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lernen, was einfacher klingt, als es ist, denn
es ist erstaunlich, wie wenig die Menschen
im allgemeinen mit Bewußtsein sehen und
zu einem Vorstellungsbilde innerlich neu
schaffen* Jedes Ladenhaus gibt ein Bei
spiel davon* Wer sieht, daß das Laden-
geschoß zu den oberen Geschossen im un
lösbarsten Widerspruch steht? Man sieht
die Labradorbekleidung, die Bronzeschau-
Fenstereinstellutig, man sieht die einzelnen
Teile der oberen Wandarchitektur, findet
vielleicht Erinnerungen an Messel-Bauten
gestreift — ah, man darf bewundern! *—
sieht gar ein paar hübsche Püppchen und
Füllungen, lauter Teilchen, die immer
hin an Gesehenes erinnern und daher eine
gewisse Wiedersehensfreude wecken und
damit die Selbsttäuschung, man verstünde
etwas von dieser Architektur. Aber man
sieht das alles nicht zusammen. „Das
Zusammensehen”, wie es Avenarius treffend
genannt hat, im Gegensatz zum „Ausein-
andersehen”, ist die eigentliche Aufgabe des
Laien hei aller Kunst. Wer sie bewältigt
hat, wird des Meisters Werk von dem des
Stümpers unterscheiden können. Und da
aller Kunstfortschritt nur durch Ausschal
tung der Stümper gegenüber den Meistern
möglich ist, so ist es vielleicht die aller
wesentlichste Aufgabe unserer Kunstpolitik,
die Laien künstlerisch sehen zu lehren, die
„Erziehung des Bauherrn” zu betreiben.
Für den Architekten eine schwierigste
Kunst. Denn selten ist der Bauherr, der
seinen Architekt blindlings traut — viel
leicht, weil der eine „renommierteste Firma”
ist Auch in diesem Falle sollte aber der
Architekt nicht versäumen, seines Werkes
seelisches Warum und Weil dem Auftrag
geber zu entwickeln. Meist aber wird der Laie
eine begreifliche Scheu haben, für „dumm”
zu gelten; er wird mit festen Überzeugungen
seinen „Lieferanten“ — denn mehr ist der
Architekt mindestens dem Emporkömmling
nicht — imponieren wollen und im heimlichen
Gefühl seiner starken — Laienhaftigkeit wohl
gar den Architekten bemißtrauen, er wolle
ihm etwas aufreden. Darum ist die erste
Forderung eines „Knigge“ für den Umgang
zwischen Baumenschen: vorsichtigste Be
handlung. Der Künstler sollte zunächst
auf alle Forderungen des Bauherrn ein
zugehen suchen. Oft genug ergeben ja
auch ungewöhnliche Programmbedingungen
wirklich individuellste Lösungen. Sind jene
Forderungen schlechterdings nicht künst
lerisch zu erfüllen, so zeige man an einer
durchgearbeiteten Skizze, was dabei heraus
kommt, ohne die Fehlerhaftigkeit allzusehr
hervorzuheben, lege aber wie beiläufig eine
besonders verführerisch dargestellte zweite
Skizze vor, die von der gestellten Forderung
ab sieht. Die lasse man dann erst in Rühe
nachwirken. Dann aber zeige man dem
Bauherrn andere ausgeführte Bauten, aus
denen das Pro und Contra für den vor
liegenden Fall besonders erhellt, damit jener
sieht, daß nicht nur sein Architekt solche
Ansichten habe. Und weiterhin lasse man den
Bauherrn das Werden des Entwurfes von
Staffel zu Staffel miterleben; er wird dann
wirklich anfangen, innerlich nachzuschaffen,
wird eine Ahnung von künstlerischer Tätig
keit erhalten und mit dem Sehenlernen auch
das Vertrauen gewinnen, das für ein ersprieß
liches Wirken unerläßlich ist. Besondere
Vorsicht erfordert der Geldpunkt. Niemals
schlage man eine kostspieligere Variante vor,
ohne nachzuweisen, daß sich die Änderung
in anderer Weise bezahlt macht, daß ein
Augenblicks vorteil in Zukunft zu einem
Nachteil wird. Auch hier wird man zu
Beispielen ausgefiihrter Bauten greifen
müssen.
In dieser Richtung nun möchte die Ber
liner Architekturwelt zu einem Mittler
zwischen Künstler und Bauherrn werden.
Sie möchte noch weiter in Laienkreise
dringen und durch ihre Abbildungen wie
gelegentliche Aufsätze das „Sehenlernen“
im großen Publikum fördern. Und um ein
Mittler zwischen Künstler und Bauherrn zu
werden, wollen wir fortan nicht ausnahme
los die Abbildungen für sich selbst sprechen
lassen, vielmehr gebotenenfalis in ganz kurzen
Anmerkungen auf Einzelheiten hinweisen,
die dem Laienauge entgehen könnten. Das
soll nicht zu einer Kritik auswachsen, deren
Bedenklichkeit ja oft genug in diesen Blättern
betont worden ist. Aber wenn der Chronik-
Charakter unseres Blattes uns zwingt, auch
gelegentlich Bauten zu bringen, die vielleicht
öffentliche Bedeutung haben oder die Be
geisterung der Modischen erwecken, ohne
doch abgerundete Kunstwerke zu sein, so
soll ein diskretes Wort zur Nachprüfung
anregen; häufiger noch wollen wir kurz
auf die gelungenen Lösungen an einzelnen
Bauten oder auf besondere zu überwindende
Schwierigkeiten hinweisen, die uns ver-
anlaßten, diesen oder jenen Bau in unsere
Bilderreihe aufzunehmen. Wir glauben,
durch solche gelegentlichen Hinweise dem
Verhältnis zwischen Architekt und Bauherrn
wie der Freude des Laien an der Kunst
dienen zu können, zumal es sich niemals
um persönliche Geschmacksurteile oder gar
ein Zensurenerteilen handeln soll.
Endlich wollen wir in der neuen Seite
„Dies und das“ auch auf neue literarische
Werke, die besondere allgemeine Aufmerk
samkeit verdienen, hinweisen und solche
bauliche Fragen streifen, die in der unver
ändert fortzuführenden „Chronik“ nicht wohl
Platz finden würden.
Möge unserem Wollen die Zustimmung
unserer Leser nicht fehlen; mögen sie uns
aber auch ihre Wünsche und Beanstandungen
nicht vorenthalten, denn nur bei ständiger
Fühlung zwischen Zeitschrift und Lesern ist
derjenige Grad von Vollkommenheit zu er
langen, zu der unsere Kräfte und unser
bester Wille ausreichen.
Die SchriftleiUmg.