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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

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Keenkprecher: Amt Pf-l^nng tlt». - Druck und »«lag v.n Leo Schultz, 
aus den ' Nebenstellen 
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«erltu^riedeuuu. Rheinstraßr 1». Fernsprecher: Amt Pfalzburg 212V. 
Berlill-FriedeuM, Donnerstag, den 8. 8n!i 1920 
Fahrg. 27 
Neueste Nackrirdten 
Paris. Der Botschafterrat hat gestern be 
schlossen. daß der Austausch der RatifizierungS-Urkunden 
mit Oesterreich am 16. Juli stattfinden soll. Er hat ferner 
den Antrag, die Volksabstimmung iin Bezirk Teschen nicht 
vornehmen zu lassen, abgelehnt. Da das schiedsrichter 
liche Verfahren durch den Widerstand der einen Partei un 
möglich geworden sei. müsse nach dem Wortlaut des Ver-, 
träges das Volk entscheiden. 
, Spa. Reichsjustizminister Dr. Heinze ist mit 
Reichsanwalt Richter gestern hier eingetroffen. 
Spa. In der gestrigen Sitzung der Konferenz machte 
General v. Seeckt den Vorschlag, die Abrüstung des deut- 
chen Heeres auf IM 000 Mann in 1*/« Jahren durchzu- 
ühren. Die ersten 10 0M Mann sollen am 1. Oktober 
1920, die nächsten 10 0M am 1. Januar 1921, die nächsten 
20000 a. 1. April 1921, 30000 am 1. Juli 1921 und die 
letzten 30 0M am 1. Oktober 1921 abgerüstet werden. Dieser 
Vorschlag ist von Lloyd George zwar nicht angenommen 
worden, doch soll in Kommissionen über ihn beraten werden. 
Heute soll die endgültige Stellungnahme zu ihm bekannt 
gegeben werden. > 
Spa. Die Delegierten treten heute mit ihren mili 
tärischen Sachverständigen zu einer ,Sonderbesprechung 
um 11 Uhr vormittags im Schloß de la Frahneuse 
zusammen. 
Karlsruhe. Die Lebensmittelunruhen führten heute 
nachmittag zu blutigen Zusammenstößen zwischen der 
Sicherheitspolizei und der erregten Volksmenge. Die Ab 
teilung wurde von einer Ratte junger Leute umzingelt und 
angegriffen. Es kam zu einer Schießerei, in die auch ein 
Panzerauto mit Maschinengewehren eingriff. Bei dem Zu 
sammenstoß wurde eine Frau getötet und 10 Personen zum 
Teil schwer verletzt. 
Königsberg. Heute wurden in Königsberg auf 
dem Altstädtischen Markt und auf dem Fischmarkt eine 
Anzahl Verkaufsstände geplündert. Die Verkäufer wurden 
mißhandelt. Als die Menge auch ein Schuhgeschäft zu 
plündern drohte, erschien ein starkes Aufgebot Sichcr- 
polizei mit Maschinengewehren und säuberte die Straße. 
Mainz.. Die Franzosen haben den unter ihrem 
Protektorat stehenden Sultan von Marokko veranlaßt, 
seinen Minister des Aeußern und andere Würdenträger 
Vach dem Rheinland zu schicken zur Inspektion der 
'marokkanischen Befatzungstruppen in Koblenz, Mainz, Lud 
wigshafen und Bonn. 
Kopenhagen. Chicago Tribune meldet aus an 
geblich bester Quelle, daß Polen vor den Bolschewiki die 
Waffen gestreckt und um Frieden gebeten habe. 
Konstantinopel. Privatnachrichten zufolge hat 
Mustafa Kemal Pascha die Mobilmachung und Zwangs- 
rekrutierung Mer wehrfähigen Männer ohne Unterschied 
her Religion angeordnet. 
Dijon. 'Gestern vormittag hat sich eine Explosion 
in der Pulverfabrik von Vonges ereignet, bei der zehn 
Personen getötet und dreißig verwundet wurden. 
Sitzung der Gemeindevertretung 
von Montag, den 5. Juli 1920. 
(Fortsetzung.) 
Errichtung von Wohnhäusern. 
Antrag der demokratischen Frakiion: „Die Gemeinde 
vertretung beschließe den Bau von Wohnhäusern auf noch 
unbebauten, bezw. freiwerdenden (im Orte belegenen) 
Grundstücken der Gemeinde Berlin-Friedenau." 
Bürgermeister Walger gibt hierzu einen Antrag 
des Ausschusses für das Wohnungswesen bekannt, der 
dahin geht, daß die vorhandenen unbebauten Grundstücke 
der Gemeinde mit Wohnhäusern zur Schaffung von Klein 
wohnungen zu bebauen sind. G.-V. L ü d e ck e (Dem.) be 
gründet den Antrag seiner Fraktion: Wir haben den An 
trag eingebracht aus Gründen, die allen bekannt 'find. Ich 
habe früher schon mal zwei solcher Zeiten auf dem Woh 
nungsmarkt durchgemacht, wo solche Wohnungsnot herrschte, 
aber damals bedurfte es nicht der Mithilfe der Behörde, 
weil die Wohnungsnot durch das freie Unternehmertum 
erledigt wurde. Diesmal ist es anders, weil erstens die 
Krisis schärfer ist und weil zweitens das freie Unternehmer 
tum nicht eingreifen kann. Das liegt an den Material 
preisen. Wir haben den Antrag eingebracht, weil wir 
der Meinung sind, daß etwas Praktisches geschehen muß. 
Wir haben in dieser Hinsicht schon etwas getan, indem 
wir Baracken bauten. Diese haben aber nur eine kurze 
Lebensdauer. Wir müssen aus dem Provisorium zu einem 
Direktivum kommen. Der Wohnungsnot kann durch alle 
behördlichen Befehle und Anordnungen nicht abgeholfen! 
werden; es muß dazu geschritten werden, richtige Wohn 
häuser zu erbauen. Wir stehen da allerdings vor dem 
Sperrparagraphen; aber ich halte doch dafür, daß trotz 
des Sperrgesetzes die Durchführung für notwendig ge 
halten wird, weil genügend Gründe dafür sprechen. Es 
sind viele junge Leute vorhanden, die eine Wohnung haben 
müssen, und zweitens haben wir Grundstücke, die sich für 
die Bebauung mit Wohnhäusern eignen, während sie, wenn 
wir bei Groß-Berlin sind, als freie Plätze nicht in Betracht 
kommen. Ich glaube, etwas Positives zu schaffen und 
glaube, daß die neuen Körperschaften wissen werden, daß 
eine Wohnungsnot herrscht und sie sich überzeugen lassen, 
daß das Gewurstete aufhöre und etwas Positives geschaffen 
werden muß. Es "werde trotz Sperrparagraphen etwas er 
zielt werden können. Wenn man aber in diesem Augen 
blick wieder sage, Groß-Berlin werde schon in Erwägungen 
darüber eintreten, so werde wieder geraume Zeit vergehen, 
bis auf diesem Gebiete etwas erreicht wird. (G.-V. Dr. 
Schultz: Nervus rerum.) Der Zurufer hat gewiß gewußt, 
was ich jetzt sagen, werde. Der positive Vorschlag geht 
dahin, auf einem einzigen Grundstück einen Komplex von 
Wohnhäusern zu errichten. Wir würden da 2M Wohn 
zimmer mit Küchen und Nebenräumen bekommen, also 
bei 2-Zimmer-Wohnungen IM Wohnungen und das für 
einen Preis, den man hoch oder niedrig, wie man Unit, 
bezeichnen kann, nämlich rund 8 Millionen Mark. 
Wenn man Vergleiche zieht zur Steigerung aller Produkte 
und auch die Preise für die Baracken mit 67 Wohnzimmern 
in Vergleich zieht, wird man diese Wohnhäuser durchaus 
nicht zu teuer für die jetzige Zeit ansehen können und be 
greifen, daß die Groß-Berliner Bevölkerung solche Opfer 
bringen muß. Eins aber spricht für mich noch mit, das 
ist der ethische Punkt. Wie können wir in Deutschland 
aufbauen, wenn ein großer Teil unserer Bevölkerung nicht 
eine Stätte hat, wo sie ihr Haupt hinlegen kann. —Bürger 
meister Walger ist an und für sich mit dem Vorschlage 
einverstanden. Aber er möchte darauf hinweisen, daß es 
hier an Material fehlt. Man war von Anfang an über 
alle diese Fragen hinweggegangen, man hätte etwas 
schaffen können, wenn man von Anfang an richtige Wege 
eingeschlagen hätte. Ob das jetzt in unserer Gemeinde 
noch möglich sei. bezweifle er (Zustimmung). Aber im 
freien Gelände, an anbaufähigen Straßen, da hätte man 
längst bauen sollen. — Gemeindesyndikus Sturm bittet. 
dem Antrage zuzustimmen, weil man nur vorlvärts kommen 
könne, wenn man bereit sei, jedes Mittel zu versuchen", 
das der Wohnungsnot helfen könnte. Es werde schließlich 
auch den Zweck haben, die neue Behörde darauf hinge 
wiesen zu haben. Auf der Tagung Deutscher Wohnungs 
ämter tauchte auch die Frage auf, ob man ohne Hochbauten 
künftig werde auskommen können. Es müsse aber gesagt 
werden, daß man ohne Hochbauten nicht aus- 
Ikommen werde, weil man auch für Siedlungszwecks 
nicht.das nötige Geld habe. Voraussetzung sei jetzt, daß 
wir Wohnungen haben, und da wir sie durch Siedlungen 
nicht bekommen können, müssen wir sie anders bauen. 
Man werde auch ohne die verpönten Notmaßnahmen nicht 
auskommen. Dabei bemerkt er, daß der Staat die Zu 
schüsse eingestellt habe. Wir sollten 170 M0 M. bekommen, 
haben aber nur 20 0M M. erhalten. Die Frcitagskon- 
ferenz wollte, daß die Zuschüsse für den Bau von Klein 
wohnungen wesentlich erhöht werden. Aber die Geineinden 
müssen die Notmaßnahmen aus eigenen Mitteln bestreiten, 
vom Staate bekommen sie nichts, auch die ^ichsdarlehcn! 
kommen dafür nicht in Frage. Die sozialen Wunsche werde 
man noch lange Zeit zurückstellen müssen, die Haupt 
sache sei. daß man Obdach schasse. Mit den Siedlungs!- 
plänen ging viel gute Zeit verloren; besser sei 
es, Wohnungen ohne Garten zu schaffen, als Woh 
nungen mit Garten an die Wand zu malen. Es sei 
gar nicht daran zu denken, die vorhandenen Woh 
nungssucher jemals mit Wohnungen zu versehen. Wir 
haben in Schöneberg-Friedenau 15 0M Wohnungssucher. 
Bei aller Wohnungswirtschaft sei es gar nicht möglich, 
einen erheblichen Teil der Wohnungssucher unterzubringen, 
man müsse sich auf die Fälle absoluter Dringlich 
keit beschränken. Und hierbei leiste der Dringlichkeits 
ausschuß dem Wohnungsamt wertvolle Hilfe. Mit ihm 
habe er die beste Erfahrung gemacht und es bekoinmc nur 
der eine Wohnung, wo der Prüfungsausschuß die Dring 
lichkeit anerkannt habe. Es müsse versucht werden, die 
Zahl der vorhandenen Wohnungen möglichst zu vergrößern. 
— G.-V. Dr. Schultz (Dnat.) meint, so sehr er auch 
die Not anerkenne, müsse er doch davor warnen, jetzt Wohn 
häuser zu bauen. Man habe ein abschreckendes Beispiel 
an dem fertigen Wohnhaus an der Traegerstraße 
in Schöneberg, für dessen Ausbau die Stadt Schöneberg 
l s 4 Millionen Mark bereit stellen mußte. Wenn man 
einen Block mit 2-Zimmerwohnungen hier schaffe, wie 
sollten sich da wohl die Mieten darstellen, da würde sich 
die Zweizimmerwohnung auf 7—8000 M. stellen. Es 
sei unmöglich, daß wir heute noch bauen können, er 
müsse dringend davor warnen, auff solche Experimente ’ 
einzugehen. Unmöglich sei es auch, den Bedarf durch 
Siedlung zu decken, das seien nur Palliativmittel. Man 
warte, bis wir eine Einheitsgemeinde sind, vielleicht könne 
die etwas machen. — G -V. Schönknecht (D. Vp.) 
bittet, die Sache nicht einfach fallen zu lassen, sondern 
ihr näher zu treten. Er rechnet mit 6 Millionen Mark, 
das 'Zimmer mit 1500 M., das sei eine Summe, die 
man aufwenden könnte. Er schlage vor, die Vorarbeiten 
zu beschließen und die Kosten für diese Vorarbeiten zu be 
willigen. Wenn man damit fertig sei, werde sich ein Weg 
finden, um etwas damit zu machen. Die Vorarbeiten 
wären dann aber doch vorhanden. Ueber die hohen Kosten 
soll man nicht erstaunt sein, wir haben für die Baracken 
auch 200 000 Mark aufgewendet und die sind nur von 
kurzer Lebensdauer und werden jährlich noch große Zu 
schüsse erfordern. Die Wohnungen werden nicht ein so 
horrendes Geld kosten, Geld müsse man so oder so zu 
geben, ob man Baracken oder andere Wohnungen aus- 
Der 5odn des Millionärs. 
Roman von Florence Warden. 
11 (Nachdruck verboten.) 
Zum ersten Mal machte Herta die Wahrnehmung, daß 
er seinem Vater ähnlich war — nicht nur im Ausdruck 
des Gesichts, sondern auch im Klang seiner Stimme. Und 
diese Aehnlichkeit, die sicherlich nicht bloß eine äußerliche 
war, steigerte die Angst ihres armen, gequälten Herzens. 
Sie wagte nicht, ihm alles zu sagen, was ihre Seele 
bewegte, aber sie vermochte auch nicht völlig zu schweigen. 
„Ja, wenn es offen geschehen dürfte!" sagte sie leise. 
Aber es ist mir so schrecklich zu denken, daß Sie auch 
weiterhin gezwungen sein sollen, zu — —" 
Zu lügen!" kam er der Stockenden zu Hilfe. „Nlcht 
wahr, das war es wohl, was Sie sagen wollten ? — 
Aber kann nicht unter Umstanden auch der Wahrhaftigste 
durch die Unvernunft seiner Umgebung zur Luge ge- 
zwungen werden? Haben Sie nicht an sich selbst die 
Möglichkeit eines solchen Zwanges erfahren ? In dieser 
letzten Nacht, als Sie gezwungen waren, m Ihrem Zimmer 
meiner Stiefschwester Rede zu stehen? . . 
„Sie sollten sich nicht darauf — nicht gerade darauf be- 
rufen, Herr von Rominger! — Wenn ich Frau Hermann 
in dieser Nacht belogen habe, so geschah es doch nur, weil 
„Well Sie mich retten, mich vor einer Gefahr schützen 
wollten, die Ihnen vielleicht fürchterlicher schien, als sie 
es in Wirklichkeit war. Sie haben stch ohne Zweifel mit 
schwerem Herzen zu dieser Lüge entschlossen. Und Sie 
machen sich wahrscheinlich jetzt die bittersten Vorwürfe, 
daß Sie schwach genug waren, sich von Ihrem Mitleid 
dazu hinreißen zu lasten." .. 
„Ich wünschte, daß e» nicht nvtwendcggewesea wäre, 
erwiderte ste (richtig. „Aber ich bereue nichtL, Und 
wenn ich nach einmal in dieselbe Lage kärW. dann 
fiU htelt amthgrnh ftmft- ftherhfiA 
„Dann ? — O, bitte, vollenden Sie, Fräulein 
Herta l — Wenn Sie noch einmal in dieselbe Lage kämen, 
was würden Sie dann tun?" 
„Dann würde ich genau so handeln, wie ich in dieser 
Nacht gehandelt habe." 
„O, Fräulein Herta " 
„Nein, Sie sollen mich nicht mißverstehen! — Ich will 
nicht, daß Sie meinem Verhalten eine falsche Deutung 
geben. Wenn es sich bei alledem für Sie um nichts 
anderes gehandelt hätte, als um einen unangenehmen 
Auftritt mit Ihrem Vater — um einige Vorhaltungen, die 
vielleicht nicht einmal ganz unverdient gewesen wären, so 
hätte ich nimmermehr tun dürfen, was Sie mir jetzt als 
Verdienst anrechnen — und ich hätte es auch nicht getan. 
Aber ich wußte ja, was bei einer Entdeckung für Sie auf 
dem Spiele stand. Und es war meine Ueberzeugung, 
daß die Strafe in keinem Verhältnis stehen würde zu der 
Schwere Ihres Verschuldens. Meinem eigenen Gefühl 
nach würde ich eine Ungerechtigkeit begünstigt haben, wenn 
ich gezögert hätte, Ihnen nach meinen schwachen Kräften 
beizustehen. Und ich werde immer auf der Seite eines 
ungerecht Behandelten sein. Sie verstehen jetzt, welches 
meine Beweggründe waren — nicht wahr?" 
Voll Bewunderung blickte er auf das zarte Geschöpf, 
das so schwach und gebrechlich aussah, und in dessen 
zierlichem Körper sich eine so starke, mullge Seele barg. 
Aber er vermochte dieser Bewunderung nicht anders Worte 
zu verleihen, als indem er sagte: 
„Es ist meine heilige Ueberzeugung, Fräulein Leuen- 
dorff, daß Sie in jeder Lebenslage nur das tun werden, 
was Sie für recht halten, und was Ihr Gewiffen Ihnen zu 
tun gestattet." 
Ein langes Schweigen folgte seiner mit bewegter 
Stimme abgegebenen Erklärung. Und in der tiefen Stille, 
die sie umgab, vernahm Herta plötzlich mit voller Deutlich 
keit das Klirren eines Fensters, das unmittelbar über ihnen 
geöffnet worden war. Nicht einen Augenblick war sie 
darüber im Zweifel, daß es das Fenster ihres eigenen 
Zimmers gewesen sei, und daß fortan ledes Worx. ML 
sie noch miteinander sprächen, droben durch dAs Ohr 
eines Lauschers aufgefangen werden würde. Dem durfte 
sie weder Eberhard noch sich selbst aussetzen. Sie machte 
ihm ein Zeichen, das ihn gedeutete, zurückzubleiben, und 
dem er diesmal den Gehorsam nicht mehr verweigerte. 
Dann schlüpfte^ sie in den Gartensalon zurück, überzeugte 
sich durch einen raschen Blick in den anstoßenden Raum, 
daß die Gesellschaft dort noch immer bei ihrer Whistpartie 
saß, und eilte auf den Fußspitzen die Treppe empor, um 
geräuschlos die unverschlossene Tür ihres Zimmers zu öffnen. 
Was sie vermutet hatte, erwies sich als zutreffend. Die 
hübsche Cöcile, Mabels französische Kammerzofe, kniete auf 
dem Boden, den sie beim Licht einer Kerze abgesucht zu 
haben schien, und obwohl sie ersichtlich zusammenschrak, 
als Herta sie bei ihrem Namen anrief, lieh doch das 
boshaft triumphierende Lächeln, das gleich darauf um ihre 
Lippen spielte, der Gesellschafterin kaum einen Zweifel, daß 
diese Nachforschung nicht ganz ohne Ergebnis ge 
blieben fei. - , , „ . 
„Was tun Sie da, Cöcile?" fragte sie streng. „Und was 
haben Sie überhaupt in meiner Stube zu schaffen?" 
Aber mit der Geistesgegenwart einer Person, die nicht 
zum ersten Mal beim Lauschen und Spionieren ertappt 
wird, war die Zofe bereits ihrer Verwirrung Meister ge 
worden. Ohne jedes Anzeichen von Verlegenheit oder 
Schuldbewußtsein erhob sie sich aus ihrer knieenden 
Stellung. ' 
„Das Zimmermädchen ist nicht ganz wohl, und ich 
habe statt ihrer hier aufgeräumt," sagte sie schnippisch. 
„Aber ich bin schon fertig und brauche dem Fräulein nicht 
länger lästig zu fallen. — Gute Nacht I" ^ 
Sie schlüpfte behend hinaus, wie um wannt jedem 
weiteren Verhör zu entgehen. Herta aber, di« ihxe Knie 
zittern fühlte, ließ sich schweren Herzens in einen Stuhl 
fallen. Denn eip sicheres Vorgefühl sagte ihr, daß neue 
und härtere Prüfungen ihrer harrten. 
Und sie brauchte auf die Verwirklichung ihrek^ 
sorgnifse nicht lange zu warten. 
E^etzung folgt.)
        
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