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Periodical volume Nr. 163, 21.07.1920

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

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!k. Die Reklamezeile kostet 
Fichrg. 27 
Ventile Daebrldbtra 
Berlin. Der Aeltestcn-Ausschuß des Reichstages 
tritt heute mittag zusammen, um darüber schlüssig zu 
werden, ob das Plenum des Reichstags schon vor dem 
28. d. M-, der als nächster 'Vollsitzungslag bereits be 
stimmt ist, zusammentreten soll. 
Kow.no. Die Bolschewisten marschieren in drei 
Heeressäulen auf Warschau. Im bolschewistischen Heer 
soll eine ausgesprochen nationale Stimmung herrschen. 
Kopenhagen. ' Nach einem Telegramm aus War 
schau besagt der polnische Heeresbericht: Nördlich -von 
Grodno dauern die Kämpfe aus der Linie Skrzy—Bovice 
an. In der Gegend von Nowo-Grodek haben die Polen 
den Befehl erhalten, nach Westen ihren Rückzug anzutreten, 
der unter dem Druck des Feindes erfolgt. Bolschewistische 
Angriffe in Polessien und am Strysluß sind abgeschlagen 
worden. In der Gegend von Dubno dauern die Kämpfe 
an;..der Feind ^hat dort große Verluste erlitten. ' ’ 
Die Ausgabe» der Bezirke im »eoe» Berlin. 
bh Der Uebergang zum neuen Berlin wird sich, wie 
schon mitgeteilt, in drei Stufen vollziehen. Die erste ist 
die Vorbereitung bis zum 1. Oktober: die Bildung der 
Stadtverordnetenversammlung, des Magistrats und der 
Deputationen: in der zweiten Stufe werden die bisherigen 
einzelnen Stadtverordnetenversammlungen und Gemeinde 
vertretungen aufgelöst, die Magistrate und Gemeindevor 
stände bleiben als ausführende Organe des neuen Zentral 
magistrats noch bestehen, und auf der dritten Stufe treten 
dann anstelle der Gemeindevorsteher die neuen Bezirks- 
icrperschaften. In dieser Uebergangszeit wird also die 
örtliche Verwaltung Groß-Berlins lediglich von den Ge 
meindevorständen und den Gutsvorstehern geführt. Bis 
zu dem Zeitpunkt, an dem die neuen Bezirkskörperschaften 
ihre Tätigkeit beginnen und der durch Beschluß der beiden 
städtischen Körperschaften bestimmt wird, müssen die Ge- 
meindevorstände der früheren Gemeinden und die Guts- 
Vorsteher ihre Tätigkeit fortführen. Sie dürfen sie aber 
auch nicht über diesen Zeitpunkt hinaus weiterführen; es 
darf also weder einen Zeitraum ohne örtliche Verwaltung 
noch einen solchen mit zwei örtlichen Verwaltungen neben 
einander geben. 
Für diese örtliche Verwaltung in den Bewirken hat 
das Ministerium des Innern in seinen Ausführungsbe 
stimmungen eine Reihe von Leitsätzen aufgestellt. Damit 
die Teilnahme, der Bezirke an der Verwaltung lebendig 
und arbeitsreich wird, soll grundsätzlich daran festge 
halten werden^ daß die Bezirke in möglichst weitem Um- 
fange an der Verwaltung beteiligt werden. Zentral sollen 
nur diejenigen Dinge verwaltet werden, bei denen die 
Natur der Sache dies verlangt. Auf den sonstigen Ge- 
bieten sollen die städtischen Körperschaften sich darauf be- 
schränken, allgemeine Richtlinien für die örtliche Verwal 
tung aufzustellen und ihre Durchführung zu überwachen. 
Die Bezirksversammlung hat im Rahmen der von 
den städtischen Körperschaften aufgestellten Grundsätze über 
alle Angelegenheiten des Bezirks.zu beschließen. Inso 
weit deckt sich ihr Wirkungskreis mit dem des Bezirks 
amts, das dabei die Verwaltungstäiigkeit übernimmt. 
Darüber hinaus hat das Bezirksamt die besonderen Ge- 
schäfte zu führen, die ihm der Magistrat nach dem Gesetz 
überweist. Soweit al:'o der Magistrat dies tut, steht der 
Bezirksversammlung eine Beaufsichtigung oder Kontrolle 
des Bezirksamts nicht zu! Wie erwähnt, erfolgt die Ab 
grenzung der Bezirksangelegenheiten von den allgemeinen 
städtischen Angelegenheiten durch Beschluß der beiden 
städtischen Zentralkörperschaften. Hierbei werden die Be 
lange der Bczirksvcrsammlung dadurch wahrgenommen, 
daß die in ihnen sitzenden Stadtverordneten bei dem Be 
schluß der Stadtverordnetenversammlung mitwirken, die 
Interessen der Bezirksämter dadurch, daß vor der Ab 
grenzung der Verwaltungsbefugnisse der Magistrat die 
Vorsitzenden der Bezirksämter, die Bezirksbürgermeister, 
in gemeinsamer Beratung zu hören hat. Innerhalb ihres 
Wirkungskreises sind die Bezirksversammlungen nur an 
die Grundsätze gebunden, die die städtischen Körperschaften 
ausstellen. Diese Grundsätze sind, wie das Ministerium 
betont, im weitesten Sinne zu verstehen und umfassen so 
wohl formelle als auch materielle Normen. 
Im einzelnen liegt den Bezirksämtern die Verwaltung 
aller in ihrem Bezirk belegencn städtischen Einrichtungen 
und Anstalten ob, soweit sie nicht nach Beschluß der beiden 
städtischen Körperschaften durch den Magistrat zu verwalten 
sind. Die Bezirksämter haben einerseits die Beschlüsse 
der Bezirksversammlungen auszuführen, anderseits sind 
kie die ausführenden Organe des Magistrats. Schwierig 
keiten, die hieraus entstehen, sind, falls nicht eine Ver 
ständigung zwischen Bezirksversammlung und Magistrat 
gelingt, durch das Anrufen der im Gesetz vorgesehenen 
Schiedsstelle zu lösen. Dem Bezirksamt steht nicht .das 
Recht zu, die Ausführung der Beschlüsse der Bezirksver 
sammlung von seiner Zustimmung abhängig zu machen, 
soweit nicht ausdrücklich im Gesetz ein übereinstimmender 
Beschluß beider Körperschaften verlangt wird. Das Be 
zirksamt ist also in diesem Sinne nicht ein kleiner, der 
Bezirksversammlung gleichberechtigter .Magistrat. 
Oitsnacbricbten 
für ?rie«lenra-§chöiieberg. 
(Nachdr. unsrer o-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Friedönauer Marktbericht. Der heutige Wochen 
markt war auch wieder mit Waren reichlich beschickt, und 
haben die Gemüsepreise gegen Sonnabend bedeutend nach 
gelassen. So wurden Mohrrüben ohne Kraut für 35 Pfg. 
verkauft, 2 Pfund neue Zwiebeln für 1 Mk., Stachel- und 
Johannisbeeren 1 Mk., Weiß- und Wirsingkohl 40—45 Pfg., 
Kirschen ohne Stengel 1.75 Mk. Ihren alten Preis haben 
Blumenkohl und Gurken gehalten: erstere 3—3.50 Mk. für 
den Kopf, letztere 1.75—2 Mk. für das Stück. Fische 
waren gleichfalls reichlich vorhanden und 25—50 Pfg. 
billiger als in der vorigin Woche. 2 Stände hatten neue 
Kartoffeln zum Preise von 1.10 Mark. 
o Maisgrieß und Kunsthonig. In allen durch Be 
kanntmachung kenntlich gemachten Schöncberger Ge 
schäften findet in der Zeit von Sonnabend, den 24. bis 
Dienstag, den 27. Juli, Voranmeldung statt auf Ab 
schnitt 37 und 38 der allgemeinen Lebensmittelkarte für 
je 125 Gramm, zusammen 250 Gr. Maisgrieß für 1,45 
Mark und auf Abschnitt 44 der roten und grünen Schöne 
berger Bezugskarte für 250 Gramm Kunsthonig in Paketen 
für 3,65 M. (1 Psund-Paket = 2 Portionen 7,30 Mark) 
oder lose 3,60 M. Der Verkauf der Ware beginnt vor 
aussichtlich in 12 bis 14 Tagen. Nach dem 4. ©ch^r. 
sind die Händler zur Einlösung der Quittungsabschnitte 
nicht mehr verpflichtet. 
o Ein Notschrei der Besucher des Friedrich-Wilhckm« 
Platzes. Auf dem Friedrich-Wilhelm-Platze befindet sich 
eine Bedürfnisanstalt aus Wellblech im Gebüsch versteckt, 
die schon seit langer Zeit einen pestilcnzartigen, gesund 
heitsschädlichen Gestank verbreitet. Man glaubt sich an 
irgend einen Ort im fernsten Osten versetzt und wähnt 
sich nicht in einem vornehmen Orte des Berliner Westens. 
Sollte es kein Mittel geben, diesen unangenehmen Geruch 
zu beseitigen? Sonst möchten wir der Gemeindeverwaltung 
den Rat geben, so ungern wir es tun, da in Friedenau 
ein Mangel an solchen Oertern herrscht, diese Anstalt 
zu schließen. 
o Mittelstainds-Kindcrhkim Kölpinsee an der Ostsee. 
Wie uns mitgeteilt wird, sind für den Monat August 
einige Plätze frei geworden. Vorsitzender der OrtsgEppe 
Berlin-Frjedenau, Herr Architekt Gra/zmann, Ringstr. 4, 
nimmt Anmeldungen entgegen. 
obh Ermäßigung des Erzeugerpreises für Frühi- 
kartofseln. Der Vorsitzende des Teltower Krcisausschusses 
hat den Ankaufspreis für einen Zentner Kartoffeln mit 
Wirkung vom 22. Juli ab bis auf weiteres auf 32 M. 
festgesetzt. — Der gegenwärtige Preis beträgt 35 Mark. 
Hoffentlich trägt die bevorstehende Preisherabsetzung dazu 
bei, daß jetzt mehr inländische Frühkartoffeln in ihrer 
wahren Gestalt auf den Markt kommen. Die Haupt 
sache ist, daß die Bevölkerung endlich Kartoffeln erhält.' 
o Abermalige Kohlenpreiserhöhung? Die gestrige 
Mitgliederversammlung des rheinisch-westfälischen Kohlen- 
shndikats in Essen beschloß, dem Reichskohlenverband eine 
Erhöhung der Kohlenpreise vom 1. August ab vorzu 
schlagen. Die armen Kohlenbesitzer sind zu bedauern. 
o Der Streik in Golpa beendet. W. T. B. meldet: 
Die Arbeiterschaft der Grube Golpa,- des Kraftwerkes 
Zschornewitz und der dazu gehörigen Betriebe hat in 
Verfolg der für den mitteldeutschen Braunkohlenbergbau 
unter Leitung des Reichsarbeitsministeriums geführten 
Verhandlungen beschlossen, heute die Arbeit wieder aufzu 
nehmen. 
obh Die Nachprüfung der Groß-Berliner Stadtver- 
ordnetcnwahlen. Der Wahlprüfungsausschuß der Groß- 
Berliner Stadtverordnetenversammlung trat gestern nach 
mittag im Berliner Rathaus zu seiner ersten Sitzung zu 
sammen, um das Ergebnis der Stadtvcrordnetenwahlen 
nachzuprüfen und die auf der Stadtlistc usw. gewählten 
Stadtverordneten auf die einzelnen Bczirksversammlungcn 
zu verteilen. Zum Vorsitzenden des Ausschusses wurde der 
Stadtv. Stadtrat Weise (Unabh.) gewühlt. Bezüglich der 
Verteilung der Stadtverordneten beschloß der Ausschuß, zu 
nächst eine vorläufige Ausstellung des Inhalts herstellen 
zu lassen, wie die auf den Stadtlisten der Parteien und die 
in den aus mehreren Verwaltungsbezirken bestehenden 
Wahlkreisen X, XIII und XV gewäslten Stadtverordneten 
nach ihrem Wohnsitz auf die Bezirke zu verteilen sind. Fer 
ner sollen die in Betracht kommenden StadtverordneteN 
gefragt werden, ob sie wegen der Zuteilung auf die Be- 
zirksversammlnngen besondere Wünsche haben.' Erst dann 
soll die endgültige Verteilung vorgenomnien werden. — 
Gegen die Gültigkeit der Stadtverordnetenwahle», aber 
auch gegen die Wahlen für die einzelnen Bzzirkscersamm- 
t'ungcn, z. B. Reinickendorf, waren zahlreiche Einsprüche 
eingegangen. In der Hauptsache stützten sie sich auf die 
von uns bereits mitgeteilte Tatsache, daß einzelne Wahl 
vorsteher in Berlin Stimmzettel zu Unrecht für ungültig 
rklärt haben; infolgedessen sind allein in den sechs Ber 
liner Wahlkreisen 4061 Stimmen nicht berücksichtigt worden. 
Der Sohn des Millionär;. 
Roman von Florence Warden. 
22 
(Nachdruck verbaten.) 
Die Gäste mußten sich inzwischen bereits verabschiedet 
haben, denn er war allbin. Durch den Spalt der halb 
geöffneten Tür aber, die in den Nebenraum führte, ge- 
wahrte Herta einen Zipfel von Mabels mit glitzernden 
Pailletten besetztem Kleide, und sie wußte also, daß jedes 
Wort der Unterredung von der ältesten Tochter des Haus» 
Herrn belauscht werden würde. ' . 
Wenn sie erwartet hatte, mit einer strengen Frage oder 
oielleicht sogar mit einer leidenschaftlichen Anklage emp» 
fangen zu werden, so bedeutete die Art, in der sie von 
vem Freiherrn angesprochen wurde, eine gewisse an- 
genehme Enttäuschung. Er sah aus, als ob er sich in der 
trefflichsten Laune befände, Und indem er sie mit freund 
lichem Lächeln begrüßte, deutete er auf einen in seiner 
^"^Kann^ma^ Ihrer endlich wieder habhaft werden 
liebes Fräulein?" sagte er. „Ihre lange Abwesenheit 
hat einigen von uns großen Kummer bereitet. 
Aus'welchem Grunde auch immer er gewünscht haben 
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hätte auch sicherlich sehr wenig der E'genaö seines 
Charakters entsprochen, einen Zorn zu unterdrücken, de« 
alle Tiefen seines Wesens aufgewühlt haben würd«. 
' Das war immerhin eine Beruhigung, aber es ver 
mochte doch die Sorge nicht ganz zu verscheuchen, von der 
Hertas Seele noch immer erfüllt war. Mit gesenktem 
Kopfe, um dem Freiherrn den Anblick ihres bleichen An 
tlitzes nach Möglichkeit zu entziehen, erwiderte sie: 
„Meine Abwesenheit war ja nur von kurzer Dauer, 
Herr von Raminsrr.nnd Uh. tonnt^nnmöMMAf/ 
?J - von irge rb jemE 
üben Sie eben 
vm ■ M i 
unterschätzt/ meinte er mit jener Galanterie, ln der er 
sich zuweilen dem schönen Geschlecht gegenüber gefiel. 
„Namentlich Herr de Raucourt, der glühendste Ihrer Be- 
wunderer, war ganz untröstlich, daß ihm auf solche Art 
das Glück Ihrer Gesellschaft schon wieder entzogen wurde, 
nachdem er sich kaum von der Besorgnis erholt hatte, daß 
Sie von Ihrer Reise überhaupt nicht zurückkehren würden." 
„Ich brauche die Untröstlichkeit des Herrn de Raucourt 
doch wohl nicht allzu ernsthaft zu nehmen. Denn er wird 
sich früher oder später ja doch daran gewöhnen müssen, 
auf dies vermeintliche Glück meiner Gesellschaft zu oer» 
^ JD, Sie sollten nicht mit so viel Gleichgültigkeit von 
dem charmanten jungen Manne sprechen, Fraulem Herta! 
— Daß er außerhalb der Grenzen Ihres Vaterlandes ge- 
boren ist, wird ihm in IhrenAugen ja hoffentlich nicht zum 
Nachteil gereichen. Er hat eine Menge ^liebenswürdiger 
Eigenschaften, und ich glaube, er müßte, einen ganz vor- 
trefflichen Ehemann abgeben." .. . 
„Ich zweifle nicht daran," sagte Herta, die ihr Herz 
von einer neuen, schrecklichen Ahnung durchzittert suhlte, 
„vorausgesetzt, daß er eine Frau mit einer seiner gesell 
schaftlichen Stellung entsprechenden Mitgift findet. 
„Sie scheinen ihn da in einer gewissen Hinsicht ganz 
richtig zu beurteilen." lächelte der Freiherr. „Diese Herren 
Franzosen haben in der Tat nicht die Gewohnheit, arme 
Mädchen zu heiraten. Und ich vermute, Herr de Rau- 
court würde keine Ausnahme gemacht haben. Aber was 
würden Sie sagen, wenn ich Ihnen mitteile, daß diese 
Klippe bereits glücklich umschifft worden ist, und daß Herr 
de Raucourt mir seinen Entschluß kundgegeben hat, nach 
erlangter Einwilligung seiner Familie in aller Form um 
Ihre Hand anzuhalten, nachdem — nun, nachdem er von 
mir gehört hat, daß Sie ihm eine Mitgift von hundert- 
tausend Mark zubringen werden?" 
Das also war der Weg, den Mabel gefunden hatte, 
um sich ihrer zu entledigen und jeder Gefahr hinsichtlich 
einer etwaigen „Verirrung" ihres Stiefbruders vorzu 
beugen l Es konnte dazu in der Tat kaum ein sichereres 
Mittel geben, als ihre baldige Verheiratung mit irgend- 
Itwn anderen Mann Und dock zsxxsu&ti 
Schlüffe! zu dem Verständnis für die Handlungsweise 
der klugen, intriganten Frau nicht zufinden. Wußte sie 
doch, daß das letzte Ziel all ihres Strebens die sehr be 
stimmte Absicht war, ihre Stiefgeschwister zugunsten der 
eigenen Kinder aus der Liebe ihres Vaters zu verdrängen 
und sie um einen möglichst erheblichen Teil .der zu er 
wartenden Erbschaft zu bringen. Hätte sie es aber unter 
solchen Umständen nicht mit Freuden begrüßen müssen, 
wenn Eberhard durch eine törichte, den Wünschen seines 
Vaters höchlich zuwiderlaufende Heirat ihre Pläne unter 
stützte ? 
Das war eine Erwägung, die sich Herta in diesem 
Augenblick notwendig aufdrängen mußte. Aber ihre Ge 
danken verweilten nicht lange bei dieser Frage, denn 
stärker als jede andere Regung war der Druck des Bewußt 
seins, wie maßlos undankbar sie jetzt einem Manne er 
scheinen mußte, der bereit war, ihr den Beweis einer ge 
radezu fürstlich verschwenderischen Großmut zu liefern. 
Johannes Rominger hätte für ihr Schweigen offenbar 
keine andere Erklärung als die allerdings sehr naheliegende, 
daß Ueberraschung und mädchenhafte Scham ihr für den 
Moment die Lippen verschlössen. Und er zögerte nicht, 
ihrer vermeinten Verwirrung in seiner jovialen Weise zu 
Hilfe zu kommen. 
„Nun, wie denken Sie darüber, liebes Fräulein?" 
fragte er. „Würden Sie unter solchen Umständen wirklich 
noch ein Bedenken dagegen haben» Herrn de Raucourt zu 
heiraten?" ' 
„Es betrübt mich, aussprechen zu müssen, Herr von 
Rominger, daß ich in der Tat solche Bedenken — und zwar 
ganz unüberwindliche — habe. — Aber" — fügte sie mit 
fast versagender Stimme hinzu — „ich bin Ihnen dank 
bar — o, so unendlich dankbar —" 
Doch es hatte ganz den Anschein, als ob der Freiherr 
diesen letzten Zusatz gar nicht mehr gehört hätte. Sein eben 
noch heiter lächelndes Antlitz hatte sich plötzlich beschattet^ 
und seine Stimme hatte einen völlig veränderten kühlen 
Klang, als er erwiderte: 
„Ich . hoffe, daß Sie in bezug auf die Unüberwindlich- 
keit Ihrer Bedenken anderen Sinnes geworden fein werden» 
tzvW.v.hW «ua«n»4MW^MMMen «lM»eldMS **
        
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