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Periodical volume Nr. 149, 05.07.1920

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

WaS noch die Kosten für die Einrichtung' des Schul-, 
kinvS anbetrifft, so dürfen zwar nach 8 58, Nr. 8 deS 
Gesetzes über die Bildung einer neuen Stadtgcmeinde; 
Berlin vom 17. 4. 1920 bis zur Feststellung des Haus 
haltsplanes für 1920 nur solche Angaben geleistet werden, 
die zur Fortführung der laufenden Verwaltung unbedingt 
notwendig sind. ' Wir vertreten mit dem Ausschuß aber 
den Standpunkt, daß cs sich bei der geplanten Einrichtung 
einerseits' um den organischen Ausbau des Schulunterrichts 
und andererseits um die systematische Fortführung der 
begonnenen Volksbitdungsanstalt handelt. Der Groß- 
Berliner Haushaltungs-Ausschuß wird deshalb voraussicht 
lich unter Berücksichtigung dieses' Umstandes die Mittel 
bewilligen. 
'Wir bitten, die Einrichtung des SchulkinoS zu geneh 
migen, die crsordcrlichctt Mittel in Höhe von 25 000 Mark 
zu bewilligen und den Volksbildungs - Ausschuß mit 
der Durchführung des vorgelegten Plaues, dem grundsätzlich 
zugestimmt wird, zu beauftragen. 
LÜrMlMü sslk MS8M MS WMrs. 
(Aächbri unsrer o-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Geinelstdewohnihäuser. Die Demokratische Fraktion 
hat zur heutigen Sitzung der Gemeindevertretung folgen 
den Antrag gestellt: „Die Gemeindevertretung beschließe 
den Bau von Wohnhäusern auf noch unbebauten bezw. 
freiwerdenden (im Orte bclcgcnen) Grundstücken der Ge 
meinde Berlin-Friedenau." 
o Wcitcre Erhöhung SckjUlgcldcs in Sichst! Nach 
dem der Staat erst vor kurzer Zeit eine Erhöhung des 
Schulgeldes an seinen höheren Lehranstalten aus 240 
an den Studicnanstalten sogar ans 900 Mark hat ein 
treten lassen, teilt der Minister für Kunst, Wissenschaft 
und Volksbildung jetzt mit, daß eine weitere Steigerung 
bevorsteht. Im Durchschnitt sollen die Sätze ans 500 
Mark erhöht werden. Es ist selbstverständlich, daß diese 
durch die allgemeine Notlage crzwungenc'Stcigerung den 
Charakter der höheren Schulen als Standcsschulen noch 
verschärft, und es ist ein tragisches Verhängnis, daß 
gerade ein Minister der Partei, die an: schärfsten für 
Schulgeldfreiheit eintrat, gezwungen wird, die Schul 
gelder zu erhöhen. 
o Die Stelle einer Hilfskraft im Kindergarten der 
Gemeinde — möglichst geprüfte Kindergärtnerin —, ist 
iioch immer unbesetzt. Meldungen zur Berücksichtigung 
können beim Gemciudcvor.stand eingereicht werden. 
o Eine 2. Turnkchrerschlle soll am Gymnasium ge 
schaffen werden. Sie wird notwendig durch die Angliede 
rung des Realprogymnasiums an daS Gymnasium und durch 
die Vermehrung der Turnstunden von Michaelis 1920 ab. 
o VeryckMtnz bet Dienstwohnungen. Der Gcmcindc- 
vorstand empfiehlt der Gemeindevertretung, die Frage der 
Berechnung der Dienstwohnungen in derselben Weise zu 
regeln, wie cs in Schöncbcrg geschehen ist'. Darnach werden 
den Direktoren der höheren Lehranstalten 15 v. H. des 
Anfaugsgchaltes, den übrigen Inhabern einer Dienstwoh 
nung -/s des Mietswertcs der Wohnung und des Wertes 
der Heizung angerechnet. 
o Für den vons, Kommun.ilfchuhwrtl ist in 
Schöneberg die Einkommeuhöchstgrenzc auf 0000M., 
zuzüglich 500 Mark für jedes Kind festgesetzt. Personen, 
die Kommunalschuhwerk zu kaufen wünschen, werden er 
sucht, sich in die im Zimmer 217 des Schönebcrger Rat 
hauses auslicgcnde Liste eintragen zu lassen. Verdienst- 
bescheinigung, Heiratsurkunde und Geburtsurkunden der 
Kinder sind mitzubringen. Steuerveranlagung ist nicht 
ausreichend. Bei der Anmeldung ist die Schuhgröße an 
zugeben. Der Verkauf findet ab 20. d. Mts. statt. Nähe 
res siche Schwarzes Brett des Neuen Rathauses. Der 
Verkauf erfolgt in der Reihenfolge der Eintragungen. 
0 Post; wach Nordschleswig. Für Postsendungen jeder 
Art sowie für Ticlegramme nach der an Dänemark ab 
getretenen ersten. Zone des Abstimmungsgebiets Schles 
wig gelten vom 17. Juni ab dieselben Gebühren und 
Versendungsbedingungen wie für gleichartige Sendungen 
nach Dänemark. 
o Für bei« phhsikalllch'w Unterricht ernt Reformreal 
gymnasium, namentlich in den oberen Klassen, fehlt es 
noch -an den notwendigen Apparaten. Herr Oberlehrer 
Schlegel hat deshalb beim Gcmcindevvrstande einen 
Betrag bis zu 20 000 M. für die Beschaffung der er 
forderlichen Apparate beantragt. Auf eine Rückfrage des 
Kuratoriums beim Direktor der Anstalt, hat eine Fach 
konferenz stattgefunden. Diese hat die in einer besonderen 
Aufstellung angcgcbeneik Apparate für dringend notwen 
dig bezeichnet und ihrer Meinung dahin Ausdruck ge- 
der Türe willen, als im Bewußtsein der Ehrenpflicht, die 
ihm bei der Eigenart der Situation durch die Gebote der 
Ritterlichkeit auferlegt war. 
Der Horchenden aber mochte auf ihrem Posten doch 
allgemach die Zeit zu lang geworden sein. Denn just 
in dem Augenblick, da Herta ihr Werk beendet hatte, 
klang hart und befehlend Frau Mabcls scharfe Stimme 
zu ihnen herein: 
„Fräulein Leuendorff — sind Sie wach?" 
Herta machte Eberhard ein warnendes Zeichen, aber 
mit einer scheinbaren Puhe, die ihn in Erstaunen setzte, er 
widerte sie zugleich: 
„Ja, Frau Hermann — ich bin wach." 
„So lassen Sie mich wohl auf einen Augenblick 
bei Ihnen eintreten? —Ich habe mit Ihnen zu sprechen." 
Die Augen des jungen Mädchens hatten mit raschem 
Blick das Zimmer überflogen, um ein geeignetes Bersteck 
für ihren Besucher ausfindig zu machen. Und sie hatte es 
schnell gefunden. Mit stummer Handbewegung deutete sie 
auf den großen Kleiderschrank in der Tiefe des Geinaches. 
Und dann, mit erhobener Stimme, um das Geräusch zu 
verdecken, das fein Rückzug in diesen Schlupfwinkel etwa 
verursachen konnten sagte sie, gegen die Tür gewendet: 
„Aber was g.ot cs den». Freu Hermann? — Was 
können Sie jetzt, um diese Zeit, von niir wünschen? — 
Ich fürchte mich zu öffnen. Denn ich habe allerlei..beöng- 
fügende Geräusche gehört, wie wenn fremde Menschen auf 
dem Balkon oder im Hause wären." 
Sie war die Wahrhaftigkeit selbst, aber die Sorge um 
den geliebten Mann batte sie urplötzlich zu der ge 
schicktesten aller Schauspielerinnen gemacht. Sie blieb 
regungslos stehen, mit gespannter Aufmerksamkeit jede Be 
wegung Eberhards verfolgend, während draußen die scharfe, 
unangenehme Frauenstimme weitersprach: 
„Ach, Unsinn! — Sie höben Nichts zu fürchten. Lassen 
Sie mich, bittx, c.ia! — Warum haben .denn über 
haupt Ihre Tür-ßr. tzgsilich veZchl 
geben, daß ein Betrag von 20 000 M. bei Ausnutzung 
aller Vorteile jetzt nur einen Teil der Bedürfnisse decken 
kann. Dem Kuratorium hingegen erschien diese Forde-» 
rung doch zu hoch, wenngleich cs anerkennen mußte, daß 
die Anschaffungen 'im Interesse der Schule geschehen 
müßten. Es empfiehlt daher, zur Beschaffung der not 
wendigen Gebrauchsgegciiständc 10 OpO M. zu bewilligen 
o Die rüstest örjtlhckstjN! leichtathletischen Wetttä'mpse, 
veranstaltet die Sportabteilung des Friedenauer Männer-j 
Turnvereins am 18. Juli. Sie hat den Gemeindevorstand, 
hierzu um Stiftung eines Wanderpreises gebeten. Der 
Gcmeindevorstand empfiehlt, hierfür 300 M. zu bewilligen. 
o Ueber; nähme des, Lopurz'schcn Lyzeums. Der heuti 
gen Sitzung der Gemeindevertretung liegt folgender An 
trag der demokratischen Fraktion vor: „Die Uebernahme 
der Dr. Lorenz'schen höheren Mädchenschule als Gemeinde- 
anstalt wird beschlossen". 
o Mit dem Anschluß eines neuen Pachtvertrages mit 
dem RateMlerwiri wird sich unsere Gemeindevertretung 
in ihrer heutigen Sitzung beschäftigen. Herr Schwarz, 
der Pächter des Ratskellers, war zuerst bereit, den Ver 
trag auf 3 Jahre abzuschließen und eine Jahrespacht 
von 18—25 000 M. zu zahlen. Dieses Angebot hat er 
mir Rücksicht auf Aenderung der Geschäftslage durch 
Streik abgeändert, dahin, daß er ei«e Pachtsumme von 
18-, 19- und 20 000 M. in den drei Jahren zahlen will, 
ober bei Tonnenpacht für jedes Liter Bier 15 Pfg. (bis 
her 10 Pfg. für helles und 15 Pfg. für echtes), und 
für 1 Flasche Wein 50 Pfg. Korkengeld (bisher 40 Pfg.). 
Ter Wirtschaftsausschuß empfiehlt das Angebot mit einer 
Pachtsumme von 18°, 19- und 20 000 M„ steigend von 
Jahr zu .Jahr, bei Abschluß auf 3 Jahre, anzunehmen. 
o Verpackustg darf nschjt berechnet werden. Wie die 
PreiSprüfungefftelle Groß-Berlin mitteilt, ist es seit eini 
ger Zeit in verschiedenen Geschäften üblich geworden, 
beim Verkauf von Waren Verpackungsmaterial besonders 
zu berechnen. Die Preisprüfungsstelle weist darauf hin, 
baß cs stets handelsüblich gewesen ist, Verpackungsmate 
rial unentgeltlich mitzulicfcrn. ES ist daher eine beson 
dere 'Berechnung desselben unzulässig und evtl, wegen 
übermäßiger Preissteigerung und gegebenenfalls auch 
wegen Höchstpreisübcrschreitung strafbar. 
o Fyühgcwitter. Heule in der 4. und 5. Morgen 
stunde zog ein heftiges Gewitter über Friedenau. Da 
durch trat nach der Schwüle der letzten Tage die er 
sehnte Abkühlung ein. Der gestrige wundervolle Sommer 
tag führte-viele wieder ins Freie: Doch gab cs für die 
jenigen, die schon am Vormittag hinausgezogen waren, 
eine kleine Ueberraschung durch den um die 11. Vormit- 
tagsstiuidc einsetzende Regenguß. Darnach aber war der 
Nachmittag um so schöner. 
obh Eine gute Apfel- und Pflaumrncrnte ist nach den 
letzten Berichten, die der Deutschen Oostbaugejellschaft in 
Eisenach aus . allen bedeutenden Obstbaugcbicten Deutsch 
lands zugegangen sind, zu erwarten. Die Ernteaussich- 
ten dürften sich wie folgt gestalten: Aepfel gut bis mittel, 
Birnen mittel bis gering, Pflaumen gut bis mittel, 
Zwetschen mittel bis gering. — Vielen Obstzüchtern sind 
allerdings die auf die zum Teil überreiche Obstblüte ge 
setzten Hoffnungen .durch späte Maifröste zerstört worden.: 
obh Weitere MH>rtserjh»hri;ng in Grotz-Vrrlln. ßsz? 
schärsnNg der Zwe. ^Mnquag'tlerung in Sicht! Der Ver- 
tandsausschuß des WohnuiigsverbandcS Groß-Berlin hat 
Sonnabend im Berliner Stadtverordnetensitzungssaale die 
uns Mietern und Vermietern bestehenden Sachverständigen, 
soloie die Vorsitzenden der Groß-Berliner Einigungsämter 
über die Frage der Abwälzung der öffentlichen Lasten 
(Gas- uiw Wassergeld, Schornsteinfegergebühren, .Kana 
lisationsgebühren, Mllllbeseitigniig usw.) auf die Mieten 
gutachtlich gehört und im Anschluß hieran beschlossen, 
die in der Verordnung des Wohnungsverbandes vom 
14. April d. Js. festgesetzte Höchstgrenze für Mietssteige 
rungen um 10 Prozent der Ariedensmiete ^u erhöhen, 
sodass sich für Wohnungen der,zulässige Höchftzuschlag von 
20 auf 30 Prozent erhöht. Der Wohnungsverband sah 
sich hierzu infolge der ganz erheblichen Steigerungen, die 
die öjseutlichcn Hauslasten in den letzten Monaten er 
fahren haben, genötigt. Laufende Verträge werden durch 
die Nachiragsverordnung des Wohnungsverbandes nicht 
lerührt. Ferner hat der Wohnungsverband den für die 
Berechnung des Vermieters für Heizung und Warmwasser- 
versorgung zu zahlenden vierteljährlichen Vorschuß und 
den in Ansatz zu bringenden mittleren Preis für einen 
Zentner Gas- und Schmelzkoks für dieses Vierteljahr auf 
24 M. festgesetzt. Der Verbandsauöschuß beschloß weiter- 
hiu, den Geschäftsführer des Verbandes, Baurat B c u st e r, 
zu ersuchen, bei der Reichs- und Staatsregierung iioch- 
Gleichze-tlg niueUe ’JL'uiui ene. gisch an oec Klintc, 
sicbtlich erbost, daß sie ihrem Druck nicht sogleich nackme' 
gcben batte. 
„Ich schließe mich des Nachts immer ein, wenn ich 
mich in einem fremden Hause befinde," erwiderte Herta, 
»och immer ohne sich zu rühren. 
„Nun gut, so niachcn Sie mir endlich auf! — Es wäre 
doch offenbare Narrheit, wenn Sie sich jetzt noch fürchten 
wollten." 
Jetzt war Eberhard glücklich in den Schrank gelangt, 
der groß genug war, um ein nicht allzu unbequemes 
Versteck abzugeben. Mit einigen raschen, vollkommen laut 
losen Schritten war Herta bei ihm. Eilig drehte sie 
den Schlüssel der Schranktür, daß der Niegel knackend ein 
sprang, und ohne Besinnen verbarg sie den Schlüffe! 
zwischen hen Kissen des Sofas, wo selbst das schärfste 
Späherauge ihn nicht leicht entdeckt haben würde. 
Dann ging sie zur Tür, sperrte auf und ließ Mabel 
eintreten, die mit einem wahren Polizistenblick das Zimmer 
bis in fein letztes Winkelchen durchjpähte. Sie war sicht 
lich enttäuscht, aber unverkennbar noch sehr weit davon 
entfernt, den Verdacht fallen zulassen, der ihr Eindringen 
verursacht hatte. 
„Wer ist auf dem Balkon gewesen?" fragte sie in in 
quisitorischem Ton. „Sie müssen ihn gesehen haben. Sagen 
Sie mir, wer es war!" 
Damit war sie zum Fenster geeilt, hatte es geöffnet 
und hinausgespäht, natürlich, ohne irgend' etwas zu 'ent 
decken, was ihre Wißbegierde hätte befriedigen können. 
Herta aber, die in ruhiger, selbstbewußter Haltung 
ihrem aufgeregten Beginnen zusah, erwiderte gelassen: 
„Ich sagte Ihnen bereits, Frau Hermann, daß ich durch 
ein verdächtiges Geräusch auf dem Balkon erschreckt wurde 
— durch dasselbe vermutlich, das auch Sie gehört haben." 
„Ich rede nicht von dem, was Sie gehört haben, 
ss>»r>->rn non dem, was Sie sahen. Sie waren ja nicht im 
' noll^ündia angekleidet^ 
mals die dringendsten Borstellunyen gegen weiteren 
Zuzug aus dom Reich und insbesondere gegen dfie 
weitere Versetzung von Beamten nach der Reichshauptstadt 
zu erheben, sofern sich das Reich fernerhin weigert, die 
nötigen Zuschüsse zum Wohnhausbau zur Verfügung zu 
stellen. Auf Antrag der Gemeinde Schöneberg wurde 
eine Kommission eingesetzt, die die Grundsätze für die 
in der jetzigen schwierigen Lage nicht mehr vermeidbare 
verschärfte Zwangseinquartierung in kürzester 
Zeit ausstellen soll. 
obh Adolf Hoffmanst Kandidat für den Oöechwrger- 
rneistrrpostk'ir? Der Kampf um den Groß-Berliner Oberi- 
bürgermeisterpostcn ist schon jetzt, noch ehe die neue Stadt 
verordnetenversammlung zusammengetreten ist, im Gange. 
Hinter den Kulissen wird mit Hocbdruck gearbeitet und 
die Fraktionen sind bereits auf der Suche nach geeigneten' 
Männern. Für den jetzigen Berliner Oberbürgermeister 
Wermujh treten aus erklärlichen Gründen die Unabhängi 
gen geschlossen ein, während die Sozialdemokraten in dieser 
Hinsicht nicht so ganz einer Meinung sind. Besonhers 
in den Kreisen der sozialdemokratischen Stadtverordneten 
aus den Vororten stößt die Kandidatur Wermnth auf Geg 
nerschaft. Von sozialdemokratischer Seite werden mehrere 
Kandidaten empfohlen und dabei scheint man aus die 
Unterstützung der bürgerlichen Fraktionen zu rechnen. 
U. st. werden der frühere preußische Ministerpräsident und 
jetzige Staatssekretär Paul Hirsch (Charlottenbg) und 
der ehemal. Finanzministcr Dr. Südekum, ferner auch 
Phil. S ch e,i d e m a n n, z. Zt. Oberbürgermeister in Kassel, 
genannt. Soweit wir unterrichtet sind, sind sämtliche bür 
gerliche Fraktionen, auch die Demokraten, gegen die Wahl 
Wcrmuths in das Groß-Berliner Amt. Von Unabhängigen 
die in Betracht kommen können, werden Stadtperordncten- 
vorsteher Tr. Weht und Stadtv. Adolf Hoffmnnn 
genannt. Die Entscheidung dürfte bei der sozialdemo 
kratischen Fraktion liegen, die im neuen StadtparlamcE 
das „Zünglein an der Wage" bildet. 
o Was' ist lebenswichtig? Bisher waren stet^ die 
Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerke als lebenswichtige 
Betriebe erster Ordnung angesehen worden, was wohl auch 
begreiflich ist, wenn man bedenkt, daß heute die Bevölke 
rung auf diese Weise zur Sicherstellung ihrer primitivsten 
Lebensbedürfnisse: Wasser, Licht und Wärme angewiesen 
ist Es sei dabei- ganz abgesehen von der völligen Ab 
hängigkeit der Krankenhäuser, Speise- und Fürsorgeanstal 
ten usw., von dem glatten Funktionieren dieser Betriebe, 
um ihre Aufgaben überhaupt erfüllen zu können. Dem 
entsprechend waren diese Betriebe in bey Vorschriften des 
Reichsministertnms des Innern für das Eingreifen der 
Technischen Norhilfe in erster Linie als lebenswichtig be- 
zeickmet worden. Der Magistrat der Stadt'Halle hat jedoch 
darin eine von der übrigen Allgemeinheit abweichende Auf 
fassung bekundet, indem er das Eingreifen der Technischen 
Nothilfc beim Streik der Elektrizitätsarbeiter ablehnte, 
da er die Aufrechterhaltung des Betriebes der Elektri 
zitätswerke nicht als notwendig ansähe. Man mag über 
solche Beurteilung denken wie man will — eine Er 
höhung sozialen Empfindens kann jedenfalls daraus beim' 
besten Willen nicht gefolgert werden! N 
o Das Sominckvsicstz der; hennatstrcnen ObcrschUsiqr, 
welches die vereinigten Ortsgruppen Friedenau, Schöne 
berg und Wilmersdorf am Dienstag, den 29. Juni in 
Schlamms Seebad Hi.'degard.straße in mühe- aber liebe 
voller Arbeit vorbereitet hatten, gestaltete sich zu. einem 
wahren Volks- und Heimatsfcst. Die Zahl der Besucher 
erreichte allmählich das fünfte Tausend. Es war fast wie sn 
den allen schönen Tagen. Bunte Fähnlein, Regünents- 
inuslk, Gesangsvorträgc, Verlosung, Tanz und Kinderfackel 
zug. Nur, daß der laute Trubel, die frohe heiter ausge 
lassene Stimmung sich aufbauten auf einem tiefem Her- 
zei'.grunde: Der bangen Sorge um das gequälte Heimat 
land der heißen — durch das ungewisse Schicksal Ober- 
schlesiens nur noch gesteigerten Heimatsliebe. In meister 
hafter Weise wußte Generalmajor Schneider diesen 
Gefühlen Ausdruck zu geben. Die jubelnde begeisterte Zu 
stimmung, die seine Rede erweckte, gaben ebenso wie das 
ans Taufenden von Lippen durch den weiten Garten er 
brausende Lied: Deutschland, Deutschland über alles, das 
der Ansprache des rührigen Werbeleiters der großen Ber 
liner Ortsgruppe, Herr K a i s e r an die Kinder folgte, 
die frohe Zuversicht, daß der Tag der Abstimmung der 
Welt beweisen wird: Oberschlesien war, ist und bleibt 
deutsch. — Möchte doch die Erchnntnis, daß das von 
vielen vielleicht nicht oder wenig beachtete Oberschlesien, 
eins der ^richtigsten Gebiete Deutschlands ist, dessen: Ver 
lust das Schicksal eines jeden Deutschen wirtschastli'ich 
auf das Schwerste berührt, überall Platz greifen »md 
Sie mir nicht erklären, wie das zugeht? Was hatten Sie 
in dieser späten Nachtstunde noch so Wichtiges zu tun, daß 
Sie es verschmähten, sich zur Ruhe zu legen?" 
„Ich brauche wenig Schlaf, und ich "liebe es darum, 
des Nachts zu lesen," gab Herta bereitwillig Auskunft, 
indem sie mit einer Kopfbewegung gegen das Buch hin 
deutete, das noch immer offen auf dem Tische lag. 
Ungläubig schüttelte Mabel den Kopf. 
„Und was war es, das Sie gehört haben ?" examinierte 
sie weiter. 
„Ich kann darüber nicht so genau Rechenschaft geben, 
Frau Herinann! — Jedenfalls hatte ich den Eindruck,-als 
ob sich draußen etwas Lebendiges bewegte. Und dann 
vernahm ich ein Oeffnen von Fenstern und Türen, sowie 
den Klang von aufgeregten Stimmen, was mich natürlich 
mit Schrecken erfüllen mußte. — Möchten Sie mir nicht 
sagen, gnädige Frau, ob Sie selbst noch andere Wahr 
nehmungen gemacht haben?" 
„Mein Vater und ich — wir haben die Wahrnehmung 
gemacht, daß ein Mann auf dem Balkon war. Und wir sind 
sehr geneigt zu glauben, daß dieser Mann kein anderer 
als mein Bruder gewesen ist." 
Während sie das sagte, heftete sie ihre tückisch 
glitzernden Augen mit einem so durchbohrenden Blick auf 
Hertas Gesicht, als sollten sie bis auf den Grund ihrer 
Seele dringen. Aber wenn sie erwartet hatte, irgendein 
Anzeichen von Verlegenheit oder Schuldbewußtsein zu er 
spähen, so sah sie sich stark enttäuscht. Was sich in den 
Zügen der jungen Gesellschafterin spiegelte, hätte unmög 
lich anders gedeutet werden können, denn als ein Aus 
druck aufrichtigen Erstaunens. 
„Herr Eberhard von Rominger?" sraate sie zurück. 
„Ah, das ist doch wohl nicht anzunehmend Was bälte 
er denn um diese Stunde der Nacht draußen auf ibdm 
Balkon tun sollen?" 
(Fortsetzung folgt.)
        
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