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Band No. 25, 18. Juni 1908

Volltext: Stenographische Berichte über die öffentlichen Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung der Haupt- und Residenzstadt Berlin (Public Domain) Ausgabe 35.1908 (Public Domain)

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lernen, was einfacher klingt, als es ist, denn 
es ist erstaunlich, wie wenig die Menschen 
im allgemeinen mit Bewußtsein sehen und 
zu einem Vorstellungsbilde innerlich neu 
schaffen* Jedes Ladenhaus gibt ein Bei 
spiel davon* Wer sieht, daß das Laden- 
geschoß zu den oberen Geschossen im un 
lösbarsten Widerspruch steht? Man sieht 
die Labradorbekleidung, die Bronzeschau- 
Fenstereinstellutig, man sieht die einzelnen 
Teile der oberen Wandarchitektur, findet 
vielleicht Erinnerungen an Messel-Bauten 
gestreift — ah, man darf bewundern! *— 
sieht gar ein paar hübsche Püppchen und 
Füllungen, lauter Teilchen, die immer 
hin an Gesehenes erinnern und daher eine 
gewisse Wiedersehensfreude wecken und 
damit die Selbsttäuschung, man verstünde 
etwas von dieser Architektur. Aber man 
sieht das alles nicht zusammen. „Das 
Zusammensehen”, wie es Avenarius treffend 
genannt hat, im Gegensatz zum „Ausein- 
andersehen”, ist die eigentliche Aufgabe des 
Laien hei aller Kunst. Wer sie bewältigt 
hat, wird des Meisters Werk von dem des 
Stümpers unterscheiden können. Und da 
aller Kunstfortschritt nur durch Ausschal 
tung der Stümper gegenüber den Meistern 
möglich ist, so ist es vielleicht die aller 
wesentlichste Aufgabe unserer Kunstpolitik, 
die Laien künstlerisch sehen zu lehren, die 
„Erziehung des Bauherrn” zu betreiben. 
Für den Architekten eine schwierigste 
Kunst. Denn selten ist der Bauherr, der 
seinen Architekt blindlings traut — viel 
leicht, weil der eine „renommierteste Firma” 
ist Auch in diesem Falle sollte aber der 
Architekt nicht versäumen, seines Werkes 
seelisches Warum und Weil dem Auftrag 
geber zu entwickeln. Meist aber wird der Laie 
eine begreifliche Scheu haben, für „dumm” 
zu gelten; er wird mit festen Überzeugungen 
seinen „Lieferanten“ — denn mehr ist der 
Architekt mindestens dem Emporkömmling 
nicht — imponieren wollen und im heimlichen 
Gefühl seiner starken — Laienhaftigkeit wohl 
gar den Architekten bemißtrauen, er wolle 
ihm etwas aufreden. Darum ist die erste 
Forderung eines „Knigge“ für den Umgang 
zwischen Baumenschen: vorsichtigste Be 
handlung. Der Künstler sollte zunächst 
auf alle Forderungen des Bauherrn ein 
zugehen suchen. Oft genug ergeben ja 
auch ungewöhnliche Programmbedingungen 
wirklich individuellste Lösungen. Sind jene 
Forderungen schlechterdings nicht künst 
lerisch zu erfüllen, so zeige man an einer 
durchgearbeiteten Skizze, was dabei heraus 
kommt, ohne die Fehlerhaftigkeit allzusehr 
hervorzuheben, lege aber wie beiläufig eine 
besonders verführerisch dargestellte zweite 
Skizze vor, die von der gestellten Forderung 
ab sieht. Die lasse man dann erst in Rühe 
nachwirken. Dann aber zeige man dem 
Bauherrn andere ausgeführte Bauten, aus 
denen das Pro und Contra für den vor 
liegenden Fall besonders erhellt, damit jener 
sieht, daß nicht nur sein Architekt solche 
Ansichten habe. Und weiterhin lasse man den 
Bauherrn das Werden des Entwurfes von 
Staffel zu Staffel miterleben; er wird dann 
wirklich anfangen, innerlich nachzuschaffen, 
wird eine Ahnung von künstlerischer Tätig 
keit erhalten und mit dem Sehenlernen auch 
das Vertrauen gewinnen, das für ein ersprieß 
liches Wirken unerläßlich ist. Besondere 
Vorsicht erfordert der Geldpunkt. Niemals 
schlage man eine kostspieligere Variante vor, 
ohne nachzuweisen, daß sich die Änderung 
in anderer Weise bezahlt macht, daß ein 
Augenblicks vorteil in Zukunft zu einem 
Nachteil wird. Auch hier wird man zu 
Beispielen ausgefiihrter Bauten greifen 
müssen. 
In dieser Richtung nun möchte die Ber 
liner Architekturwelt zu einem Mittler 
zwischen Künstler und Bauherrn werden. 
Sie möchte noch weiter in Laienkreise 
dringen und durch ihre Abbildungen wie 
gelegentliche Aufsätze das „Sehenlernen“ 
im großen Publikum fördern. Und um ein 
Mittler zwischen Künstler und Bauherrn zu 
werden, wollen wir fortan nicht ausnahme 
los die Abbildungen für sich selbst sprechen 
lassen, vielmehr gebotenenfalis in ganz kurzen 
Anmerkungen auf Einzelheiten hinweisen, 
die dem Laienauge entgehen könnten. Das 
soll nicht zu einer Kritik auswachsen, deren 
Bedenklichkeit ja oft genug in diesen Blättern 
betont worden ist. Aber wenn der Chronik- 
Charakter unseres Blattes uns zwingt, auch 
gelegentlich Bauten zu bringen, die vielleicht 
öffentliche Bedeutung haben oder die Be 
geisterung der Modischen erwecken, ohne 
doch abgerundete Kunstwerke zu sein, so 
soll ein diskretes Wort zur Nachprüfung 
anregen; häufiger noch wollen wir kurz 
auf die gelungenen Lösungen an einzelnen 
Bauten oder auf besondere zu überwindende 
Schwierigkeiten hinweisen, die uns ver- 
anlaßten, diesen oder jenen Bau in unsere 
Bilderreihe aufzunehmen. Wir glauben, 
durch solche gelegentlichen Hinweise dem 
Verhältnis zwischen Architekt und Bauherrn 
wie der Freude des Laien an der Kunst 
dienen zu können, zumal es sich niemals 
um persönliche Geschmacksurteile oder gar 
ein Zensurenerteilen handeln soll. 
Endlich wollen wir in der neuen Seite 
„Dies und das“ auch auf neue literarische 
Werke, die besondere allgemeine Aufmerk 
samkeit verdienen, hinweisen und solche 
bauliche Fragen streifen, die in der unver 
ändert fortzuführenden „Chronik“ nicht wohl 
Platz finden würden. 
Möge unserem Wollen die Zustimmung 
unserer Leser nicht fehlen; mögen sie uns 
aber auch ihre Wünsche und Beanstandungen 
nicht vorenthalten, denn nur bei ständiger 
Fühlung zwischen Zeitschrift und Lesern ist 
derjenige Grad von Vollkommenheit zu er 
langen, zu der unsere Kräfte und unser 
bester Wille ausreichen. 
Die SchriftleiUmg.
	        
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