusst. Mit dem Kuhgraben hat sie einen Ort geschaffen, an dem Familie, Freunde und Nachbarn zusammenkommen.“ Foto: Stephan Jung SozDia Sommer der Nachhaltigkeit Der Sommer steht in diesem Jahr in der SozDia im Zeichen der Nachhaltigkeit. In der Auftaktveranstaltung am 21. Mai machten sich Teilnehmer*innen aus dem Familien.LEBEN, dem Jugendklub Rainbow sowie der Jungen Gemeinde der PaulGerhardt-Kirchengemeinde Lichtenberg beim „Bike and Repair“-Workshop daran, Fahrräder für die Sommersaison flott zu machen. Anschließend wurde im Juni beim diesjährigen Berliner STADTRADELN kräftig in die Pedale getreten. Das Team SozDia hat unter den rund 1.800 teilnehmenden Teams mit 10.078 zurückgelegten Kilometern den 83. Platz belegt. Vielfältige Umweltbildungsakti­ onen in Einrichtungen der SozDia rundeten den Monat der Nachhaltigkeit ab. Das Abschlussfest, mit einem Flohmarkt, Bühnenprogramm und verschiedenen Work­ shops, findet am 17. September von 11 bis 17 Uhr auf der Freifläche neben der alten schmiede statt. Kommen Sie gerne vorbei! Foto: © SozDia 10 Schließung der Kids Corner im Berliner Hauptbahnhof Drei Monate lang fungierte die von der SozDia betriebene Kids Corner im Berliner Hauptbahnhof als erste Anlaufstelle, Ruhepol und Schutzort für aus der Ukraine ankommende Mütter und Kinder. Inzwischen haben sich die Hilfsangebote professionalisiert und die Strukturen, auf welche die Ankommenden stoßen, sind erprobt. Das provisorische Betreuungsangebot konnte deshalb planmäßig zu Ende Juni geschlossen werden. Wir werden bei der SozDia Angebote für Menschen mit Fluchterfahrung weiter ausbauen und dabei die Chancengleichheit der Geflüchteten besonders im Blick haben. Foto: SozDia Das 22. Viva Victoria in der Victoriastadt Was war das für eine grandiose Stimmung unter den rund 9.000 Besucher*innen, als nach zwei Jahren endlich wieder das Viva Victoria gefeiert werden konnte! Am 14. Mai schlenderten etwa doppelt so viele Besucher*innen wie noch 2019 von Stand zu Stand, ließen sich Smoothies, Zuckerwatte und Eis schmecken, bastelten und spielten oder powerten sich auf der Hüpfburg aus. Es wurde gemeinsam gelacht, getanzt und ausgelassen vor der Bühne gefeiert. Die positive Energie und freudige Stimmung war überall auf der Pfarrstraße zu spüren. Entlang der 25 Meter langen Entenrennbahn wurde mitgefiebert und lautstark angefeuert. 1.400 Enten sind inner­ halb von vier Stunden an den Start gegangen. Foto: Stephan Jung Zeugnisausgabe in der Grundschule Am 6. Juli haben die ersten 11 Schüler*innen unserer Grundschule Campus Hedwig ihre Zeugnisse erhalten und ihr erstes Schuljahr ab­ geschlossen. Ein spannendes Jahr geht damit für die erste Lerngruppe der neuen Grundschule zu Ende. Die Freude über die Zeugnisse und die Vorfreude auf die Sommer­ferien war riesengroß. Foto: Stephan Jung Neues Projekt „Horizonte“ in Lichtenberg Nach dem Erfolg des Vorläufer-Projekts Horizonte von 2019 bis März 2022 haben wir die Aus­ schreibung für Horizonte Lichtenberg mit verändertem Konzept erneut gewonnen. Seit April werden junge Erwachsene von einem Team aus Pädagog*innen, Psycholog*innen und fachli­ chen Anleiter*innen auf ihrem beruflichen sowie persönlichen Werdegang begleitet. In dem sechs- bis zwölfmonatigen Programm gilt es, ihre Interessen und Stärken gemeinsam heraus­ zufinden und daraus Berufsziele zu entwickeln. Hierfür werden den jungen Menschen unter anderem praktische Einblicke in verschiedene Berufsfelder ermöglicht. Den Jugendlichen wird zudem angeboten, Module des sogenannten „Wohnführerscheins“ zu absolvieren – ein Projekt, um junge Menschen auf ihr erstes Mietverhältnis vorzubereiten. Ergänzt wird das Angebot seit kurzem durch die neue Fahrradwerkstatt in der Wartenberger Straße. Foto: Marco Ruhlig 11 PRO Foto: Karoline Wolf Pro und Contra: Türen auf für alle Geflüchteten? Mike Schubert ist Oberbürgermeister von Potsdam. Er koordiniert die Aktion „sichere Häfen“, die sich für die Aufnahme aller in Seenot geratenen Geflüchteten stark macht. Reicht es, bedingungslos die Türen für alle Geflüchteten zu öffnen? JA! Wir wollen nicht länger auf die Politik warten, wir wollen ein Zeichen setzen. Wir wollen nicht länger auf die Politik war­ ten, wir wollen ein Zeichen setzen. Integrationsarbeit wird allzu oft allein auf den finanziellen Aspekt reduziert. Potsdam gehört dem Bündnis „sichere Häfen“ aus inzwischen 117 Kommunen an, die bereitstehen, Schutzsuchende aufzunehmen. Und zwar bedingungslos für alle Flüchtlinge. Die Stadt hat die Koordination dieser Initiative übernommen. Denn wir sind überzeugt: Für alle Flüchtlinge, nicht nur die aus der Ukraine, braucht es jetzt eine Lösung. Aus meiner Sicht könnte die Initiative ein Baustein sein, die festgefahrene Flüchtlingspolitik in Europa neu zu denken. Ich hoffe, dass wir die Städte in Europa, die sich aufnahmebereit erklären und Kontingente zur Verfügung stellen, mit dem Vorstoß bestärken. Das Prinzip der Freiwilligkeit muss bei der Flüchtlingspolitik mehr in den Fokus rücken. In Deutschland und auch in Europa wird bei der Aufnahme von Flüchtlingen sehr viel über Obergrenzen und sehr wenig über den Modus der Verteilung vor Ort gesprochen. Aufnahme- und Integrationsmöglichkeiten werden nicht als zusammengehörende Aufgaben verstanden. So gibt es auch aufnahmebereite Städte in Ländern wie Polen, denen sich die nationale Administration derzeit in Sachen Flüchtlinge verweigert. Auch solche Städte könnten mit der Initiative gestärkt werden. So kommt es, dass die Aufnahme von Geflüchteten noch immer als alleinige Aufgabe des Bundes definiert wird, obwohl verschiedene Ebenen – in Deutschland also Bund, Länder und Kommunen – bei der Integration zusammenwirken müssen. 12 „Wir haben Platz.“ Mit diesem Motto zahlreicher Demonstrationen wollen die Städte im Bündnis „sichere Häfen“ vorleben, dass die Aufnahme der Geflüchteten nicht an irgendwelchen Obergrenzen scheitern muss. Wir fordern die Regierung auf, dafür endlich grünes Licht zu geben. Zitate von der Redaktion zusammengestellt contra Mehr als 100 Millionen Menschen weltweit sind laut den Vereinten Nationen auf der Flucht. Allein der Krieg in der Ukraine zwang 14 Millionen dazu, ihr Zuhause zu verlassen. Wir haben in unserem Pro und Contra zwei Stimmen, die sich engagiert für die Aufnahme der Geflüchteten und eine veränderte Flüchtlings­ politik einsetzen – auf unterschiedlichem Wege. NEIN! Denn so wünschenswert das ist: Da muss vorher noch viel bei der Politik, den Behörden und in unserem Bewusstsein passieren. So wichtig die Städte-Initiative „sichere Häfen“ angesichts der vielen Bootsflücht­ linge ist, die Realität steht ihr leider im Wege. Es muss sich in der Politik, bei den Behörden und auch im Bewusstsein der Bevölkerung Grundsätzliches ändern, damit Integration von denen, die aus fernen Ländern zu uns kommen wollen, auch gelingen kann. Vorausgesetzt natürlich, dass sie sich klar definierten Regeln stellen und unsere Werte teilen. Ich begrüße darum die Willkommenskultur, wie sie von den Städten mit der Initiative „sichere Häfen“ angeregt wird. Aber man muss dabei sehen, inwieweit Gesetzgebung und Verfahrensdauer, aber auch das Verhalten der Behörden eine solche Kultur ausbremsen. Die Wirklichkeit: Da ist zum einen das restriktive Verhalten der Politik. Es besteht darin, dass die Behörden nicht so ausgestattet sind, dass sie erfolgreich die Anträge auf Asyl bearbeiten können. Erich Bonert ist Unter­ nehmer und Stiftungs­ ratsvorsitzender der SozDia Stiftung Berlin. Er ist förderndes Mitglied bei Amnesty Internatio­ nal und PRO ASYL. Ich habe da Darmstadt vor Augen. Dort hat der Regierungspräsident an tausende von Antragstellern Briefe verschickt mit der Mitteilung, dass ihr Antrag auf Asyl bzw. Einbürgerung derzeit nicht bearbeitet werden kann. Zudem gibt es eine Menge an Hürden, was den Aufenthaltsstatus und die Arbeitserlaubnis angeht. Die Wartefrist für eine Einbürgerung liegt zurzeit bei acht Jahren, die Koalition will das auf fünf Jahre herabsetzen. Das ist Symbolpolitik. Stellen wir uns vor, welche Antragsflut dann auf die ohnehin überforderten Behörden zukommt. Wir hätten überall DarmstädterVerhältnisse! Zumal es vielerorts bis zu zwei Jahre dauert, ehe man für einen solchen Antrag überhaupt einen Termin bekommt. Schauen wir auf die 90er Jahre, als Volker Rühe, Generalsekretär der CDU, ganz klar seine Politik mit dem Schlagwort betrieben hat „Das Boot ist voll“. 1993 dann wurde das Grundgesetz im Blick auf das Asylrecht einschneidend geändert – mit den Stimmen von CDU, FDP und SPD, nicht mit denen der Bündnisgrünen. Seitdem ist es nicht mehr möglich, sich erfolgreich auf das Grundrecht auf Asyl zu berufen, wenn man aus einem Drittstatt kommt. Das war der Sündenfall gegen das Grundgesetz. Es verwundert daher auch nicht weiter, dass wir – obwohl wir de facto seit Jahrzehnten ein Einwanderungsland sind – kein Einwanderungsgesetzt wie Kanada oder die USA haben. So jedenfalls sieht es in Berlin aus. Und die Verfahren selbst dauern dann noch einmal zwei Jahre. Acht zu vier Jahren: da braucht man schon ein gutes Durchhaltevermögen. Das alles ist kein Zufall. Denn beim Thema Integration bestehen in Deutschland sehr große Vorbehalte. Und das hat ja seine Geschichte – bis in die jüngste Zeit. Wie kann Integration heute gelingen? Natürlich brauchen wir auch dafür ein anderes Klima, aber man darf den Menschen auch nicht nur Knüppel zwischen die Beine werfen. Wir brauchen eine veränderte Stimmung, so eine Art Willkommenskultur für alle, nicht nur die Menschen aus der Ukraine. Das müsste viel mehr diskutiert und in die Köpfe und Herzen der Verantwortungsträger gebracht werden, von denen ich auch erwarte, dass sie meinungsbildend vorangehen. 13 Nachgefragt Menschenrechtsorganisation „PRO ASYL“: enorm hohe bürokratische Hürden, zu wenig Personal und massive Ignoranz behindern aktuell Gleichbehandlung von Geflüchteten in Deutschland. Fragen an den Geschäftsführer Günter Burkhardt. Foto: Shirin Shahidi „GLEICHE RECHTE FÜR ALLE GEFLÜCHTETEN“ Günter Burkhardt PRO ASYL engagiert sich, wie viele ande­ re, für Flüchtlinge aus der Ukraine und Belarus. Was sind Ihre speziellen Schwerpunkte? Wir bieten Geflüchteten, die sich an uns wenden, individuelle Beratung. Menschen, die besonders dringend auf juristische Hilfe angewiesen sind und sich keinen Anwalt leisten können, unterstützten wir über unseren Rechtshilfefonds – unabhängig von der Nationalität. Ein Schwerpunkt unserer Arbeit mit Blick auf Geflüchtete aus der Ukraine, Belarus und Russland liegt bei Kriegsdienstverweigerung und Desertion. Wir kooperieren dabei mit dem Verein Connection e.V. und finanzieren ein Beratungsprojekt für Deserteure und Kriegsdienstverweigerer aus den drei genannten Ländern. Was konnten Sie erreichen? Wir freuen uns, dass das Bundesinnenministerium einen Teil unserer Forderungen, die wir im März in einem Appell an den Bundestag veröffentlicht haben, aufgegriffen hat: Mitte Mai hat es russischen Deserteuren Schutz zugesichert. Die Ankündigungen greifen allerdings zu kurz, denn von dieser Schutzzusage ausgenommen sind Kriegsdienstverweigerer. Es ist ein untragbarer Zustand, dass Menschen, die sich rechtzeitig den Rekrutierungen zu Militär und Krieg entziehen, von der Regelung ausgeschlossen werden. Außerdem fehlt ein klares Bekenntnis der Bundesregierung zum Menschenrecht auf Kriegsdienstverweigerung, gerade bezüglich der Ukraine. haltsstatus gewährt, Sozialleistungen garantiert und ihnen direkt ermöglicht, eine Arbeit aufzunehmen. Das alles ist richtig und wichtig – sollte aber nicht nur für Geflüchtete aus der Ukraine gelten, sondern für alle, die vor Krieg, Terror und Verfolgung fliehen. Doch den meisten Geflüchteten ist das leider nicht vergönnt. Sie dürfen die erste Zeit in Deutschland nicht aus der Erstaufnahmeeinrichtung ausziehen, erhalten je nach Nationalität keinen Zugang zu Integrationskursen, werden mit Wohnsitzauflagen und Arbeitsverboten gegängelt. Viele von ihnen müssen lange auf Entscheidungen über ihren Asylantrag warten oder letztlich sogar eine Abschiebung fürchten. PRO ASYL fordert deshalb gleiche Rechte für alle Geflüchteten. Wie sieht deren rechtliche Situation aus? Deutsche Behörden und Gerichte stellen in Asylverfahren erfahrungsgemäß sehr hohe Beweisanforderungen an Deserteure oder Kriegsdienstverweigerer. Gefordert werden etwa Einsatzbefehle, die anstehende völkerrechtswidrige Handlungen belegen – was in der Praxis schier unmöglich zu erbringen ist. Sie haben immer wieder die Ungleichbe­ handlung der Geflüchteten in Deutsch­ land kritisiert. Worum geht es? Europa zeigt seit Kriegsausbruch in der Ukraine eindrucksvoll, dass es in der Lage ist, große Fluchtbewegungen zu bewältigen. Politisch wird den ukrainischen Geflüchteten vieles erleichtert: So gibt es einen EU-Ratsbeschluss, der ihnen einen Aufent- Ihre Organisation dokumentiert aktuell Menschenrechtsverletzungen gegenüber Schutzsuchenden an der polnisch-belarus­ sischen Grenze. Warum? Die Brutalität, mit der Schutzsuchende aus Afghanistan, Syrien, dem Irak oder dem Jemen von belarussischen und polnischen Grenzbeamten abgewiesen, inhaftiert und verprügelt werden, ist erschreckend. Selbst Kinder werden mit Pfefferspray angegriffen, schwangere Frauen erleiden Fehlgeburten, weil sie keine medizinische Hilfe erhalten, Männer werden traumatisiert, ganze Familien vollkommen dehydriert und geschwächt aufgefunden. Es ist eine Zone der Rechtlosigkeit. Das einzige Hoffnungszeichen sind polnische Zivilist*innen und Organisationen, die helfen, wo sie können, und dafür selbst Repressionen in Kauf nehmen. Leider wird kaum noch berichtet, obwohl weiterhin Menschen im Grenzgebiet festsitzen, an der Grenze sterben oder von Polen monatelang in gefängnisähnliche Lager gesteckt werden. Viele der Menschen, die es dann doch in die EU schaffen, suchen in Deutschland Schutz. Die massive Gewalterfahrung auf der Flucht findet in Deutschland jedoch keine Beachtung. PRO ASYL geht dem Umgang deutscher Behör- Demonstration im Mai 2022 in Berlin 14 Zum Appel von PRO ASYL Protestaktion für Familien­ nachzug, Mai 2021 in Berlin den mit den Schutzsuchenden nach und arbeitet die Rechtsverletzungen auf, die sie auf der Flucht erleben mussten. Griechenland ist oftmals die Endstation für viele Schutzsuchende. Die Staaten der EU sehen dem Elend zu. PRO ASYL untersucht aktuell die Situation. Mit welchem Ziel? Wir sind seit vielen Jahren in Griechenland aktiv und haben mit unseren lokalen Partner*innen eine eigene Organisation gegründet, Refugee Support Aegean. Unser Team unterstützt Schutzsuchende dabei, in einer Situation systematischer Entrechtung und Verelendung zu ihrem Recht zu kommen und dokumentiert die Situation vor Ort. Ein Schwerpunkt unserer Arbeit liegt auf strategischen Klagen vor griechischen und europäischen Gerichten. Häufig geht es darum, den Menschen überhaupt Zugang zu einem Asylverfahren zu ermög- lichen, weil sie von griechischen Beamten rechtswidrig und auf brutale Weise an der Grenze zurückgewiesen werden oder pauschal behauptet wird, dass die Türkei für sie sicher sei. Immer wieder haben Sie auf die Men­ schenrechtssituation in Afghanistan hin­ gewiesen und von der Bundesregierung einen besseren Schutz der Menschen gefordert. Was konkret sind Ihre Forde­ rungen? Die Bundesregierung lässt weiterhin viele Menschen in Afghanistan im Stich. Wir unterstützen zum Beispiel Afghan*innen, die für ein Polizeiprojekt der deutschen GIZ (Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, Anmerkung der Redaktion) gearbeitet haben, doch aufgrund ihrer Vertragsform nicht als Ortskräfte anerkannt werden – obwohl sie von den Taliban bedroht werden. Besuchen Sie für weiterführende Informationen zu der Arbeit von PRO ASYL und dem Projekt REFUGEE SUPPORT AEGEAN www.proasyl.de und www.rsaegean.org Diese Ortskräfte-Definition gehört erweitert. Außerdem muss, wer für Deutschland gearbeitet oder sich als Journalistin, Anwalt oder Menschenrechtsverteidiger in Gefahr gebracht hat, schnell und unbürokratisch aufgenommen werden. Auch der Familiennachzug muss beschleunigt werden. Wenn etwa ein afghanischer Familienvater in Deutschland Asyl erhalten hat, hat er ein Recht darauf, dass seine Frau und minderjährigen Kinder zu ihm ziehen. In der Praxis wird das aber ausgehöhlt, unter anderem weil es zu wenig Personal in den zuständigen deutschen Auslandsvertretungen gibt und die bürokratischen Hürden enorm hoch sind. Die Folge ist, dass Familien jahrelang voneinander getrennt sind – verzweifelt, voller Angst und Sorgen. Fragen: Bettina Röder Fotos: © PRO ASYL PRO ASYL auf einer Demo des Bündnisses Unteilbar, Frühjahr 2021 15 neues aus der SozDia DIE GUTEN SACHEN Jugendarbeit braucht mehr Unterstützung Beziehungsarbeit bildet den Kern der offenen Jugendarbeit, die aber durch viele Herausforderungen erschwert ist. Wir haben Magnus M. zu seinen Erfahrungen im Arbeitsalltag im SozDia Jugendklub TUBE befragt. Welche das sind, darüber berichtet er im Interview. Schon während seiner Ausbildung zum Erzieher hat er zwei Praktika im Jugendklub TUBE absolviert. Seit 2021 arbeitet er dort als Erzieher und lernt täglich die Lebenswelten und unterschiedlichen Problematiken von Kindern und Jugendlichen kennen. Magnus, welche Herausforderungen siehst Du bei Deiner täglichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen? Die größte ist Beziehungsarbeit. Du musst eine Beziehung zu den Kindern und Jugendlichen aufbauen, damit sie mit dir auch ihre Probleme teilen. Nur so kann ich ihre Stärken und Interessen erkennen. Erst dann kann ich sie auch dahingehend unterstützen und fördern. Die meisten gehen ziellos durch das Leben und empfinden Erwachsene und Schule als nervig. Dann kommen sie zu uns, und wir sollen es besser machen. Was ist Deiner Meinung nach wichtig an der Arbeit in Jugendklubs und warum sind sie gesellschaftlich relevant? Jugendliche suchen uns nicht ohne Grund auf. Manche können oder wollen nicht Zuhause sein. Wenn es uns nicht gäbe, wäre die einzige Alternative die Straße. Und wenn sie da nicht hinwollen oder eine Pause davon brauchen, sind sie bei uns. Wir sind eine Art Auffangort, für Jugendliche, die keinen Mist bauen wollen. Wir sind eine Art Auffangort, für Jugendliche, die keinen Mist bauen wollen. Ihr betreibt also Prävention? Auf jeden Fall. Wir können aufzeigen, welche Konsequenzen bestimmte Handlungen nach sich ziehen und leider auch die Zukunft verbauen können. Ich habe oft das Gefühl, vielen erstmal zeigen zu müssen, dass das Leben wirklich lebenswert ist. Woher kommt diese Einstellung? Die meisten kommen nicht aus den reichsten Verhältnissen. Manche sehen, was alle anderen haben und wünschen sich das dann auch für sich. Der Bildungsstand ist aber manchmal nicht so hoch, dass sie das selbst mit ihrem Wissen erreichen können. Oft scheint dann Beschaffungskriminalität als einzige Möglichkeit. Viele Kinder- und Jugendliche, die Probleme haben flüchten sich in Drogen. Und wie kommen sie an die? Durch Beschaffungskriminalität. Bist Du damit öfter in deiner täglichen Ar­ beit konfrontiert und wie könnt Ihr helfen? Wir haben jeden Tag Jugendliche bei uns, die Drogen konsumieren. Das sind oft 14 bis 20-Jährige. Wir sind oft eine erste Station, die versucht aufzuklären, bevor sie richtig abhängig sind. Wir setzen an, bevor sich eine Sucht entwickelt und sie in ein Loch fallen. Wir können ihnen zeigen, Der Jugendklub TUBE in Berlin-Lichtenberg (Fennpfuhl). 16 SIND NIE EINFACH dass sie vieles erreichen können und sich nicht in Drogen flüchten müssen. Natürlich kann ich nicht garantieren, dass wir immer erfolgreich dabei sind. Aber wir können ihr Bewusstsein für Dinge schärfen, über die sie vielleicht gar nicht mit ihren Eltern sprechen. Manche Eltern wissen oft nichts davon oder haben keinen Ansatz, wie sie in dieser Situation mit ihren Kindern arbeiten können. Und das fangen wir auf. Wir wollen, dass sie wissen, dass es jemanden gibt, an dem sie sich orientieren, dem sie ihre Probleme, Sorgen und Ängste anvertrauen können. Gibt es Deiner Meinung nach in Berlin aus­ reichend Einrichtungen, die das leisten? Nein, leider nicht. Ich habe beispielsweise von anderen Jugendklubs gehört, dass sie Jugendliche, die unter Drogeneinfluss stehen, wegschicken. Für sie steht die Tür dann nicht offen. Ich setze mich sehr dafür ein, dass wir das in der TUBE nicht so machen. Wir müssen trotzdem versuchen, eine Beziehung aufzubauen und verstehen, warum sie Drogen nehmen. Erst dann kann man langsam anfangen, dem entgegenzuwirken. Ich kann nicht davon ausgehen, dass ein Jugendlicher damit aufhört Drogen zu nehmen, nur weil er gern in den Jugendklub möchte, ohne eine Beziehung aufgebaut zu haben. Genau für sie gibt es zu wenige Institutionen und da passiert zu wenig. Was heißt das? Wir brauchen mehr Suchtberater*innen und Fortbildungen für Mitarbeiter*innen. Wir brauchen quasi mehr Geld, um auch Mitarbeiter*innen bezahlen zu können. Dadurch wäre es einfacher möglich, in eine „Eins-zu-eins“-Betreuung zu gehen. Erst wenn wir eine Beziehung aufgebaut haben, können wir ein Beratungsangebot machen. Das können wir aber nicht leisten, weil ich meine Kolleg*innen nicht allein lassen kann, wenn sie grad 20 oder mehr Kinder und Jugendliche im freien Bereich begleiten. Ich kann also gar nicht so intensiv mit einzelnen arbeiten, weil es einfach nicht möglich ist. Meistens bleiben dafür nur zehn Minuten. An welcher Stelle kann angesetzt werden, um diese Situation zu verbessern? Kann die SozDia da noch mehr machen? Ich denke, die SozDia macht da schon so viel, wie es geht. Ich habe immer das Gefühl der Berliner Senat hat eine bestimmte Vorstellung davon, was wir in Jugend- und Freizeiteinrichtungen machen sollen, versteht aber nicht, was wir wirklich machen. Es wird sich oft eine Messbarkeit der Ergebnisse von Angeboten gewünscht. Man sieht aber selten, ob ein Angebot bei einem Jugendlichen etwas erreicht hat. Inwiefern? Manche kommen erst drei Wochen später auf dich zu und sagen, wie cool sie da etwas fanden. Da sehe ich unsere Wirksamkeit. Wir müssen uns an der Lebenswelt der Jugendlichen orientieren und nicht daran, was sich der Senat wünscht, was wir aus Jugendlichen machen sollten. Wir arbeiten viel niedrigschwelliger als es die Angebotsstrukturen vorsehen. Jugendliche sind darüber hinaus auch sehr sprunghaft in ihren Interessen. Wenn ich etwas mitbekomme, kann ich da ansetzen und darauf eingehen. Wenn sie es verstehen, ist das gut. Wenn sie es umsetzen ist es noch viel besser. Es sollte einfach mehr Jugendklubs geben. Magnus M. ist Erzieher im Jugendklub TUBE der SozDia. Foto: Marco Ruhlig Interview: Marco Ruhlig 17 Auf ein Wort Erleichterung für Herz und Seele Den einen fehlt die Zeit, anderen die richtige Sprache und manche hören gar nicht zu. Über die Ursache von Missverständnissen, zugeschlagenen Türen und wie es auch anders gehen kann. Wenn Beate Mitzscherlich an ihre Bera­ tungen denkt, geht ihr diese junge Frau aus der Ukraine nicht aus dem Kopf. Gut gekleidet und sorgfältig geschminkt, saß sie der Psychologin gegenüber. Doch dann offenbarte sich die Katastrophe. Sie konnte gerade noch ihren Namen sagen und ihr Alter: 32 Jahre. Beim Namen ihrer Heimatstadt fiel ihr nur noch der Buchstabe „M“ ein. Mehr nicht. Professorin für Pädagogische Psychologie und Ethik Beate Mitzscherlich: Beratung auf Augenhöhe „Der steht für Mariupol, ihre Heimatstadt, die völlig ausgelöscht ist“, sagt Beate Mitzscherlich, die als Professorin an der Westsächsischen Hochschule Zwickau tätig ist. Viel hat sie zum Thema Heimat geschrieben. Auch über das Jahr 1989, als sie etwas gemeinsam mit anderen im Land bewegt hat. „Wie mag es da der jungen Frau mit Mariupol, ihrer unwiederbringlich zerstörten Heimatstadt, gehen?“, fragt sie und fügt verärgert hinzu: „Warum muss die Psychologie jetzt heilen, was dieser wahnsinnige Putin und sein Krieg dort anrichten?“ In ihrer Heimatstadt Leipzig hat Beate Mitzscherlich dafür gesorgt, dass Psycholog*innen aus der Ukraine für die geflüchteten Landsleute täglich eine zuverlässige psychosoziale Beratung anbieten. Es war ihr sehr wichtig, dass das Ukrainer*innen sind und nicht sie selbst die Beratung macht. Dabei spricht die 58-Jährige perfekt Russisch, hat Ende der 80er Jahre im damaligen Leningrad Psychologie studiert. Ihrer Überzeugung ist sie treu geblieben, für die Hilfesuchenden die Schwelle zur offenen Tür niedrig zu halten. „Wenn da in der Fremde jemand sitzt, der aus meinem eigenen Land kommt, ist das einfach so“, sagt sie. Eine deutsche „Trauma-Industrie“ in anderen Ländern, wie sie das nennt, lehnt sie ab. Beate Mitzscherlich schüttelt den Kopf, 18 wenn sie sich daran erinnert, dass im Kosovo-Krieg westdeutsche Frauen in das Land gefahren sind, um Vergewaltigungsopfer zu therapieren. So hat sie auch vor dem Krieg schon Beratungen in der Ukraine mit Ukrainer*innen aufgebaut: Krisendienste in Mariupol, Kyjiw und Sjewjerodonezk, die von 2015 bis zum Ausbrauch des Krieges von 4.000 Menschen in Anspruch genommen wurden. Dank der Spenden, vor allem der Hilfsaktion „Brot für die Welt“, wurde dies ermöglicht. Immerhin kamen 317.000 Euro zusammen. „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ Ohne dass sie es so sagen würde, ist klar: die Psychologin lebt die Jahreslosung wie kaum eine andere. Doch mit offenen Türen allein ist es nicht getan. Eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass sie nicht wieder zugeschlagen werden, ist das genaue Zuhören. Das sich versetzen in die Situation des anderen. Auf Augenhöhe. Vor allem geht es um die Frage, was der andere braucht, was sein Bedarf ist. Nicht wenige Entwicklungshilfeprojekte haben nichts gebracht, weil die Helfer*innen nur allzu gut zu wissen glaubten, was die Menschen vor Ort brauchen. „Wir spenden keinen Trost.“ Diesen verblüffenden Satz der Krankenhausseelsorge las ich vor kurzem in einem Andachtsraum einer sächsischen Klinik. Spenden könne man ja nur, was man hat, hieß es zur Begründung. Trost aber sei ja kein Besitz wie die Münze in der Hosentasche, ein Haus oder das Fahrrad. Auch die Kirche besitze ihn nicht, den Trost. Gespendet werden könne aber sehr wohl Zeit zum Zuhören, Aufmerksamkeit, ein offenes Ohr. Und auch die Verschwiegenheit. So komme man miteinander ins Gespräch, was auf der Seele liegt, wird in Worte gefasst – oder Der falsche Hals Im Märchen vom Kleinen Prinzen sagt der Fuchs: Wenn du mein Freund werden willst, musst du dich zaghaft nähern, langsam. Aber du darfst nichts sagen. Denn die Sprache ist die Quelle der Missverständnisse. in Schweigen. Eine Erleichterung für Herz und Seele. Ob in der Schule, Ausbildung, bei Behörden oder auch in einem dienstlichen oder privaten Gespräch: Wie viele Missverständnisse, wie viele Sorgen und Nöte, aber auch zugeschlagene Türen könnten vermieden werden, wenn besser zugehört und vor allem zuerst gefragt würde, was der andere braucht oder meint. Wie viele Pfarrer*innen geben in ihren Predigten Antworten auf Fragen, die keiner gestellt hat. Wie viele Politiker*innen treffen Entscheidungen, die vom Leben und Alltag der Menschen weit entfernt sind. Rat zu bitten. „Wie viele Chancen werden vergeben, weil dieses ‚ich habe jetzt keine Zeit‘ immer häufiger und selbstverständlicher in unserer Gesellschaft geäußert wird?“, fragt sie. Wichtig sei vor allem ein offenes Ohr und nicht gleich eine Bewertung. Wie auch die Offenheit, den anderen wieder gehen zu lassen, wenn er oder sie es will. So, wie auch die Psychologin Beate Mitzscherlich darauf gefasst ist, dass sie die junge Frau aus Mariupol in ihrem Leben nie wieder sehen wird. Bettina Röder Wie aber steht es mit der Tür, die nicht zugeschlagen werden darf, damit Gespräche und Verständigung überhaupt erst möglich werden? Davon weiß auch Nina Kirch ein Lied zu singen. „Wenn ich in meinem Büro sitze, passiert es ja ständig, dass Menschen anklopfen und um Hilfe bitten“, berichtet die 41-Jährige, die zum dreiköpfigen Leitungsteam der SozDia Stiftung Berlin gehört. Da gehe es auch um sehr persönliche Dinge, von der Wohnungssuche bis zu Partnerproblemen. Wenn Mitarbeiter*innen sie da um Rat fragen, empfinde sie das als „ein Geschenk“, fügt sie hinzu. Immer wieder mache sie sich bewusst, welche Konsequenzen zugeschlagene Türen haben. Für sie selbst, aber auch für die Hilfesuchenden. Sie ist überzeugt: Da ist die Bemerkung, keine Zeit zu haben, geradezu Gift. Genau darum gehe es bei der Jahreslosung: „Ich werde dich nicht abweisen.“ Dem anderen signalisieren, ich habe Zeit für Dich, wenn auch vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt. Schließlich hat sich so mancher erst überwinden müssen, bevor er bereit war, anzuklopfen und um Ich begleite einen jungen Kurden, der vor dem syrischen Krieg hierher geflohen ist, zu einem Bewerbungsge­ spräch. Er will Koch werden, eine Lehre machen. Ich bin so aufgeregt wie der junge Mann. Er hält sich gut und dann – zucke ich zusammen. Auf die Frage, in welcher Küche er arbeiten wolle, sagt er: Dort, wo weniger Stress ist. Ich denke: O nein, jetzt ist es vergeigt. Ein solcher Satz im Bewerbungsge­ spräch und du kannst doch einpacken! Die Personalchefin, eine warmherzige, beeindruckende Frau, muss gemerkt haben, wie ich mich erschrocken habe. Sie reagiert … gar nicht, bleibt völlig ruhig und nähert sich zaghaft dem, was er da gerade für eine Ansage gemacht hat. Sie rümpft nicht die Nase, zieht nicht die Augenbrauen hoch. Die Frau, die weiß, wie es in Hotelküchen zugeht, fragt einfach nur nach, so als hätte er eine Bemerkung über sein Lieblingswetter gemacht. Er spricht nur gebrochen Deutsch, es ist nicht einfach, der Sache auf den Grund zu gehen. Es ist nicht mangelnder Arbeitseifer, wie ich befürchtet hatte, der hinter seiner Antwort steckt. Es ist die Angst, er könne bei größerem Stress die An­ weisungen des Küchenchefs nicht richtig verstehen. Er wolle später ein­ fach nur alles richtig machen. Sprache ist die Quelle der Missver­ ständnisse. Bekomme ich etwas in den falschen Hals, muss das nicht an dem liegen, der etwas gesagt hat, es könnte auch an meinem Hals liegen. Vorstandsmitglied der SozDia Stiftung Berlin, Nina Kirch: den anderen signalisieren, ich habe Zeit für Dich Aus: Ralf-Uwe Beck. „Augenblick mal“ Zwei-Minuten-Texte, die den Alltag durchkreuzen, erschienen im Wartburg-Verlag 19 Im Bild „Klänge der Hoffnung“ Das sind sie im wahrsten Sinne des Wortes! Das Orchester mit gut 40 Musiker*innen wurde im April 2021 von der Stiftung Friedliche Revolution gegründet. Doch schon seit 2016 verbindet das Projekt Menschen mit und ohne Flucht- und Migrationsgeschichte über die Musik. Damit steht es in der Tradition vom Herbst 1989: „Für ein offenes Land mit freien Menschen”. Und genau für dieses Ziel spielen die Musiker*innen, die aus gut 20 Ländern kommen, u.a. aus Syrien, der Türkei, Soma- lia, Polen und der Ukraine, um nur einige zu nennen. Auch deutsche Musiker*innen sind mit von der Partie. Dabei überrascht der iranische Orchesterchef Ali Pirabi mit abwechslungsvollen Klängen. Sie gastieren auf Einladung, jüngst sogar in Frankreich. Auf dem Programm stehen auch Benefizkonzerte, wie das in der Leipziger Nikolaikirche gegen das Sterben im Mittelmeer. Auch die SozDia Stiftung Berlin war als Unterstützerin dabei. 2019 stand der syrische Musiker Basel Alkatrib auf der Bühne bei dem Konzert der SozDia Stiftung zur Stärkung unserer Demokratie und für ein engagiertes Zusammenleben in unserer Gesellschaft. „Ich wünsche mir, dass die Zuversicht gegenüber der Angst in der Vorhand bleibt“, sagt Projektleiter Tilman Löser. Und damit meint er durchaus auch das von ihm initiierte Projekt „Klänge der Hoffnung“. Die Die Musiker*innen freuen sich auf Einladungen über Leipzig hinaus. Die Musiker*innen des Orchesters Klänge der Hoffnung. ANSICHTSSACHE Das Magazin der diakonischen Jugend- und Familienarbeit IMPRESSUM Foto: Joaquin Salvatierra SozDia Stiftung Berlin – Gemeinsam Leben Gestalten Sozialdiakonische Arbeit Lichtenberg-Oberspree GmbH Sozialdiakonische Arbeit Berlin GmbH SozDia Jugendhilfe, Bildung und Arbeit gGmbH V.i.S.d.P.: Nina Kirch, Strategische Leitung und Mitglied der Geschäftsleitung der SozDia Stiftung Berlin Pfarrstraße 92, 10317 Berlin www.sozdia.de | Telefon: 030 32 53 98 66 marco.ruhlig@sozdia.de Redaktionsteam: Nina Kirch, Marco Ruhlig und Bettina Röder Redaktionsschluss: 01.08.2022 Graphik & Layout: www.elephant-castle.de Wir drucken umweltbewusst CO2-neutral durch zusätzliche Klimaschutzmaßnahmen: Mit dem Druck dieses Magazins unterstützen wir ein Waldschutzprojekt in Südamerika.
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