Publication:
1836
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-8584761
Path:

108
Ganzen, daß er durchaus kein für sich bestehendes, kein
absolutes Seyn ist, wie viele unserer neuern Philoso
phen, wenn auch oft nur indirekt, aussprechcn und leh
ren wollen, das zeigt der Augenschein. Denn neben al
len erhabenen Eigenschaften desselben, neben dem, daß
er eine bestimmte Subjektivität, ja in gewisser Weise
eine Souverainekät ansprechen kann, ist sein Entstehen
und Daseyn und seine Ausbildung von den mannigfach
sten Verhältnißen abhängig. Ja, in dieser Hinsicht
giebt es vielleicht nichts Hülfloseres, als de» Menschen,
und leicht könnte man ihn unter das Thier stellen.
Denn man denke sich den Einzelnen von dem Augen
blicke seiner Geburt sich selbst überlassen, in eine Wild-
niß hinausgestoßen, so würde er, wenn ani Leben erhal
ten, nicht einmal die organische Ausbildung des Thier-
lebens, nicht jenen künstlichen Kreis der Naturerschei
nungen darstellen, wie dieses, sondern gleich der ruäi«
und indiges(a moles des Dichters, ein Schrecken und
llngebilde der Schöpfung seyn. Wahrlich der beste Be
weis jenes, in die erste und Urgeschichte der Menschheit
hinaufreichenden Falles derselben, welcher sie aus der
Selbstständigkeit in die tiefste äussere und innere Abhän
gigkeit, aus der Freiheit Gottes in die Sklaverei der
Aussenwelt stürzte. Schon aus diesem unglücklichen Zu
stande entspringt also die Nothwendigkeit gegenseitiger
Hülfen unter den Menschen, die Nothwendigkeit des ge
meinsamen Lebens, des Zusammenwirkens Aller für Ei
nen und Eines für Alle. Die Familie, die Gemeinde,
der Staat waren also die Aussprache, die unabweisbare
Form dieses Bedürfnißes.
Doch dergestalt diese höhern socialen Elemente auf
gefasst, gleichsam auch ein egoistisches Princip zum
Grunde legen, würde uns leicht auf den mechanischen
Staat der Neuern, oder auf den heidnischen Staat des
Alterthums zurückführen. Gehen wir also noch tiefer,
fassen wir vielmehr die Menschheit m ihrer Totalität,
in ihrer nothwendigen Ganzheit und Einheit zusammen,
und bilden wir hieraus die Familie, die Gemeinde, den
Staat. Ja, dieß ist die wahre und letzte Bedeutung
dieser Collectiv-Begriffe. Familie, Genieinde, Staat sind
bloße Theile, Aggregate der ganzen Menschheit, rcprä-
sentiren dieselbe, und der Staat, die letzte Staffel und
höchste Verklärung dieser Gemeinsamkeit, ist der univer
selle Mensch selbst. Nur wenn wir uns so über das
Einzellcben erheben, wenn wir die Mannigfaltigkeit der
Erscheinungen verlassen, wenn wir uns an jene Einheit
wenden, von weicher alles jenes anscheinend Getrennte
ausgeht, d. h. die eine und halbe Menschheit, welche
zeitlich und räumlich den Erdboden bedeckt, in ihrem
ganzen Zusammenhange ergreife», dann sind wir im
Stande, Zweck und Wesen des Einzelnen zu vcrsshcn.
So haben wir statt des Mikrokosmos den Makrokos
mos, statt des Theiles das Ganze, statt des subjectivcn
Elendes und fortwährender Hülfsbedürfligkcit, die voll
kommenere und nach allen Seiten hin erfüllte Einheit,
so statt des augenblicklich Kommenden und wieder
Schwindenden, das Bleibende und Feststehende. Die
ganze Nichtigkeit und Armuth des einzelnen Menschen
löftt sich auf zu dem Begriffe des hohem Menschen,
des, wenn auch gefallenen Ebenbildes Gottes, deö wirk
lichen Herrschers der Natur und der Schöpfung.
Denn, wer mag es leugnen, erst in diesen Brenn
punkten des menschlichen Lebens: der Familie, der Ge
meinde, endlich des Staats, lässt sich di« ganze und
wahrhafte Aufgabe des Menschen als solchen lösen.
Was die Gebrechlichkeit, die Kurzsichtigkeit, die geringe
Lebensdauer des Einzelnen nicht vermag, was in dieser
Beschränktheit als völlig bedeutungslos und nichtig er
scheint, das nimmt nun den Charakter der wirklichen
Vollkommenheit an, das tritt als wahrhafte That in die
Schöpfung ein. Die Religion, die Sitte, die Kunst, die
Wissenschaft, das ganze geistige Daseyn des Menschen,
welches seine alleinige Aufgabe und Lebenszweck ist, wird
erst in dieser Gemeinsamkeit sichtbar, erstarkt darin, und
bildet jene großem geistigen Erscheinungen der Natio
nen, Staaten und Völker, welche wie die ewigen Berge
des heiligen Sängers die Geschichte der Menschheit «r-
hellen, und zur höchsten Begeisterung erregen. Also dieß
ist die Aufgabe, der eigentliche Zweck der Familie, der
?den vollkommenem, den univer
sellen Mm,chm darzustellen. Es sind diese erhabenen
geistigen Lebensformen nicht, wie sie gewöhnlich aufge
fasst werden, bloße irdische, materielle Behälter, um den
gemeinste» Erdenbezichungen: des Friedens, der Ruhe,
der äussern, leiblichen Glückseligkeit, oder selbst der blo
ßen Rechksidee zu genügen, sondern sie dienen recht ei
gentlich zur höher» Verbindung der Geister; ihre Ver
mählung, ihre Dcrschwistcrung soll darin gefeiert werden.
Die bürgerlichen und politischen Elemente sollen ein ir
disches Gegcnbild, oder zugleich eine Vorschule des hö
hern, übernatürlichen Lebens seyn. Und ist dieß nicht
wirklich der Fall? Denn was bewundern wir selbst in
den Staaten des Alterthums? etwa die äussern, politi
schen Formen? die Kastencintheilungen Indiens, Aegyp
tens, die künstlichen Einrichtungen der griechischen Stadt-
gemeinden, die Großartigkeit der römischen Institutio
nen? oder nicht vielmehr das geistige Leben, das sie in
nerhalb dieser Formen abspiegelten? Diese Fülle bür-
gerlicherTugendcn, diese Vaterlandsliebe und der Geist der
Aufopferung, diese Großmuth und Tapferkeit, endlich
diese, bis in die weitesten Femen hinüberstrahlendc Kunst
und Wissen? Nur um solches geistigen Lebens willen,
nur zur Entwickelung aller jener höhern Elemente war
der Staat da, und diente denselben.
Doch sehen wir dieses noch näher von der untersten
Stufe jener Collectiv-Begriffe, von der Familie an.
Allerdings ist der erste Stammvater derselben ebenso ein
Mensch; aber wenn nun sein Geist, seine intellektuellen
Gaben sich auf die von ihm Erzeugten ausbreiten, wenn
diese vervielfachte Einheit in gemeinsamen Kräften das
ihnen nahe liegende, irdische Leben zu sich heranzieht,
wenn diese verschiedenen Geister in einander wirken und
leben, und dergestalt das Allgemeine alles Einzelne er
höht, dann steht dasselbe Individuum in dem ihm ange
hörenden, aus ihm und aus seiner Individualität ent
sprossenen Wesen, als ein vollkommeneres Ganze dar.
Es erzeugt sich das wunderbare Geheimniß der Fami
lie. Dasselbe Fleisch und Bein, gleichsam dieselbe Seele,
derselbe eine Geist in Vielen, in einer Menge anderer
Individualitäten. Der eine und selbe Mensch gebiert
sich vielfach, wiedcrgcstaltet sich in der Mannigfaltigkeit
zu einem und demselben leiblichen und seelischen Organis
mus. Ganz wie das Naturleben denselben zeigt, nur mit
dem wesentlichen Unterschiede, daß hier die Species, das
Einzelne der ganzen Gattung, Vernunft, Freiheit, mit ei
nem Worte Persönlichkeit in sich schließt, und also die
ser Organismus, statt des in bestimmte Grenzen abge
schlossenen Naturwescns ebenso ein Unbegrenztes, Freies,
der Inbegriff alles möglichen geistigen Reichthumes und
Lebens ist.
Je weiter sich nun dieser Organismus entwickelt,
je mehrere Individualitäten einerund derselben Art er in
sich fasst, wenn die Familie zur gens, wenn diese zum
Stamme, zur Gemeinde, und solche endlich zum höch
sten Verein, zum Staate erwächst, desto vollkommener
wird die ursprüngliche Einheit, desto mehr erstarkt und
kräftigt sie sich, und wird der Mensch xux t\ow. Aller
dings ist nicht nothwendig, daß diese höheren Verbin
dungen allein aus der Zeugung, oder nur aus einer und
derselben Familie erwachsen. Zwei verschiedene univer
selle Menschen, zwei Familien, zwei Stämme, zwei ver
schiedene Staaten sogar können wieder unter sich eine
Verbindung eingehen, ihre Individualität unter einan
der verschmelzen, historisch zusammenwachsen, und dann
wieder in erhöhtem Reichthum, in erhöhter Vollendung
einen neuen, universellen Menschen bilden. So wurde
aus den verschiedenen pelasgischen und hellenischen Stäm
men, mit ägyptischen und asiatischen Auswanderern ver
mischt, der Grieche. So vereinten sich Sabiner und
Römer und die benachbarten Völker, und bildeten end
lich jenes römisch-italische Leben. So die Franken mit
gallischen Proven^alen, den Franzosen; Germanen mit
Slaven vereint, stellen den heutigen Deutschen dar. Aber
überall ist dieß nicht ein bloßes Nebeneinanderseyn einer
chaotischen Masse von Individuen, sondern ein geglie
derter Organismus, nach allen Seiten hin in und durch
einander verbunden, wahrhaft wieder ein neuer, allge
meiner Mensch.
IH. Geschichtliche und politische Bedeutung
des Staats.
Ist dergestalt der Staat und seine organischen Theile,
die
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