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Periodical volume Nr. 165, 23.07.1920

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

Vervgr-tt» 
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monatlich 2,70 Mark- durch So Mn 
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Smlin-griedena». Rheingratz« Ul. — Uernfprecherr Amt Psah,bnrg 212». " 
Nr. ISS 
Berlin-Friedenau, Freitag, den 23. Sa» 1980 
Sagte. 27 
Bar er in der nächsten Woche gibt. 
Brot: 1600 Gramm und 300 Gramm Kleingebäck oder 
1900 Gramm Großbrot. 
Fleisch: steht noch nicht fest. 
Kalbfleischwürstchen in Dosen, Dose 8 SW., in den 
Fleischereien. 
Butter: 20 Gramm-- 75 Pfg. und 70 Gr. ausländ. 
Margarine—1,68 M., sowie auf Sonderabschnitt der 
Speisefettkarte 180 Gr. Schmalz == 7,20 M. 
Kartoffeln sind bisher in so geringen Mengen ein 
getroffen, daß davon nur ein verschwindend kleiner 
Teil der Bevölkerung seine Wochenration erhalten 
konnte; die Belieferung des anderen Teils der Einwoh 
ner wird fortgesetzt werden, sobald weitere Sendungen 
eingehen. Es sind uns auf unsere wiederholten drin 
genden Bemühungen solche in Aussicht gestellt worden. 
Daß Kartoffeln nicht mehr herankommen, ist u. a. auf 
Landarbeiterstreiks, die in einzelnen Lieferkreisen aus 
gebrochen waren, sowie auf sonstige widrige Verhält 
nisse ans dem Lande zurückzuführen. Diese Woche soll 
es zwei Pfund Kartoffeln pro Kopf auf^ Abfchn. 31a 
und b der Kartofsclkarte geben, und zwar in den Ge 
schäften, iii denen die Haushalte in die Kundenliste ein 
getragen sind. Wer diese Kartoffeln nicht erhalten kann, 
darf in den nachstehenden Geschäften auf dieselben 
Kartenabschnittc 250 Gr. Nudeln und 500 Gr. Erbsen 
oder Bohnen entnehmen. Außerdem gibt es als wei 
teren Ersatz für alle Haushalte auf die Abschnitte 31c 
bis e 500 Gr. Haferflockcn und 500 Gr. Hülsenfrüchte. 
Fehr, Kaiserallec 61; Schöning, Lauterstraße; Treuhvlz, 
Bornstraße 27; Zicmke, Rheinstraße 49; Meyer, Kaiser- 
allee 93. 
Zucker: Dom 1. bis 15. August 3 / t Pfund. Ferner 
für Kinder im 1. Lebensjahre 1»/, Pfund, im 2. Lebens 
jahre 1 Pfund und im 3. bis 7. Lebensjahre »/» Pfund 
im Monat. 
Abholung vom 27.-29. Juli. 
Auf Groß-Berliner Lebensmittelkarte: 
Hafcrslocken: 500 Gramm auf 37; Pfd. 2,70 M- 
Auf Berlin-Friedenauer Nährmittelkarte: 
Nudeln: 125 Gramm aus 33; Pfund 2 M. 
Backobst: 125. Gramm auf Abschn. 34, 1 Pfd. 4,50 M. 
Puffbohnen, 1 Pfd. 2,50 Mark, Bohnen in Schweine 
fleisch, 1 Dose 4 Mark, Knorr-Süppenwiirfel, ein 
Stück 15 Pfg., gelbe Erbsen, Pfd. 2,50 M., Weiße 
Bohnen, Pfd. 2,50 M., freihändig in den Gemeindever 
kaufsstellen. , 
Marmelade: in jeder Menge, 1 Pfund 4,20 M. 
1 078 809 M. mehr. Die Besoldungen, persönlichen Kosten 
und Ruhegehälter machen einen Betrag von rund 1 363 000 
Mark aus. Für das Polizeigefängnis sind 450 M. auf 
zuwenden. Zn den Kosten der Kriminal- und Sitten 
polizei in Berlin muß Friedenau 10 500 M. aufbringen. 
Die Untersuchung der Lebensmittel und Prüfung der 
Drogerie- usw. Handlungen erfordert 3000 M Für die 
Vieh- und Fleischbeschau sind 3000 M. aufzuwenden, für 
Transport von Gefangenen 700 M. und für Feststellung 
übertragbarer Krankheiten an das Medizinal - Untev- 
suchungsamt in Potsdam 300 M. Der Kreis zahlt zu 
den Amtsunkosten einen Beitrag von 700 M. Durch 
Polizeistrafen kommen 3000 M. ein und durch Aus 
künfte des Einwohner-Meldeamts 2400 M. In der 
Hochbau- und Baupolizeiverwaltung, die 
163 845 M. Zuschuß erfordert, finden wir in Einnahme 
u. a. 1000 M. für Beaufsichtigung von Bauten. 
o An Ruhegehalt an Beamte und Privatdienstverpflich^ 
Ute, sowie an Witwen- und Waisengeldern und laufenden 
Untersttitzungen sind nach dem Voranschlag 1920 von un 
serer Gemeindeverwaltung 47 968 M. zu zahlen. Von 
diesem Bettagc zahlt die Brdbg. Witwen- und Waisenver 
sorgungsanstalt 10 511 M., so daß aus Gemeindemitteln 
37 457 M. aufzubringen sind. 
obh Di« Baustoffbeschafsungen des Wohnungsver- 
b and es. Der Wohnungsverband Groß-Berlin hatte im 
Friihjahr ds. Js. auf Verlangen der Städte und Gemeinden 
Groß-Berlins eine Zentral-Baustoff-Beschaffungsstelle ein 
gerichtet. Dieser Stelle ist es u. a. gelungen, 50000 F?h. 
Holz vom Forstfiskus zu erheblich ermäßigtem^ Preise zu 
erwerben, um sie den Vcrbandsmitgliedcrn zu ihren Woh 
nungsbauten zur Verfügung zu stellen. Infolge des Aus 
bleibens der Reichsznschüssc für Unterstützung der Bauten 
ist Zur Zeit die Bautätigkeit ins Stocken geraten, so daß 
der Wohnungsverband genötigt ist, demnächst die beschafften 
Baustoffe auf Lager zu nehmen. Dazu bedarf der Ver 
band der Eröffnung eines Betricbskredits. Ein solcher ist 
dem Verbano von der Girozentrale der Provinz Branden 
burg in Höhe von 30 Millionen Mark auf 1 Jahr fest zur 
Verfügung gestellt worden. Im Hinblick auf die am 1. Ok 
tober zu erwartende Auflösung des Wohnungsverbandes 
ist die Bedingung gestellt worden, daß die Verbandst,it-- 
glieder für die Sicherheit des Kredites die Bürgschaft über 
nehmen. Der Verbandsausschuß hat in seiner letzten 
Sitzung die Ausnahme des Kredits und die Verteilung der 
Bürgschaftsübernahme auf die einzelnen Verbandsglieder, 
die Kreise und Städte, nach Maßgabe der Verbandsi- 
satzung beschlossen. Der Bankkredit ist durch das vorhan 
dene Lager stets voll gedeckt, so daß nach menschlichem Er 
messen eine Beanspruchung der einzelnen Verbandsgliedcr 
aus der Bürgschaftserklärung praktisch nicht in Frage 
kommt. 
oA Neuregelung der Ruhegehälter und Witwengelder. 
Der Regierungspräsident zu Potsdam gibt bekannt, daß 
alle Empfänger von Wartegcld, Ruhehalt oder Witwen 
geld umgehend die Neuregelung ihrer Versorgungsgebühr 
nisse auf Grund des Landesgesetzes vom 7. Mai d. Js. 
schriftlich bei den Behörden beantragen inüssen, die seiner 
zeit das Wartegcld, Ruhegehalt oder Witwengeld festge 
setzt haben. Zur Vermeidung von Weiterungen und Ver 
zögerungen ist in den Anträgen deutlich anzugeben, welche 
Dienststelle der Wartegcld-, Ruhegehaltscmpfänger oder 
der verstorbene Ehegatte zuletzt bekleidete, von welcher 
Behörde und zu welchem Zeitpunkte die Versetzung in 
den Ruhestand oder auf Wartegcld erfolgt ist. Beizu 
fügen ist ferner die Angabe des Geburtstages und die 
Rufnamen der nnterhaltungsbercchtigten Kinder unter 21 
Jahren, der Höhe des bisher bezogenen Wartegeldes, 
Ruhegehalts, Witwengeldes, sowie der laufenden Kricgs- 
teuerungszulage und schließlich ist die zahlende Kasse zu 
bezeichnen. 
o Dom Preisaushang. Die Verordnung der Preis 
prüfungsstelle über den Preisaushang in den Geschäften 
ist vom Neuköllner Schöffengericht für ungültig erklärt 
worden. Daraufhin wird jetzt von der Preisprüfungs 
stelle darauf .hingewiesen, daß die fragliche Verorvnung' 
zur Vermeidung formeller Bedenken auch noch von den 
Groß-Berliner Gemeinden und den beiden' Kreisen Teltow 
und Niederbarnim auf Grund des § 12 Nr: 1 der Bundes 
ratsverordnung vom 25. September 1915 veröffentlicht 
H*0*lt* n*cbri<fctett 
Warschau. Der polnische Heeresbericht vom 22. Juli 
meldet: Südlich Grodno befinden sich unsere Abteilungen 
an der Landstraße Sokolka—Grodno im Kampfe. Sie 
verdrängten den Gegner aus den Orten Koropczyce, Ka- 
mionko, Polczank und näherten sich den Forts von Grodno. 
An der Stara Plänkeleien und Erkundungs'gefechte. Bei 
Koskale versuchte der Feind überzusetzen wurde aber unter 
schwersten Verlusten zurückgeworfen. Nördilch Slonim 
find heftige Kämpfe im Gange. Der Feind versuchte hier 
den Fluß zu. forcieren, wurde jedoch gezwungen, auf das 
östliche Uefer zurückzukehren. Bei Bolesie Plänkeleien und 
Vorfeldgefechte. Bei Golcze wollte der Gegner den Bobrek 
forcieren, wurde jedoch abgewiesen. Bei Rzeczyce und bei 
Mulczyce stehen -unsere Abteilungen in schwerem Kampfe 
mit sden Bolschewisten. Oestlich von Rczycze verdrängten' 
wir den Feind aus Jeztorko und Kletaczek und erbeuteten 
eine Menge Kriegsmaterial. Auf de? Linie Radziwillow— 
Dubno dauern die schweren Kämpfe den ganzen Tag über 
an. Heftige -Angriffe des Feindes bei Krzniet, nördlich 
Woloczvska, wurden zurückgeschlagen, ebenso die schweren 
Angriffe, die der Gegner ohne Rücksicht auf ungeheure Ver 
luste südlich des Zbrucz machte. Die Kämpfe dauern zur 
Zeit noch mit unverminderter Heftigkeit an. 
Kopenhagen. Aus Warschau wird gemeldet: Die 
'Lage an der polnisch-russischen Front verschlechtert sich 
dauernd. Die polnischen Truppen, die sich zwischen Augu- 
stowo und Suwalki zu neuem Widerstand konzentriert 
hatten, sind durch neu aufgestellte russische Formationen 
überrannt worden. Bei Grodno gelang es russischer Ka 
vallerie, in die Flanke der polnischen Verteidiger zu ge 
langen und sie zum Rückzug über den Njemen zu veran 
lassen. 
Amsterdam. „Times" meldet aus Konstantinopel: 
Die Regierung beschloß, Reschid Bei in Paris telegraphisch 
zu beaustragen, den Ententemächten mitzuteilen, daß die 
Türkei den Friedensvertrag unterzeichnen wird, und daß 
die mit der Unterzeichnung beauftragten DeleLierten fo 
schnell wie möglich nach Paris reisen werden. 
London. Im Unterhause kündigte der Chefsefretär 
für Irland, Greenwood, einen Gesetzentwurf an, durch 
den im Hinblick auf den Zusammenbruch der ordentlichen 
Gerichtshöfe, in Irland ein außerordentlicher Gerichtshof 
zur Aburteilung aller Verbrechen errichtet werden soll. 
Greenwood bat um einmütige Unterstützung des Hauses, 
indem er sagte: „Die Lage in Irland ist schlimm und 
wird vielleicht noch schlimmer werden. Das Haus und 
daS Land müssen sich auf einen bitteren Abschnitt in der 
irischen Geschichte gefaßt machen. Es wird ein ent 
schlossener, organisierter Versuch gemacht werden, durch 
die Mittel des Mordes und der Einschüchterung eine irische 
Republik zu errichten. Der Versuch wird nicht vhne 
Kampf aufgegeben werden. Er kann aber zu Falle ge 
bracht werden durch vereinigten Widerstand gegen solche 
wilden Methoden." 
Ortsnacbricbtets 
für frUcUnaa-SchSneberg. 
(Nachdr. unsrer o-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Die Polizeiverwältnng unserer Gemeinde erfordert 
einen Zuschuß von 1414 619 M., gegen das Vorjahr 
Der SoDn des Millionärs. 
Roman von Florence Warden. 
24 (Nachdruck verdaten.) 
Er legte seinen Arm um die Taille des zitternden 
Mädchens, in der Absicht, sie mit sich nach oben zu ziehen. 
Aber Herta sträubte sich mit aller Entschiedenheit und zwang 
ihn zu bleiben, wo sie sich befanden. 
Und sie hatte recht daran getan, denn zu ihrer grenzen 
losen Ueberraschung hörten sie plötzlich, wie das Rauschen 
der Seidengewänder sich wieder entfernte, und sie ver- 
nahmen gleich darauf das Oeffnen und Schließen einer 
Tür, die nur die Tür von Mabels Zimmer gewesen sein 
konnte. Eine Minute später fiel Herta, zum Tode er 
schöpft, auf einen Sessel ihres eigenen Gemaches. 
15. Kapitel. 
Am Vormittag des nächsten Tages, just nach Be 
endigung des ohne Zwischenfall, aber in ziemlich be 
klommener Stimmung verlaufenen Elfuhrfrühstücks, wurden 
die Bewohner der Villa durch das unangemeldete Erscheinen 
des Grafen Aldringen und seiner Tochter überrascht. 
Johannes Rominger hatte ihre, Ankunft an der Riviera 
erst für einen der späteren Tage erwartet, und soweit 
eine Person in Betracht kam, war die Ueberrumpelung 
ebenfalls vollständig gelungen. , - . 
Herta faß mit einer für Magdalene bestimmten Hand- 
arbeit in der Erkernische des Salons, und da Niemand 
von ihrer Anwesenheit irgendwie Notiz nahm, hatte sie 
Gelegenheit genug, das Mädchen zu betrachten, das nach dem 
Willen seiner Angehörigen Eberhards Frau hatte werden 
Ihre erste Empfindung bei dem Anblick de^ Komttsse 
Lydia war die einer gewissen Erleichterung gewesen; denn 
die Tochter des Grafen Aldringen — so wollte es Herta 
bei dieser ersten Musterung erscheinen — hatte sehr wenig 
Anspruch darauf, für eine Schönheit zu gelten. 
Sie war von mehr als Mittelgröße, und die aufrechte 
Haltung wie die Art sich zu bewegen, verlieben ihrer Ge- 
stakt allerdings etwas Hoheitsvolles und Imponierendes. 
Aber , die Umrißlinien der Figur waren zu eckig, um vor 
einem sttengen Schönheitsrichter bestehen zu können, und 
der von einem langen Halse getragene, viel zu kleine Kopf 
war dem allgemeinen Eindruck wenig günstig. Außerdem 
hatte sie zu große Ohren, einen zu großen Mund und 
eine viel zu kurze Nase. Nur die lebhaften Augen und 
vor allem das wunderschöne, lockige Haar konnten mit diesen 
Unregelmäßigkeiten des Gesichts einigermaßen aussöhnen. 
Und es wär jedenfalls sehr begreiflich, wenn Herta während 
der ersten Minuten der Ansicht zuneigte, daß diese Neben 
buhlerin wohl auch unter anderen Umständen keine allzu 
große Gefahr für Eberhards Liebe zu ihr bedeutet hätte. 
Aber dies Gefühl einer gewissen Sicherheitwar leider 
nur von sehr kurzer Dauer. Denn man brauchte die 
Komtesse Lydia nur ein oaar Minuten lang sprechen zu 
hören, um alle Mängel ihrer äußeren Erscheinung zu 
vergessen über dem bestrickenden, geradezu unwidersteh 
lichen Reiz, der von ihrer Persönlichkeit ausging. 
Nie war sich Her/a mit gleich tiefer Beschämung 
des gewaltigen Unterschiedes bewußt geworden, der 
zwischen ihrer kleinbürgerlichen Einfachheit und der 
raffinierten Vornehmheit einer selbstsicheren Weltdame be 
stand. Diese'vielleicht vierundzwanzigjährige Aristokratin 
hatte alle Vorteile einer sorgfältigen Erziehung und die 
ganze Summe der Erfahrungen für sich, die sie während 
eines halben Dutzends bewegter „Saisons" auf dem Parkett 
exklusiver Salons gesammelt. Sie durchschaute offenbar 
mit dem ersten Blick jeden, dem sie gegenuberttat, und sie 
besaß die Gabe, jeden nach seiner Eigenart zu behandeln, 
immer in der bewußten Absicht, jeden zu bezaubern. Ihr 
geistvolles, sprunghaftes Geplauder, ihr silbernes Lachen, 
der undefinierbare Charme ihrer Bewegungen und nicht 
zuletzt die tadellose Eleganz ihrer Toilette wirkten zu- 
lammen, um einen faszinierenden Eindruck hervorzubringen, 
dem sich wohl kaum eine Frau, sicherlich aber kein einziger 
Mann hätte entziehen können. Und noch ehe die erste 
halbe Stunde vorüber war, hatte Herta hinsichtlich der 
„Gefährlichkeit" dieser Rivalin eine ganz andere Meinung 
als vorhin bei ihrem Eintritt. 
Der Graf Aldringen, ihr Vater, trat neben der 
glänzenden Erscheinung seiner Tochter vollständig in den 
Hintergrund. Er war ein Edclniann von tadellos korrekten 
Manieren, ein Mann, dem man auf hundert Schritte den 
Kavalier aus ältestem Geschlecht angesehen ^ütte, aber man 
mußte notwendig die Empfindung hab^> daß er ganz 
und gar unter dem Einfluß der starkgeisligen Komtesse 
stand, und daß sein Wille nichts bedeutete neben dem 
ihrigen. 
„Mein Vater hat seine ursprünglichen Reisepläne ge 
ändert," sagte die Komtesse im Verlauf der mit großer 
Lebhaftigkeit geführten Unterhaltung, an der in Abwesenheit 
Eberhards nur die drei anderen Mitglieder der Familie 
Rominger teilnahmen. „Wir gedachten ein paar Wochen 
hier an der Riviera zu verleben, aber es sind Ereignisse 
eingetreten, die meinen Vater nötigen, zunächst aus unbe 
stimmte Zeit nach Rom zu gehen. Dahin aber werde ich 
ihn unter keinen.Umständen begleiten, denn ich hege von 
einem früheren Aufenthalt her eine unüberwindliche Ab 
neigung gegen die „ewige Stadt", in der man entweder 
verurteilt ist zu frieren oder sich vom Fieber plagen zu 
lassen. Für meine eigene Person habe ich also noch gar 
keine Pläne gefaßt, und da ich als schutzloses Mädchen 
doch nicht gut allein Hierbleiben kann, werde ich wohl 
genötigt sein, nach Deutschland zurückzukehren, so ungern 
ich mich auch dazu entschließe, nachdem ich wieder ein aal 
einen Blick in die sonnige Schönheit des Südens werfen 
durfte." 
Eine so faustdicke Anspielung würde den Freiherrn 
zu einer Einladung gezwungen haben, auch wenn dieFlbe 
seinen eigenen Wünschen viel weniger enisproche» hatt . 
als es in Wirklichkeit der Fall war. Er brachte sie t.t 
den herzlichsten und verbindlichsten Worten vor, und der 
Graf zögerte keinen Augenblick, sie mit wärmstem Dank 
für seine „schutziase" Tochter zu akzeptieren. 
Hökta fühlte ihr Herz wie von einer egernen Klammer 
zusammengepreßt durch die Gewißheit, daß Eberhard jetzt 
für Wochen gezwungen sein würde, in engster Gemeinschatf 
und in ständiger persönlicher Berührung mit emem 
Mädchen zu leben, das man.ihm zur Frau.zu geben
        
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