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Periodical volume Nr. 147, 02.07.1920

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 27.1920

(Frkedenauer 
WlltteiWe Zeitung sSrNg.'FrleSens« und 
Vezugspred 
kek Abbofuua au) den Nebenstellen 
monatlich 2,7) Mark; Lnr«h Boren 
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Jeiturrrr) ^gr» 
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den Fnedknnuer LristeU dvn EÄsnedeeg. Z-"' ^^^>xar-c»:u £«;.•« be:« 
notffiÄKoHiiffn* m, ; ri le Raum 1 2Kf. Die Rekle.me,:eiie kolket 
tZ^jujÜslZslLÜk. 5iij(liu[ll!, 15» 4.— Mark. Srlegimnuucr La P/g, 
Berlin-Friedenau, Rheiustrastc IS. — Fernsprecher: Amt Pfal,b,lrg 2129. 
Ar. 147 
Brrlin-Skledenau, Freitag, dm 2. Sali 1929 
Still. 27 
Bor der Konserm» in Spa. 
W.W. In wenigen Tagen beginnt die Konferenz in 
Spa, bei. der unsere BeziehungAI zum Auslande klarge 
stellt werden sollen. Mit Mühe und Not ist es gelungen, 
überhaupt eine Regierung in Deutschland zustande zu 
bringen. Mit noch größerer Mül» hat man sich über 
die Form geeinigt, in der eine formelle Vertrauenser 
klärung des Reichstages vernricden und doch der Reichs 
regierung für die Verhandlungen in Spa die unbedingt 
rwtwendige Autorität gegeben wird. Ueber die Persön 
lichkeiten, welche neben dem Reichskanzler Fehrenbach, dem 
Minister des Auswärtigen Simons und dem Finanzminister 
Dr. Wirth nach Spa gehen sollen, ist bis zur Mitte der 
Woche nichts Endgültiges mitgeteilt worden. Seltsamer 
weise wird unter den deutschen Vertretern in Spa der 
Reichswirtschaftsminister Scholz nicht genannt. An Sach 
verständigen sollen in erster Linie hervorragende Bank- 
fachmänner hinzugezogen werden; über die Teilnahme her 
vorragender Industrieller und Kaufleute verlautet dagegen 
nichts. Man gewinnt den Eindruck, als ob die in Spa 
zu behandelnden Fragen vorwiegend finanztechnisch be 
handelt werden sollen. Hiergegen müssen noch in letzter 
Stunde ernste Bedenken erhoben werden. 
Einen wichtigen Teil der Verhandlungen in Spa wer 
den allerdings Höhe und Art der deutschen Geldzahlungen 
ausmachen. Wer in Spa sollen doch auch Fragen wie: 
Kohlenabgabe, Materiallieferung für Wiedergutmachungs 
zwecke und sonstige wirtschaftliche Leistungen Deutsch- 
lands erörtert werden, über diese Fragen können auch 
die besten Finanzkenner Deutschlands nicht erschöpfend 
und verbindlich Auskunft geben. Wir hoffen doch auch 
die Barzahlung gegenüber den bisher von Verbandpersön 
lichkeiten genannten Summen ermäßigen zu kömien und 
würden es als eine Erleichterung empfinden, wenn man 
uns dagegen Lieferung von Rohstoffen und Waren an 
rechnen würde. 
Die Zeit zwischen der endgültigen Bildung der neuen 
Regierung und der Hinaussendung gut und einheitlich 
informierter Vertreter zur großen internationalen Aus 
einandersetzung ist ohnehin sehr kurz. Daher müssen mit 
größter Beschleunigung die urteilsfähigen Wirtschafts 
kenner Deutschlands berufen werden; außer ihrer Zahl 
müssen die, welche den besten internationalen Ruf ge 
nießen, ausgewählt und der-nach Spa zu entsendende» 
Delegation beigegeben werden. 
* 
Berlin. In feiner gestrigen Rede im Reichstag 
veranschlagte Rerchsfinanzminister Dr. Wirth die Reichs 
schuld aus 265 Milliarden. 
Berlin. Der französische Botschafter Laurent hat 
gestern dem Reichspräsidenten E b e r t sein Beglaubigungs' 
schreiben überreicht. Er erklärte in seiner Ansprache u. a.: 
„Ich werde bemüht sein, beizutragen zu einem frucht 
bringenden gemeinsamen Zusammenwirken beider Länder 
zwecks Heilung der Wunden des Krieges und schnellen 
loirtschaftlichen Wiederaufbaus von Europa in ehrlicher 
Ausführung des Friedensvertrages, der hinfort die ge 
meinsame Urkunde aller ihn zeichnenden Mächte sein 
wird." 
Allenstein. Das .Flaggenverbot ist von der inter 
alliierten Kommission aufgehoben worden. 
Stuttgart. Hier schweben Erwägungen über Auf- 
Hebung der Zwangswirtschaft für Fleisch.' 
Paris. Die beiden türkischen Delegierten zur Frie 
denskonferenz Djemal Pascha und Reschid Pascha sind 
gestern nachmittag hier angekommen. 
London. Das deutsche Zeppelinluftschiff 
„L. 71" ist an England ausgeliefert worden und heute 
nachniittag mit einer gemischten deutsch-englischen Be 
satzung auf dem Flugplätze von Pulham bei London 
glatt gelandelt. 
SchmAIM für FciedkiM uni Wnebttg. 
(Vachdr, unsrer o-Ortginalartlkel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Qüäke^speiftmg auch in dein Fackrin. Von der ameri- 
konischen Mission ist die Speisung unserer Kinder und 
Mütter auch während der Ferien genehmigt wordert. 
Voraussetzung ist, daß die für die Speisung in Frage 
kommenden Kinder auch täglich erscheinen. Hierzu be 
darf cs der Unterstützung der Eltern. Diese werden daher 
gebeten, dafür Sorge tragen zu wollen, daß sich ihr Kind 
bei der Speisestelle von Montag, den 5. Juli 1920 ab, 
täglich um 9»/« Uhr vormittags einfindet. Die Einstel 
lung der ganzen Speisung droht, sobald die Teilnahme 
nicht eine vollständige ist. Damen und Herren aller 
Kreise unserer Bevölkerung haben sich zur Leitung der 
Speisestellen und Beaufsichtigung der Kinder zur Ver 
fügung gestellt. -Zur Durchführung der Ferienfpeisung 
sind vom Ortsausschuß für Auslandshilse folgende Speise 
stellen errichtet worden: Speise stelle 1: 2. Gem- 
Schule, Rheingaustr. 7. Leiterin: Frau Richter,, Bismarck- 
straße 13. Erfaßt werden die Kinder der 1. und 2. Ge- 
mcindeschule. Speisestelle 2: 3. Gem.-Schule, Offen- 
bacherstr. 5a. Leiterin: Frl. Lehmann. Erfaßt werden 
die Kinder der 3. Gemeindeschule und der Hilfsschule. 
Speis e ste lle 3: Realgymnasium, Homuthstr. Leiterin: 
Frau Äeh.-Rat Fischer, Stubenrauchstr. 54. Erfaßt wer 
den die Kinder des Gymnasiums und des Realgymnasiums. 
Speisestelle 4: Königin-Luise-Schule, Goßlerstr. 14. 
Frau Wetzcll, Kaiser-Alle« '131. Erfaßt werden die Kinder 
der Königin-Luise-Schule, des Rudel- und des Lorenz- 
Lyzeums. Speisestelle 5: Kindergarten der 2. Gem.- 
Schule, Rheingaustr. 7. Leiterin: Frau Baurat Altmann, 
Stubenrauchstr. 12. Erfaßt, werden die Kinder der Kinder 
fürsorgestelle, des Kindergartens Frl. v. Breska und des 
Kindergartens Schwester Bonnke. Speise st eile 6: 
Volksküche, Goßlerstr. 13-15, Leiterin: Frau Baurat Alt- 
Altmann, Stubenraustr. 12. 
o Hundesteuermmckei«. Die Gülttgkeit der -für das 
Steuerjahr 1919 in Schöneberg ausgegebenen Hunde 
steuermarken wird bis zum 15. Juli 1920 verlängert. 
o Erhöhte Friedhofsgejbührcn in Schöneberg. Durch 
Beschluß der städtischen Körperschaften vom 20. April 
1920 uich 10. Mai 1920 und mit Genehmigung des Be 
zirksausschusses in Potsdam vom 15. Juni 1920 B. 3264 
werden die Gebühren für Beerdigungen gip. auf dem 
1. und 2. städtischen Friedhofe in Schöneberg mit dem 
Tage der Bekanntmachung erhöht. 
o Der Preis für ein Pfund inländische Frühkartoffeln 
ist vom Kreisausschuß des Kreises Teltow im Kleinhandel 
auf 50 Psg. für ein Pfund festgesetzt worden. Auch Schöne 
berg hat diesen Preis festgesetzt. 
o Die großen FericlN haben heute begonnen. Sie 
dauern bis einschließlich den 9. August. Der Unterricht 
beginnt also am 10. August. 
o Verkauf von Brennholz im Straßenhandel. Nach 
einer Verordnung des Berliner Magistrats darf Brennholz 
im Straßenhandel nur im Dreischnitt und in geeichten 
Maßbänken von der Berliner Brcnnstofs-Beschasfungs-Ge- 
sellschaft von 0,05 Raummeter Inhalt (geeicht auf 0,2 
qm.) verkauft werden. Der Verkauf in anderen Schnitten 
und in anderen Maßen, insbesondere nach Gewicht, 
Kiepen u. dergl. ist im Straßenhandel verboten. Zuwider- 
Handlungen werden mit Gefängnis bis zu 6 Monaten 
oder mit Geldstrafe bis zu 1500 M. bestraft. 
o Eine Vcrstärkujng des« Zugverkehrs nach den Nord 
seebädern ist seit gestern vorgenommen worden, Sieben 
den bisherigen Schnellzügen D 106 und D 106, die Tages 
schnellzüge nach Norddeich, verkehren nunmehr auch zwei 
Nachtschnellzüge bis einschließlich zum 14. beziehungs 
weise 16. September, aber nicht nur an Wochentagen, wie 
die beiden anderen, sondern auch an den Sonntagen. Der 
aus Berlin abfahrende Schnellzug D 102 fährt ab Lehrter 
Bahnhof um 11 Uhr 25 Minuten nachts, während sein 
Gegenzug D 109 in Berlin um 6 Uhr 12 Minuten vor 
mittags eintrifft. Beide Züge führen 1. bis 3. Klasse» 
sowie einen Schlafwagen 1. Klasse. Die beiden neuere 
Schnellzüge finden in Leer sowie auch in Nörddeich 
schnellste Schisfgelegenheiten nach allen Nordseebädern. 
o Beförderung. Zum Obersekretär beim Oberver 
waltungsgericht ist unser Mitbürger, der bisherige Se 
kretär Herr M a l ch a f s k y, Fregestr. 16, befördert worden. 
o Di« Enthüllung einer GedeEafel' für die auf 
dem Schlachtfelde gebliebenen Mitglieder unserer Feuer 
wehr findet am Sonntag, dem 11. Juli, vormithags 
11 Uhr, in der Feuerwache statt. 
o Sein 23 jähriges Dienstjubikämn bei der Stadt 
verwaltung Berlin-Schöneberg feiert heute der SteUev- 
kassenvorsteher Karl Zeidler, Freisingerstr. 5. 
o Die Notlage der deutschen Zeitungen. Der Scherl- 
Verlag sieht sich infolge der ins Maßlose gesteigerten! 
Druckpapierpreise und der gewaltigen Verteuerung von 
Löhnen usw. veranlaßt, das Erscheinen der Tageszeitung 
„Der Mend" ab 1. Juli d. Js. einzustellen. — Der ' 
Preis des unbedruckten Papiers für unsere Zeitung macht 
jetzt monatlich 2,60 W>Lus; rechnen wir hierzu noch den 
Botenlohn mit den Versicherungsbeiträgen, so kommen 
wir auf rund 3,20 M. je Monat. Wir mijssen "also 
bei einem Bezuasvreis—von 3 M. je Monat noch ein 
erhebliches Stück Ge^fur Satz, Druck usw. aus den 
Einnahmen, die uns die Anzeigen bringen, zugeben. Die! 
Bezieher bezahlen mithin bei 3 M. noch lange nicht die 
wirklichen Kosten des einzelnen Zeitungsblattes. 
o Gegen den Rqchurtttagsunlerricht an bey DolkS- 
schulen sprach sich der Elternbeirat der 3. Ge 
meinde schule in seiner letzten Sitzung aus. Auf 
Grund eines Antrages der Unabhängigen, auf Abschaffung 
des Nachmittagsunterrichts, fand über diese Frage eine 
eingehende Erörterung statt, an der auch das Lehrer 
kollegium der Anstalt teilnahm. Es zeigte sich Einmütig 
keit darüber, daß das Ziel der Bestrebpngen die Abschaf 
fung des Nachmittagsunterrichts sein »müsse. Der Nach 
mittag müsse für Leibesübungen, Spielständen, Ausflüge 
usw. frei bleiben, damit auch in der Schule neben der 
vrr $ol)it des Millionärs. 
Roman von Florence Warden. 
7 ' (Nachdruck verboten.) 
Ihrer Gewohnheit, einige Nachtstunden der Lektüre 
irgendeines Lieblingsschriftstellers zu opfern, verdankte ste 
den Schlüssel zu dem Geheimnis, mit dem der junge Frei- 
Herr sein Tun bisher für die anderen zu umgeben verstanden 
hatte. Die Schlafzimmer der Villa waren dergestalt m 
einer Flucht gelegen, daß ihre Fenster sämtlich auf die breite 
Veranda hinausgingen, die an der Südseite des Hauses 
in der Höhe des ersten Stockwerks dahinlief. Nur die von 
Magdalene bewohnten Gemächer lagen nach der anderen 
Seite hinaus, weil sie dort von dem Rauschen der Bäume 
weniger in ihrer nächtlichen Ruhe gestört wurde. 
Von den vier Schlafzimmern an der Veranda war das- 
ienige Hertas das erste. Diejenigen Mabels und des alten 
Freiherrn schlossen sich an, während der von Eberhard be 
nutzte Raum den letzten in der Reihe bildete. Die prächtigen 
alten Bäume des Gartens streckten ihre Zweige zum Teil 
bis hoch über die Veranda hinaus, so daß es für einen halb 
wegs gewandten Turner kein allzn schwieriges Kunststück 
und kein irgendwie bedenkliches Wagnis bedeutete, mit 
ihrer Hilfe bis zur Höhe des ersten Stockwerks empor- 
^utlött^l'a. • 
3n einer Nacht nun — die zweite Morgenstunde war 
bereits vorüber — war Herta bei ihrer Lektüre durch ein 
Geräusch aufgeschreckt worden, das wohl darnach angetan 
war, sie zu beunruhigen. Denn es war das Geräusch von 
Schritten auf dem Balkon vor ihrem Fenster. Sie hatte 
den Vorhang beiseite geschoben, um hinauszuspahen. Ave» 
sie hatte nichts mehr wahrnehmen können. Wohl aber 
war ein Klang an ihr Ohr gedrungen, wie wenn behutsam 
ein anderes Fenster in der Reihe geschlossen würde. Und 
es war sicherlich weder in Mabels noch in Johannes 
Romingers Schlafzimmer gewesen, wo das geschah. 
Sie schlug nicht Lärm, wie es vielleicht jedes andere 
weibliche Wesen an ihrer Stelle getan haben wurde, 
sondern sie begnügte sich, noch minutenlang mit ange 
spannter Aufmerksamkeit in die Nacht hinauszulaustheu. 
Und Hann, da alles totenstill blieb, suchte sie ihr Lager 
auf, von einer bangen Sorge erfüllt, die ihr schwerer aus 
der Seele lag als die Angst vor einem nächtlichen Ein 
brecher und Dieb. 
Niemandem hatte sie etwas von ihrer Wahrnehmung 
mitgeteilt, aber sie hatte Gelegenheit gefunden, sich in der 
Frühe des nächsten Tages unauffällig davon zu überzeugen, 
daß das nächtliche Erlebnis nicht etwa nur eine Vor 
spiegelung ihrer durch die Lektüre erregten Phantasie ge 
wesen war. Niedergetretenes Gebüsch und ein paar kleine 
geknickte Baumzweige hatten ihr den untrüglichen Beweis 
geliefert, daß jemand vom Garten aus zu dem Balkon 
emporgeklettert fein mußte. Und es gab für sie nicht den 
geringsten Zweifel, wer dieser Jemand gewesen war. 
In der folgenden Nacht hatte sie dem Buche in ihren 
Händen nicht die geringste Aufmerksamkeit gewidmet, 
sondern sie hatte mit äußerster Anspannung aller Sinne 
auf jeden Laut von draußen gehorcht. Ihre Geduld war 
auf eine harte Probe gestellt worden, denn die große 
Standuhr im Vestibül der Villa hatte bereits die dritte 
Stunde verkündet, ohne daß etwas anderes vernehmlich 
G eworden wäre, als das leise Rauschen des vom Meere 
erüberwehenden Windes in den Baumwipfeln. 
Dann, aber hatte ihre Erwartung sich dennoch erfüllt. 
Wieder hätte sie die behutsam schleichenden Schritte auf 
den leise knarrenden Brettern der hölzernen Veranda ge- 
hört, und wieder war ein Fenster geschlossen worden, das 
nur das letzte in der Reihe gewesen sein konnte. 
Nacht für Nacht hatte sich seitdem dieser Vorgang 
wiederholt. Und es war darum wohl begreiflich, daß die 
junge Gesellschafterin es nicht über sich gewonnen hatte, in 
Magdalenens Befriedigung über den bewunderungs 
würdigen Gehorsam ihres Bruders einzustimmen, und 
daß sie wie unter dem Druck einer schweren Sorge um- 
herging. 
Es war ein harter Kampf, den sie in diesen bangen 
Tagen mit sich selbst zu bestehen hatte. Alles in ihr wollte 
si- dazu drängen, Eberhard zu warnen und ihm den frevel 
haften Leichtsinn seines Beginnens zum' Bewußtsein zu 
bringen. Aber eine sehr begreifliche Scheu verschloß ihr 
doch i.amer wieder, wenn sich sine Möglichkeit zur Aus 
führung ihres Vorhabens geNoteu hätte, die Lippen. Wie 
durfte sie sich denn auch Malnehmen. unberufen den 
Mentor des juna'n Frciherrn'Mflfl^ü'n I Mu^te sie nicht 
darauf gefaßt sein, daß er mit unwilligem Erstaunen ihre 
Einmischung in seine Privatangelegenheiten zurückwies, 
und daß er sie vielleicht sogar fortan im Verdacht der 
häßlichsten Spionage haben würde? t 
Noch weniger aber konnte sie daran denken, die An 
geberin zu machen, wäre es auch nur Magdalene gegen 
über gewesen. Auch wenn sie es in der besten Absicht 
getan hätte, es wäre nach ihrem eigenen Empfinden doch 
immer eine verwerfliche Handlungsweise geblieben, um so 
verwerflicher, als sie die Personen ihrer Umgebung in 
zwischen genugsam kennen gelernt hatte, um vorauszu 
sehen, daß sie ihre kranke junge Herrin damit ganz umsonst 
in Angst und Aufregung versetzen würde. Denn wenn 
Eberhard bis jetzt taub geblieben war gegen die Bitten 
und Vorstellungen seiner Schwester, so würden ihre Be 
schwörungen wahrscheinlich auch in Zukunft keinen besseren 
Erfolg haben. Und sie würde durch ihre Mitteilungen 
vermutlich nichts anderes erreichen als eine Trübung des 
bis jetzt so harmonischen und zärtlichen Verhältnisses^ 
zwischen Bruder und Schwester. ' 
Alle diese Erwägungen verurteilten sie zu einem 
Schweigen, das ihr doch wiederum auch als ein schweres 
Unrecht erschien. Und so harrte sie in einer Stimmung, disi 
mehr und mehr den Charakter wirklicher Verzweiflung an^ 
nahm, der Katastrophe entgegen, die nach ihrer lieber^ 
zeugung unausweichlich kommen mußte. 
Und sie kam in der Tat! J 
Es war in der fünften Nacht nach ihrer ersten ver» 
dächtigen Wahrnehmung. Wieder saß sie lauschend am' 
Fenster ihres Schlafzimmers, und wieder hielt sie das 
Buch, dessen Inhalt ihre Gedanken nicht von dem Gegen 
stand ihrer Sorge abzulenken vermochte, nur zum Schein 
auf dem Schoße. Es war zwischen zwei und drei Uhr 
morgens, als sie ein leichtes Geräusch unten im Garten 
vernahm, unmittelbar gefolgt von einem Rauschen und 
Knacken der Zweige. Mit stockendem Herzschlag horchte 
sie hinaus. Und dann — sie fühlte sich von eisigem Schrecken 
durchrieselt — dann gab cs einen lauten Kr.ich und einen 
dumpfe», unheimliche i Ton wie von dein AiU-.'l,lagen eines 
/schweren Körpcr» auf den Boden. 
(Fortsetzung folgt.)
        
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