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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

Beilage zn Nr: 168 deS „Frisdemmer Lokal-Auzeiger" 
Ssnntag, dm 25. Juli 1920. 
An« der SeWchte SchSaebergs. 
Rückblicke von E. F laug er. 
(Fortsetzung.) 
IX. 
Werfen wir nun einen Blicks auf Schöneberg und 
Umgebung zu Beginn des siebenjährigen Sieges. Vom 
Potsdamer Tore in Berlin führte die König!. Preußische 
Staatschaussee, welche'in Friedrich Wilhelm I. Zeit mit 
hohen Weiden bepflanzt war, südwestwärts nach Potsdam. 
Es war der erste Versuch des Chausseebaues in hiesiger 
Gegend gewesen. Der Zustand dieser „Kunststraße" war 
recht erbärmlich. Darüber wurde von den Zeitgenossen 
viel geklagt. „Setzt doch jeder Mistwagen, der über das 
holprige Pflaster rackerl, fortwährend von seiner Ladung 
etwas ab. Niemand denkt daran, den Morast zu beseitigen." 
Zu beiden Seiten dieser Straße bis zur Schaf- oder Floß^ 
brücke, der heutigen Potsdamer Brücke, die in Fornr eines 
wackligen Holzgestelles über den Schafgraben, späteren 
Landwehrkanal, führte, hatten sich Berliner wohlhabende 
Bürger Gärten angelegt — vulgo Laubenkolonien einge 
richtet —, die ersten ihrer Art. Die Schöneberger Bauern 
sahen darauf mit scheelen Blicken, denn sie büßten dabei 
von ihrer Viehhütung ein. Der Schafgraben war noch 
nicht reguliert ldas geschah erst 1847 als Notstandsarbeit) 
und überflutete die anliegenden Wiesen, auf denen das 
ganze Jahr hindurch Wassertümpel standen. Unmittelbar 
dahinter lag linker Hand die große Kubassek'sche Kattun 
bleiche, welche zu den Fabrikanlagen der böhmischen Kvlo- 
nisten gehörte. ' Zur rechten Hand dehnten sich Wiesen 
aus, die bereits zu den Schöneberger Gemeinheiten ge 
hörten. 1760 wurde später von der Berliner Realschule 
(heutigen Kaiser Wilhelm-Realgymnasium) eine Maulbeer 
plantage angelegt. Angehenden Schulmeistern und Küstern 
zeigte man hier die Geheimnisse der Gartenbaukunst. Einige 
hundert Schritte hinter der Brücke stand das Chausseehaus. 
Hier durchschnitt ein ordinärer Landweg die Chaussee, der 
vom Halleschen Tor kommend, nach dem heutigen Zool. 
Garten und von da nach dem alten Teil Charlottenburgs, 
dem Lützow (Gegend bei der Rosinenstraße) führte, die 
heutige Lützowstraße. ! 
Wanderte man weiter, so hatte man einen Ausblick 
auf das Schöneberger Nicdcrland und dem Tempelhofschen 
Upstall bis hin zu den Lehmgraben und den Weinbergen 
aiil heutigen Kreuzberg. Zur rechten Hand wurde die 
Aussicht nach Westen durch den Schöneberger Busch, ein 
ausgedehntes, mit niedrigem Erlengebüsch bestandenes 
Bruchlarrd versperrt. Mitten hindurch schlängelte sich ein 
schmaler Weg nach Wilmersdorf. „Dieser ordinäre Weg", 
so schreibt der Mühlenhof'sche Amtsrat, „wird von Jahr 
zu Jahr schadhafter, er ratione, weil die Schöneberger 
den Graben (den schwarzen), der durch den Busch gehet, 
nie ausräumen, mithin das Wasser nicht ablaufen kann, 
und dadurch aus dem einen Hauptweg soviel Nebenwege 
geworden, daß man das ganze Jahr hindurch täglich einen 
anderen fahren muß. Da nun öfters Passagiere in dem 
Luch'liegen geblieben waren, ließ der Amtsrat den Weg 
durch Wilmersdorfer Unterthanen in Ordnung bringen, 
weyl die Schöneberger im selben Jahre beym Küchen 
Garten auf der Landstraße schon eine große Reparatur 
zu machen hatten". 
Die Chaussee stieg allmählich bergan. Am Botanischen 
Garten vorbei, besser gesagt, hindurch gelangte man nach 
dem Böhmerberge. Die Kolonie, die der Volkswitz monte- 
bello nuovo getauft hatte, muß damals noch einen recht 
arniseligen, unfertigen Eindruck gemacht haben. Schmuck 
lose Lehmhäuser in Fachwcrksbau waren durch nicht be 
pflanzte Sandslächen getrennt zu beiden Seiten der Straße. 
Für durstige Kehlen gab es keine Erholung, denn die 
Böhmen besaßen keine Schankberechtigung. Erst später 
bekam sie der „Helnr" bei der heutigen Helmstraße. Wen 
dete man auf dem Berg — heute Kaiser Wilhelm-Platz — 
seine Blicke rückwärts, so hatte man eine schöne fteie Aus 
sicht auf Berlin und Charlottenburg. Allein, es fehlte 
an fließenden Wasser und an Wald oder Heide. Das 
eigentliche Dorf Alt-Schöneberg bestand ans 20 Gehöften 
und einigen elenden Lehmfachwerlshütten, die zu beiden 
Seiten der Straße vom heutigen Kaiser Wilhelm-Platz bis 
zur alten Kirche unregelmäßig.verteilt standen. Die 
Straße war stark verbreitert (die . alte Dorfaue). Aus 
gangs der Straße stand die Kirche aus Holz, die nur 1694 
bis 97 notdürftig renoviert und mit einem Turm nebst 
Uhr versehen worden war. Von dort führte ein Weg nach 
der Filia Lankewitz. Etwas' stattlicher nahm sich das 
Wirtschaftsgebäude des König!. Vorwerks aus, an dessen 
Stelle der spätere Schwarze Adler (jetzige Hauptpost) trat. 
Neben dem Vorwerk stellte das über 400 Morgen um 
fassende Freygut den bedeutendsten landwirtschaftlichen Be 
trieb dar. Der Kriegsrat Limmers hatte es 1756 für 7000 
Taler an den Amtsrat Neumann verkauft, welcher es 
ebenso wie sein Vorgänger durch einen Pächter bewirt 
schaften ließ. Der Schönebcrger Krug, welcher am Aus 
gang des Dorfes an der Ecke der heutigen Haupt- und 
Mühlenstraße lag, gehörte samt Hof und Garten zum 
Freygut. Er wurde später auf die andere Straßenseite 
verlegt und hieß dann „Gasthof zum Hirsch". Die Chaussee 
führte, nachdem sie das Dorf verlaßen hatte, lange Zeit | 
an Schönebcrger Feldern (dem sog. Oberland) vorbei, aus 
dem einige kleine mit Fichten bewachsene Hügel hervor 
ragten. biszur Steglitzer Grenze. Zur Kurfiirstenzeit 
ging die Forst bis zur heutigen Ringbahn, ist aber später 
abgeholzt worden. 
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Zwei Jahrhunderte lang waren drei an der heuttgcn 
Mühlenstraße belegene Windmühlen das weithin sichtbare 
Wahrzeichen Schönebergs. Wegen Baufälligekit wurden 
sie gegen.Ende des vorigen Jahrhunderts abgerissen. Ihre 
letzten Besitzer, namens Rosenkessel, zogen als schwer reiche 
Leute nach Berlin. — 
Das Jahr 1760 war für Schöneberg ein rechtes Un 
glücksjahr. Im Oktober desselben erschien der russische 
General Totleben, während der König in Schlesien stand, 
mit seinem russischen Korps vor Berlin. Er schlug sein 
Hauptquartier in dem neu erbauten Schwarzen Adler auf. 
Von den Tempelhofer und Rixdorfer Höhen aus wurde 
Berlin mit Kanonen beschossen. 'Am 7. Oktober, nach dem 
Abzug der Russen, hatte Schöneberg dasselbe Schicksal. 
Gegen 9 Uhr morgens hatten die Russen Feuer angelegt. 
Auch die Scheunen, mit Getreide gefüllt, wurden ein Raub 
der Flammen. Durch Flugfeuer wurde der ganze Ort 
eingeäschert. Am Abend konnten die Schöneberger nur 
das gerettete nackte Leben ihr eigen nennen. Sie fanden 
Aufnahme in der vom Feuer verschont gebliebenen Böh 
mischen Kolonie Neu-Schöneberg. 
Es war eine glänzende Leistung der friederizianischen 
Finanzwirtschaft, daß sie, trotz der fünf vergangenen Kriegs 
jahre, im Stande war, den Untertanen von 'Alt-Schöne 
berg je 433 Taler für Aussaatkorn sofort auszuzahlen. 
Da trotzdem nicht alle Aecker besät werden konnten, wurde 
den Bauern von der Kurmärkischen Kammer aufgegeben, 
durch Arbeit in Berlin ihre mißliche Lage etwas aufzu-, 
bessern. Leicht wird das aber nicht gewesen sein, denn' 
die Hälfte der ärmeren Bevölkerung Berlins lebte da 
mals von öffentlichen Unterstützungen, um deren Regu 
lierung sich der König selbst bekümmerte. 
Bereits im Frühjahr 1761 wurde vom Amte Mühlen 
hof ein Plan zum Wiederaufbau Alt-Schönebergs ausge 
arbeitet. Die Kosten betrugen 31 507 Taler. Das Ge 
neraldirektorium wurde gebeten, wenigstens einen Teil 
dieser Summe flüssig zu machen, da die große Armut der 
Untertanen nicht hosten ließe, daß sie gegen Frcijahr oder 
Baufreiheiten den Bau, selbst übernehmen könnten. Der 
König erklärte, daß es unmöglich sei, bei den vielen 
Schäden, die der Krieg verursacht habe, von staatöwegcn 
allein überall helfend einzugreifen. Er machte daher den 
Vorschlag, „die alten Wirte, evtl, auch neue, sollen selbst 
bauen gegen Erhaltung des freyen Bauholzes aus dem 
Grunewald und gewöhnlicher Freyjahre (bez. der Ab 
gaben) allenfalls einer mäßigen Beyhülffe an Baugeldern". 
So erhielten die Bauern nur je 2-—300 Täler, die 
Kossäten nur 20—30 Taler Baunnterstützung vom Staat 
ausgezahlt. 
Am 28. Oktober desselben Jahres bestimmte eine 
allerhöchste Verordnung: „Das in die Asche gelegte Vor 
werk zu Schöneberg sollte nicht mehr erbaut, sondern 
mit Untertanen besetzt und dessen Pertenicnzien, unter die 
ganze Gemeinde, exkl. des in Schöncberg belogenen Neu- 
mann'schen Freyguts und des dazu gehörigen Krug- und 
Kossätenhofes verteilt werden." So wurden die gesamten 
Ländereien von Alt-SchoneberZ und vom Schöncberger 
Vorwerk vermessen ' und in 14" Bauern- und 7 Kossäten 
güter Eingeteilt; es war dieses ein Mehr von 5 BaELi- 
gütern gegen früher. Auf jedes Bauerngut kamen 
wie die Akten der Generalkommission zu Frankfurt a. O- 
ergeben — gegen 190 Morgen.Ackerlaich, 6 bis 7 MorgÄi 
Wiesenwachs und 2—3 Morgen zur Hofstelle und zum 
Garten. Eines dieser Bauerngüter hatte der König dem 
Bergrat von Justi geschenkt. 'Nach einigen Jahren gab 
er aber das Gut, das viel Geld gekostet,'aber nichts ein 
gebracht hatte, wieder aus. Bei'den Kossäten hatte Hof 
stelle und Garten ungefähr denselben Umfang, der Wiesen 
wachs umfaßte aber nur etwa 2, der Acker 9 Morgen. 
Die Schäferei des Vorwerks wurde gleichfalls verteilt, 
jeder Bauer bekam das Recht, die benachbarte Feldmark 
mit 70 Schafen ,zu betreiben. Des Predigers Gehüfe, 
Wörde, Garten und Acker umfaßte nahezu an 140 Morgen, 
der Kirchhof mit Acker mehr als 60 Morgen. Alles in 
allem hatte das Schöneberger Gebiet einen Umfang von 
4373 Morgen 151 Ruthen. 
Der Aufbau ging nur langsam vorwärts. Mußten 
doch erst für 5 Stellen neue Insasse» beschafft werden. 
1762 waren erst die Wirtschaftsgebäude fertig, 1763 
im Februar wurde der Hubertusburger Friede geschlossen. 
Mit Feuereifer ging jetzt' der König daran, das Retablisse 
ment seiner Lande zu betreiben. 
Am 23. März fragte er ungeduldig bei der Kur 
märkischen Kammer an, „woran es lieget, daß es mit 
dem Anbau von Schöneberg so langsam gehet; dieser 
sei aufs äußerste zu poussieren." Die Kammer gibt als 
Grund der Verzögerung das Zurückbleiben der Holzfuhren 
an. Am 14. September gestattet der König oer Kur 
märkischen Kammer, die im Umkreis von drei Meilen um 
Schöneberg gelegenen Dörfer im Teltow, Niederbarnim 
und im Havelland, die sich bis dahin trotz der in Aus 
sicht gestellten Vergütung von sechs Groschen Meilengeld 
nicht zu Hülssbaufuhren hatten verstehen wollen, durch 
militärische Exekution dazu anzuhalten. Nachdem dann 
auch die Kirche, nicht mehr an "der alten Stelle, sondern 
an dem südlichen Altsgange des Dorfes, dank der könig 
lichen Freigebigkeit stattlich neu erbaut worden war, hatte 
sich wörtlich erfüllt, was der große König am 24. Februar 
1763 an seinen Bruder geschrieben hatte: „Es leidet keinen , 
Zweifel mehr, daß der- größte Theil der Provinzen noch 
in diesem Jahre wieder hergestellt sein wird, nächstes 
Jahr dürfen keine Spuren von dem Kriege mehr übrig 
^ein." — 
Der Sohn de; Millionär;. 
Roman von Florence Warden. 
25 . (Nachdruck verölten.) 
Ein einziger rascher Blick auf sein Gesicht belehrte sie 
darüber, daß ihn der Anblick der Besucher nicht ucköor- 
bereitet traf, sondern daß er schon draußen von ihrem 
Hiersein gehört haben muhte. Er war sehr blaß, und 
das Lächeln, das um seine Lippen spielte, während er sich 
der Komtesse näherte, war so gewaltsam erzwungen, daß 
es seinem Gesicht einen ganz fremden Ausdruck gab. Aber 
er hatte sich äußerlich vollkommen in der Gewalt, und ein 
nicht allzu scharssinniger Beobachter mochte sein Benehmen 
nicht wesentlich anders finden als gewöhnlich. Mit Herta 
wechselte er weder ein Wort noch einen Blick, aber es war 
zwischen ihnen ttotzdem ein gewisser geheimnisvoller 
Rapport, der jedes von ihnen mitfühlen ließ, was in der 
Seele des andern vorging. Und Herta konnte stch nicht 
erinnern, je in ihrem Leben eine peinvollere Viertelstunde 
verlebt zu haben, als sie ihr jetzt verfloß. 
Sie empfand es als eine namenlose Erleichterung, 
als Magdalene sich plötzlich mit der Erklärung erhob, daß 
sie sehr ermüdet sei und daß sie um Entschuldigung bitten 
müsse wenn sie sich sür eine Weile aufihr Zimmer zurück- 
^iebe' °1hr leidender Zustand war dem Grafen und seiner 
Tochter zu gut bekannt, als daß man ihr Fortgehen 
hätte als eine Unhöflichkeit empfinden können, und ebenso 
natürlich schien man es zu finden, daß auch die stumme 
Gesellschafterin aufstand, um ihrer jungen Herrin das 
^^Herta^ Mette vor dem, was Magdalene jetzt zu ihr 
sprechen würde. Aber ob das junge Mädchen sich in der 
Tat zu erschöpft fühlte für eine Unterhaltung, oder ob sie 
irgendeine andere Ursache hatte, ihre Gedanken für sich zu 
behalten, jedenfalls verharrte sie in einem Schweigen, das 
für Herta in dieser Stunde eine unschatzbare Wohltat be 
deutete und für das sie der Leidenden tm innersten 
Herzen dankbar war. 
16. Kapitel. 
Die Kointesse Aldringen mußte entweder die Tatsache 
einer Einladung mit großer Sicherheit vorausgesehen haben, 
oder es mußte — was vielleicht ,ioch um eu»"«< wahr 
scheinlicher war — darüber vorder^' iruua 
zwischen ihr und Madel gttroffrch worden sein. Venn aus 
andere Art wäre es wohl kaum zu erklären gewesen, daß 
ihre Koffer, .deren sie eine recht erkleckliche Zahl auf ihren 
Reisen mit sich zu fuhren schien, mit geradezu erstaunlicher 
Promptheit in der Billa eingettosten waren — so schnell, 
daß.sie noch ausreichend Zeit gefunden hatte, sich für 
dos Diner umzukleiden. ---> 
Herta hätte kein Weib sein muffen, wenn es ihr nicht 
wie ein Stich durch das Herz gegangen wäre, als sie beim 
Betreten des Speisezimmers der Komtesse ansichtig wurde. 
Hatte sie schon vorhin Gelegenheit gehabt, den feinen Ge 
schmack zu bewundern, mit dem diese junge Aristokratin 
sich zu kleiden wußte, so war sie jetzt geradezu betroffen 
von dem Raffinement ihrer Toilette. Ihre zattfarbige, 
duftige Chiffonrobe, über einem Unterkleid von derselben 
Farbe, war geradezu ein Meisterwerk der Schneiderkunst. 
Und wenn sie sich niederließ, wurde unter dem Saum dieses 
berückenden Gewandes eine Wolke von Tüll und Spitzen 
sichtbar, die der ganzen Erscheinung etwas märchenhaft 
Leichtes und Zartes verlieh, etwas, dem kein Mann zu 
widerstehen vermag. Was sie an Schmuck angelegt hatte, 
war keineswegs übermäßig kostbar, abor es war so ge 
schickt verwendet, daß daneben die- haselnußgroßen 
Brillanten, die Rubinen und Smaragden Mabels plump 
und armselig wirkten. Alle Mängel und Unschönheiten 
der Gestalt schienen völlig verschwunden unter diesem 
Wunder von einer Toilette. Und obwohl Herta aufrichtig 
genug war gegen sich selbst, um sich zu sagen, daß die 
Natur sie um vieles hübscher geschaffen habe als diese 
Komteffe, gestand sie sich doch mit derselben Aufrichtigkeit 
ein, daß ihre Vorzüge wenig oder nichts bedeuteten neben 
den Künsten ihrer Rivalin und neben der unnachahmlichen 
Grazie, mit der sie ihre bestttckende Persönlichkeit in Szene 
zu setzen wußte. ... ^ 
Auch Johannes Rominger war entzückt, und nach 
feiner Art machte er durchaus kein Hehl aus diesem Ent 
zücken. Er hatte in seinem bisherigen Leben sehr wenig 
Gelegenheit gehabt, mit Frauen der großen Welt m 
intimere Berührung zu kommen, und wo ihm jetzt eine 
von ihnen entgegentrat, da wirkte sie auf ihn wie eme 
berauschende Offenbarung. Ein Vergleich mit seiner Tochter 
Mabel, die sicherlich viel kostbarer gekleidet und mit 
hundertmal wettoollerem Schmuck behängt war als dis 
Komtesse, mußte die. Bewunderung, die ihm Lydia ein 
flößte, ,a auch natürlich und begreiflich genug erscheinen 
lallen. 
Herta fand von seiten des gräflichen Gastes jetzt eben 
sowenig Beachtung als zuvor, und auch für die anderen 
schien sie seit der Ankunft der Komtesse so gut wie nicht 
mehr vorhanden. Sie saß still am untersten Ende der 
Tafel und blieb dazu verurteilt, die stumme Zuhörerin 
zu machen bei einer Unterhaltung, die durch Lydia 
Aldringens metallische Stimme vollständig beherrscht wurde 
und bei der ihr silbernes Lachen wieder und wieder das 
Signal zu allgemeiner Heiterkeit gab. 
Auch Eberhard zeigte jetzt ein anderes Benehmen als 
vorhin bei der ersten Begrüßung des Gastes.^ Er hatte 
offenbar seine Unbefangenheit der Komtesse ''gegenüber 
wiedergefunden, Uttd, sein impulsives Wesen ließ sich von 
dem Zauber ihktt Persönlichkeit um so leichter fortreißen, 
als es ihr unverkennbar in erster Linie darum zu tun 
war, gerade ihm von ihrer liebenswürdigsten Seite zu 
erscheinen. Bis zu dem Augenblick, wo nach der von 
Johannes Rominger festgehaltenen englisch-amerikanischen 
Sitte die Damen den Speisesaal verliehen, während die 
Herren noch eine Weile darin zurückblieben, um zu trinken 
und zu rauchen — bis zu diesem Augenblick war das 
neckischlustige Geplänkel zwischen Eberhard und ihr nicht 
für einen Moment zum Stillstand gekommen. Und die 
geröteten Wangen wie die glänzenden Augen des jungen 
Mannes waren Beweis genug, wie vortrefflich er sich 
dabei unterhalten hatte. 
Jetzt ließ sich Lydia mit Mabel und Magdalene im 
Salon nieder, während Herta sich in einen anstoßenden 
Raum zurückzog, ohne doch verhindern zu können, daß sie 
durch die. offene Verbindungstüc für die anderen Damen 
sichtbar blieb. 
Wenn sie keine andere als weibliche Gesellschaft hatte, 
war es der Komteffe Aldringen augenscheinlich nicht recht 
der Mühe wert, das blendende Feuerwerk ihrer schalk 
hafter- Einfälle und ihrer geistreichen Bemerkungen spielen 
zu la sen. Wohl blieb sie auch jetzt liebenswürdig und an 
mutn., aber sie hatte doch nur kurze, zustimmende Ant 
worten, als Mabel das bei ihr besonders beliebte Klage 
lied über die Dienstboten anzufttmmen begann, und hier 
und da gaben dis nervösen Bewegungen ihres Fächers oder 
ihrer Fußspitze Kunde von der Ungeduld, die sich hinter 
ihrer konventionellen Freundlichkeit verbarg. Magdalene, 
die aus ihrer schweigsamen Zurückhaltung noch immer nicht 
herausgetreten war, stand nach einer kleinen Weile auf, 
um sich au einem Almnenarrangement auf der anderen 
Seite des Zimmers zu schaffen zu nmchen. Und ' “
        
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